Letztes Jahr in Marktbreit

Wo ist Ihr Bett?
Wo soll es sein?

Im Gleichmaß verschwindet die Zeit. Gleichmaß ist Treibsand für Konturen, im Treibsand einer Pandemie verschwindet Erinnerung. Was habe ich vorgestern gemacht? Was im Juni? Der Oktober ist in körniges Vergessen gerutscht, November, Dezember hinterher. Es macht mir Angst, wie die Tage durch mich hindurchrinnen. Beim Spazierengehen: nahtlose Gegenwart, Wahrnehmungssplitter, diffuses Fernweh. Memories are made of this. Ich unterhalte mich mit meinen Gedanken, ich unterhalte den Strom der Gedanken, die meisten vergesse ich, manche behalte ich. 

Stefan BalkenholDie mittlere Spazierrunde führt zu Hagenbeck, wo Stefan Balkenhols Bronzeskulptur einer Giraffe am Eingang steht. Acht Meter hoch, an ihren Hals klammert sich ein Mann. Sehr freundlich und luftig, die beiden. Halten Ausschau und sind uns weit voraus Richtung Himmel. Neulich forderte jemand die Entfernung der Skulptur. »Wegen systemrelevantem Alltagsrassismus«. Weil schwarzer Mann auf Giraffe. Der Künstler empfahl, die nach Jahren oxidierte Bronze einfach mal zu putzen. Die Kulturbehörde sofort: Rassismus hat in unserer Stadt keinen Platz. 
Keinen eigenen Platz auf jeden Fall. Ich kenne keinen Platz des Rassismus. Doch es gibt den Alfred-Beit-Weg, die Godeffroystraße und den Woermannstieg. Die Reederei Woermann wickelte während des Herero-Aufstandes die Militärtransporte nach Namibia ab. Ob Woermann und die anderen Reeder die Hagenbeckschen Völkerschauen in der Deutschen Kolonialgesellschaft besprachen, wo sich wohlhabende Kaufleute und einflussreiche Bürger trafen? Das Wort »Kolonialgesellschaft« schlägt, während ich weitergehe, einen Funken zurück in einen Sommer vor Corona, ich habe vergessen, in welchen.

Ich verbrachte zwei Nächte in einem Hotel im Unterfränkischen, in Marktbreit am Main. Vorbildlich wird die Geschichte des traditionsreichen Hauses mit langen Texten und historischen Fotografien präsentiert. Ich schlafe in dem Zimmer, in dem einst König Ludwig I. nächtigte. Ich schlafe, er nächtigte. Im Fürstenzimmer. Ausgesprochen schön. Es gibt kein Foto von den Wandgobelins und den Stuckmalereien, dafür aber die Schwarzweiß-Aufnahme einer Karte von 1911: die Einladung zum Festmahl im Hotel anlässlich des 90. Geburtstags seiner Königlichen Hoheit Luitpold von Bayern. Und wer hat die Party ausgerichtet? Die Deutsche Kolonialgesellschaft, Abteilung Marktbreit. Ein ehemals wohlhabendes Städtchen, 

Hotel zum Löwen

das sieht man den barocken Bürgerhäusern, den bemalten Gauben und der Hafenanlage noch an. Tagelöhner schufteten noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts in dem wuchtigen Tretradkran am Fluss, liefen wie Hamster in riesigen Rädern, mit denen die Ketten zur Verladung der Güter bewegt wurden. Kaffee und Gewürze.
Stir carefully through the days. See how the flavor stays.

Natürlich weiß ich, dass in der richtigen Welt diese Dinge nicht zusammenhängen. Es gibt keine Linie, die vom Woermannstieg in die Ochsenfurter Straße führt, von Reedern zu Ärzten und quer durch die Jahrzehnte. Doch im ruhigen Gleichmaß meines Raums lassen sich Dinge bei mir nieder, zufällig, ungerufen, beiläufig, und werden sichtbar. In einer anderen Ordnung ist nichts vergessen, es ist alles da und miteinander in Berührung.

Das Erdgeschossfenster im Alzheimer-Haus.

Knapp zweihundert Meter spaziere ich   vom Hotel in die Ochsenfurter Straße 15 in Marktbreit. Alois Alzheimer wurde 1864 in diesem Haus in eine große Familie hineingeboren. One man, one wife. One love, through life. Memories are made of this. Jahrzehntelang war er, einer der beiden großen Söhne der Stadt, völlig in Vergessenheit geraten. Ein Pharmaunternehmen, das Alzheimer-Medikamente vertreibt, hat es nun als Gedenkstätte hergerichtet. Hier liegt die Akte der Auguste Deter in einer Faksimile-Ausgabe. 1901 behandelte Alzheimer die schwer verwirrte Patientin in der Städtischen Anstalt für Irre und Epileptiker in Frankfurt. Handschriftlich protokollierte er die Gespräche mit ihr, aus denen auch der später berühmt gewordene Satz stammt: »Ich habe mich sozusagen verloren.« Some grief, some joy. Memories are made of this. 1904 stellte Alzheimer seine Beobachtungen auf der Versammlung der Irrenärzte in Tübingen vor: Der Fall Auguste D. Nun wollte es der Zufall, dass auch C. G. Jung auf der Tagung war und einen aufsehenerregenden Vortrag über die junge Psychoanalyse hielt. Neben seinem glanzvollen Auftritt wurde Alzheimers Arbeit nur am Rande zur Kenntnis genommen.
Im selben Jahr – 1904 – kam der zweite Sohn von Marktbreit, Otto Hellmuth, in die Schule. Ein tüchtiger Junge, der später Zahnmedizin studierte und in seiner Geburtsstadt eine Praxis eröffnete. Und wie er Karriere machte: mit 23 Jahren schon fanatischer Gauleiter, mit 24 rief er öffentlich zur Lynchjustiz an Juden auf, agitierte vehement und machte sich durch antisemitische Aktionen einen Namen. Als NSDAP-Regierungspräsident ließ er 1940 hunderte psychisch kranker Patienten aus der Heil- und Pflegeanstalt in Werneck ermorden.

1945 ist die Geschichte nicht zu Ende. Der Verurteilung zum Tode durch den amerikanischen Militärgerichtshof entging er, da sich der Würzburger Bischof für den Katholiken Otto Hellmuth einsetzte. 1955 aus dem Gefängnis entlassen, erhielt er eine Haft-Entschädigung von 5.160 Mark. 1958 ließ sich Hellmuth als Zahnarzt nieder. Die AOK erteilte ihm und nicht einem der 21 Mitbewerber die Zulassung für alle Kassen, weil er die älteste Approbation vorweisen konnte. These are the dreams you will savor. With His blessings from above. Er liegt auf dem Friedhof von Marktbreit begraben.

Ich wünschte, ich könnte das vergessen. Aber die Geschichte ist mein blauer Elefant und lotet als Senkblei meinen Grund aus. Weil ich mir die Welt nicht vorstellen kann, in der das passiert ist, und doch weiß, das sie einfach nur gewöhnlich war, weil sich diese Wirklichkeit meiner Vorstellungskraft entzieht wie ein Schwarm silbriger Fischlein, der das Maul des Raubfischs blitzend und wie ein Schleier im Windhauch geschmeidig flieht, schaue ich noch einmal die historischen Fotos des Hotels durch.

Hotel zum Löwen, Marktbreit
Historische Aufnahme, etwa 1950. Mit freundlicher Genehmigung des Hotels zum Löwen.

Eine Aufnahme fühlt sich nach Nachkriegszeit an. Die Frisuren, das Moped, der Eisstand vor dem Hoteleingang. Kinder in Sonntagskleidchen stehen Schlange. Und neben dem Torbogen ein Filmplakat an der Hauswand. Man sieht eine dramatisch geschminkte Schauspielerin, dunkel gekleidet. Die Aufnahme strahlt eine bedrohliche Atmosphäre aus, die zu dem hellen Tag in Marktbreit nicht passen will. Ich vergrößere und ziehe Schärfe nach, starte Bildersuche und durchforste Filmarchive. Ich kann den Film nicht finden und mir selbst die Frage nicht beantworten, warum ich das Foto nicht vergesse. Don’t forget a small moonbeam. Fold it lightly with a dream.
Eigentlich habe ich aufgegeben. Aber dann, mit dem Mut der Verzweifelten, schreibe ich dem Leiter des Filmarchivs im Filmmuseum Frankfurt: Haben Sie vielleicht eine Idee? Minuten später hat er die Antwort für mich: Sybille Schmitz in »Die letzte Nacht«. In dem Drama spielt sie eine französische Résistance-Kämpferin, die im Keller Flugblätter druckt. »Wie lange werden Menschen noch dulden, dass Menschen sterben, weil Menschen es wollen« steht drauf. Der Film war ein totaler Flop an den Kinokassen. Sybille Schmitz war vor dem Krieg ein UFA-Star, Goebbels strich sie wegen ihrer Bisexualität und ihrem ungermanischen Aussehen von den Besetzungslisten. Im Nachkriegsdeutschland bekam sie kaum noch große Rollen. Depression, Alkohol- und Morphiumsucht bestimmten ihre letzten Jahre. 1955, in dem Jahr als Otto Hellmuth aus der Haft entlassen wurde, nahm sie sich das Leben.

Bei Hagenbeck steige ich in die U-Bahn und fahre zum Stephansplatz. In dem neoklassizistischen Gebäude, vor dem ich jetzt stehe, war früher das Esplanade-Theater, das vornehmste und anspruchsvollste Kino der Stadt. Im großen Saal wurde 1949 »Die letzte Nacht« uraufgeführt.
Der Sommertag im Unterfränkischen hat zu mir aufgeschlossen. Viele Tage und leere Wochen übersprungen. Aber ich stehe vor diesem Gebäude nicht im Treibsand, sondern befinde mich im Kreuzungspunkt von Zeitfäden und Stadtspuren. In mir kreuzen sie sich. Ich stehe ganz gut. Im Sommer 1982 wurde das Esplanade geschlossen. Im Februar hatte »Die Sehnsucht der Veronika Voss« in Berlin Uraufführung. Vielleicht war Veronika Voss im Frühjahr noch im Programm des Esplanade. Fassbinder liebte die Schauspielerin Sybille Schmitz und erzählt in dem Film fiktionalisiert ihre Geschichte. One man, one wife. One love, through life. Memories are made of this. Dunkel, hingebungsvoll und voll gebrochener Traurigkeit singt Rosel Zech als Veronika Voss den Dean Martin-Song. Begleitmusik für meine vergessenen Tage.

