Dreißigtausend

Neuruppin, Geesthacht, Weil am Rhein, Friedberg, Emmerich, Güstrow – alles Gemeinden in Deutschland mit etwa 30.000 Einwohnern. Ganz schön viele Leute. Bäcker, Medienkaufleute, Wasserwerker, Apotheker. Ins Fußballstadion von Leverkusen würden sie gerade so reinpassen, wenn sie ihre Babys auf den Schoß nehmen.
30.000 Spuren gibt es in dem Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach. 30.000 Spuren von Männern, die Kinderpornografie konsumieren und im Netz teilen, die sich in Foren über Praktiken austauschen, sich gegenseitig bestärken, die Kinder in aufgeräumten Hobbykellern missbrauchen und foltern, in schön eingerichteten Schlafzimmern vergewaltigen und schänden, die technisch versiert sind und über Equipment für Filmschnitt und Datenspeicherung verfügen, die Kinder unter Druck setzen, in einer ordentlichen Gartenlaube ihrer Freiheit berauben und ihre körperliche Selbstbestimmung missachten. Es ist eine grauenvolle Zahl. Sie ist furchtbar und bedrückend, aber eines ist sie nicht: überraschend.

Es gibt in Deutschland keine offizielle Dunkelziffererhebung, aber die statistisch relativ sichere Größe von einem bis zwei Missbrauchsopfern pro Schulklasse. In der Konfirmandinnengruppe auf dem Foto ist also im Schnitt eine Jugendliche, deren Vater, Stiefvater, Onkel, Nachbar, Freund der Familie oder Trainer ihr unter den hübschen blauen Rock gegriffen hat. Zwei Drittel der Täter gehören der Familie oder dem nahen Umfeld an. Missbrauch geschah und geschieht unter den Augen des schlafenden Staates, inmitten einer Gesellschaft, die sich mit so grässlichen Dingen wie Missbrauch nicht beschäftigen will, unter den Augen von wissenden Familien, die den sozialen Zusammenbruch mehr fürchten als jahrelang fortgesetzte Vergewaltigung.

Den Leitartikel Es ist an der Zeit zum Thema Kindesmissbrauch und Strafverfolgung schrieb gestern in der FAZ Reinhard Müller. Er kritisiert die Forderung der Grünen nach Stärkung der Jugendämter und Ermittlungsbehörden als reine Ersatzhandlung. Kern des Problems sei es hingegen, dass Ermittler nicht an relevante Daten kämen. Seiner Einschätzung nach sollte die Vorratsdatenspeicherung neu diskutiert werden. „Alle Instrumente nutzen  – das klingt gut. Ist aber offenbar nicht so gemeint. Hier wirkt wohl eine lange gewachsene Abstumpfung gegenüber Gewalt an Kindern in vermeintlich fortschrittlichen Milieus nach, die nur nicht Gewalt genannt und erst recht nicht verfolgt wurde.“

Das muss man erst mal schreiben. Ich nehme an, der Autor bezieht sich mit seinem starken Tobak auf die Debatte um Legalisierung vermeintlich einvernehmlicher pädophiler Beziehungen im Grünen Parteiprogramm der achtziger Jahre. Es ist aber egal, an welche moralische Verfehlung oder Straftat er denkt. Wie selbstgewiss und blind zugleich muss jemand sein, um mit dem Finger auf ein Milieu zu deuten, welches ihm billig genug scheint, um mit dem Besteck politischer Instrumentalisierung zu klappern. Solche Leitartikel sind Teil des Problems. Sie sind Teil des Problems, weil unerhörte Gewalt – oder deren Tolerierung – reflexhaft einer anderen Gruppe, immer dem anderen Milieu, dem fremden oder schwachen oder kranken Rand zugewiesen wird. Gewalt gegenüber Kindern geschieht doch nicht in der CDU oder der SPD oder im Gesangsverein und wird – solange niemand darüber berichtet – nicht jahrzehntelang in der katholischen Kirche ausgeübt und gedeckt, auch nicht in der Odenwaldschule und nicht in der Canisius-Schule, solange keine Journalisten herumschnüffeln. Es passiert nicht bei meinen netten Nachbarn und nicht in meiner intakten Familie – nur bei den anderen. Die anderen sind abgestumpft, vermeintlich fortschrittlich oder sozial schwach. Unsereins hat von sowas noch nie was gewusst. Da muss der Staat dringend was machen.

Das häufigste Bedürfnis für sexuellen Missbrauch ist die Ausübung von Macht. Täter leben ihre Gewaltphantasien an Kindern aus. Nur ein kleiner Kreis der Täter gehört zur Gruppe der Pädophilen (aus den FAQs von Dunkelziffer e.V.). Es geht um die Lust an der Ausübung von Macht, um Machtmissbrauch – und zwar in allen Milieus. Zum sexuellen Missbrauch in der Familie gehören in der Regel drei: der Täter, das Opfer und das schützende Umfeld. Das Umfeld schützt dabei nicht das Kind, sondern die Tat. Jeder von uns identifiziert sich lieber mit dem Mächtigen als mit dem Opfer, wir bringen uns auf die sichere Seite. Angst vor Gewalt lähmt. Angst vor dem sozialen Aus ist real, wenn ich kein eigenes Einkommen und keine soziale Unterstützung habe. Scham und Furcht sind übermächtig. Der Hamburger Anwalt für Familienrecht Rudolf von Bracken zum Kindesmissbrauch: „Täter sind organisiert, sozial blendend eingestellt, können sich darstellen, wirken vernünftig, rational, sind beruflich häufig erfolgreich.“ Wem wird auf einer Polizeidienststelle oder im Jugendamt oder in der Schule eher geglaubt: dem alerten, sprachgewandten Vater oder einer aufgelösten, schwachen, gar weinenden Person?

