DRESSED. 7 Frauen – 200 Jahre Mode

Man betritt den Ausstellungsraum im Museum für Kunst & Gewerbe und steht inmitten eines Theatersaals. Sieben Bühnenpodeste werden hier gleichzeitig bespielt. Besucherinnen bewegen sich zwischen angeleuchteten Installationen, Spiegelwänden und großen Schwerlastregalen, in denen Kleider und Accessoires Platz finden – Mobiliar eigentlich aus Archiven und Lagerhallen.
Meterhohe, dunkle Vorhänge trennen die Szenen voneinander ab. Die Beleuchtung ist gedämpft, denn die filigranen Archivobjekte sind lichtempfindlich. Manchen haben die Jahrhunderte zugesetzt, manchen die Kriege, einigen die Frauen selbst. Die Kleidungsstücke waren einmal Gebrauchsgegenstände. Sie zeigen die Spuren der Lebenszeit, die die Frauen in Tageskleidern, Abendroben, und Mänteln verbracht haben und die Erinnerungen, die in Hochzeits-, Tauf- und Trauerkleidern aufbewahrt sind.
Sieben Konvolute aus dem Bestand des Museums zeigt die Ausstellung »Dressed. 7 Frauen – 200 Jahre Mode« und zeichnet anhand der Objekte sieben Frauenbiografien aus 200 Jahren nach. Archiv, Biografie und Zeitgeschichte kreuzen sich in diesem Konzept in stofflicher, sinnlich erfahrbarer Weise. Angereichert mit Hintergrundwissen, das über Tablets dargestellt wird.

Die Kleidungsstücke selbst zeugen von Technik- und Handelsgeschichte. Sie markieren nicht nur Stationen innerhalb der Modegeschichte, sondern haben auch selbst eine Archivfunktion, die die Kuratorin Angelica Riley mit ihrer Arbeit unterstreicht.

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Elise Fränckel (1807–1898), Damenschuhe „Slipper“, „Renault à Paris R 128 75“, 1830–50, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Foto: Anne Schönharting

Die Verlegergattin Elise Fränkel trug im biedermeierlichen Oldenburg in Holstein modische, elegante Ballerinas aus Paris, ihre aufwändig gearbeiteten Tüllkragen und feinste Spitze sind mit Etiketten in kyrillischer Sprache versehen. In der holsteinischen Provinz kursierten aktuelle Modezeitschriften und Händler aus Kopenhagen, Lübeck, Paris und Osteuropa präsentierten offenkundig ihre Waren der geschmackssicheren und potenten Käuferin. Die Objektbeschreibungen in der Ausstellung haben das Layout von wissenschaftlichen Karteikarten. Auf ihnen sind Maße, Entwurf, Marke, Herstellung, Technik und eben auch akribisch der Zustand des Gegenstandes vermerkt: Schweißflecken, unter den Achseln desolat, geflickt, geweitet, gestopft, geändert, Knöpfe versetzt. In langen Ballnächten wurde geschwitzt, in Kriegszeiten haben Frauen die Kleidung sorgsam ausgebessert, nach Geburten und in mittleren Jahren haben sich die Figuren verändert.
Von Elise Fränkel selbst gibt es keine historischen Zeugnisse, wohl von ihrem Mann. Ihre Biografie kann über ihren Mann erzählt werden oder aber durch ihre Garderobe. Die Nadel erzählt Frauengeschichte.
Von Erika Holst besitzt das Museum ein Konvolut von Alltagskleidung aus der NS-Zeit und dem 2. Weltkrieg. Was den Zustand und die Materialien angeht, ein Zeitspeicher von eindrücklicher Kraft. Die Erinnerung vieler Besucherinnen wird in diese Zeit zurückreichen, in der ihre Großmütter und Mütter lebten und von denen es noch Fotos in den Familienalben gibt. Doch wer kann noch ein Kleid seiner Großmutter berühren? In eines von Erika Holst ist das Etikett des Hamburger jüdischen Modegeschäfts Gebrüder Robinson eingenäht, das 1938 verwüstet wurde. Weiterlesen

Letztes Jahr in Marktbreit

Wo ist Ihr Bett?
Wo soll es sein?

Im Gleichmaß verschwindet die Zeit. Gleichmaß ist Treibsand für Konturen, im Treibsand einer Pandemie verschwindet Erinnerung. Was habe ich vorgestern gemacht? Was im Juni? Der Oktober ist in körniges Vergessen gerutscht, November, Dezember hinterher. Es macht mir Angst, wie die Tage durch mich hindurchrinnen. Beim Spazierengehen: nahtlose Gegenwart, Wahrnehmungssplitter, diffuses Fernweh. Memories are made of this. Ich unterhalte mich mit meinen Gedanken, ich unterhalte den Strom der Gedanken, die meisten vergesse ich, manche behalte ich. 