 

Die Welt für Hamburger

Januar in einer Pandemie ist der perfekte Moment, um an den Sommer zu denken, an Licht, an Klänge und schöne Orte. Letzten Sommer sind wir zuhause geblieben. Zuhause in Hamburg mit offenen Augen und Fernweh. Nur in der Stadt unterwegs und doch in Europa gereist.
Hier sind sie: die 22 schönsten Postkarten vom Sommer 2020!
Erkennen Sie Straßen und Plätze? Wer die einundzwanzig Orte (der letzte ist unser Balkon!) benennt und uns schreibt oder sie wenigstens gut beschreiben kann, gewinnt etwas unerhört Tolles*.

Ihr Lieben,

unsere Pension in Toulouse hätten wir uns nicht schöner erträumen können. Die Sommerwochen verfliegen! Mit dem Rad machen wir Ausflüge am Canal du Midi, wir schlafen im Gras und trinken Pastis. Jeden Tag lernen wir drei okzitanische Vokabeln – jeder verschiedene. Zusammen können wir uns also bald ganz normal unterhalten.

Herzlich, Eure B.

Ihr Lieben,

ein klarer Nachmittag auf dem Canal Brenta. Palladios Villen machen bessere Menschen aus uns. So fühlen wir uns zumindest.
Von Venedig aus wollen wir morgen nach Triest übersetzen.

Seid herzlich gegrüßt, Eure B.

Ihr Lieben,
von einem Ausflug in den zauberhaften Parc oriental de Maulévrier an der Loire grüßt Euch begeistert und sehr herzlich, Euer P.

P.S. Unglaublich, was Geld in Verbindung mit Kennerschaft vermag! Japanischer Zauber pur.

Ihr Lieben,

das Wetter zeigte sich heute nicht von seiner angenehmsten Seite. Umso mehr konnten wir die Ausstellung in den Uffizien genießen. Vor dem Selbstporträt von Raffael standen wir eine Stunde lang ganz allein.
Ein bezaubernder Tag.

I migliori Saluti, P.

Ihr Lieben,

die Ankunft in Rotterdam vom Wasser aus ist spektakulär! Beeindruckend, kraftvoll und ganz zum Meer hin geöffnet.Wir freuen uns sehr auf die Stadt.

Eure B.

Ihr Lieben,
irgendwie hatten wir uns mehr Trubel, ja, mehr Lebhaftigkeit und buntes Leben in Christiana vorgestellt – und eigentlich auch gewünscht.

Aus dem kühlen Kopenhagen grüßt Euch aufs Herzlichste, Euer P.

Ihr Lieben,

man denkt, niederländische Städtchen seien sich im Grunde sehr ähnlich und als Hamburger könne man nicht viel Neues entdecken. Weit gefehlt! Groningen nimmt uns freundlich auf. Wir spazieren durch Hofjes und an Bürgerhäusern vorbei und trinken lecker Kaffee.

Hartelijk, Euer P.

Ihr Lieben,

wer nach Bornholm fährt, darf sich letztlich nicht beschweren, wenn er dänische Idylle vorfindet. Doch ein Tüpfelchen mehr und wir wären blind geworden vor lauter dänischer Idylle.

Sonnige Grüße von einer herrlichen Insel, Eure B.

Ihr Lieben,

unser Ausflug ins Westfälische hat interessante Seiten und unerwartete Momente. Tatsächlich könnt Ihr froh sein, dass man Geruch nicht auf eine Postkarte kleben kann!

Beste Grüße, Eure B.

Ihr Lieben,
so lange schon wollten wir Lüneburg sehen. Aber dann fuhren wir nach Kanada, nach Ägypten und Jordanien. Diesen Sommer also gehen wir durch Lüneburg.

Herzlichst, Euer P.

Ihr Lieben,

bei einem Spaziergang in der Nähe von Bré fragten wir uns, wie man eigentlich leben kann ohne das Tessin. Eine Landschaft so voller Zartheit und Farben, dass es den Dichter braucht, um sie zu beschreiben. Wir genießen jeden einzelnen Moment dieses Sommers!

Traumwandelnd, Eure B.

Ihr Lieben,
auf einmal standen wir im masurischen Olsztyn in diesem Hinterhof und fühlten uns weit weg von Zuhause.

Herzlich grüßt, B.

Ihr Lieben,
ist unsere Karte von der Wolga-Schifffahrt schon angekommen? Was für ein Strom! Im großen Nischni Nowgorod steht diese kleine Holzkirche, in der wir eine Kerze angezündet haben.

Herzliche Grüße, Euer P.

Ihr Lieben,
endlich spielen Deine Mutter und ich wieder Boule in Aix-en-Provence – so wie früher. Die Pandemie bringt uns auf Ideen!

Bonne chance! P.

Ihr Lieben,
in den Vororten von Manchester fühlt man sich, als spaziere man durch einen Ken Loach-Film.
B. meint allerdings, es könne genauso gut Barmbek sein.

Viele Grüße, P.

Ihr Lieben,
durchgepustet und mit frischen Ideen laufen wir nach einem sonnigen Tag auf der Ostsee wieder in den Hafen von Kaliningrad ein.

Herzlichst, Eure B.

Ihr Lieben,

Ihr dürft uns von nun an gern bürgerlich und/oder unpolitisch nennen. Vor dem Unbill der Welt haben wir uns diesen Sommer in einer toskanischen Villa versteckt, wo das außerordentlich köstliche Abendessen auf der Terrasse serviert wird. Den Kofferraum des Volvos haben wir voll Bücher gepackt. So schnell seht Ihr uns nicht wieder!

Best wishes! Eure B.

Ihr Lieben,
ein Hausboot auf der Müritz! Aus dem Traum ist endlich Wirklichkeit geworden. Schon vor dem Frühstück hüpfen wir ins Wasser, nachmittags gondeln wir durch schönste Natur. Wir hätten vielleicht angeln üben sollen.

Ganz herzlich, Euer P.

Ihr Lieben,

in den sonnendurchfluteten Wäldern der Charente-Maritime radeln wir gen Süden und bestimmen mit einer kostenlosen App fremde Pflanzen. Die Kiefern duften, unser Französisch ist lausig und wir amüsieren uns mit erfundenen Fabeln.

Baguette, bisous, bronzer! B.

Ihr Lieben,

wir dachten, die Berge wären eine schöne Abwechslung. In Blankenese haben wir Trittsicherheit trainiert, alpine Erfahrung in den Harburger Bergen gesammelt und Schwindelfreiheit im Michel getestet. Nun erweisen sich diese Alpen als unbotmäßig bergig. Wir reisen morgen nach München und freuen uns auf den Besuch in der Pinakothek.

Herzlich, Eure B.

Ihr Lieben,

unser Häuschen liegt an den Hängen der Côte d’Azur, wo wir schon in den siebziger Jahren gern die Spätsommer verbracht haben. Unsere Nachbarn sind reizend und wir fahren gemeinsam Weingüter ab. Ein Sommer ganz nach meinem Geschmack!

Cordialement, P.

Ihr Lieben,

der Balkon ist unser Sommer.
Paitho, unsere griechische Landschildkröte, trägt eine lange Geschichte auf ihrem wunderschönen Panzer eingraviert. Und Fanny, das Katzenkind, erinnert uns ans Spielen. Der Eukalyptus duftet.
Wir denken an Euch! B.


*Der zweite Platz wird mit etwas Besonderem honoriert und der dritte mit etwas Schönem.

1. Platz Eine individuelle Stadtführung in Hamburg
2. Platz Eine Flasche ausgezeichneten Primitivo
3. Platz Eine traumhaft schöne Schokoladen-Aubergine

Einsendeschluss: 24. Januar 2021. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Hannah Ryggen. Ikonographie des Lebens

Nach den Touristenmengen, die in einer endlosen, schnatternden Polonaise durch die neue Frankfurter Altstadt ziehen, wirkt die Stimmung in den Ausstellungsräumen der Schirn noch einmal zurückgenommener und konzentrierter, als die monumentalen Tapisserien ohnehin anmuten.

Ehe ich auch nur einen Wandteppich aus der Nähe anschauen kann, läuft mein Gehirn auf Autopilot. Die Warnlampen Dekoration und Kunsthandwerk blinken. Ich spüre nahezu körperlich, dass meine Wahrnehmung, wenn man sie nur einen Moment unbeobachtet lässt, alle Register zieht und durchläuft. Man könnte auch sagen: Ich bin schrecklich konventionell. Abstrakt, seriell, konzeptuell, Pop-art, kubistisch, expressionistisch – das ist kanonische Moderne, und die Ausschlusskriterien sind klar. Gewebte Tiere und buntige Figürchen gehören dazu.
Sicher, Rosemarie Trockel, Louise Bourgeois oder Cosima von Bonin haben Terrain gewonnen, Stricken und Nähen eingesetzt sowie Wolle und Stoff dem Raum der Kunst hinzugefügt. Das Bauhaus-Jubiläum bringt Textilkünstlerinnen wie Gunta Stölzl und Lilly Reich endlich ins Bewusstsein. Und die Ausstellung Gegen die Unsichtbarkeit. Designerinnen der Deutschen Werkstätten Hellerau 1896 bis 1938 im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg hat dieses Jahr erst Arbeiten von Frauen gezeigt, die die Trennlinie zwischen Design, Kunst und Gestaltung zerlöcherten und den Begriff der Moderne erweiterten. Auch die Bilder der Ausstellung Feministische Avantgarde hallen im Bildgedächtnis nach.
Trotzdem gibt es in mir immer noch Reflexe, die wahrscheinlich in direkter Linie von Oskar Schlemmers »Wo Wolle ist, ist auch ein Weib, das webt, und sei es nur zum Zeitvertreib« abstammen. Meine Ignoranz ist sogar mir selbst unangenehm.

Nun stehe ich aber zwischen diesen Wandteppichen und da ich auf keinen Fall wieder zurück in den Tumult ums Authentische da draußen will, beginne ich zu schauen. Es ist ohnehin zu spät: Keine gedankliche Barriere schützt vor der Bildkraft dieser Werke. Eigenwillige Figuren, abgeschnittene Hände und plane Gesichter rücken mir unmittelbar nahe, die erzählerische Intensität der Szenerien gibt ihnen physische Präsenz.