Unter den möglichen politischen Instrumenten kann ich keine einzige Ersatzhandlung sehen: Wir können und müssen vielleicht über Vorratsdatenspeicherung sprechen, aber es ist doch längst zu spät, wenn die Bilder im Netz sind. Es ist eine politische Entscheidung, wie Jugendämter ausgestattet sind, welche Kompetenzen und Möglichkeiten sie haben. Auch darüber müssen wir neu verhandeln, denn jede Institution, auch das Jugendamt, bildet Gesellschaft ab und handelt in deren Auftrag. Ebenso gehören die Ermittlungsbehörden gestärkt und in jeder Hinsicht gut ausgestattet. Bisher ist Kindesmissbrauch in Deutschland kein Verbrechen wie Raub oder Meineid, sondern nur ein Vergehen so wie Diebstahl oder Körperverletzung. Das Strafrecht muss angesichts der Ermittlungsergebnisse revidiert werden und wird es wohl auch. Öffentlichkeit und Berichterstattung holen Betroffene aus der Isolation und Scham. Wir können Kinder in ihrem Selbstbewusstsein stärken, Präventionsprogramme an Schulen auflegen und ErzieherInnen sensibilisieren.

All das zusammen genommen bleibt aber eine einzige große Ersatzhandlung, wenn wir nicht anerkennen, dass Macht uns korrumpiert und sozialer Status blendet. Wirklich schützen können wir Kinder nur, wenn wir selbst keine Angst haben und sprechen.

Mein Fenster zur Welt. Tag 100, letzter Tag.

Es gibt nur noch ab und an, ganz vereinzelt, Klatscher auf den Balkonen. Sie hören sich selbst applaudieren in der warmen Juninacht. Heikel, der Übergang vom Gemeinschaftsglück zum peinlichen Moment. Die Infektionszahlen sind unten. Alles normal. Ist überhaupt noch Pandemie? War irgendetwas?
Wir haben weiter still in einer verlangsamten Parallelwelt gelebt, während Fitnesscenter längst geöffnet sind, VW wieder produziert, die Lufthansa fliegt, während Schweinebetriebe schlachten und Spielhallen Geld verdienen. Erst heute endet nämlich ein Schulhalbjahr, in dem das kleine Kind innerhalb von vier Monaten genau fünf Schulstunden Präsenzunterricht hatte, nicht zum Rudern ging und nicht in die Jugendgruppe. Heute endet diese Zeit und sechs Sommerwochen ohne Schule, ohne Sport, ohne Jugendgruppe liegen vor uns. Ein Kinderspiel, 42 Tage. Ein Witz gewissermaßen.

100 Tage lang drei Mahlzeiten täglich, ich habe gearbeitet und – wie die allermeisten Mütter – Homeschooling unterstützt, begleitet und verflucht, motiviert und korrigiert, die Stimmung hochgehalten und die Kinder bei Laune. Das ist mir nicht alles gleichermaßen gut gelungen. Aber wie schwierig ist es erst, mitten in der Pubertät monatelang auf seine Mutter als einziges soziales Gegenüber angewiesen zu sein und trotzdem munter jeden Tag vor dem Bildschirm zu sitzen und irgendwie mit Spaß Hausaufgaben von einer Plattform herunter- und bearbeitete Dateien hochzuladen?

Wie cool sind diese Kinder, dass sie sich ganz ohne Zwang für schwierige Themen interessieren, Sachen rausfinden, Aufsätze schreiben, alleine rechnen und Youtube-Mathevideos eben zweimal anschauen, wenn sie es beim ersten Mal nicht verstanden haben? Wie stark, dass sie Vokabeln auf dem Rhythmus von Rap-Songs lernen und über Houseparty zusammen französische Dialoge schreiben. Wie lässig sie Musik machen, soziale Medien bedienen und Tänze erfinden. Das Kind hat einen wirklich guten Job im Homeschooling gemacht – den Spaß am Lernen ohne die Schule erst richtig entdeckt – und die Einsamkeit wie eine Ehrenfrau weggesteckt, weil Virus.

Heute durfte sie sich die Hände waschen und ein Zeugnis für erbrachte Leistungen entgegen nehmen. Die gleiche Mathematiklehrerin, die offenkundig monatelang die eingereichten Aufgaben nicht angeschaut hat, die in diesem Halbjahr nicht einen Satz mit ihrer Schülerin gewechselt, keinen Test korrigiert hat und vor Überlastung nicht einmal das Telefon bedienen konnte, gibt meinem Kind ansatzlos eine Vier minus. Eine Vier allein hat nicht gereicht. Es musste schon noch ein Minus dahinter. Vielleicht hat sie Gründe. Auf die bin ich sehr gespannt. Doch am Ende geht es nicht um diese eine Person. Auch gehört Lehrer-Bashing nicht zu meinem Hobbys.