Stefan BalkenholDie mittlere Spazierrunde führt zu Hagenbeck, wo Stefan Balkenhols Bronzeskulptur einer Giraffe am Eingang steht. Acht Meter hoch, an ihren Hals klammert sich ein Mann. Sehr freundlich und luftig, die beiden. Halten Ausschau und sind uns weit voraus Richtung Himmel. Neulich forderte jemand die Entfernung der Skulptur. »Wegen systemrelevantem Alltagsrassismus«. Weil schwarzer Mann auf Giraffe. Der Künstler empfahl, die nach Jahren oxidierte Bronze einfach mal zu putzen. Die Kulturbehörde sofort: Rassismus hat in unserer Stadt keinen Platz. 
Keinen eigenen Platz auf jeden Fall. Ich kenne keinen Platz des Rassismus. Doch es gibt den Alfred-Beit-Weg, die Godeffroystraße und den Woermannstieg. Die Reederei Woermann wickelte während des Herero-Aufstandes die Militärtransporte nach Namibia ab. Ob Woermann und die anderen Reeder die Hagenbeckschen Völkerschauen in der Deutschen Kolonialgesellschaft besprachen, wo sich wohlhabende Kaufleute und einflussreiche Bürger trafen? Das Wort »Kolonialgesellschaft« schlägt, während ich weitergehe, einen Funken zurück in einen Sommer vor Corona, ich habe vergessen, in welchen.

Ich verbrachte zwei Nächte in einem Hotel im Unterfränkischen, in Marktbreit am Main. Vorbildlich wird die Geschichte des traditionsreichen Hauses mit langen Texten und historischen Fotografien präsentiert. Ich schlafe in dem Zimmer, in dem einst König Ludwig I. nächtigte. Ich schlafe, er nächtigte. Im Fürstenzimmer. Weiterlesen

Die Welt für Hamburger

Januar in einer Pandemie ist der perfekte Moment, um an den Sommer zu denken, an Licht, an Klänge und schöne Orte. Letzten Sommer sind wir zuhause geblieben. Zuhause in Hamburg mit offenen Augen und Fernweh. Nur in der Stadt unterwegs und doch in Europa gereist.
Hier sind sie: die 22 schönsten Postkarten vom Sommer 2020!
Erkennen Sie Straßen und Plätze? Wer die einundzwanzig Orte (der letzte ist unser Balkon!) benennt und uns schreibt oder sie wenigstens gut beschreiben kann, gewinnt etwas unerhört Tolles*.

Ihr Lieben,

unsere Pension in Toulouse hätten wir uns nicht schöner erträumen können. Die Sommerwochen verfliegen! Mit dem Rad machen wir Ausflüge am Canal du Midi, wir schlafen im Gras und trinken Pastis. Jeden Tag lernen wir drei okzitanische Vokabeln – jeder verschiedene. Zusammen können wir uns also bald ganz normal unterhalten.

Herzlich, Eure B.

Ihr Lieben,

ein klarer Nachmittag auf dem Canal Brenta. Palladios Villen machen bessere Menschen aus uns. So fühlen wir uns zumindest.
Von Venedig aus wollen wir morgen nach Triest übersetzen.

Seid herzlich gegrüßt, Eure B.

Ihr Lieben,
von einem Ausflug in den zauberhaften Parc oriental de Maulévrier an der Loire grüßt Euch begeistert und sehr herzlich, Euer P.

P.S. Unglaublich, was Geld in Verbindung mit Kennerschaft vermag! Japanischer Zauber pur.

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Hannah Ryggen. Ikonographie des Lebens

Nach den Touristenmengen, die in einer endlosen, schnatternden Polonaise durch die neue Frankfurter Altstadt ziehen, wirkt die Stimmung in den Ausstellungsräumen der Schirn noch einmal zurückgenommener und konzentrierter, als die monumentalen Tapisserien ohnehin anmuten.

Ehe ich auch nur einen Wandteppich aus der Nähe anschauen kann, läuft mein Gehirn auf Autopilot. Die Warnlampen Dekoration und Kunsthandwerk blinken. Ich spüre nahezu körperlich, dass meine Wahrnehmung, wenn man sie nur einen Moment unbeobachtet lässt, alle Register zieht und durchläuft. Man könnte auch sagen: Ich bin schrecklich konventionell. Abstrakt, seriell, konzeptuell, Pop-art, kubistisch, expressionistisch – das ist kanonische Moderne, und die Ausschlusskriterien sind klar. Gewebte Tiere und buntige Figürchen gehören dazu.
Sicher, Rosemarie Trockel, Louise Bourgeois oder Cosima von Bonin haben Terrain gewonnen, Stricken und Nähen eingesetzt sowie Wolle und Stoff dem Raum der Kunst hinzugefügt. Das Bauhaus-Jubiläum bringt Textilkünstlerinnen wie Gunta Stölzl und Lilly Reich endlich ins Bewusstsein. Und die Ausstellung Gegen die Unsichtbarkeit. Designerinnen der Deutschen Werkstätten Hellerau 1896 bis 1938 im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg hat dieses Jahr erst Arbeiten von Frauen gezeigt, die die Trennlinie zwischen Design, Kunst und Gestaltung zerlöcherten und den Begriff der Moderne erweiterten. Auch die Bilder der Ausstellung Feministische Avantgarde hallen im Bildgedächtnis nach.
Trotzdem gibt es in mir immer noch Reflexe, die wahrscheinlich in direkter Linie von Oskar Schlemmers »Wo Wolle ist, ist auch ein Weib, das webt, und sei es nur zum Zeitvertreib« abstammen. Meine Ignoranz ist sogar mir selbst unangenehm.