Eine außergewöhnliche Frau war Hannah Ryggen. 1894 in einer Arbeiterfamilie geboren, wird sie Lehrerin und entdeckt mit Anfang Zwanzig die Kunst für sich, nimmt Malunterricht, reist 1922 nach Dresden, um dort die Alten Meister wie auch die zeitgenössische Kunst zu studieren. Sie nimmt begierig die Formen der Malerei in sich auf, lässt sich aber keineswegs einschüchtern – weder von Meisterwerken noch von jungen erfolgreichen Künstlern. Als sie einige Monate später nach Norwegen zurückkehrt, hat sie nicht nur den Mann kennengelernt, den sie heiraten wird, sondern sie weiß auch, dass sie etwas mit den Händen erschaffen will, dass ihre Leinwand der Webstuhl sein wird. Zweifeln, verzweifeln wird sie in den nächsten Jahrzehnten, lernen, schuften und scheitern, doch sie weiß offenbar unverrückbar, dass sie eine Künstlerin ist, eine Sozialistin zudem, die Lust an der Provokation verspürt, und eine selbstbewusste Frau, die Vertrauen in ihr Tun legt, gesellschaftliche Tabus nicht scheut und Widersprüche aushält. Zehn Jahre lang verbessert die Künstlerin ihre Technik, erlernt pflanzliche Färbemethoden und taucht durch die Kunstgeschichte der Tapisserie und Freskomalerei hindurch, bis sie ihre eigene Sprache findet.

(c) Schirn_Presse_Hannah_Ryggen_am_Webstuhl_um_1964_Adresseavisen.jpg
Hannah Ryggen am Webstuhl, um 1964, Adresseavisen, Trondheim

Mit ihrem Mann Hans und der gemeinsamen Tochter lebte sie isoliert und oft in finanzieller Not auf einem kleinen Selbstversorgerhof an der Westküste Norwegens und schuf dort ihre monumentalen Wandteppiche. Ihre biografischen Entscheidungen sind für das Verständnis ihrer Arbeit gleich mehrfach von Bedeutung:

Hannah Ryggen vergaß nie ihre Herkunft aus der Arbeiterschicht. Dekorative Kunst in der Malerei und rein oberflächliche Muster der volkstümlichen Webkunst interessieren sie nicht. In vielen Arbeiten der 30er und 40er Jahre befasst sie sich mit aktuellen poli­ti­schen Ereignissen und bekräftigt in der Wahl ihrer Themen und Motive ihre sozia­lis­ti­sche Über­zeu­gun­g. Mit dem traditionellen Medium des Wandteppichs richtete sie sich an die Öffentlichkeit: Sie wollte in Diskussionen eingreifen und möglichst viele Menschen sollten die Bilder sehen können. Mit ihren monumentalen Bildmanifesten, die an öffentlichen Orten hängen sollten, reklamierte Hannah Ryggen obendrein die große Bühne für sich, die weibliche Künstlerinnen bis dahin nicht in Anspruch genommen hatten. Sie hat Zeit ihres Leben nicht an private Sammler verkauft. Die Armut der Familie war bitter, meistens lebte sie von Selbstversorgung und vom Verkauf der Bilder Hans Ryggens, der seine Frau in ihrer kompromisslosen Haltung unterstützte.

Lebensumstände, politische Gegenwart und Selbstverständnis sind mit Hannah Ryggens künstlerischer Arbeit untrennbar verbunden. Das alltägliche Leben, das Verhältnis von Mensch zu Natur, Leben in der Gesell­schaft, Liebe und Schmerz, Menschsein, Sterben, Krie­g, Macht­miss­brauch, Fami­lie, Mitmen­schen, politische Anliegen und tagesaktuelle Fragen waren für sie gleichberechtigte Themen, die sie in ihren Collagen und Bühnenbildern erzählend verwob. Ebenso gleichberechtigt verwendet sie Repertoire und Formensprache der zeitgenössischen Kunst neben mythologischen Motiven, verknüpft religiöse Darstellungstraditionen und alltägliche Szenen, verbindet individuelle Symbole mit kollektiver Bildersprache und expressiven Formen.

Und es scheint, als wäre sich Hannah Ryggen ihrer gesellschaftlichen Stellung als Frau immer außerordentlich bewusst gewesen. Sie streitet für einen gleichberechtigten Zugang zum Kunstmarkt und reflektiert Frausein und Mutterschaft, Beziehung und Liebe wie selbstverständlich in ihren Bildern. Dabei war das Thema der Mutter-Kind-Bindung in der Kunstgeschichte 1947, als sie Mutterherz webte, keineswegs selbstverständlich, es war schlichtweg nicht vorhanden. Trauer, intensivste Liebesgefühle, ein zerbrochenes Herz, eine leere Gebärmutter, das Bild erzählt ein berührendes Drama in allen erdenklichen Rottönen. 1937 entstand das Triptychon Unverheiratete Mutter, nahezu mittelalterlich in der bildnerischen Anlage. Das Motiv der alleinstehenden Mutter ist in der Malerei in der Regel mit Armut, Erschöpfung und moralischer Verworfenheit verbunden. Ryggens farbsatte, strahlende Darstellung der intimen Zweisamkeit von Mutter und Kind erzählt von Fröhlichkeit und Selbstbewusstsein. Mehrere Motive überlagern sich in dem Wandteppich Liselotte Herrmann enthauptet von 1938. Die deutsche Kommunistin Liselotte Herrmann, Mutter eines kleines Jungen, wurde 1935 von der Gestapo verhaftet, gefoltert, wegen Spionage zum Tode verurteilt und trotz internationaler Proteste 1938 in Plötzensee hingerichtet. Ryggen verwendet ein Zeitungsfoto als Bildvorlage – ein Foto aus dem kollektiven Gedächtnis – und bearbeitet das Motiv in der Bildwelt einer klassischen Heiligenlegende. Mit ihrem Kind auf dem Schoß gehört Liselotte Herrmann mitten hinein ins Leben, ein roter abgehackter Fuß steht für den Leidensweg, in der Todeszelle liegt nur die Babydecke über ihrer Schulter. Marie Luise Knott schreibt in ihrem Essay »Im Flammenhemd des Lebens«, Hannah Ryggens Arbeiten durchdringen ihre Zeit und transzendieren diese anstatt sich (…) zu ihren Dienern zu machen (Ausstellungskatalog, S. 65). An kaum einem anderen Bild ist diese Bewegung so unmittelbar nachvollziehbar. Das Bild bewegt sich nicht an der Oberfläche der Aktualität, so zeitnah es auch das Ereignis aufnimmt. Es erinnert fürderhin an die mutige junge Frau, zeigt das grauenvolle Unrecht, empfindet die Tragödie eines unvollendeten Frauenlebens nach und macht sie mit den Mitteln der künstlerischen Bearbeitung erst sichtbar. Eine erschütternde Darstellung faschistischer Grausamkeit.

Das Motiv des abgeschlagenen Kopfes taucht in einem anderen Bild wieder auf: Ethiopia von 1935, entstanden kurz nach Mussolinis Invasion in Äthiopien. Haile Selassie hatte den Völkerbund vergebens um Beistand gebeten, das faschistische Italien annektierte das Kaiserreich. In einer Bildreihe sind eine afrikanische Frau, ein europäischer Minister, Hände in verschiedenen Hautfarben, der Kaiser Selassie und schließlich der abgeschlagene Kopf Mussolinis, aufgespießt auf den Speer eines äthiopischen Kämpfers, zu sehen. Die unteren zwei Drittel bestehen aus geometrischen Flächen und Mustern – ein montiertes, sandiges, erdfarbenes, klares Fresko. Ein fast vier Meter langes Protestmanifest ist dieser Teppich und nicht zimperlich in der Motivwahl. Auf der Weltausstellung in Paris 1937 hing der Teppich im norwegischen Pavillon, allerdings zensiert: Mussolinis abgeschlagener Kopf musste nach hinten gerollt werden. Nebenan, im französischen Pavillon, sorgte Picassos Guernica ebenfalls für Furore.

Ein Jahr später, 1936, entstand Tod der Träume, ein Werk, das sowohl die symbolische Fragmentierung der Körper wie auch den bühnenhaften Bildaufbau wiederholt. Die Gestalt des inhaftierten Carl von Ossietzky in Handschellen ist dargestellt. Im Würgegriff des rotgesichtigen Goebbels leidet ein anderer Gefangener. Von größter Kraft ist in diesem Bild aber Ryggens Umgang mit dem Ornamentalen. Auf der braunen Grundfläche zeichnen sich grafische, scheinbar neutrale Muster ab, die erst auf den zweiten Blick ihre Wahrheit hinter dem seriellen Ornament zeigen: Hakenkreuze.

Hannah Ryggen, Drømmedød (Tod der Träume), 1936, Bildteppich aus Wolle und Leinen, 235 x 273 cm, Nordenfjeldske. Kunstindustrimuseum (Nationales Museum für Kunsthandwerk und Design), Trondheim© H. Ryggen, VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Anders Sundet Solberg

Leidenschaftliche und ausdrucksstarke Bilder ihrer Zeit sind in Frankfurt zu sehen, Kunst, die die Gegenwart bitter nötig hat.

Schirn Kunsthalle Frankfurt, 26.9.2019 bis 12.1.2020

FRAUENBIOGRAFIEN – Hamburg-App

Wo man eben so hinschaut beim Flanieren in der Stadt: in Schaufenster, auf Fassaden und Zebrastreifen, in Toreinfahrten und auf Straßenschilder. Manches Schöne und wohl auch einiges Interessantes sieht man auf diese Weise, aber vieles bleibt unsichtbar. Ein ganz besonderes Guckloch und eine mitreißende Tiefenbohrung in die Hamburger Geschichte bietet eine App, erschienen dieses Jahr zum 100jährigen Jubiläum des Frauenwahlrechts: Frauenbiografien.
Frauen sind im kollektiven Gedächtnis unterrepräsentiert, Straßennamen und Denkmäler gelten zum allergrößten Teil Männern. Die Arbeit von Frauen fand lange und findet immer noch wenig Anerkennung, weibliche Lebensleistungen haben keinen Ort im kollektiven Gedächtnis.
In der Datenbank, die hinter der App liegt, sind Lebensläufe, die Arbeit und Bedeutung von verstorbenen Hamburgerinnen gesammelt & aufgearbeitet. Keineswegs nur prominente Autorinnen, Unternehmerinnen oder Journalistinnen, auch unbekannte Frauen sind da zu finden, die in ihrem Lebensumfeld Spuren hinterlassen haben, die Kunst gemacht oder im Stillen gearbeitet haben. Daneben stehen ausführliche Texte zu Einrichtungen oder Orten, die für Frauen von Bedeutung waren oder sind. Man kann direkt nach Namen suchen, nach Straßen oder einfach in einem geografischen Radius.