Was mich betrifft, so ist diese Corona-Krise noch lange nicht beendet. Was mich betrifft, ist es Zeit, diesen Ausnahmezustand auf einen echten Wendepunkt zuzutreiben. In was für einem System bewegen wir uns? Zugegeben, es gibt  Schlimmeres als eine schlechte Note, ich lese die Zeitung. Aber es gibt wenig Ätzenderes als Abwertung ohne Not und ein hierarchisches Verhältnis ohne Beziehung. Das Bildungssystem, das mein Kind, die Mathematiklehrerin und auch mich gleichermaßen umschließt und bestimmt, erwartet vom Kind eine hohe Anpassungsleistung, Selbstdisziplin, frohen Mut und eine Selbstbeschränkung, die viele Erwachsene über eine so lange Strecke nicht zu leisten vermocht haben. Bei mir als Freiberuflerin wird tüchtige Selbstlosigkeit, pädagogisches Geschick und allgemein staatsbürgerliche Loyalität vorausgesetzt. Von der verbeamteten Lehrerin verlangt der politische Rahmen einer Pandemie, dass sie ihr Arbeitsblatt fotografiert, es als PDF hochlädt und Digitalisierung dazu sagt. Schule als Konstrukt hat sich in dieser Corona-Ausnahmesituation in ihrem Selbstverständnis keinen Deut verändert, auch wenn allerorten digitale Kompetenz bejubelt wird. Das System und seine Protagonisten ist zu starr oder zu selbstsicher, um sich an neue Verhältnisse anzupassen. Bewertung hat am Ende mit beiderseitiger Anerkennung zu tun. Es ist an der Zeit, dass sich Schule neu erfindet, denn die Kinder haben Lunte gerochen: Lernen ohne Schule macht Freude. Denken ohne Lehrplan bewegt.

Der Verfassungsrechtler Oliver Lepsius hat in der FAZ darauf hingewiesen, dass das politische Leitmotiv Systemrelevanz ein verfassungswidriges Kriterium ist, »denn die Grundrechte lassen keine Hierarchisierung der Freiheitsbereiche zu«. Das klingt komplizierter, als es ist. In der Krise setzte sich – durchaus mit plausiblen Gründen – eine virologische Handlungslogik durch: Krankenhaus, Intensivstation. Auslastung. Andere Freiheitsbereiche sind dabei über Bord gegangen. Vergnügen und Hobby zum Beispiel, die im Grundgesetz zur freien Entfaltung der Persönlichkeit zählen, haben keine grundrechtliche Lobby. Kontaktsperren und Schulschließungen aber soziale Konsequenzen. Es ist in der Pandemie irrelevant, ob mein Kind rudert. Es ist irrelevant, ob Jugendliche mit der sozialen Beschränkung zu kämpfen haben. Die Sache ist nur die: Wer sich in seinen Bedürfnissen als strukturell irrelevant wahrgenommen sieht, wird scheinbar kleiner, doch im Kern freier. Noch lässt die Vier minus die Tränen fließen und ein perfektes Kind für einen Sommertag vor Scham unter die Decke kriechen. Im September sieht die Sache vielleicht schon anders aus. Womöglich ist es für das Kind dann irrelevant, welche Note das System für es übrig hat.

Vielleicht gebe ich euch auch mein Kind dann nicht mehr. Studier ich eben Pädagogik und krieg eine Eins. Staunst du.

Mein Fenster zur Welt. Tag 18

Kreativität liege nicht nicht auf dem Marktplatz, stand am Samstag in der Zeitung. Fehlende Zerstreuung habe also auch etwas Gutes. Oha, denke ich und blicke aus meinem Fenster zur Welt. Es braucht eine Corona-Krise, damit ein Leitartikler auf die Idee kommt, Konzentration und einsame Beharrlichkeit seien Voraussetzungen für kreatives Tun.
Mit den warmen Apriltagen beginnt das dreizehnte Frühjahr, das ich durch dieses Fenster sich entfalten sehen kann. Zum ersten Mal in all den Jahren sehe ich Eltern mit ihren Kindern auf dem Bürgersteig abhängen. Mit Kreide malen, Laufrad üben. Auf Treppenstufen sitzen. Gummibärchen futtern. Erst seit die Spielplätze als umzäuntes Freizeitvergnügen gesperrt sind und die Cafés geschlossen, wo Aufenthalt an Konsum gekoppelt ist, wird der städtische Raum als ein Ort wiederentdeckt, an dem man leben kann – nicht nur eilig nutzen, sondern eben auch einfach sein. Statt des Autolärms auf der Fahrbahn herrscht Lebhaftigkeit auf dem Trottoir. Gilt das schon als gute Nachricht unter den vielen schlechten?

Der dreizehnte Frühling in dieser Wohnung und der zwölfte, seit ich alleinerziehend bin. Rückblickend könnte man sagen, dass jede Woche, jeder Monat, all die Jahre mit kleinen Kindern zuhause im Grunde eine ausgezeichnete Vorbereitung auf eine Pandemie waren. Und obendrein: häusliche Konzentration – check. Einsame Beharrlichkeit – check. Beides mag jene Kreativität fördern, die gerade von vielen neu entdeckt und gefeiert wird. Ich kann allerdings aus langjähriger Kontaktsperre heraus berichten, dass dies nur die halbe Wahrheit ist. Die andere heißt Mammon. Es braucht Penunze, um ein Eis zu essen, Knete zum Besänftigen der Albträume, Piepen für die Krankenversicherung, Kies für Strom, Bimbes für die Musikschule. Wer Angst hat, ist nicht kreativ. Dies nur als freundliche Ergänzung zu dem schönen Leitartikel, weil ich gerade dafür Zeit habe und natürlich für »Mein Fenster zur Welt«, den Text, den die FAZ bestimmt noch vor Ostern anfragen wird:

Die Platane vor meinem Fenster beginnt auszutreiben. Selbst wenige Tage bevor das junge Grün hervorbricht, gelingt es mir nicht recht – wie in jedem Jahr übrigens – mir vorzustellen, wie die Bäume belaubt aussehen werden. Kaum sind die Kronen aber dicht und frischgrün, kann ich mich nicht daran erinnern, wie die nackigen schwarzen Astgerippe aussahen. Eine merkwürdige kleine Amnesie, die aber niemandem schadet.
Nun knospen im April vor allen Häusern die Bäume. Der Virus macht keine Unterschiede. Die kollektive Vereinzelung erzeugt ein für viele Menschen stärkendes Wir-Gefühl. Tröstender Konsens, pandemischer Gleichklang. Aber dieses wohlige Gleichheitsgetue – together we care und so weiter, was sich dieser Tage ausbreitet, erscheint mir als befremdliche Amnesie. Dabei ist es so offensichtlich, dass man es kaum noch hinschreiben mag: Die Krise verstärkt Ungleichheit. Die Bundesregierung hat beachtliche Soforthilfen auf den Weg gebracht, keine Frage. Obendrein war die Welt schon ungerecht und die soziale Schere sperrangelweit geöffnet, bevor die Pandemie ausbrach. Doch diese Verschärfung der Unterschiede entspringt keinem quasi schicksalhaften Marktgeschehen. Das sind Entscheidungen und sie sind schwer auszuhalten.
Ich schaue auf den zart knospenden Baum, dessen Zweige sich im morgendlichen Frühlingswind wiegen. Im Nebenzimmer videotelefoniert das große Kind mit seiner Lerngruppe über dreihebige Jamben. Es schreibt in zwei Wochen Abitur. Es verfügt über einen Laptop, ein Smartphone und einen Drucker, es wird von seinen Lehrern unterstützt, bekommt Feedback und zur Not bringt ein Fahrradkurier das fehlende Buch. Was machen jetzt eigentlich Kinder mit zwei oder drei Geschwistern in einem Zimmer, ohne Computer, ohne elterlichen Support und in einer Familie, wo das Geld nicht mal fürs Essen langt? Wo das Beste, was Sozialarbeiter gerade tun können, darin besteht, beim Whatsappen mit ihren Schützlingen den Bildhintergrund auf Anzeichen von Verwahrlosung und Gewalt hin zu betrachten. Ich denke an den Automobilkonzern BMW, der angekündigt hat, 2020 eine Dividende von 1,64 Milliarden an seine Aktionäre auszuschütten. Gleichzeitig hat das Unternehmen Kurzarbeitergeld beantragt, was eine Staatshilfe ist, die aus Steuergeldern finanziert wird. Ich denke daran, dass zehntausende polnische Erntehelfer auf deutsche Spargelfelder eingeflogen werden. In der gleichen Gegenwart gibt Innenminister Seehofer bekannt, dass Deutschland „nach zähem Ringen sehr zeitnah 50 unbegleitete erkrankte Kinder aus griechischen Flüchtlingslagern aufnimmt“. Fünfzig.
Formen der Lyrik ist ein Thema beim Deutschabitur. Jeden Morgen bekommt das Kind ein Day’s poem of today neben den Frühstücksteller gelegt, heute von Saigyō.

Daß sie an die Welt,
die so unbeständig ist,
nicht gefesselt sei’n,
bläst der gütige Frühlingswind
alle Kirschblüten fort.

Hannah Ryggen. Ikonographie des Lebens

Nach den Touristenmengen, die in einer endlosen, schnatternden Polonaise durch die neue Frankfurter Altstadt ziehen, wirkt die Stimmung in den Ausstellungsräumen der Schirn noch einmal zurückgenommener und konzentrierter, als die monumentalen Tapisserien ohnehin anmuten.

Ehe ich auch nur einen Wandteppich aus der Nähe anschauen kann, läuft mein Gehirn auf Autopilot. Die Warnlampen Dekoration und Kunsthandwerk blinken. Ich spüre nahezu körperlich, dass meine Wahrnehmung, wenn man sie nur einen Moment unbeobachtet lässt, alle Register zieht und durchläuft. Man könnte auch sagen: Ich bin schrecklich konventionell. Abstrakt, seriell, konzeptuell, Pop-art, kubistisch, expressionistisch – das ist kanonische Moderne, und die Ausschlusskriterien sind klar. Gewebte Tiere und buntige Figürchen gehören dazu.
Sicher, Rosemarie Trockel, Louise Bourgeois oder Cosima von Bonin haben Terrain gewonnen, Stricken und Nähen eingesetzt sowie Wolle und Stoff dem Raum der Kunst hinzugefügt. Das Bauhaus-Jubiläum bringt Textilkünstlerinnen wie Gunta Stölzl und Lilly Reich endlich ins Bewusstsein. Und die Ausstellung Gegen die Unsichtbarkeit. Designerinnen der Deutschen Werkstätten Hellerau 1896 bis 1938 im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg hat dieses Jahr erst Arbeiten von Frauen gezeigt, die die Trennlinie zwischen Design, Kunst und Gestaltung zerlöcherten und den Begriff der Moderne erweiterten. Auch die Bilder der Ausstellung Feministische Avantgarde hallen im Bildgedächtnis nach.
Trotzdem gibt es in mir immer noch Reflexe, die wahrscheinlich in direkter Linie von Oskar Schlemmers »Wo Wolle ist, ist auch ein Weib, das webt, und sei es nur zum Zeitvertreib« abstammen. Meine Ignoranz ist sogar mir selbst unangenehm.