Nun stehe ich aber zwischen diesen Wandteppichen und da ich auf keinen Fall wieder zurück in den Tumult ums Authentische da draußen will, beginne ich zu schauen. Es ist ohnehin zu spät: Eigenwillige Figuren, abgeschnittene Hände und plane Gesichter rücken mir unmittelbar nahe, die erzählerische Intensität der Szenerien gibt ihnen physische Präsenz. Weiterlesen

FRAUENBIOGRAFIEN – Hamburg-App

Wo man eben so hinschaut beim Flanieren in der Stadt: in Schaufenster, auf Fassaden und Zebrastreifen, in Toreinfahrten und auf Straßenschilder. Manches Schöne und wohl auch einiges Interessantes sieht man auf diese Weise, aber vieles bleibt unsichtbar. Ein ganz besonderes Guckloch und eine mitreißende Tiefenbohrung in die Hamburger Geschichte bietet eine App, erschienen dieses Jahr zum 100jährigen Jubiläum des Frauenwahlrechts: Frauenbiografien.
Frauen sind im kollektiven Gedächtnis unterrepräsentiert, Straßennamen und Denkmäler gelten zum allergrößten Teil Männern. Die Arbeit von Frauen fand lange und findet immer noch wenig Anerkennung, weibliche Lebensleistungen haben keinen Ort im kollektiven Gedächtnis.
In der Datenbank, die hinter der App liegt, sind Lebensläufe, die Arbeit und Bedeutung von verstorbenen Hamburgerinnen gesammelt & aufgearbeitet. Keineswegs nur prominente Autorinnen, Unternehmerinnen oder Journalistinnen, auch unbekannte Frauen sind da zu finden, die in ihrem Lebensumfeld Spuren hinterlassen haben, die Kunst gemacht oder im Stillen gearbeitet haben. Daneben stehen ausführliche Texte zu Einrichtungen oder Orten, die für Frauen von Bedeutung waren oder sind. Man kann direkt nach Namen suchen, nach Straßen oder einfach in einem geografischen Radius.

Grafisch ist die App so schlicht, dass es beinahe weh tut – wahrscheinlich gab es nicht genug Geld. Nicht egal, aber trotzdem: Die Ergebnisse sind großartig: ausführlich, genau recherchiert, mit Querverweisen, und wer mag, lässt sich auf wissenschaftlich fundierte Hintergründe ein. Für Nutzer*innen, die gerade nur Lust auf ein Appetithäppchen haben, gibt einen kurzen Einführungstext zum Eintrag und die Option, in einer bestimmten Straße weiterzusuchen oder sich die Route anzeigen zu lassen.

Ich tippe auf Umkreissuche. Im Kattrepel bekomme ich 400 Einträge in einem Radius von zweieinhalb Kilometern und erfahre, dass genau hier im Kattrepel um das Jahr 1428 in kleinen Butzelbuden Prostituierte arbeiteten und die Stadt daran tüchtig verdiente. 60 Jahre später wurde das Gewerbe verboten und doch geduldet, allerdings zwang man die Frauen eine Haube mit einem aufgenähten gelben Band zu tragen. Doppelmoral und Stigmatisierung sind mitten in der Hamburger Innenstadt offenbar zuhause: Der Gerhart-Hauptmann-Platz hieß früher Pferdemarkt, Giebelhäuser umstanden den gepflasterten Platz, wo 1732 ein Pranger aufgestellt wurde, an dem »treulose Ehefrauen und liederliche Weiber« mit einem Namensschild ins Halseisen eingeschlossen und öffentlich zur Schau gestellt wurden. Männer mussten für Ehebruch lediglich diskret eine Geldstrafe zahlen. Am Gerhart-Hauptmann-Platz lebte auch Ernestine Hoffmann, die als junge Frau ab 1779 eine der ersten deutschsprachigen Frauenzeitschriften Für Hamburgs Töchter herausgab. Auf ihren gesellschaftlichen Ruf bedacht, veröffentlichte sie unter einem männlichen Pseudonym. Ich sitze auf der umtosten Bushalte, lese über den Postvertrieb der Oktavhefte, über Herausgeberfiktion, Tugenddiskurs, Weiblichkeitsideale und die Konstruktion von Geschlechtersphären. Wenn ich aufschaue und die Schaufensterpuppen der Bekleidungsgeschäfte betrachte, die mir zeigen, wie ich mein Selbstbild mir vorstellen soll, ist diese Vergangenheit nicht vergangen. Ein paar Schritte weiter, im Jacobikirchhof eröffnete 1798 Dorothea Encke die Enckesche Winkelschule – bekannt sind diese Einrichtungen auch unter dem Namen Klippschulen, was nichts anderes als privat organisierte, behördlich nicht anerkannte Schulen waren. Die siebzehnjährige Dorothea und ihre Geschwister waren Waisen, sie musste mit dem Unterricht für die jüngeren Kinder sorgen. Die Enckesche Winkelschule genoss wohl über Jahrzehnte einen ausgezeichneten Ruf, und die Schulleiterin war, als sie mit 68 Jahren in Rente ging, ohne finanzielle Sorgen.