Grafisch ist die App so schlicht, dass es beinahe weh tut – wahrscheinlich gab es nicht genug Geld. Nicht egal, aber trotzdem: Die Ergebnisse sind großartig: ausführlich, genau recherchiert, mit Querverweisen, und wer mag, lässt sich auf wissenschaftlich fundierte Hintergründe ein. Für Nutzer*innen, die gerade nur Lust auf ein Appetithäppchen haben, gibt einen kurzen Einführungstext zum Eintrag und die Option, in einer bestimmten Straße weiterzusuchen oder sich die Route anzeigen zu lassen.

Ich tippe auf Umkreissuche. Im Kattrepel bekomme ich 400 Einträge in einem Radius von zweieinhalb Kilometern und erfahre, dass genau hier im Kattrepel um das Jahr 1428 in kleinen Butzelbuden Prostituierte arbeiteten und die Stadt daran tüchtig verdiente. 60 Jahre später wurde das Gewerbe verboten und doch geduldet, allerdings zwang man die Frauen eine Haube mit einem aufgenähten gelben Band zu tragen. Doppelmoral und Stigmatisierung sind mitten in der Hamburger Innenstadt offenbar zuhause: Der Gerhart-Hauptmann-Platz hieß früher Pferdemarkt, Giebelhäuser umstanden den gepflasterten Platz, wo 1732 ein Pranger aufgestellt wurde, an dem »treulose Ehefrauen und liederliche Weiber« mit einem Namensschild ins Halseisen eingeschlossen und öffentlich zur Schau gestellt wurden. Männer mussten für Ehebruch lediglich diskret eine Geldstrafe zahlen. Am Gerhart-Hauptmann-Platz lebte auch Ernestine Hoffmann, die als junge Frau ab 1779 eine der ersten deutschsprachigen Frauenzeitschriften Für Hamburgs Töchter herausgab. Auf ihren gesellschaftlichen Ruf bedacht, veröffentlichte sie unter einem männlichen Pseudonym. Ich sitze auf der umtosten Bushalte, lese über den Postvertrieb der Oktavhefte, über Herausgeberfiktion, Tugenddiskurs, Weiblichkeitsideale und die Konstruktion von Geschlechtersphären. Wenn ich aufschaue und die Schaufensterpuppen der Bekleidungsgeschäfte betrachte, die mir zeigen, wie ich mein Selbstbild mir vorstellen soll, ist diese Vergangenheit nicht vergangen. Ein paar Schritte weiter, im Jacobikirchhof eröffnete 1798 Dorothea Encke die Enckesche Winkelschule – bekannt sind diese Einrichtungen auch unter dem Namen Klippschulen, was nichts anderes als privat organisierte, behördlich nicht anerkannte Schulen waren. Die siebzehnjährige Dorothea und ihre Geschwister waren Waisen, sie musste mit dem Unterricht für die jüngeren Kinder sorgen. Die Enckesche Winkelschule genoss wohl über Jahrzehnte einen ausgezeichneten Ruf, und die Schulleiterin war, als sie mit 68 Jahren in Rente ging, ohne finanzielle Sorgen.

In Metern bin ich nicht weit gekommen an diesem Nachmittag. An historischem Wissen, an Geschichten, die hier auf den Straßen rumlungern und in unsere Gegenwart hineinreichen, an Frauenbiografien und Erinnerungsorten bin ich reich. Ein paar kleine Löcher weniger im Erinnerungsnetz.

Die Idee für die Frauenbiografien stammt von Dr. Rita Bake. Die Sozialhistorikerin lehrte in der Frauenforschung der Uni Hamburg, war bis 2017 stellvertretende Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und gründete den Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Sie ist auch verantwortlich für die Datenbank Hamburger Frauenbiografien.

Das Foto oben übrigens zeigt Elvira Unglaube, die erste Elvira Unglaube.
Sie trat zusammen mit ihrem Ehemann auf Volksfesten in einer spektakulären Show auf: kopfüber an einer Strickleiter unter einem Gasballon durch die Luft schwebend. Das ging lange gut, bis sie bei einem Gewittersturm tödlich verunglückte. Die zweite Ehefrau von Paul Unglaube hieß ebenfalls Elvira – es ist nicht zu glauben! – und trat die Nachfolge am Ballon an. Mit riesigen Erfolgen. Der Ballon wurde bei den Bombenangriffen 1943 vernichtet. Elvira die Zweite überlebte den Krieg und zog irgendwo nach Schleswig-Holstein.

Für iOS und Android. Kostenfrei.

Glückstadt, Stadtgedächtnis, Gedächtnislücke

In niederländischer Festungsmanier ließ der Dänenkönig Christian IV. Glückstadt an der Unterelbe errichten. Die Göttin Fortuna bekam die Stadt ins Wappen gesetzt und einen sechseckigen Grundriss, uneinnehmbar. Anfang des 17. Jahrhunderts war Hamburg durch den Handel mit den Kolonialmächten stark geworden, und Dänemark wollte neben Altona ein zweites politisches und wirtschaftliches Gegenwicht etablieren.
Die Dänengeschichte findet man heute auf jedem Schild. Brötchen, Heringe, Straßennamen – mit dem dänischen Pfund wird gewuchert. Warum auch nicht, ist kein Unheil übers Land gekommen aus Kopenhagen.

Einmal um die eigene Achse gedreht auf dem kopfsteingepflasterten Marktplatz und fertig ist das Panoramabild einer am Reißbrett entworfenen radialen Fürstenstadt. Sieben Straßen laufen sternförmig auf den Platz zu. Es ist friedlich in Glückstadt an diesem Samstagmittag. Adelshöfe, satte Palais und von Hamburgern sanierte Fischerhäuschen liegen mehr, als dass sie stehen, am Hafen. Die Elbe ist hier ein breiter Strom, der den Geruch nach Meer mitbringt, das Licht küstenhell.

Ich müsste eigentlich keinen Ausflug nach Glückstadt machen. Ich kenne Glückstadt. Habe vor langer Zeit für zwei Jahre hier gewohnt, in der Buchhandlung am Fleth gekauft, am Sperrwerk übers Wasser geschaut, habe im Fortuna-Bad gelegen und bin mit dem dunkelblauen Fiat hinter der Bahnschranke auf den Edeka-Parkplatz an der Christian-IV-Straße gebrettert.
In Hamburg fahre ich dieses Jahr oft an den Jubiläumstransparenten vorbei: 100 Jahre Universität. Da stelle ich mir vor, wie ein paar Professoren an einem herrlichen Tag im Jahr 1919 frohgemut auf ein repräsentatives leerstehendes Gebäude deuten und mit dem Lehrbetrieb loslegen. Aber wie bei jeder Geschichte gibt es auch hier eine, die schon vorausgegangen ist, und die Vorgeschichte für die Universität beginnt mit dem Hamburgischen Kolonialinstitut.

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In Hamburg, Kapitale des deutschen Kolonialismus, gab es Anfang des 20. Jahrhunderts Geld, Interesse und eine einflussreiche Lobby für die Einrichtung eines akademischen Instituts, das zunächst nur angehende Kolonialbeamte auf ihre Auslandstätigkeit vorbereiten sollte. 1911 gegründet und aus Stiftungen von Reedern bezahlt, die ihren Reichtum dem Kolonialhandel verdankten, wuchsen die Institute rasch: Ethnologie, Sprachwissenschaften, Sprachen und Geschichte Ostasiens, des Orients, afrikanische Sprachen, Geschichte und Kultur Indiens kamen hinzu. 1918 hatte es ein Ende mit dem deutschen Kolonialwesen, vom Kolonialinstitut blieben die renommierten wissenschaftlichen Fakultäten übrig, aus denen 1919 die Universität Hamburg hervorgehen konnte. Während ich – beschäftigt mit dieser Vorgeschichte – auf der Internetseite des Sonderforschungsbereiches Manuskriptkulturen in Asien, Afrika und Europa lande und Abbildungen komplexer mehrsprachiger Manuskripte betrachte, fällt mir aus dem Gedächtnis ein Bild zu: eine Pappe mit chinesischen Schriftzeichen hinter einem staubigen Fenster am Fleth, kurz vor dem Fortuna-Schwimmbadeingang. Als ich in Glückstadt wohnte, blieb ich kein einziges Mal dort stehen, obwohl ich oft vorbeiging. Keine Augen damals, keinen Blick.

Um Bewohner für seine neue Stadt zu werben, erlässt König Christian ein Toleranzedikt, verspricht Steuerfreiheit und spendiert Baugrundstücke. Die ersten, die kommen, sind aus Portugal vertriebene sephardische Juden – Kaufleute, Münzmeister und Gelehrte, die das Wirtschaftsleben ankurbeln. Die Belagerung Wallensteins übersteht die junge Festungsstadt, nun braucht Christian, um seinen Einfluss an der Elbe zu festigen, Gedrucktes. Polizeiverordnungen, Gesetzesbücher, Patente und Plakate mussten her. 1632 verleiht der König dem Drucker Andreas Koch das Privileg, eine Druckerei in Glückstadt zu führen. Diesen Betrieb übernimmt 1775 die Familie Augustin, für weitere 200 Jahre bleibt er im Familienbesitz. 1905 geht die Leitung des Unternehmens an Heinrich Wilhelm Augustin über, einen ausgezeichneten Schriftsetzer. Er beginnt früh damit, fremdsprachige Schriftzeichen zu sammeln. Weniger aus kulturellem Interesse denn aus Geschäftssinn. Er akquiriert und bekommt Aufträge vom Hamburgischen Kolonialinstitut – wissenschaftliche Abhandlungen zur Linguistik afrikanischer Sprachen. Über hundert Schriften von Mandschu, Äthiopisch, ägyptische Hieroglyphen, Assyrisch, Koptisch, Keilschrift, Arabisch, Sanskrit bis Persisch oder Tatarisch kann die Druckerei Anfang der dreißiger Jahre setzen. Aufträge für komplizierte mehrsprachige Bücher und Texte in exotischen Sprachen kommen aus der ganzen Welt, denn keine andere Druckerei ist in der Lage, fehlerfrei und in dieser Qualität zu drucken. Später werden das mehrbändige assyrische Wörterbuch der Universität Chicago oder die Abhandlungen des Deutschen Archäologischen Instituts Kairo in Glückstadt gedruckt. Als Augustin 1912 die Anfrage bekommt, ein Werk über Ackerbau und Seidengewinnung in China zu setzen, besorgt er sich aus Shanghai 7.200 chinesische Schriftzeichen und erweitert den Bestand 1926 noch einmal um 12.000 Zeichen. Augustin erfindet den Chinesischen Zirkel, ein Möbel, das er wie alles Mobiliar der Druckerei im Hinterhof von seinen Tischlern bauen lässt und das es den Druckern ermöglicht, auf die über 20.000 Zeichen zuzugreifen, ohne ständig Schubladen aufzuziehen oder an Regalen entlang gehen zu müssen. Die bis auf etwa 1,50 Meter Höhe aufeinander gestapelten Setzkästen bilden die sieben Segmente eines Achtecks, durch das freie achte betritt der Setzer diesen magischen Raum und braucht sich nur noch um die eigene Achse zu drehen und zu bücken. Die Setzer prägen sich einzelne Zeichen im Manuskript als Bild ein, zerlegen es in grafische Elemente und finden das richtige anhand eines komplizierten Auffindesystem aus Zahlen und Zuordnungen. Etwa zwei Minuten braucht ein »Augustiner« für ein Zeichen.