Nun stehe ich aber zwischen diesen Wandteppichen und da ich auf keinen Fall wieder zurück in den Tumult ums Authentische da draußen will, beginne ich zu schauen. Es ist ohnehin zu spät: Keine gedankliche Barriere schützt vor der Bildkraft dieser Werke. Eigenwillige Figuren, abgeschnittene Hände und plane Gesichter rücken mir unmittelbar nahe, die erzählerische Intensität der Szenerien gibt ihnen physische Präsenz.

Eine außergewöhnliche Frau war Hannah Ryggen. 1894 in einer Arbeiterfamilie geboren, wird sie Lehrerin und entdeckt mit Anfang Zwanzig die Kunst für sich, nimmt Malunterricht, reist 1922 nach Dresden, um dort die Alten Meister wie auch die zeitgenössische Kunst zu studieren. Sie nimmt begierig die Formen der Malerei in sich auf, lässt sich aber keineswegs einschüchtern – weder von Meisterwerken noch von jungen erfolgreichen Künstlern. Als sie einige Monate später nach Norwegen zurückkehrt, hat sie nicht nur den Mann kennengelernt, den sie heiraten wird, sondern sie weiß auch, dass sie etwas mit den Händen erschaffen will, dass ihre Leinwand der Webstuhl sein wird. Zweifeln, verzweifeln wird sie in den nächsten Jahrzehnten, lernen, schuften und scheitern, doch sie weiß offenbar unverrückbar, dass sie eine Künstlerin ist, eine Sozialistin zudem, die Lust an der Provokation verspürt, und eine selbstbewusste Frau, die Vertrauen in ihr Tun legt, gesellschaftliche Tabus nicht scheut und Widersprüche aushält. Zehn Jahre lang verbessert die Künstlerin ihre Technik, erlernt pflanzliche Färbemethoden und taucht durch die Kunstgeschichte der Tapisserie und Freskomalerei hindurch, bis sie ihre eigene Sprache findet.

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Hannah Ryggen am Webstuhl, um 1964, Adresseavisen, Trondheim

Mit ihrem Mann Hans und der gemeinsamen Tochter lebte sie isoliert und oft in finanzieller Not auf einem kleinen Selbstversorgerhof an der Westküste Norwegens und schuf dort ihre monumentalen Wandteppiche. Ihre biografischen Entscheidungen sind für das Verständnis ihrer Arbeit gleich mehrfach von Bedeutung:

Hannah Ryggen vergaß nie ihre Herkunft aus der Arbeiterschicht. Dekorative Kunst in der Malerei und rein oberflächliche Muster der volkstümlichen Webkunst interessieren sie nicht. In vielen Arbeiten der 30er und 40er Jahre befasst sie sich mit aktuellen poli­ti­schen Ereignissen und bekräftigt in der Wahl ihrer Themen und Motive ihre sozia­lis­ti­sche Über­zeu­gun­g. Mit dem traditionellen Medium des Wandteppichs richtete sie sich an die Öffentlichkeit: Sie wollte in Diskussionen eingreifen und möglichst viele Menschen sollten die Bilder sehen können. Mit ihren monumentalen Bildmanifesten, die an öffentlichen Orten hängen sollten, reklamierte Hannah Ryggen obendrein die große Bühne für sich, die weibliche Künstlerinnen bis dahin nicht in Anspruch genommen hatten. Sie hat Zeit ihres Leben nicht an private Sammler verkauft. Die Armut der Familie war bitter, meistens lebte sie von Selbstversorgung und vom Verkauf der Bilder Hans Ryggens, der seine Frau in ihrer kompromisslosen Haltung unterstützte.

Lebensumstände, politische Gegenwart und Selbstverständnis sind mit Hannah Ryggens künstlerischer Arbeit untrennbar verbunden. Das alltägliche Leben, das Verhältnis von Mensch zu Natur, Leben in der Gesell­schaft, Liebe und Schmerz, Menschsein, Sterben, Krie­g, Macht­miss­brauch, Fami­lie, Mitmen­schen, politische Anliegen und tagesaktuelle Fragen waren für sie gleichberechtigte Themen, die sie in ihren Collagen und Bühnenbildern erzählend verwob. Ebenso gleichberechtigt verwendet sie Repertoire und Formensprache der zeitgenössischen Kunst neben mythologischen Motiven, verknüpft religiöse Darstellungstraditionen und alltägliche Szenen, verbindet individuelle Symbole mit kollektiver Bildersprache und expressiven Formen.