In Metern bin ich nicht weit gekommen an diesem Nachmittag. An historischem Wissen, an Geschichten, die hier auf den Straßen rumlungern und in unsere Gegenwart hineinreichen, an Frauenbiografien und Erinnerungsorten bin ich reich. Ein paar kleine Löcher weniger im Erinnerungsnetz.

Die Idee für die Frauenbiografien stammt von Dr. Rita Bake. Die Sozialhistorikerin lehrte in der Frauenforschung der Uni Hamburg, war bis 2017 stellvertretende Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und gründete den Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Sie ist auch verantwortlich für die Datenbank Hamburger Frauenbiografien.

Das Foto oben übrigens zeigt Elvira Unglaube, die erste Elvira Unglaube.
Sie trat zusammen mit ihrem Ehemann auf Volksfesten in einer spektakulären Show auf: kopfüber an einer Strickleiter unter einem Gasballon durch die Luft schwebend. Das ging lange gut, bis sie bei einem Gewittersturm tödlich verunglückte. Die zweite Ehefrau von Paul Unglaube hieß ebenfalls Elvira – es ist nicht zu glauben! – und trat die Nachfolge am Ballon an. Mit riesigen Erfolgen. Der Ballon wurde bei den Bombenangriffen 1943 vernichtet. Elvira die Zweite überlebte den Krieg und zog irgendwo nach Schleswig-Holstein.

Für iOS und Android. Kostenfrei.

Glückstadt, Stadtgedächtnis, Gedächtnislücke

In niederländischer Festungsmanier ließ der Dänenkönig Christian IV. Glückstadt an der Unterelbe errichten. Die Göttin Fortuna bekam die Stadt ins Wappen gesetzt und einen sechseckigen Grundriss, uneinnehmbar. Anfang des 17. Jahrhunderts war Hamburg durch den Handel mit den Kolonialmächten stark geworden, und Dänemark wollte neben Altona ein zweites politisches und wirtschaftliches Gegenwicht etablieren.
Die Dänengeschichte findet man heute auf jedem Schild. Brötchen, Heringe, Straßennamen – mit dem dänischen Pfund wird gewuchert. Warum auch nicht, ist kein Unheil übers Land gekommen aus Kopenhagen.

Einmal um die eigene Achse gedreht auf dem kopfsteingepflasterten Marktplatz und fertig ist das Panoramabild einer am Reißbrett entworfenen radialen Fürstenstadt. Sieben Straßen laufen sternförmig auf den Platz zu. Es ist friedlich in Glückstadt an diesem Samstagmittag. Adelshöfe, satte Palais und von Hamburgern sanierte Fischerhäuschen liegen mehr, als dass sie stehen, am Hafen. Die Elbe ist hier ein breiter Strom, der den Geruch nach Meer mitbringt, das Licht küstenhell.

Ich müsste eigentlich keinen Ausflug nach Glückstadt machen. Ich kenne Glückstadt. Habe vor langer Zeit für zwei Jahre hier gewohnt, in der Buchhandlung am Fleth gekauft, am Sperrwerk übers Wasser geschaut, habe im Fortuna-Bad gelegen und bin mit dem dunkelblauen Fiat hinter der Bahnschranke auf den Edeka-Parkplatz an der Christian-IV-Straße gebrettert. Weiterlesen

Flanieren in Hamburg – die »Bibliothek der Dinge«

In den Bücherhallen am Hühnerposten steht neuerdings eine Glasvitrine, gleich hinter der Drehtür ein paar Schritte nach links. Ein hohes Möbel, vollgestellt mit Gegenständen, die Türen mit Schlössern verriegelt. Ich betrachte aus gebührender Entfernung die auf Augenhöhe ausgestellte Actionkamera.
Herr Baudrillard ist sofort hellwach und schaut mir über die Schulter. Bei Konsumgütern kann er richtig streng werden. Dinge sind doch nur Wunschmaschinen, sagt er. Ware und Wunsch sind untrennbar miteinander verknüpft, sagt er. Ein Ding ist nicht nur ein Ding; es ist ein Zeichen für etwas: Eine Bohrmaschine steht für Potenz, eine Actionkamera verspricht mannhafte Dynamik, flüstert er mir ins Ohr. Gefangen in dieser Scheinwelt, wünschst du dir sehnlichst Potenz und kaufst also den Sportwagen. Doch das Auto erfüllt deinen Wunsch nicht. Es ist dein Wunsch und deshalb hältst du es heilig, dieses magische Ding. Und nächstes Jahr kaufst du das nächste.
Das war schon 1968 nicht falsch. Aber warum präsentiert eine öffentliche Bücherei Dinge wie Preziosen im bürgerlichsten aller Möbelstücke, der Vitrine? Ich schiebe Herrn Baudrillard sanft beiseite, damit ich besser sehen kann und lese:
Bibliothek der Dinge.
Alle Dinge hier sind gegen eine Gebühr von 1 € für vier Wochen ausleihbar. Die Liste umfasst:
Actionkamera
Bluetooth-Lautsprecher
Controller
Hängematte
Heimwerkerset
Laminiergerät
Nähmaschine
Skateboard
Smartphone-Objektive
Polaroidkamera
Slackline
Strickset
Teleskop
Ukulele
Zeichentablet