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An diesem Samstagmittag kehrt ein Mann den Hof neben dem Haus Am Fleth 36. Ich spreche freundlich vor, und als hätte er nur auf diese Frage, als hätte er schon lange auf einen Besucher gewartet, steht der Besen innert Sekunden an der Wand und ich bekomme eine hervorragende Führung durch die stillgelegte Fremdsprachendruckerei Augustin. Zwei Stunden lang gehen wir von Maschine zu Setzkasten, von Tisch zu Schubladenschrank, von der Gießerei zu den Matritzen, von den Monotype-Maschinen in die Bibliothek mit verglasten Bücherschränken für tausende Bände. Hellgrün blättert die Farbe von den Wänden, Putz bröckelt, der Fußboden wellt sich. Und doch sieht es aus, als wären die Drucker nur eben zum Mittagessen gegangen. Ein Kasten mit hunderten von Gevierten steht da, eine Schublade halb geöffnet mit armenischen Schnörkeln. Akzente, Spatien aller Couleurs, hebräische Vokalzeichen. Sonnenlicht flutet den großen Raum, eine Zeitkapsel, das aus der Zeit gefallenes Gedächtnis der universalistischen Schriftkultur und eine wirklich einzigartige Erinnerung an die Kunst des Buchdrucks. Ein Schatz liegt in dem Backsteinhaus, das Material vielstimmigen Denkens und Sprechens.

Wie hypnotisiert trete ich auf die Straße. Ich war seit langer Zeit die erste Besucherin. Vor fast zehn Jahren holte eine Ausstellung des Detlefsen-Museums den Chinesischen Zirkel aus dem Vergessen, fotografierte Candida Höfer die Maschinen als Objekte einer abgeschlossenen Vergangenheit, ein Film widmete sich dem Gedächtnisort. Heute denken die Besitzer daran, aus der Druckerei ein Event-Hotel zu machen, denn das Erbe lastet schwer und teuer auf der Familie. Nach der kurzen Renaissance versank die Druckerei wieder im Dornröschenschlaf. Zum hundertjährigen Jubiläum der Universität wäre es doch ein Projekt, wenn Studierende die Bibliothek anständig archivierten oder angehende Kulturmanager eine Fundraising-Kampagne erarbeiteten, um das Material zu erschließen und konservatorisch aufzubereiten.

Das hübsche Glückstadt hat viele und noch mehr Gründe, des Heinrich Augustin zu gedenken. Um den Betrieb in Kriegszeiten über Wasser zu halten, sicherte er sich exklusiv alle Druckaufträge der Kriegsmarine – genug, um seine Angestellten weiter zu beschäftigen. Er zweigte heimlich Papier ab und druckte 1945 auf diesen gehorteten Papierbeständen der Marine als Erstes eine Goethe-Ausgabe. Im Nationalsozialismus war der Drucker deutschnational gesinnt, doch viel zu sehr in der Vielzahl der Kulturen beheimatet, um Antisemit zu sein. Jimmy Ernst, Sohn des Malers Max Ernst und der Publizistin Lou Straus, konnte bei Augustin ab 1935 eine Lehre als Schriftsetzer machen und unter dem Schutz des Hauses im zunehmend antisemitischen Glückstadt leben. Augustins Sohn, Johannes Jakob war homosexuell. Sein Vater half ihm 1936 nach New York zu emigrieren, wo er eine Verlagsabteilung aufbaute und universitäre Kontakte knüpfte. In Glückstadt wurden in den vierziger Jahren mithin gleichzeitig Aufträge der Kriegsmarine und die neuesten Arbeiten US-amerikanischer Ethnologen und Anthropologen gedruckt.

Wie abenteuerlich das Leben der Glückstäder Portugiesin Sara da Silva auch gewesen sein mag, am 8. April 1651 hat sie diese Erde in der Hoffnung auf ein besseres Leben verlassen. Ihr Grabstein liegt auf dem jüdischen Friedhof, der an der Pentzstraße nur schwer zu finden ist. 1941 ließ der Bürgermeister Wilhelm Vogt alle 164 Grabsteine wegtragen und auf der Kegelbahn der Gaststätte Hoffnung stapeln. Steinmetze durften sich am Material bedienen. Über den Gräbern, auf dem Friedhofgelände, richtete man eine Bezirksabgabestelle für Obst und Gemüse ein. 1945 befahl der britische Colonel Goldberg, die übrig gebliebenen einhundert Grabsteine wieder auf dem Friedhof abzulegen. Die Schändung des Friedhofes bekam Jimmy Ernst nicht mehr mit. Drei Jahre zuvor hatte Heinrich Augustin ihm ein Visum für die USA besorgt und er war wie Johannes Augustin nach New York emigriert, wo er später Maler wurde.

Vom Friedhof schlendere ich noch zum Binnenhafen und esse mit Blick aufs Wasser ein ausgezeichnetes Matjesbrötchen. Ein Gimel aus dem phönizischen Alphabet liegt schwarz und miniklein in meiner Hand.

 

lückstadt.

Flanieren in Hamburg – die »Bibliothek der Dinge«

In den Bücherhallen am Hühnerposten steht neuerdings eine Glasvitrine, gleich hinter der Drehtür ein paar Schritte nach links. Ein hohes Möbel, vollgestellt mit Gegenständen, die Türen mit Schlössern verriegelt. Ich betrachte aus gebührender Entfernung die auf Augenhöhe ausgestellte Actionkamera.
Herr Baudrillard ist sofort hellwach und schaut mir über die Schulter. Bei Konsumgütern kann er richtig streng werden. Dinge sind doch nur Wunschmaschinen, sagt er. Ware und Wunsch sind untrennbar miteinander verknüpft, sagt er. Ein Ding ist nicht nur ein Ding; es ist ein Zeichen für etwas: Eine Bohrmaschine steht für Potenz, eine Actionkamera verspricht mannhafte Dynamik, flüstert er mir ins Ohr. Gefangen in dieser Scheinwelt, wünschst du dir sehnlichst Potenz und kaufst also den Sportwagen. Doch das Auto erfüllt deinen Wunsch nicht. Es ist dein Wunsch und deshalb hältst du es heilig, dieses magische Ding. Und nächstes Jahr kaufst du das nächste.
Das war schon 1968 nicht falsch. Aber warum präsentiert eine öffentliche Bücherei Dinge wie Preziosen im bürgerlichsten aller Möbelstücke, der Vitrine? Ich schiebe Herrn Baudrillard sanft beiseite, damit ich besser sehen kann und lese:
Bibliothek der Dinge.
Alle Dinge hier sind gegen eine Gebühr von 1 € für vier Wochen ausleihbar. Die Liste umfasst:
Actionkamera
Bluetooth-Lautsprecher
Controller
Hängematte
Heimwerkerset
Laminiergerät
Nähmaschine
Skateboard
Smartphone-Objektive
Polaroidkamera
Slackline
Strickset
Teleskop
Ukulele
Zeichentablet

Es gibt in der Hamburger Innenstadt, wo jeder Bürgersteigzentimeter Umsatz bringen muss, also einen Ort, der die Scheinwelt des Konsums zertrümmert. Hier ist die Fluchttür eingebaut. Wunsch und Ware gehen in dieser Büchereiecke getrennte Wege. Diese Dinge in der Vitrine kann man vielleicht gebrauchen, aber man muss sie nicht besitzen. Es ist ein Inventar begehrenswerter und zugleich überflüssiger Dinge. Einige Dinge auf der Liste erinnern mich an Wünsche, die man selbst vergessen hat, weil sie einfach nicht in Erfüllung gehen wollten. Dinge sind hier versammelt, von denen sich Gebrauch machen lässt. Hier liegt keine Ware, die eine Werbeidee transportiert. Die Dinge sind zum Benutzen da, nicht zum Vorführen. Man kann mit ihnen arbeiten, etwas machen, bewegen und schaffen, analog wie digital. Leihweise werden Dinge auch nicht gleich bedeutungsschwer und legen einen fest, wo man doch nur kurz etwas ausprobieren wollte. Die Liste erzählt auch etwas über uns: Was wir uns nicht leisten können, wovon wir träumen, welche Bedürfnisse wir haben und was wir uns nicht zutrauen.

(c) Eberhard Kirchhoff

Ukulele.
Allein für den klingenden Namen hat sie es verdient, in die Bibliothek aufgenommen zu werden. Und was für eine besonnene Entscheidung. Vielleicht möchte jemand schon ganz lange einmal ein Lied auf einer Ukulele spielen. In seinem Zimmer die Saiten schlagen, versunken im amateurhaften Tun.

(c) Eberhard Kirchhoff

Den Bibliotheksmenschen, die das Heimwerkerset aufgenommen haben, gebührt Ehre. Dieses Ding will nun niemand wirklich besitzen, denn wie oft im Jahr kommt etwa ein Kreuzschlitzschraubenzieher tatsächlich zum Zuge? Denken wir einen Schritt weiter, gibt es pro Wohnblock bald nur noch ein Heimwerkerset. Man könnte es im Kiosk hinterlegen.

(Ich weiß, dass ich nur wenig über die Sehnsüchte der Männer weiß. Ich kann den Impact einer Bohrmaschine höchstens imaginieren: Ich nenne eine Nähmaschine mein eigen. Wenn es etwas zu nähen gibt, hole ich sie hervor und nähe. Teilte ich nun eine Nähmaschine mit meinen Nachbarn, müsste ich sie erst holen. Ich spüre dieser Vorstellung nach, erfühle das finstere Szenario einer Allmende-Nähmaschine  – und nichts. Weder meine Libido noch mein Ego noch mein Selbstgefühl reagieren in irgendeiner Weise. Ich weiß wirklich wenig über Männer und ihre Sehnsüchte, obwohl ich einen Haufen über Züge in Tunnels, Zigarren und weiße Krankenschwestern gelesen habe.)