Und es scheint, als wäre sich Hannah Ryggen ihrer gesellschaftlichen Stellung als Frau immer außerordentlich bewusst gewesen. Sie streitet für einen gleichberechtigten Zugang zum Kunstmarkt und reflektiert Frausein und Mutterschaft, Beziehung und Liebe wie selbstverständlich in ihren Bildern. Dabei war das Thema der Mutter-Kind-Bindung in der Kunstgeschichte 1947, als sie Mutterherz webte, keineswegs selbstverständlich, es war schlichtweg nicht vorhanden. Trauer, intensivste Liebesgefühle, ein zerbrochenes Herz, eine leere Gebärmutter, das Bild erzählt ein berührendes Drama in allen erdenklichen Rottönen. 1937 entstand das Triptychon Unverheiratete Mutter, nahezu mittelalterlich in der bildnerischen Anlage. Das Motiv der alleinstehenden Mutter ist in der Malerei in der Regel mit Armut, Erschöpfung und moralischer Verworfenheit verbunden. Ryggens farbsatte, strahlende Darstellung der intimen Zweisamkeit von Mutter und Kind erzählt von Fröhlichkeit und Selbstbewusstsein. Mehrere Motive überlagern sich in dem Wandteppich Liselotte Herrmann enthauptet von 1938. Die deutsche Kommunistin Liselotte Herrmann, Mutter eines kleines Jungen, wurde 1935 von der Gestapo verhaftet, gefoltert, wegen Spionage zum Tode verurteilt und trotz internationaler Proteste 1938 in Plötzensee hingerichtet. Ryggen verwendet ein Zeitungsfoto als Bildvorlage – ein Foto aus dem kollektiven Gedächtnis – und bearbeitet das Motiv in der Bildwelt einer klassischen Heiligenlegende. Mit ihrem Kind auf dem Schoß gehört Liselotte Herrmann mitten hinein ins Leben, ein roter abgehackter Fuß steht für den Leidensweg, in der Todeszelle liegt nur die Babydecke über ihrer Schulter. Marie Luise Knott schreibt in ihrem Essay »Im Flammenhemd des Lebens«, Hannah Ryggens Arbeiten durchdringen ihre Zeit und transzendieren diese anstatt sich (…) zu ihren Dienern zu machen (Ausstellungskatalog, S. 65). An kaum einem anderen Bild ist diese Bewegung so unmittelbar nachvollziehbar. Das Bild bewegt sich nicht an der Oberfläche der Aktualität, so zeitnah es auch das Ereignis aufnimmt. Es erinnert fürderhin an die mutige junge Frau, zeigt das grauenvolle Unrecht, empfindet die Tragödie eines unvollendeten Frauenlebens nach und macht sie mit den Mitteln der künstlerischen Bearbeitung erst sichtbar. Eine erschütternde Darstellung faschistischer Grausamkeit.

Das Motiv des abgeschlagenen Kopfes taucht in einem anderen Bild wieder auf: Ethiopia von 1935, entstanden kurz nach Mussolinis Invasion in Äthiopien. Haile Selassie hatte den Völkerbund vergebens um Beistand gebeten, das faschistische Italien annektierte das Kaiserreich. In einer Bildreihe sind eine afrikanische Frau, ein europäischer Minister, Hände in verschiedenen Hautfarben, der Kaiser Selassie und schließlich der abgeschlagene Kopf Mussolinis, aufgespießt auf den Speer eines äthiopischen Kämpfers, zu sehen. Die unteren zwei Drittel bestehen aus geometrischen Flächen und Mustern – ein montiertes, sandiges, erdfarbenes, klares Fresko. Ein fast vier Meter langes Protestmanifest ist dieser Teppich und nicht zimperlich in der Motivwahl. Auf der Weltausstellung in Paris 1937 hing der Teppich im norwegischen Pavillon, allerdings zensiert: Mussolinis abgeschlagener Kopf musste nach hinten gerollt werden. Nebenan, im französischen Pavillon, sorgte Picassos Guernica ebenfalls für Furore.

Ein Jahr später, 1936, entstand Tod der Träume, ein Werk, das sowohl die symbolische Fragmentierung der Körper wie auch den bühnenhaften Bildaufbau wiederholt. Die Gestalt des inhaftierten Carl von Ossietzky in Handschellen ist dargestellt. Im Würgegriff des rotgesichtigen Goebbels leidet ein anderer Gefangener. Von größter Kraft ist in diesem Bild aber Ryggens Umgang mit dem Ornamentalen. Auf der braunen Grundfläche zeichnen sich grafische, scheinbar neutrale Muster ab, die erst auf den zweiten Blick ihre Wahrheit hinter dem seriellen Ornament zeigen: Hakenkreuze.

Hannah Ryggen, Drømmedød (Tod der Träume), 1936, Bildteppich aus Wolle und Leinen, 235 x 273 cm, Nordenfjeldske. Kunstindustrimuseum (Nationales Museum für Kunsthandwerk und Design), Trondheim© H. Ryggen, VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Anders Sundet Solberg

Leidenschaftliche und ausdrucksstarke Bilder ihrer Zeit sind in Frankfurt zu sehen, Kunst, die die Gegenwart bitter nötig hat.

Schirn Kunsthalle Frankfurt, 26.9.2019 bis 12.1.2020

Noch nicht lang her: Mai 1997

Zur Erinnerung: Im Mai 1997 gab es Deutschland Farbkopierer, die Klimakonferenz beschloss das Kyoto-Protokoll, die Telekom war an der Börse, Cathérie David Chefin der Dokumenta und die EU-Konvention zur Biomedizin wurde verabschiedet.

Der Körper der deutschen Ehefrau jedoch hatte ihrem Mann uneingeschränkt zur Verfügung zu stehen.  In Deutschland galten bis vor 15 Jahren Ehefrauen als „nicht vergewaltigbar“. Eheliche Vergewaltigung und eheliche sexuelle Nötigung waren nicht nach den Strafgesetzbuch-Paragraphen 177 und 178 strafbar, sondern Privatsache. Die sexuelle Selbstbestimmung der Frau galt dem Gesetzgeber weniger als die Unantastbarkeit der Familie.

