Die Welt für Hamburger

Januar in einer Pandemie ist der perfekte Moment, um an den Sommer zu denken, an Licht, an Klänge und schöne Orte. Letzten Sommer sind wir zuhause geblieben. Zuhause in Hamburg mit offenen Augen und Fernweh. Nur in der Stadt unterwegs und doch in Europa gereist.
Hier sind sie: die 22 schönsten Postkarten vom Sommer 2020!
Erkennen Sie Straßen und Plätze? Wer die einundzwanzig Orte (der letzte ist unser Balkon!) benennt und uns schreibt oder sie wenigstens gut beschreiben kann, gewinnt etwas unerhört Tolles*.

Ihr Lieben,

unsere Pension in Toulouse hätten wir uns nicht schöner erträumen können. Die Sommerwochen verfliegen! Mit dem Rad machen wir Ausflüge am Canal du Midi, wir schlafen im Gras und trinken Pastis. Jeden Tag lernen wir drei okzitanische Vokabeln – jeder verschiedene. Zusammen können wir uns also bald ganz normal unterhalten.

Herzlich, Eure B.

Ihr Lieben,

ein klarer Nachmittag auf dem Canal Brenta. Palladios Villen machen bessere Menschen aus uns. So fühlen wir uns zumindest.
Von Venedig aus wollen wir morgen nach Triest übersetzen.

Seid herzlich gegrüßt, Eure B.

Ihr Lieben,
von einem Ausflug in den zauberhaften Parc oriental de Maulévrier an der Loire grüßt Euch begeistert und sehr herzlich, Euer P.

P.S. Unglaublich, was Geld in Verbindung mit Kennerschaft vermag! Japanischer Zauber pur.

Ihr Lieben,

das Wetter zeigte sich heute nicht von seiner angenehmsten Seite. Umso mehr konnten wir die Ausstellung in den Uffizien genießen. Vor dem Selbstporträt von Raffael standen wir eine Stunde lang ganz allein.
Ein bezaubernder Tag.

I migliori Saluti, P.

Ihr Lieben,

die Ankunft in Rotterdam vom Wasser aus ist spektakulär! Beeindruckend, kraftvoll und ganz zum Meer hin geöffnet.Wir freuen uns sehr auf die Stadt.

Eure B.

Ihr Lieben,
irgendwie hatten wir uns mehr Trubel, ja, mehr Lebhaftigkeit und buntes Leben in Christiana vorgestellt – und eigentlich auch gewünscht.

Aus dem kühlen Kopenhagen grüßt Euch aufs Herzlichste, Euer P.

Ihr Lieben,

man denkt, niederländische Städtchen seien sich im Grunde sehr ähnlich und als Hamburger könne man nicht viel Neues entdecken. Weit gefehlt! Groningen nimmt uns freundlich auf. Wir spazieren durch Hofjes und an Bürgerhäusern vorbei und trinken lecker Kaffee.

Hartelijk, Euer P.

Ihr Lieben,

wer nach Bornholm fährt, darf sich letztlich nicht beschweren, wenn er dänische Idylle vorfindet. Doch ein Tüpfelchen mehr und wir wären blind geworden vor lauter dänischer Idylle.

Sonnige Grüße von einer herrlichen Insel, Eure B.

Ihr Lieben,

unser Ausflug ins Westfälische hat interessante Seiten und unerwartete Momente. Tatsächlich könnt Ihr froh sein, dass man Geruch nicht auf eine Postkarte kleben kann!

Beste Grüße, Eure B.

Ihr Lieben,
so lange schon wollten wir Lüneburg sehen. Aber dann fuhren wir nach Kanada, nach Ägypten und Jordanien. Diesen Sommer also gehen wir durch Lüneburg.

Herzlichst, Euer P.

Ihr Lieben,

bei einem Spaziergang in der Nähe von Bré fragten wir uns, wie man eigentlich leben kann ohne das Tessin. Eine Landschaft so voller Zartheit und Farben, dass es den Dichter braucht, um sie zu beschreiben. Wir genießen jeden einzelnen Moment dieses Sommers!

Traumwandelnd, Eure B.

Ihr Lieben,
auf einmal standen wir im masurischen Olsztyn in diesem Hinterhof und fühlten uns weit weg von Zuhause.

Herzlich grüßt, B.

Ihr Lieben,
ist unsere Karte von der Wolga-Schifffahrt schon angekommen? Was für ein Strom! Im großen Nischni Nowgorod steht diese kleine Holzkirche, in der wir eine Kerze angezündet haben.

Herzliche Grüße, Euer P.

Ihr Lieben,
endlich spielen Deine Mutter und ich wieder Boule in Aix-en-Provence – so wie früher. Die Pandemie bringt uns auf Ideen!

Bonne chance! P.

Ihr Lieben,
in den Vororten von Manchester fühlt man sich, als spaziere man durch einen Ken Loach-Film.
B. meint allerdings, es könne genauso gut Barmbek sein.

Viele Grüße, P.

Ihr Lieben,
durchgepustet und mit frischen Ideen laufen wir nach einem sonnigen Tag auf der Ostsee wieder in den Hafen von Kaliningrad ein.