Berührt hat mich das Teleskop. Ein so ernsthafter, schwarzer und wichtiger Gegenstand wissenschaftlichen Erkennens und genauer Beobachtung. Objekt großer Träume und Forschersehnsüchte. Ich hätte als Kind gern ein Teleskop gehabt. Aber nicht nur die Sterne, auch ein Teleskop lagen außerhalb unserer Reichweite. Nun können in Hamburg diejenigen, die für ihr Leben gern Sterne beobachten und sich kein Teleskop leisten können, fast eine Mondphase lang ins All schauen. Und alle, die vergessen haben, dass man den Himmel beobachten kann, sind an das forschende Staunen erinnert.

(c) Eberhard Kirchhoff

Vier Wochen lang gehörte die Slackline zu unserem Haushalt. 27 Tage lag das Ding an der Garderobe. Mit jedem Tag wurde es unangenehmer, daran vorbeizugehen. Man verspürt ja eine gewisse Verpflichtung: nämlich das Ding in der gegebenen Frist auch zu nutzen, denn für die, die darauf warten, ist es kostbar und begehrenswert. Am letzten Nachmittag schließlich erwogen wir in den Park zu gehen. Dann regnete es. Das Sportding war zu schwierig und zu schwer für uns, eine Last, keine luftige Balance. Erleichtert brachte ich es zurück auf seinen Platz in der Bibliothek. Wir sind so eine Familie nicht, die gemeinsam fröhlich im Park sportelt. Der heimliche Wunsch danach bleibt bei mir, die Ware geht zurück.
Wie schwer muss es dagegen sein, die Bluetooth-Lautsprecher wieder zurückzugeben, wenn man die Erfahrung mochte. Wer Musik liebt und angewiesen ist auf das Scheppern des Handys, wird auf einmal den Mangel schmerzlich verspüren. Aber einen Monat lang war Klang in der Bude. Wofür man einen Controller braucht, kann ich nicht ermessen. Mir schwante die ganze Zeit schon, dass die Welt laufend komplexer wird. Aber jemand wird sich mit dem Ding hoffentlich einen schönen Nachmittag machen oder ein Wasserspiel kontrollieren oder seinen Gaszähler oder endlich Kontrolle über sein Leben gewinnen. Für vier Wochen.

Was ich noch gern aufgenommen wüsste:
Fleischwolf
Tennisschläger
Kofferplattenspieler
Vertikutierer

 

Illustrationen: (c) Eberhard Kirchhoff

Ausfahrt in den Odenwald

Der  Wurstigkeit dieser Tage überdrüssig wollen wir an diesem Wochenende eine Auszeit nehmen. Aber wir sind wählerisch. Eine bescheidene und doch aparte Gegend soll es sein, eine Region ohne Städtemarketing und ohne Instagram-Account. Das Unscheinbarste, was wir im Schulatlas in erreichbarem Radius finden, ist ein Dreiländereck. Graue Buchenstämme stehen in den Himmel, wo Hessen, Bayern und Baden-Württemberg aneinandergeraten. Nach seinen Legenden und Oden wurde dieser große, stille, hügelige Wald benannt, und natürlich sind wir neugierig, was uns bevorstehen, was uns unter die Füße und vor die Augen kommen mag. Dass der Legendenstrudel seltene Dinge und echte Demokraten anzieht, das haben wir nicht erwartet.

Ein nahezu endloser Spätsommer geht seinem Ende zu. Das Waldlicht hat einen warmen Ton angenommen, und die Luft zeichnet die Konturen schon etwas schärfer. Orange und Rot frischen erschöpftes Grün auf. Amorbach liegt hier, Walldürn mit dem Blutwunder, Mudau und Mosbach. Wanderer gehen zwischen Bäumen einher und zur Hauptwallfahrtszeit pilgern Katholiken über Lichtungen. Unser Ziel am Abend ist das Städtchen Buchen, welches wir nicht für seine angenehme Normalität ausgesucht haben, die uns gleichwohl auf sympathische Weise umfängt. Eigens für das Hotel Prinz Carl sind wir angereist. Gelb und ganz historisch-gediegen hockt es am Bürgersteig, benachbart von Fachwerkhäusern, dem Stadttor und einer munteren apokalyptischen Mariensäule. Der freundliche Empfang im Hotel wischt eine kleine Angespanntheit nicht weg, denn auch solch einnehmende Zuvorkommenheit war nicht unser ursprüngliches Motiv für die Hotelauswahl. Doch scheint alles in guter Ordnung, mit dem Schlüssel zu einem Egon Eiermann-Zimmer in der Hand biegen wir wenige Minuten später aus der trutzigen Landdiele ins lichte, heitere Treppenhaus des Anbaus.

Das Zimmer gibt mir unmittelbar ein Gefühl dafür, was in der richtigen Welt da draußen sonst fehlt: Vereinfachung, elegante Proportionen, Linienführung, funktionale Klarheit und Handwerkskunst. Mein Blick streift über filigrane Möbel aus Douglasienholz, transparente Jalousien, klug konzipierte Einbauten, im Detail präzise und dabei von warmer Helligkeit. Man spürt an diesen Klinken und Schranktüren die Verbundenheit des Gestaltenden mit der Idee des Werkbundes. Die Dinge schlagen unvermutet eine Brücke in die frühen zwanziger Jahre, nach Weimar. Ich sitze auf dem Bett und fühle mich in eine bessere Variante der Gegenwart katapultiert. Mitte der sechziger Jahre plante Eiermann diesen Anbau und entwarf auch die Möbel. Ihm ging es immer um Präzision und Logik. Das klingt nach abstrakten, ja unterkühlten Arbeiten, doch seine Möbel und Häuser strahlen eine Leichtigkeit und Transparenz aus, die im analytischen Denken wurzeln, und die Genauigkeit der großen Geste vorziehen. Kein Wunder, dass seine gestalterische Position aus internationaler Perspektive in Einklang gebracht wurde mit dem politischen Impetus der jungen Bundesrepublik. Aber mehr noch, als dass dieses Wissen mich bewegt, ist es ein Hochgefühl der Stimmigkeit, das mich erfasst. Was für ein hinreißende Erinnerung daran, was Kunst und Demokratie können, ist dieses Hotelzimmer. Und auf einmal erinnere ich mich auch daran, welcher Moment mich auf immer fürs Monumentale verdorben hat: Ich war ein Kind, Anfang der siebziger Jahre, als mein Vater im schmalen Anzug mich in sein neues Büro mitnahm. Im Renault 5 fuhren wir nach Frankfurt-Niederrad. Im Olivetti-Hochhaus, das auf einem weißen Bein stand, durfte ich mich im schwarzen geschwungenen Bürostuhl drehen und die Sonnensegel vor der Skelettfassade einstellen. Aus luftiger, schattiger Höhe sah ich auf die klotzige Bürostadt und wusste ab da, wie sich Denken und Arbeiten richtig anfühlt.

Die Geschichte des Hotels reicht ins 16. Jahrhundert zurück. Das lässt sich in der prächtigsten und ausführlichsten Chronik nachlesen, die je in einem Hotelzimmer auslag. Den Namen hat Prinz Karl II. August Pfalzgraf bei Rhein und Herzog von Pfalz-Zweibrücken gegeben, dessen K sich unterwegs in ein vornehmeres, womöglich französisches C verwandelte. Eine äußerst zwielichtige Figur, so viel ist gewiss. Ein despotischer, finsterer Verschwender, ein tyrannischer Zukurzgekommener. »Hundskarl« wurde er geschimpft, weil er teure Jagden veranstaltete, gründlich gehasst von seinen Zeitgenossen wie auch später von badischen Demokraten. Den filigranen Eiermann-Schreibtisch und eine seiner frühen Zeichnungen des Stadtturms im Blick, frage ich mich, warum das Hotel bloß diesen Namen trägt. Die Bilder könnten es gewesen sein, beschließe ich endlich und greife nach dem Strohhalm, den Wikipedia mir reicht, denn es ist gleich Zeit zum Abendessen: Im Prunkschloss des fiesen Carl/Karl baute der Maler Johann Christian Mannlich für ihn eine ausgezeichnete Gemäldesammlung auf, die später einen der Grundstöcke der Münchener Pinakothek bildete.

Wir finden uns im Restaurant des Prinzen Carl ein. Eine alte Gaststube mit schönen Proportionen. In gehörigem Abstand zueinander stehen wenige Tische im Raum und wir dürfen uns an einer handwerklich erstklassigen Küche erfreuen, die das herrliche Versprechen der wohlklingenden Worte auf der Speisekarte wie Kapaun, Bubenspitzle, Kohlrabi-Carpaccio und geselchte Schweinebäckle zu unserer Freude geschmacklich einlöst.

Während ich am nächsten Morgen vom Parkplatz aus die Gliederung der Fassade betrachte, die vorgehängte Struktur aus Holz, die die Außenwand in einen Zwischenraum verwandelt, fällt mir auf, dass das hölzerne Stangenwerk schon ein bisschen abgewatzt ausschaut. Bauhäusliche Musealisierung ist nicht das Problem des Prinzen Carl. Aber wie kam es eigentlich, dass der in den sechziger Jahren berühmte Architekt, der prestigeträchtige Bauaufträge bearbeitete, diese kleine Chose angenommen hat? Wie geht die Geschichte von Eiermann und Buchen? Zwei Kapitel hat diese Beziehung, eines, das Hotelkapitel, handelt von herzlicher Dankbarkeit, das andere von Not, von kreativer Energie und unbeirrbaren ästhetischen Positionen.

Egon Eiermann hatte 1942 sein Architekturbüro von Berlin nach Beelitz verlegt und dort nach den Bombardierungen Großberlins ein Ausweichkrankenhaus für die Beelitzer Heilstätten erbaut. Im April 1945 besetzte die sowjetische Armee Beelitz-Heilstätten, in den Kämpfen brannte das Büro aus. Ich stelle mir vor, wie der Architekt, der vor und auch während des Krieges Gewerbebauten entworfen hatte, ohne Dach und Arbeit im Brandenburgischen steht und sich etwas einfallen lassen muss. Er geht los, flieht zu Fuß nach Buchen im Odenwald, in die Geburtsstadt seines Vaters. Die alten Verbindungen halten: Er findet Unterschlupf in einem Zimmerchen unter dem Zwiebeldach des Stadtturms und beginnt wieder zu arbeiten. Die Hoteliers des Prinzen Carl beluden den Korb, den der Sohn der alteingesessenen Buchener Familie mittags an einem langen Seil hinunterließ, mit Essen aus dem Hotelrestaurant. So steht diese Rapunzel-Geschichte jedenfalls in der Hotelchronik geschrieben. Ich blicke an dem mittelalterlichen Turm mit der achteckigen Dachkonstruktion hoch und glaube sie nicht. Das ist zu hoch und zu wackelig, selbst für patente Architekten und zupackende Dienstmädchen.

