(cc) Marc Palm
Monster (cc) Marc Palm

Neulich las ich auf faz.net einen Artikel zum Thema Schulwahl. Die Autorin Julia Bähr berichtet von den Schauläufen, die weiterführende Schulen neuerdings veranstalten müssen, damit sie angewählt werden, und die man als Eltern besuchen muss, um nur ja den optimalen Bildungsort für den Nachwuchs zu ergattern.
Bähr schlingt noch einen Faden in den Text hinein: Ekliger Turnhallengeruch löst Erinnerungen an ihre eigene Schulzeit aus.

Private Nachrichten aus einem vermasselten Leben

(c) C.M.Schulz

Zum Geburtstag habe ich von Kind 1 das Buch »Mädchen in der Pubertät« geschenkt bekommen. Damit ich eine faire Chance habe.

Ich finde nicht, dass ich eine faire Chance habe.
Wenn ich an einem Meeting nicht teilnehmen kann, weil ich abends um sechs zuhause bin, Hausaufgaben betreue und Wäsche falte, wünscht sich irgend jemand mehr Engagement von mir. Denn wenn sich das fortsetzte, müsse man sich wohl jemand anderen für den Job suchen.

Wenn ich die Küche gestrichen habe, weist bestimmt irgend jemand wohlmeinend darauf hin, dass es sich durchaus bewährt hätte, die Decke zweimal zu streichen.

Wenn ich zum Klassenfest zwei Flaschen Orangensaft mitbringe, lächelt mich immer irgendeine Mutter verständnisinnig an, während sie ihre selbstgebackene Quiche aus Dinkelvollkornmehl auf den Tisch stellt.

Wenn ich im Garten die kniehohe Wiese mühsam mähe, gibt mir die Nachbarin den Tipp, dass es leichter und besser fürs Gras sei, öfter zu mähen, zudem sähe es gepflegter aus.

News from a goofed life: Private Nachrichten aus einem vermasselten Leben

Ich habe häufig Gäste aus allen Teilen der Welt: Junge Frauen, die sich für einige Wochen in Deutschland weiterbilden. Diese durchweg überdurchschnittlich gut ausgebildeten jungen Frauen Mitte zwanzig kommen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen und Kontinenten. Was sie dabei aber eint, ist eine großstädtische Herkunft und ein wohlhabender familiärer Hintergrund. Wenig verwunderlich. Geld und ein bildungsnaher Haushalt sind überall die Voraussetzung, um Töchter auf die Universität zu schicken und ihnen internationale Erfahrungen zu ermöglichen. Großartige Sache und allemal Grund, sich auf die Geschichten, Erfahrungen, Eigenheiten und Erwartungen dieser Frauen zu freuen.
Und dann passiert jedes Mal Folgendes: Alle, ich schwöre, wirklich alle, packen als Erstes ihren Apple-Store aus: iDies, iDas, WLAN und los. Facebook mit Freundin und Mutti, Skypen mit Mutti und Freundin. Ab dann jeden Tag. Mehrmals.
Was an Kosmetikutensilien ausgepackt wird, übersteigt jedes Maß. Ob aus Tokio, Nairobi, Buenos Aires, London oder Odessa – keine dieser Frauen geht ungeschminkt auch nur zum Frühstück. Und egal, ob blond oder lockig: Zweimal am Tag müssen die Haare gewaschen werden. Und allen, ich schwöre, allen, ist es unerklärlich, wie man ohne Straightener leben kann (eine Art elektrischer Haarplätter).
Das allein wäre nur lustig.
Es sind Medizinerinnen darunter, Juristinnen, Geisteswissen-
schaftlerinnen, Lehrerinnen und Wirtschaftswissenschaftlerinnen, alle mehrsprachig, clever und sympathisch. Sie ernähren sich von low fat convenience food bekannter Marken, finden ganz schnell H&M, aber kein Thema, das sie interessiert.

News from a goofed life: Nachrichten aus einem vermasselten Leben

Gestern war ich mit meiner kleinen Tochter bei Hagenbeck. Aus meiner Warte ein zwiespältiges Unternehmen. Ich mag schon keine Hunde. Der Eintritt für uns beide kostet 35 Euro. Und wenn ich am Buchmessenmittwoch in der Zookassenschlange in Hamburg stehe anstatt in Frankfurt in der Messeschlange, weil ich keinen finde, der zwei Kinder für zwei Tage nimmt, dann muss mir niemand mehr sagen, dass  in meinem Leben etwas gründlich schiefgelaufen ist.
Sprühregen bei den Elefanten, Sprühregen bei den Tigern, Schauer bei den Alpakas. Ich erhöhe das Tempo. Das Kind sinniert vor den hospitalismuskranken Eisbären über das Gleichgewicht zwischen dem berechtigten Studieninteresse an Tieren und Tierquälerei. Wir plädieren für Einzelfallentscheidung: Pinguine okay, Eisbären zurück in die Arktis. Ich erwähne die Polkappenschmelze nicht.
Und glaube schon es geschafft zu haben, als wir vor dem Löwengehege ankommen. Die Wolkendecke reißt auf, eine milde Oktobersonne wärmt uns Rücken und Füße, wir lehnen am Zaun, essen Schokolade und schauen dem Löwenrudel beim Faulenzen zu. Da beginnt der Löwe zu kacken. Der Tier setzt langsam eine graue, faserige Liane ab, gut zwei Meter lang, unabschließbar. Stumme Ekelfaszination auf der Menschenseite. Unerhörter Gestank in der Luft. Löwinnen beschnüffeln die aus dem Löwen hängende Liane. Menschen erschauern, der Löwe erschauert. Brüllt einmal, zweimal. Die Sonne scheint und unter dem Schwanz und noch unter der Liane schiebt sich ein dritter Stab heraus.