Bundestag und der Bundesrat brauchten 25 Jahre, die Vergewaltigung innerhalb und außerhalb der Ehe strafrechtlich gleichzustellen.
Im Jahr 1972 brachten die Sozialdemokraten erstmals einen Reformvorschlag ein und scheiterten an den Eheschützern. Ende der achtziger Jahre versuchten es die Grünen-Frauen erneut und kapitulierten vor der Lebensschützerlobby, die befürchtete, daß Frauen ihre Ehemänner einer Vergewaltigung bezichtigen könnten, um mit Hilfe der kriminologischen Indikation ganz legal abtreiben zu können.
Im Sommer 1994 begann eine neue Initiative, getragen von verschiedenen Parlamentarierinnen und Frauenorganisationen. Eine dreijährige Vernetzungs- und Lobbyarbeit führte schließlich zum Erfolg.
Ein Gruppenantrag der Frauen von SPD, FDP und Bündnisgrünen entsprach genau dem Wortlaut des Regierungsentwurfs. Als sich dann auch noch Frauen aus der CDU für diesen Antrag aussprachen, gab die Koalition ihren Widerstand auf und hob den Fraktionszwang auf.
Am 15. Mai 1997 stimmten von den anwesenden 644 Abgeordneten 471 für den Gruppenantrag und 138 dagegen, 35 enthielten sich der Stimme.

Sexismus vor, nach und in Köln

Die Kanzlerin sagt in der FAZ, der Frauenverachtung, die sich in Köln gezeigt habe, müsse man entschieden entgegentreten, „es sei gut, dass es sehr viele Anzeigen gebe, und die Polizei müsse all diesen Dingen nachgehen.“

All diesen Dingen soll die Polizei nachgehen. Der Bericht des NRW-Innenministerium zur Silvesternacht in Köln listet die Strafanzeigen aus den Aufnahmeprotokollen einzeln auf: „mehrfach begrabscht … in den Schritt gefasst …. Griff an Po und Scheide … in den Intimbereich oberhalb ihrer Kleidung gefasst …. Finger in Scheide eingeführt, misslang wegen Strumpfhose … Hintern und Schritt angefasst … an das Gesäß gefasst (unterhalb des Rockes und oberhalb der Strumpfhose) … zwischen die Beine gefasst und geküsst … mehrfach anstößig berührt … wurde von mehreren Personen angefasst … zwischen den Beinen gepackt“.

All diese Dinge werden im Wortlaut bestürzend konkret, widerwärtig, gewalttätig, albtraumhaft, frauenverachtend – nur kriminell werden sie nicht. Polizei und Staatsanwaltschaft haben nicht viel Arbeit damit, denn sexuelle Übergriffe werden nur dann strafrechtlich verfolgt, wenn sie die laut Strafgesetzbuch erforderliche „Erheblichkeit“ aufweisen. Bei Berührungen von Brust, Hintern und Genitalbereich kommt es für die gerichtliche Einschätzung darauf an, ob über oder unter der Kleidung begrabscht wird, deswegen auch die detaillierte Beschreibung im Protokoll.

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Frau Ministerin Nahles redet über Luxus und Armut. Da machen wir mit.

(cc)_RossPollack_flickrEnde Februar legte der Paritätische Wohlfahrtsverband seinen neuen Armutsbericht vor. Letzte Woche hat dann Arbeitsministerin Nahles einen eigenen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung angekündigt und im Interview mit der Süddeutschen Zeitung ihr gesellschaftspolitisches Interesse akzentuiert:

Man hört oft Zahlen, wer wie viel besitzt und dass die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird. Mir geht es aber um die Frage: Wie wirkt sich Reichtum in unserem Land im Alltag aus? Nehmen Vermögende und die Eliten Einfluss auf politische Entscheidungen und gesellschaftliche Diskurse – welchen und in welcher Form?

Das halte ich ebenfalls für einen hochinteressanten Aspekt. Ich freue mich schon auf den Bericht der Bundesregierung, der die Fragen nach Elitenbildung, Lobbyismus, Stifterfamilien, Vermögensverhältnissen, Einflusssphären und generationellem Vermögenstransfer in Deutschland offenlegen und zur Diskussion bereitstellen wird. Bis das Papier aber vorliegt, können wir uns noch einmal dieser „Kluft“ zuwenden.

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Keine Raketenphysik. Zum Equal Pay Day

(c) Lisa Blum-MInkel
RED HANDBAG (c) Lisa Blum-Minkel, Hamburg

Er kommt in die Jahre, der Equal Pay Day.
1988 riefen die amerikanischen Business and Professional Women zum ersten Mal den Aktionstag aus und initiierten die Red Purse Campaign, um auf die Unterbezahlung von Frauen hinzuweisen.
Bei der siebenundzwanzigsten Party sind nun alle dabei: Familienministerinnen, SPD-Vorsitzende, Wirtschaftsredakteure – tout Paris lässt sich blicken und spricht Grußworte, denn das Geburtstagskind ist erwachsen und salonfähig geworden. Es schickt sich, bei dem Event gesehen zu werden.
Unterdessen bewegt sich die Lohndifferenz in Deutschland mit leichten Schwankungen seit Jahren zwischen 22 und 23 Prozent.