Heinrich Magnani war seit 1935 Pfarrer in Hettingen, der kleinen Nachbargemeinde von Buchen. Auf alten Fotos sieht man einen kompakten Menschen mit einem klaren, freundlichen Gesicht. Der Verhaftung durch die Gestapo war er 1943 nur knapp entkommen. Sein Verständnis von Seelsorge umfasste soziale wie caritative Aspekte und war von zupackendem Pragmatismus. 1945 gründete er die Notgemeinschaft Hettingen, um die Ostflüchtlinge mit dem Nötigsten zu versorgen und die Bevölkerung zur Mitarbeit zu mobilisieren. Magnani bat Eiermann um einen Entwurf für die Siedlungshäuser. Um den Bau zu finanzieren, gründete der Pfarrer das genossenschaftlich organisierte Siedlungswerk Hettingen, für das man Anteilsscheine zeichnen konnte. Das taten Buchener Bürger, die katholische Kirche, Egon Eiermanns Schwester, die in die USA ausgewandert war und das Projekt ihres Bruders unterstützte, sowie die Flüchtlinge selbst, die den Betrag in Arbeitsstunden ableisten konnten.

Glücksfall, Zufall – aus der wirtschaftlichen und sozialen Notsituation entstand durch die Zusammenarbeit von Magnani und Eiermann ein Entwurf von großer kultureller Bedeutung. Man muss den Vergleich mit der tristen, sparsamen Einfalls- und Lieblosigkeit der Container-Unterkünfte heute gar nicht bemühen, um in Hettingen zu erkennen, was für eine grundlegend neue architektonische und soziale Lösung Eiermann in der krassen Mangelsituation von 1946 erdachte. Er arbeitete mit einer Programmatik, die der Moderne verpflichtet war, die soziale Integration und Mitverantwortung als ästhetische Aufgabe begriff, die auf nachhaltige Wertbeständigkeit und urbane architektonische Qualität setzte und sie an die Würde des Menschen band.

»Der Bedarf ist so ungeheuer, dass kein neues Gebäude für Jahrzehnte frei sein wird. Darin liegt eine große Verantwortung der Menschheit gegenüber, die ein Heim, aber keine Baracke, keine Kaserne und keine Hundehütte haben soll, wenn der Wert demokratischer Staatsform, das Lebensrecht und die Erhaltung des Individuums neu geschaffen und bewahrt werden soll.« (Egon Eiermann: »Vortrag über die Planung von Wohnhäusern, gehalten bei der Caritas-Tagung der Diozöse Freiburg in Hettingen am 23.5.46« Abschrift aus dem Nachlass Eiermanns)

Schon ein Jahr später wurde Egon Eiermann als Professor an die Technische Hochschule Karlsruhe berufen, wo er bis zu seinem Tod 1970 lehrte und als freier Architekt arbeitete. Berühmt und emblematisch für die transparente Moderne der jungen Demokratie wurden die Firmenzentrale von Neckermann und die Olivetti-Hochhäuser in Frankfurt, das Kanzleigebäude der Deutschen Botschaft in Washington, das Abgeordneten-Hochhaus des Bundestages in Bonn, die Deutsche Pavillongruppe zur Weltausstellung in Brüssel, die IBM-Hauptverwaltung in Stuttgart sowie der Neubau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Beigesetzt ist Egon Eiermann im Grab seiner Großeltern auf dem Buchener Friedhof, doch das haben wir ausgelassen.

Samstagvormittag im Städtchen, die Fassaden leuchten, als wären sie in Florenz aufgewacht. Ein dezentes Schild lädt zum Stadtmauerrundweg ein. Gepflegt und irgendwie sympathisch in seiner Solidität aus Fachwerk, Schmiedeeisen und Hoflinde ist das Anwesen der ehemaligen Amtskellerei, an der wir vorbeikommen. Amtskeller trieben im 18. Jahrhundert für die Kurmainzischen Fürsten Geld- und Naturalabgaben ein. Der Vater des Komponisten Joseph Martin Kraus, des »Odenwälder Mozart«, hatte diese Position in Buchen inne, ähnlich wohl einem Landrat.

1777 hielt sich Mozart in Mannheim auf, gab den Kindern des Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz Musikunterricht, glänzte mit Konzerten und nörgelte in seinen Briefen nach Salzburg Ende November über die stimmliche Leistung der beiden alten, etwas gerupften Kastraten der Sängerriege. Insgesamt jedoch waren Monsieur erfreut über die Qualität der exzellenten Musiker. Da hatte der junge Kraus das Musikseminar der Stadt schon verlassen und war nach Göttingen gegangen.
Ein übler Verleumdungsprozess trieb die Familie Kraus von 1775 an fast in den finanziellen Ruin und definitiv ins soziale Abseits. Der Amtskeller wurde denunziert, vom Dienst suspendiert, man beschuldigte ihn der Bestechlichkeit und Untreue, der Sohn musste sein Jurastudium unterbrechen und für ein Jahr nach Buchen zurückkehren. Die Verfahren gegen seinen Vater wurden später eingestellt, aber da war es um Joseph Martin Krausens Obrigkeitstreue und seinen Glauben in die Rechtsprechung schon geschehen. Er verfasst einen »flammenden Protest gegen mißbrauchte Fürstenmacht«, will dem Mainzer Kurfürsten nicht mehr dienen. Ende November 1777 schreibt er an seine Eltern, ehe er einem Despoten die Füße lecken müsse, wolle er lieber darben. Er bricht das Jurastudium ab und widmet sich fürderhin in Schweden sehr erfolgreich dem Komponieren.

Da heute weder Mittwoch noch Sonntag ist, bleiben Museum und schmiedeeisernes Tor vor dem kopfsteingepflasterten Hof, auf dem Joseph als junger Mensch hochbegabt herumlungerte, geschlossen. Dass Götz von Berlichingen auf eben diesem Hof 1525 die Führung des Hellen Lichten Haufens im Bauernkrieg übernahm, lerne ich vom Schild am Zaun. Der Helle Lichte Haufen, das waren fast 12.000 Bauern, die gegen die Bischöfe von Mainz und die Kurfürsten der Pfalz zogen und sich gegen Armut, Zölle, Zinsen, Steuern, Großzehnt, Leibeigenschaft und Frondienst erhoben.

Nach Göttingen war Joseph Martin Kraus gegangen. Der junge Mann war ja schon von Buchen nach Mannheim gegangen, um dort eine ordentliche Schulausbildung  und Musikunterricht zu bekommen. Zu Fuß? frage ich mich, als wir ins Auto steigen und über gewundene Straßen und durch schattige Kurven Richtung Neckartal fahren. Von Buchen nach Mannheim sind es 83 Kilometer. Herr Campe erfand in seinem famosen Wörterbuch für die französische »Chaussee« ein neues Wort: Kunststraße. Die Kunststraßen im Badischen zählten neben den hessischen und kurpfälzischen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu den besten des Landes. Die Fürsten von Leiningen ließen die Chaussee von Mosbach nach Buchen als Haupt-Commerzial- und Poststraße ausbauen, während Goethe noch den riesigen Erfolg seines Götz von Berlichingen genoss und den lamentablen Zustand der Straßen rund um Weimar beklagte, die kein Fortkommen erlaubten und die Beförderung der Post nahezu unerträglich verzögerten. Tief gefurchte, schlammige Wege statt befestigter Schotterstraßen. Seit 1776 im Staatsdienst und Direktor des Wegebaus, kümmerte sich der Geheime Legationsrat Goethe nun um die Infrastruktur im Sächsischen. Der junge Kraus wurde wohl ordentlich durchgerüttelt in der Postkutsche der Thurn und Taxis, schaffte die Strecke auf anständiger Kunststraße aber in zwei Tagen.

Wir sind in einer Stunde im hellen Mannheim und parken am Friedrichsplatz vor der neuen Kunsthalle. Metallgewebe umschließt ein quaderförmiges Ensemble von Kuben und Baukörpern. Wir wundern uns nicht, als Erstes Eduard Manets »Die Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko« zu sehen, die malerische Auslöschung des Pathos schlechthin. Doch da die Rheinebene zu einer ganz anderen Legendenabteilung gehört, endet die Ausfahrt in den Odenwald im Museumsfoyer, wo Alicja Kwades Stein-Uhr-Pendel seinen eigenen geheimnisvollen Rhythmus erschafft.

Hotel Prinz Carl, Buchen
http://www.prinz-carl.de | T. 06281 52690 | DZ ab 90 Euro

Bildnachweis:
Die Aufnahmen des Magnani-Eiermann-Siedlungshauses hat mir mit großzügiger Freundlichkeit der Architekturfotograf Moritz Bernoully zur Verwendung überlassen.
(c) Moritz Bernoulli http://www.moritzbernoully.com

Spaziergänge in Beirut

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In der Hauptstadt des Libanons liegen Religion und Konsum, Weltläufigkeit und Enge dicht beieinander. Jung ist die Stadt, lebenshungrig und spannungsgeladen. Ein Spaziergang durch benachbarte Viertel am Meer.

In einer geschwungenen Linie zieht die Wagenkolonne an den Straßenrand. Aus den abgedunkelten SUVs springen Bodyguards, sichern weiträumig die Rue Allenby. Ein Mann in weißem Kaftan steigt aus, in gemessenem Abstand folgt eine Frau in Burka, dann drei Kinder. Es sind Mädchen in bodenlangen schwarzen Gewändern, das älteste vielleicht dreizehn Jahre alt, das jüngste ungefähr neun. Huschende Bewegungen, verschwollene kleine Gesichter, Verbände über Kinn, Nasen und Augenbrauen.