Es gibt in der Hamburger Innenstadt, wo jeder Bürgersteigzentimeter Umsatz bringen muss, also einen Ort, der die Scheinwelt des Konsums zertrümmert. Hier ist die Fluchttür eingebaut. Wunsch und Ware gehen in dieser Büchereiecke getrennte Wege. Diese Dinge in der Vitrine kann man vielleicht gebrauchen, aber man muss sie nicht besitzen. Es ist ein Inventar begehrenswerter und zugleich überflüssiger Dinge. Einige Dinge auf der Liste erinnern mich an Wünsche, die man selbst vergessen hat, weil sie einfach nicht in Erfüllung gehen wollten. Dinge sind hier versammelt, von denen sich Gebrauch machen lässt. Hier liegt keine Ware, die eine Werbeidee transportiert. Die Dinge sind zum Benutzen da, nicht zum Vorführen. Man kann mit ihnen arbeiten, etwas machen, bewegen und schaffen, analog wie digital. Leihweise werden Dinge auch nicht gleich bedeutungsschwer und legen einen fest, wo man doch nur kurz etwas ausprobieren wollte. Die Liste erzählt auch etwas über uns: Was wir uns nicht leisten können, wovon wir träumen, welche Bedürfnisse wir haben und was wir uns nicht zutrauen.

(c) Eberhard Kirchhoff

Ukulele.
Allein für den klingenden Namen hat sie es verdient, in die Bibliothek aufgenommen zu werden. Und was für eine besonnene Entscheidung. Vielleicht möchte jemand schon ganz lange einmal ein Lied auf einer Ukulele spielen. In seinem Zimmer die Saiten schlagen, versunken im amateurhaften Tun.

(c) Eberhard Kirchhoff

Den Bibliotheksmenschen, die das Heimwerkerset aufgenommen haben, gebührt Ehre. Dieses Ding will nun niemand wirklich besitzen, denn wie oft im Jahr kommt etwa ein Kreuzschlitzschraubenzieher tatsächlich zum Zuge? Denken wir einen Schritt weiter, gibt es pro Wohnblock bald nur noch ein Heimwerkerset. Man könnte es im Kiosk hinterlegen.

(Ich weiß, dass ich nur wenig über die Sehnsüchte der Männer weiß. Ich kann den Impact einer Bohrmaschine höchstens imaginieren: Ich nenne eine Nähmaschine mein eigen. Wenn es etwas zu nähen gibt, hole ich sie hervor und nähe. Teilte ich nun eine Nähmaschine mit meinen Nachbarn, müsste ich sie erst holen. Ich spüre dieser Vorstellung nach, erfühle das finstere Szenario einer Allmende-Nähmaschine  – und nichts. Weder meine Libido noch mein Ego noch mein Selbstgefühl reagieren in irgendeiner Weise. Ich weiß wirklich wenig über Männer und ihre Sehnsüchte, obwohl ich einen Haufen über Züge in Tunnels, Zigarren und weiße Krankenschwestern gelesen habe.)

Berührt hat mich das Teleskop. Ein so ernsthafter, schwarzer und wichtiger Gegenstand wissenschaftlichen Erkennens und genauer Beobachtung. Objekt großer Träume und Forschersehnsüchte. Ich hätte als Kind gern ein Teleskop gehabt. Aber nicht nur die Sterne, auch ein Teleskop lagen außerhalb unserer Reichweite. Nun können in Hamburg diejenigen, die für ihr Leben gern Sterne beobachten und sich kein Teleskop leisten können, fast eine Mondphase lang ins All schauen. Und alle, die vergessen haben, dass man den Himmel beobachten kann, sind an das forschende Staunen erinnert.