Dass der Equal Pay Day zu kurz greift und tiefer liegende Gründe der Ungleichheit vernachlässigt, hat zum Beispiel Antje Schrupp schon 2011 in zehn Thesen klar vorgetragen. Auch die statistische Aussagekraft wurde schon an vielen Stellen zurecht kritisiert. Seit einigen Jahren unterscheidet man deshalb zwischen unbereinigter und bereinigter Lohndifferenz.
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Schule, the Monster under your Bed

(cc) Marc Palm
Monster (cc) Marc Palm

Neulich las ich auf faz.net einen Artikel zum Thema Schulwahl. Die Autorin Julia Bähr berichtet von den Schauläufen, die weiterführende Schulen neuerdings veranstalten müssen, damit sie angewählt werden, und die man als Eltern besuchen muss, um nur ja den optimalen Bildungsort für den Nachwuchs zu ergattern.
Bähr schlingt noch einen Faden in den Text hinein: Ekliger Turnhallengeruch löst Erinnerungen an ihre eigene Schulzeit aus.
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Politische Botschaften. Nachlese zur Hamburgwahl

(cc) P. Figueiredo
(cc) P. Figueiredo

Vier Hamburger Kinder spielen in der Küche Wahlkampf.

Kind 1 steigt auf den Stuhl, wirft sich in die Brust, hebelt mit den Armen wie einst Charles de Gaulle und tönt: „Ich bin OLAF SCHOLZ! Ich bin euer Bürgermeister und heiße Olaf Scholz. Wählt Olaf Scholz zum Bürgermeister!“
Kind 2 steigt auf den Stuhl. Hände zur Raute: „Ihr kennt ja Angela Merkel. Wir sind die gleiche Partei nur in Hamburg – ja, nun, das wars.“
Kind 3 greift sich eine Tulpe aus der Vase, klettert auf den Stuhl und flötet: „Die armen Eisbären brechen im Eis ein. Die Grünen sind für Klimaschutz und haben süße Hunde lieb.“
Kind 4 macht dann dort oben ein sehr ernstes Gesicht: „Die Flüchtlinge brauchen Wohnungen. Es soll alles viel gerechter werden. Wählt die Hinken.“

Sehen wir einmal davon ab, dass die kindliche Perspektive das Bild leicht verzerrt, so bringen doch die Performances auf der wackeligen Speakers’s corner die Wahlbotschaften ganz gut auf den Punkt: der präsidiale Ton der Sozialdemokraten neben der Unkenntlichkeit der Christdemokraten, die weichgespülte Rückbesinnung auf grüne Umweltthemen neben dem sozialen Schlagwortgewitter der Linken.

Sitzung_der_Ersten_Kammer_des_Preussischen_Landtags
Lupenreines Dreiklassenwahlrecht: Preussischer Landtag

Ob dieser Wahlkampf nun ungewöhnlich ideenlos war, will ich gar nicht kommentieren. Die Plakatflut erreicht jedenfalls mühelos elfjährige Mittelschichtkinder. Die Parteien umwerben ihre Zielgruppe nach den Mechanismen der kommerziellen Werbung. Sie kommunizieren die Marke an Konsumenten, die routiniert Bildsprache und Slogans zitieren können wie Jingles für Handys oder Süßigkeiten.

Nun ist die augenfälligste Besonderheit dieser Hamburger Wahl die unterschiedliche Beteiligung in den Bezirken. Insgesamt lag sie mit 56,9 Prozent niedriger als bei der letzten Bürgerschaftswahl. Im sozial schwachen Stadtteil Billbrook aber gingen nur 26,3 Prozent zur Wahl, im armen Neuallermöhe 39 Prozent. In den wohlhabenden westlichen Vierteln Nienstedten, Othmarschen und Groß Flottbek machten 75 Prozent (!) der Bürger_Innen von ihrem Wahlrecht Gebrauch.

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Fwd: Strukturelle Ursachen verlangen strukturelle Lösungsansätze

form follows functionJa, natürlich interessiert es mich brennend, welches Kleid Michelle Obama heute trägt.
Aber solange sie sich im Ritz Carlton frisch macht, bleibt Zeit, auf das Papier des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter zu schauen, das schon vor einer Woche in Berlin veröffentlicht wurde und das, wie ich finde, echolos ins Wahlkampfgesums schallt. Dabei sind die Forderungen eine starke und umissverständliche Ansage, die jedem einzelnen Wahlkampfstrategen gleißende Kopfschmerzen und Schweißflecken unter den Armen bereiten möge: 1,7 Mio Wählerinnen laufen da draußen frei rum.

Armut von Alleinerziehenden und ihren Kindern ist kein privates Schicksal, sondern Ausdruck ihrer gesellschaftlichen Benachteiligung.

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Kein Waagnis

(c)lookis.infoDie alte Frage nach dem Schönheitsideal und Körpernormierungen flammt in den netzfeministischen Texten aktuell auf. Unter dem Hashtag #waagnis versteckt sich der revolutionäre Aufruf, die Waage aus dem Badezimmer in den Müll zu befördern und künftig auf die individuelle Gewichtskontrolle zu verzichten.
Es gibt kluge Interventionen dazu, besonders gefällt mir die gelassene Betrachtung von Antje Schrupp und die energische von Mango Riot zu der Aktion.
Ich bin in diesen theoretischen Debatten nicht zuhause, bewege mich da eher als Zuschauerin am Rande. Aber ich bin befremdet von dieser Aufregung, die nach meinem Dafürhalten das Pferd doch irgendwie vom falschen Ende her aufzäumt.
Dieser Akt, der in den frühen Siebzigern beheimatet sein könnte, soll auf einmal auf symbolischer Ebene zur Befreiung beitragen? Für einzelne Frauen mag das gewiss ein stärkender Schritt sein, aber als öffentliche, politische Geste und Beitrag zur feministischen Körpersoziologie ist sie einfach zu niedrig angesetzt. Da waren wir doch schon mal weiter.
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