»Die Araber lassen die Beauty Jobs in der Regel früh machen, um ihre Töchter gut auf dem Heiratsmarkt zu positionieren«, kommentiert Berenike die Szene. Auch für sie, die akademisch gebildete junge Libanesin, sind Schönheitsoperationen selbstverständlich. Berenike arbeitet im Marketing und hat, wie die meisten ihrer Freundinnen aus dem christlichen Viertel Achrafieh, Kinn und Hintern machen lassen. Ihr Ziel: ein westeuropäischer Pass, und auch dieser Heiratsmarkt ist hart umkämpft.
Die arabische Familie verschwindet in den Beirut Souks, einer Shopping Mall der Superlative, ein gleißendes Raumschiff mit wassergekühlter Granitfassade. In den angrenzenden Straßen Luxuswohntürme, gewässerte Grünflächen, Housemaids von den Philippinen oder aus Äthiopien führen Hunde spazieren, deren Fell von der erfrischenden Dusche noch feucht ist.

Bis zur Corniche ist es von den Souks nur ein Spaziergang. Auf der Uferpromenade flaniert in den Abendstunden ganz Beirut. Eine Brise vom Meer nimmt die Hitze mit, Kaffee- und Kardamonduft weht aus den Cafés herüber. Am westlichen Ende der Palmen bestandenen Uferpromenade liegt der Sporting Club Beirut. Wer die 25 US-Dollar Eintritt bezahlt, darf den Tempel einer Weltreligion betreten, die heiligste Stätte des Körperkultes. Selbst im herrlich kühlen Wasser des Pools, mit weitem Blick auf die Levante-Bucht, trägt die Dame High Heels zum Bikini. Ein Schild in den Umkleiden weist darauf hin, dass Burkinis im Club nicht als angemessene Kleidung wahrgenommen werden.
Auf der anderen Seite des Zauns, der das Gelände abschirmt, kauern auf dem groben Kies muslimische Frauen, die Fingernägel neonfarben lackiert. In Plastiktüten haben sie Essen mitgebracht, und während sie zwischen den Steinen anrichten, springen ihre Jungs vergnügt von den Felsen ins Meer. Spaziergänge in Beirut weiterlesen

Unapologetically feminine: Frauenbild für den Sommer 2016

Balenciaga-Kampagne Sommer 2016 via WGSN
(c) Balenciaga, SS 16, via WGSN

Das Reizvolle, immer wieder Anziehende an Modeschöpfungen und ihrer fotografischen Inszenierung ist Saison für Saison das freie künstlerische Spiel, weit hinausgreifend über jede Notwendigkeit von Bekleidung. Ästhetische Vision und Verlockung, großes Handwerk und lässige Verschwendung, Können, Schönheit und Stil in einer Geste der Verführung vereint.
Auf ihrem schönen Fuß tanzt die Mode im Ballsaal des Kunstpalastes, auf dem anderen balanciert sie auf dem unebenen Kontorboden des Marktes. Diese Dehnübung gehört zur Prêt-à-porter-Mode, eine Anstrengung, der sich auch Galeristen oder Verleger mit jeder Ausstellung, mit jedem Programm unterziehen müssen. Anders jedoch als ihre Schwestern übt die Mode eine Schwindel erregende Bildmacht aus.
Mode zielt aufs Äußere und trifft ins Innerste: Sie entwirft Selbstbilder, schneidert Akzeptanz, kleidet Sehnsüchte ein. Die großen Modemarken schicken ihre Botschaft weltweit durch die Verwertungsketten, lancieren ihre Bilder, mit üppigen Werbebudgets ausgestattet, in allen Medien und öffentlichen Räumen, inszenieren in Perfektion ihre Objekte, deren Abglanz selbst noch in billigen Kopien auf den Schulhöfen den Wert der Trägerin steigern. Eine Millionen Menschen folgen Balenciaga auf Instagram, mehr als eine Millionen auf Facebook, eine halbe auf Twitter.
Man muss der Mode keinen allzu großen Wert beimessen, doch ernst nehmen darf man sie und genau hinschauen auch.

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Feministische Avantgarde in Hamburg: radikal, international und aktuell

Annegret Soltau Selbst, 1975 S/W-Photographie auf Barytpapier © Annegret Soltau / VG Bild-Kunst, Bonn 2015 / SAMMLUNG VERBUND, Wien Photo: Heide Kratz
Annegret Soltau
Selbst, 1975
S/W-Photographie auf Barytpapier
© Annegret Soltau / VG Bild-Kunst,
Bonn 2015 / SAMMLUNG VERBUND, Wien
Photo: Heide Kratz

Eine umwerfend gute, intelligente und berührende Ausstellung ist seit gestern in Hamburg zu sehen: Feministische Avantgarde. Kunst der 1970er Jahre aus der Sammlung Verbund, Wien, kuratiert von Dr. Gabriele Schor.

Die Ausstellung zeigt Arbeiten von mehr als 30 Künstlerinnen, eine Retrospektive über die Anfänge der internationalen feministischen Kunstbewegung.
Was präsentiert wird, ist in vielen Hinsichten bemerkenswert:
Wenn man diese Arbeiten beieinander sieht, ist das Spektrum dessen, was die europäischen (und einige amerikanische) Künstlerinnen schon in den 1970er Jahren gezeigt und erarbeitet haben, nahezu unglaublich und von einer ästhetischen Bildkraft, die wenig eingebüßt hat über 40 Jahre. Die Verschnürung des eigenen Gesichts von Annegret Soltau als Akt, als Zeichen, als Widerstand und als Bild zitiert Madonna auf ihrem neuen Plattencover.

Ich bin Laie, aber mir scheint doch, dass die kuratorische Leistung stupend ist. Über zehn Jahre hat das Team aus Wien in Archiven und Nachlässen gesucht, Material auf Dachböden gefunden und recherchiert, bis sie auch Flugblätter und Ankündigungszettel für Performances und die lustigen Frauenspaziergänge in die Pornoläden einer Stadt zusammen getragen haben. Der reguläre Kunstbetrieb und -markt hat kein Archiv aufgebaut und keinen Wert für diese Kunst erzeugt.

Die Hängung hätte in die Hose gehen können, ist aber stattdessen einnehmend und überzeugend gelungen, bildet formale, manchmal thematische Klammern und gibt der einzelnen Künstlerin Raum.

Die Künstlerinnen haben kein Kollektiv gebildet, keine Gruppe gegründet, und doch in diesem Jahrzehnt zeitgleich und zum ersten Mal in der Kunstgeschichte ein neues Bild der Frau(en) geschaffen. Sie haben nicht nur ähnliche Themen aufgegriffen, sondern auch ähnliche Strategien benutzt. Bestimmt nicht verwunderlich, dass viele der Künstlerinnen Performance, Film, Fotografie und Video einsetzten: Neue Medien und Techniken, die unbelastet von Traditionen in der Kunstgeschichte zur Verfügung standen.
Sie wurden laut und sichtbar, haben die herrschende Ikonographie des Weiblichen zerlegt, den Kunstbetreib frontal angegriffen, eine männliche Wirklichkeit aufgebrochen, Identität und Rollenzuweisung neu geschrieben, weibliche Sexualität thematisiert und den eigenen Körper zum Material der Kunst gemacht.

Ana Mendieta, Untitled (Glass on Body Imprints), 1972/1997 C-Print © The Estate Ana Mendieta / Courtesy of Galerie Lelong, New York / SAMMLUNG VERBUND, Wien
Ana Mendieta, Untitled (Glass on Body Imprints), 1972/1997
C-Print © The Estate Ana Mendieta / Courtesy of
Galerie Lelong, New York / SAMMLUNG
VERBUND, Wien

Den schweren Katalog habe ich aufs Sofa fallen lassen neben eine aufgeschlagene Frauenzeitschrift (warum die da lag, ist eine andere Geschichte). Die erfolgreiche Schauspielerin Jasmin Gerat wird darin als selbstbewusste, moderne Frau portraitiert. Sie berichtet, der Kurzhaarschnitt, den sie neuerdings trägt, zöge zwar die Aufmerksamkeit von weniger Männern an als vor dem Friseurbesuch, dafür aber ernte sie die Blicke intelligenterer Männer. Ein Foto zeigt sie mit nach innen gedrehten Fußspitzen, wackelig und schier unfähig, sich auf eigenen Füßen zu halten, in der  Pose einer kokettierenden Vierzehnjährigen. Auf dem zweiten Bild beißt sie sich in klischierter Anzüglichkeit auf die Unterlippe, als hätte sie komplett den Verstand verloren und warte nur darauf, vom Ersten, der vorbeikommt, abgeschleppt und ins nächste Reihenhaus gestellt zu werden.
In dieser Welt der Frauenbilder leben wir, einer lückenlos wirksamen Bilderwelt der Imagekampagnen, Rollenzuschreibungen und Körpernormierung. Die Maschinerie reicht in jeden Winkel. Das Persönliche ist dabei zum vermeintlichen Schonraum geworden. Im privaten Raum soll die Konstruktion der Weiblichkeit nicht gelten, hier ist das Hola der Marktsemiotik: hübsch gestaltet, mit kuscheliger Partnerschaft und veganen Kochbüchern. Die Klamotten, die App zum Appnehmen, Teilzeitjob, Fitnessstudio, Steuerklasse, Spaß am Einkochen und Fastenurlaub – alles hochindividuelle, private Lebens- und Kaufentscheidungen.
Die Arbeiten der Künsterinnen aus den 1970er Jahren wirken in unsere Gegenwart hinein wie ein elektrisierender Schlag: Es geht auch anders. Es ging schon mal anders. Das Persönliche ist politisch.
Ich setze nicht die avantgardistische Kunstpraxis mit dem Bilderwahnsinn des Marktes gleich, aber ich habe das Gefühl, dass ich die Energie und befreiende Kraft, die von diesen Künstlerinnen und ihren Arbeiten ausgehen, in meiner Gegenwart nicht mehr leicht wiederfinde.
Selbstbewusstsein, Ironie, Aggression, politische und künstlerische Handlungsfähigkeit, Zartheit, Hartnäckigkeit und Witz, Freiheit und Autonomie begegnen mir in diesen Arbeiten. Einige wenige wie Cindy Sherman, Valie Export oder Orlan sind erfolgreich geworden, die große Zahl aber der Künstlerinnen ist in Hamburg zum ersten Mal zu entdecken. Die Radikalität, die sie eint, und die je eigene Qualität der Kunstwerke sind wunderbar.

Dass die Kunst von Pionierinnen der Frauenbewegung so aufrüttelnd und impulsgebend in die Gegenwart einschlägt und wie ein Gruß in die Zukunft uns erreicht, ist schon ein großer Moment.
Hauptbahnhof aussteigen, rüber schlappen – ganz leicht.