(c) Eberhard Kirchhoff

Vier Wochen lang gehörte die Slackline zu unserem Haushalt. 27 Tage lag das Ding an der Garderobe. Mit jedem Tag wurde es unangenehmer, daran vorbeizugehen. Man verspürt ja eine gewisse Verpflichtung: nämlich das Ding in der gegebenen Frist auch zu nutzen, denn für die, die darauf warten, ist es kostbar und begehrenswert. Am letzten Nachmittag schließlich erwogen wir in den Park zu gehen. Dann regnete es. Das Sportding war zu schwierig und zu schwer für uns, eine Last, keine luftige Balance. Erleichtert brachte ich es zurück auf seinen Platz in der Bibliothek. Wir sind so eine Familie nicht, die gemeinsam fröhlich im Park sportelt. Der heimliche Wunsch danach bleibt bei mir, die Ware geht zurück.
Wie schwer muss es dagegen sein, die Bluetooth-Lautsprecher wieder zurückzugeben, wenn man die Erfahrung mochte. Wer Musik liebt und angewiesen ist auf das Scheppern des Handys, wird auf einmal den Mangel schmerzlich verspüren. Aber einen Monat lang war Klang in der Bude. Wofür man einen Controller braucht, kann ich nicht ermessen. Mir schwante die ganze Zeit schon, dass die Welt laufend komplexer wird. Aber jemand wird sich mit dem Ding hoffentlich einen schönen Nachmittag machen oder ein Wasserspiel kontrollieren oder seinen Gaszähler oder endlich Kontrolle über sein Leben gewinnen. Für vier Wochen.

Was ich noch gern aufgenommen wüsste:
Fleischwolf
Tennisschläger
Kofferplattenspieler
Vertikutierer

 

Illustrationen: (c) Eberhard Kirchhoff

Ausfahrt in den Odenwald

Der  Wurstigkeit dieser Tage überdrüssig wollen wir an diesem Wochenende eine Auszeit nehmen. Aber wir sind wählerisch. Eine bescheidene und doch aparte Gegend soll es sein, eine Region ohne Städtemarketing und ohne Instagram-Account. Das Unscheinbarste, was wir im Schulatlas in erreichbarem Radius finden, ist ein Dreiländereck. Graue Buchenstämme stehen in den Himmel, wo Hessen, Bayern und Baden-Württemberg aneinandergeraten. Nach seinen Legenden und Oden wurde dieser große, stille, hügelige Wald benannt, und natürlich sind wir neugierig, was uns bevorstehen, was uns unter die Füße und vor die Augen kommen mag. Dass der Legendenstrudel seltene Dinge und echte Demokraten anzieht, das haben wir nicht erwartet.

Ein nahezu endloser Spätsommer geht seinem Ende zu. Das Waldlicht hat einen warmen Ton angenommen, und die Luft zeichnet die Konturen schon etwas schärfer. Orange und Rot frischen erschöpftes Grün auf. Amorbach liegt hier, Walldürn mit dem Blutwunder, Mudau und Mosbach. Wanderer gehen zwischen Bäumen einher und zur Hauptwallfahrtszeit pilgern Katholiken über Lichtungen. Unser Ziel am Abend ist das Städtchen Buchen, welches wir nicht für seine angenehme Normalität ausgesucht haben, die uns gleichwohl auf sympathische Weise umfängt. Eigens für das Hotel Prinz Carl sind wir angereist. Gelb und ganz historisch-gediegen hockt es am Bürgersteig, benachbart von Fachwerkhäusern, dem Stadttor und einer munteren apokalyptischen Mariensäule. Der freundliche Empfang im Hotel wischt eine kleine Angespanntheit nicht weg, denn auch solch einnehmende Zuvorkommenheit war nicht unser ursprüngliches Motiv für die Hotelauswahl. Doch scheint alles in guter Ordnung, mit dem Schlüssel zu einem Egon Eiermann-Zimmer in der Hand biegen wir wenige Minuten später aus der trutzigen Landdiele ins lichte, heitere Treppenhaus des Anbaus. Weiterlesen

Spaziergänge in Beirut

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In der Hauptstadt des Libanons liegen Religion und Konsum, Weltläufigkeit und Enge dicht beieinander. Jung ist die Stadt, lebenshungrig und spannungsgeladen. Ein Spaziergang durch benachbarte Viertel am Meer.

In einer geschwungenen Linie zieht die Wagenkolonne an den Straßenrand. Aus den abgedunkelten SUVs springen Bodyguards, sichern weiträumig die Rue Allenby. Ein Mann in weißem Kaftan steigt aus, in gemessenem Abstand folgt eine Frau in Burka, dann drei Kinder. Es sind Mädchen in bodenlangen schwarzen Gewändern, das älteste vielleicht dreizehn Jahre alt, das jüngste ungefähr neun. Huschende Bewegungen, verschwollene kleine Gesichter, Verbände über Kinn, Nasen und Augenbrauen.

»Die Araber lassen die Beauty Jobs in der Regel früh machen, um ihre Töchter gut auf dem Heiratsmarkt zu positionieren«, kommentiert Berenike die Szene. Auch für sie, die akademisch gebildete junge Libanesin, sind Schönheitsoperationen selbstverständlich. Berenike arbeitet im Marketing und hat, wie die meisten ihrer Freundinnen aus dem christlichen Viertel Achrafieh, Kinn und Hintern machen lassen. Ihr Ziel: ein westeuropäischer Pass, und auch dieser Heiratsmarkt ist hart umkämpft.
Die arabische Familie verschwindet in den Beirut Souks, einer Shopping Mall der Superlative, ein gleißendes Raumschiff mit wassergekühlter Granitfassade. In den angrenzenden Straßen Luxuswohntürme, gewässerte Grünflächen, Housemaids von den Philippinen oder aus Äthiopien führen Hunde spazieren, deren Fell von der erfrischenden Dusche noch feucht ist.