Herzlichst, Eure B.

Ihr Lieben,

Ihr dürft uns von nun an gern bürgerlich und/oder unpolitisch nennen. Vor dem Unbill der Welt haben wir uns diesen Sommer in einer toskanischen Villa versteckt, wo das außerordentlich köstliche Abendessen auf der Terrasse serviert wird. Den Kofferraum des Volvos haben wir voll Bücher gepackt. So schnell seht Ihr uns nicht wieder!

Best wishes! Eure B.

Ihr Lieben,
ein Hausboot auf der Müritz! Aus dem Traum ist endlich Wirklichkeit geworden. Schon vor dem Frühstück hüpfen wir ins Wasser, nachmittags gondeln wir durch schönste Natur. Wir hätten vielleicht angeln üben sollen.

Ganz herzlich, Euer P.

Ihr Lieben,

in den sonnendurchfluteten Wäldern der Charente-Maritime radeln wir gen Süden und bestimmen mit einer kostenlosen App fremde Pflanzen. Die Kiefern duften, unser Französisch ist lausig und wir amüsieren uns mit erfundenen Fabeln.

Baguette, bisous, bronzer! B.

Ihr Lieben,

wir dachten, die Berge wären eine schöne Abwechslung. In Blankenese haben wir Trittsicherheit trainiert, alpine Erfahrung in den Harburger Bergen gesammelt und Schwindelfreiheit im Michel getestet. Nun erweisen sich diese Alpen als unbotmäßig bergig. Wir reisen morgen nach München und freuen uns auf den Besuch in der Pinakothek.

Herzlich, Eure B.

Ihr Lieben,

unser Häuschen liegt an den Hängen der Côte d’Azur, wo wir schon in den siebziger Jahren gern die Spätsommer verbracht haben. Unsere Nachbarn sind reizend und wir fahren gemeinsam Weingüter ab. Ein Sommer ganz nach meinem Geschmack!

Cordialement, P.

Ihr Lieben,

der Balkon ist unser Sommer.
Paitho, unsere griechische Landschildkröte, trägt eine lange Geschichte auf ihrem wunderschönen Panzer eingraviert. Und Fanny, das Katzenkind, erinnert uns ans Spielen. Der Eukalyptus duftet.
Wir denken an Euch! B.


*Der zweite Platz wird mit etwas Besonderem honoriert und der dritte mit etwas Schönem.

1. Platz Eine individuelle Stadtführung in Hamburg
2. Platz Eine Flasche ausgezeichneten Primitivo
3. Platz Eine traumhaft schöne Schokoladen-Aubergine

Einsendeschluss: 24. Januar 2021. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Mein Fenster zur Welt. Tag 100, letzter Tag.

Es gibt nur noch ab und an, ganz vereinzelt, Klatscher auf den Balkonen. Sie hören sich selbst applaudieren in der warmen Juninacht. Heikel, der Übergang vom Gemeinschaftsglück zum peinlichen Moment. Die Infektionszahlen sind unten. Alles normal. Ist überhaupt noch Pandemie? War irgendetwas?
Wir haben weiter still in einer verlangsamten Parallelwelt gelebt, während Fitnesscenter längst geöffnet sind, VW wieder produziert, die Lufthansa fliegt, während Schweinebetriebe schlachten und Spielhallen Geld verdienen. Erst heute endet nämlich ein Schulhalbjahr, in dem das kleine Kind innerhalb von vier Monaten genau fünf Schulstunden Präsenzunterricht hatte, nicht zum Rudern ging und nicht in die Jugendgruppe. Heute endet diese Zeit und sechs Sommerwochen ohne Schule, ohne Sport, ohne Jugendgruppe liegen vor uns. Ein Kinderspiel, 42 Tage. Ein Witz gewissermaßen.

100 Tage lang drei Mahlzeiten täglich, ich habe gearbeitet und – wie die allermeisten Mütter – Homeschooling unterstützt, begleitet und verflucht, motiviert und korrigiert, die Stimmung hochgehalten und die Kinder bei Laune. Das ist mir nicht alles gleichermaßen gut gelungen. Aber wie schwierig ist es erst, mitten in der Pubertät monatelang auf seine Mutter als einziges soziales Gegenüber angewiesen zu sein und trotzdem munter jeden Tag vor dem Bildschirm zu sitzen und irgendwie mit Spaß Hausaufgaben von einer Plattform herunter- und bearbeitete Dateien hochzuladen?

Wie cool sind diese Kinder, dass sie sich ganz ohne Zwang für schwierige Themen interessieren, Sachen rausfinden, Aufsätze schreiben, alleine rechnen und Youtube-Mathevideos eben zweimal anschauen, wenn sie es beim ersten Mal nicht verstanden haben? Wie stark, dass sie Vokabeln auf dem Rhythmus von Rap-Songs lernen und über Houseparty zusammen französische Dialoge schreiben. Wie lässig sie Musik machen, soziale Medien bedienen und Tänze erfinden. Das Kind hat einen wirklich guten Job im Homeschooling gemacht – den Spaß am Lernen ohne die Schule erst richtig entdeckt – und die Einsamkeit wie eine Ehrenfrau weggesteckt, weil Virus.