Bis zur Corniche ist es von den Souks nur ein Spaziergang. Auf der Uferpromenade flaniert in den Abendstunden ganz Beirut. Eine Brise vom Meer nimmt die Hitze mit, Kaffee- und Kardamonduft weht aus den Cafés herüber. Am westlichen Ende der Palmen bestandenen Uferpromenade liegt der Sporting Club Beirut. Wer die 25 US-Dollar Eintritt bezahlt, darf den Tempel einer Weltreligion betreten, die heiligste Stätte des Körperkultes. Selbst im herrlich kühlen Wasser des Pools, mit weitem Blick auf die Levante-Bucht, trägt die Dame High Heels zum Bikini. Ein Schild in den Umkleiden weist darauf hin, dass Burkinis im Club nicht als angemessene Kleidung wahrgenommen werden.
Auf der anderen Seite des Zauns, der das Gelände abschirmt, kauern auf dem groben Kies muslimische Frauen, die Fingernägel neonfarben lackiert. In Plastiktüten haben sie Essen mitgebracht, und während sie zwischen den Steinen anrichten, springen ihre Jungs vergnügt von den Felsen ins Meer. Weiterlesen

Unapologetically feminine: Frauenbild für den Sommer 2016

Balenciaga-Kampagne Sommer 2016 via WGSN
(c) Balenciaga, SS 16, via WGSN

Das Reizvolle, immer wieder Anziehende an Modeschöpfungen und ihrer fotografischen Inszenierung ist Saison für Saison das freie künstlerische Spiel, weit hinausgreifend über jede Notwendigkeit von Bekleidung. Ästhetische Vision und Verlockung, großes Handwerk und lässige Verschwendung, Können, Schönheit und Stil in einer Geste der Verführung vereint.
Auf ihrem schönen Fuß tanzt die Mode im Ballsaal des Kunstpalastes, auf dem anderen balanciert sie auf dem unebenen Kontorboden des Marktes. Diese Dehnübung gehört zur Prêt-à-porter-Mode, eine Anstrengung, der sich auch Galeristen oder Verleger mit jeder Ausstellung, mit jedem Programm unterziehen müssen. Anders jedoch als ihre Schwestern übt die Mode eine Schwindel erregende Bildmacht aus.
Mode zielt aufs Äußere und trifft ins Innerste: Sie entwirft Selbstbilder, schneidert Akzeptanz, kleidet Sehnsüchte ein. Die großen Modemarken schicken ihre Botschaft weltweit durch die Verwertungsketten, lancieren ihre Bilder, mit üppigen Werbebudgets ausgestattet, in allen Medien und öffentlichen Räumen, inszenieren in Perfektion ihre Objekte, deren Abglanz selbst noch in billigen Kopien auf den Schulhöfen den Wert der Trägerin steigern. Eine Millionen Menschen folgen Balenciaga auf Instagram, mehr als eine Millionen auf Facebook, eine halbe auf Twitter.
Man muss der Mode keinen allzu großen Wert beimessen, doch ernst nehmen darf man sie und genau hinschauen auch.

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Feministische Avantgarde in Hamburg: radikal, international und aktuell

Annegret Soltau Selbst, 1975 S/W-Photographie auf Barytpapier © Annegret Soltau / VG Bild-Kunst, Bonn 2015 / SAMMLUNG VERBUND, Wien Photo: Heide Kratz
Annegret Soltau
Selbst, 1975
S/W-Photographie auf Barytpapier
© Annegret Soltau / VG Bild-Kunst,
Bonn 2015 / SAMMLUNG VERBUND, Wien
Photo: Heide Kratz

Eine umwerfend gute, intelligente und berührende Ausstellung ist seit gestern in Hamburg zu sehen: Feministische Avantgarde. Kunst der 1970er Jahre aus der Sammlung Verbund, Wien, kuratiert von Dr. Gabriele Schor.

Die Ausstellung zeigt Arbeiten von mehr als 30 Künstlerinnen, eine Retrospektive über die Anfänge der internationalen feministischen Kunstbewegung.
Was präsentiert wird, ist in vielen Hinsichten bemerkenswert:
Wenn man diese Arbeiten beieinander sieht, ist das Spektrum dessen, was die europäischen (und einige amerikanische) Künstlerinnen schon in den 1970er Jahren gezeigt und erarbeitet haben, nahezu unglaublich und von einer ästhetischen Bildkraft, die wenig eingebüßt hat über 40 Jahre. Die Verschnürung des eigenen Gesichts von Annegret Soltau als Akt, als Zeichen, als Widerstand und als Bild zitiert Madonna auf ihrem neuen Plattencover.

Ich bin Laie, aber mir scheint doch, dass die kuratorische Leistung stupend ist. Über zehn Jahre hat das Team aus Wien in Archiven und Nachlässen gesucht, Material auf Dachböden gefunden und recherchiert, bis sie auch Flugblätter und Ankündigungszettel für Performances und die lustigen Frauenspaziergänge in die Pornoläden einer Stadt zusammen getragen haben. Der reguläre Kunstbetrieb und -markt hat kein Archiv aufgebaut und keinen Wert für diese Kunst erzeugt.

Die Hängung hätte in die Hose gehen können, ist aber stattdessen einnehmend und überzeugend gelungen, bildet formale, manchmal thematische Klammern und gibt der einzelnen Künstlerin Raum.

Die Künstlerinnen haben kein Kollektiv gebildet, keine Gruppe gegründet, und doch in diesem Jahrzehnt zeitgleich und zum ersten Mal in der Kunstgeschichte ein neues Bild der Frau(en) geschaffen. Sie haben nicht nur ähnliche Themen aufgegriffen, sondern auch ähnliche Strategien benutzt. Bestimmt nicht verwunderlich, dass viele der Künstlerinnen Performance, Film, Fotografie und Video einsetzten: Neue Medien und Techniken, die unbelastet von Traditionen in der Kunstgeschichte zur Verfügung standen.
Sie wurden laut und sichtbar, haben die herrschende Ikonographie des Weiblichen zerlegt, den Kunstbetreib frontal angegriffen, eine männliche Wirklichkeit aufgebrochen, Identität und Rollenzuweisung neu geschrieben, weibliche Sexualität thematisiert und den eigenen Körper zum Material der Kunst gemacht.

Ana Mendieta, Untitled (Glass on Body Imprints), 1972/1997 C-Print © The Estate Ana Mendieta / Courtesy of Galerie Lelong, New York / SAMMLUNG VERBUND, Wien
Ana Mendieta, Untitled (Glass on Body Imprints), 1972/1997
C-Print © The Estate Ana Mendieta / Courtesy of
Galerie Lelong, New York / SAMMLUNG
VERBUND, Wien

Den schweren Katalog habe ich aufs Sofa fallen lassen neben eine aufgeschlagene Frauenzeitschrift (warum die da lag, ist eine andere Geschichte). Die erfolgreiche Schauspielerin Jasmin Gerat wird darin als selbstbewusste, moderne Frau portraitiert. Sie berichtet, der Kurzhaarschnitt, den sie neuerdings trägt, zöge zwar die Aufmerksamkeit von weniger Männern an als vor dem Friseurbesuch, dafür aber ernte sie die Blicke intelligenterer Männer. Ein Foto zeigt sie mit nach innen gedrehten Fußspitzen, wackelig und schier unfähig, sich auf eigenen Füßen zu halten, in der  Pose einer kokettierenden Vierzehnjährigen. Auf dem zweiten Bild beißt sie sich in klischierter Anzüglichkeit auf die Unterlippe, als hätte sie komplett den Verstand verloren und warte nur darauf, vom Ersten, der vorbeikommt, abgeschleppt und ins nächste Reihenhaus gestellt zu werden.
In dieser Welt der Frauenbilder leben wir, einer lückenlos wirksamen Bilderwelt der Imagekampagnen, Rollenzuschreibungen und Körpernormierung. Die Maschinerie reicht in jeden Winkel. Das Persönliche ist dabei zum vermeintlichen Schonraum geworden. Im privaten Raum soll die Konstruktion der Weiblichkeit nicht gelten, hier ist das Hola der Marktsemiotik: hübsch gestaltet, mit kuscheliger Partnerschaft und veganen Kochbüchern. Die Klamotten, die App zum Appnehmen, Teilzeitjob, Fitnessstudio, Steuerklasse, Spaß am Einkochen und Fastenurlaub – alles hochindividuelle, private Lebens- und Kaufentscheidungen.
Die Arbeiten der Künsterinnen aus den 1970er Jahren wirken in unsere Gegenwart hinein wie ein elektrisierender Schlag: Es geht auch anders. Es ging schon mal anders. Das Persönliche ist politisch.
Ich setze nicht die avantgardistische Kunstpraxis mit dem Bilderwahnsinn des Marktes gleich, aber ich habe das Gefühl, dass ich die Energie und befreiende Kraft, die von diesen Künstlerinnen und ihren Arbeiten ausgehen, in meiner Gegenwart nicht mehr leicht wiederfinde.
Selbstbewusstsein, Ironie, Aggression, politische und künstlerische Handlungsfähigkeit, Zartheit, Hartnäckigkeit und Witz, Freiheit und Autonomie begegnen mir in diesen Arbeiten. Einige wenige wie Cindy Sherman, Valie Export oder Orlan sind erfolgreich geworden, die große Zahl aber der Künstlerinnen ist in Hamburg zum ersten Mal zu entdecken. Die Radikalität, die sie eint, und die je eigene Qualität der Kunstwerke sind wunderbar.

Dass die Kunst von Pionierinnen der Frauenbewegung so aufrüttelnd und impulsgebend in die Gegenwart einschlägt und wie ein Gruß in die Zukunft uns erreicht, ist schon ein großer Moment.
Hauptbahnhof aussteigen, rüber schlappen – ganz leicht.