Heute durfte sie sich die Hände waschen und ein Zeugnis für erbrachte Leistungen entgegen nehmen. Die gleiche Mathematiklehrerin, die offenkundig monatelang die eingereichten Aufgaben nicht angeschaut hat, die in diesem Halbjahr nicht einen Satz mit ihrer Schülerin gewechselt, keinen Test korrigiert hat und vor Überlastung nicht einmal das Telefon bedienen konnte, gibt meinem Kind ansatzlos eine Vier minus. Eine Vier allein hat nicht gereicht. Es musste schon noch ein Minus dahinter. Vielleicht hat sie Gründe. Auf die bin ich sehr gespannt. Doch am Ende geht es nicht um diese eine Person. Auch gehört Lehrer-Bashing nicht zu meinem Hobbys.

Was mich betrifft, so ist diese Corona-Krise noch lange nicht beendet. Was mich betrifft, ist es Zeit, diesen Ausnahmezustand auf einen echten Wendepunkt zuzutreiben. In was für einem System bewegen wir uns? Zugegeben, es gibt  Schlimmeres als eine schlechte Note, ich lese die Zeitung. Aber es gibt wenig Ätzenderes als Abwertung ohne Not und ein hierarchisches Verhältnis ohne Beziehung. Das Bildungssystem, das mein Kind, die Mathematiklehrerin und auch mich gleichermaßen umschließt und bestimmt, erwartet vom Kind eine hohe Anpassungsleistung, Selbstdisziplin, frohen Mut und eine Selbstbeschränkung, die viele Erwachsene über eine so lange Strecke nicht zu leisten vermocht haben. Bei mir als Freiberuflerin wird tüchtige Selbstlosigkeit, pädagogisches Geschick und allgemein staatsbürgerliche Loyalität vorausgesetzt. Von der verbeamteten Lehrerin verlangt der politische Rahmen einer Pandemie, dass sie ihr Arbeitsblatt fotografiert, es als PDF hochlädt und Digitalisierung dazu sagt. Schule als Konstrukt hat sich in dieser Corona-Ausnahmesituation in ihrem Selbstverständnis keinen Deut verändert, auch wenn allerorten digitale Kompetenz bejubelt wird. Das System und seine Protagonisten ist zu starr oder zu selbstsicher, um sich an neue Verhältnisse anzupassen. Bewertung hat am Ende mit beiderseitiger Anerkennung zu tun. Es ist an der Zeit, dass sich Schule neu erfindet, denn die Kinder haben Lunte gerochen: Lernen ohne Schule macht Freude. Denken ohne Lehrplan bewegt.

Der Verfassungsrechtler Oliver Lepsius hat in der FAZ darauf hingewiesen, dass das politische Leitmotiv Systemrelevanz ein verfassungswidriges Kriterium ist, »denn die Grundrechte lassen keine Hierarchisierung der Freiheitsbereiche zu«. Das klingt komplizierter, als es ist. In der Krise setzte sich – durchaus mit plausiblen Gründen – eine virologische Handlungslogik durch: Krankenhaus, Intensivstation. Auslastung. Andere Freiheitsbereiche sind dabei über Bord gegangen. Vergnügen und Hobby zum Beispiel, die im Grundgesetz zur freien Entfaltung der Persönlichkeit zählen, haben keine grundrechtliche Lobby. Kontaktsperren und Schulschließungen aber soziale Konsequenzen. Es ist in der Pandemie irrelevant, ob mein Kind rudert. Es ist irrelevant, ob Jugendliche mit der sozialen Beschränkung zu kämpfen haben. Die Sache ist nur die: Wer sich in seinen Bedürfnissen als strukturell irrelevant wahrgenommen sieht, wird scheinbar kleiner, doch im Kern freier. Noch lässt die Vier minus die Tränen fließen und ein perfektes Kind für einen Sommertag vor Scham unter die Decke kriechen. Im September sieht die Sache vielleicht schon anders aus. Womöglich ist es für das Kind dann irrelevant, welche Note das System für es übrig hat.

Vielleicht gebe ich euch auch mein Kind dann nicht mehr. Studier ich eben Pädagogik und krieg eine Eins. Staunst du.

Mein Fenster zur Welt. Tag 29

Aleš Šteger, slowenischer Dichter, Autor und Verleger, schaute gestern im FAZ-Feuilleton aus seinem »Fenster zur Welt« in Ljubljana. Ein schöner Text, der die wechselvolle Geschichte eines Hotels auf der anderen Straßenseite erzählt. Nun ist es seit Wochen geschlossen, das so abwechslungsreiche wie ablenkende Fenstertheater der Hotelzimmer gegenüber beendet und der Autor in der ereignislosen Spiegelung der Glasfassade auf der anderen Straßenseite dem Blick auf sich selbst ausgesetzt.
Leuchtender Sonnenschein, gleißend helle Nachmittage wie am Meer sind das Signum der Epidemie. Ich schaue aus meinem Fenster zur Welt und blicke auf das sonnige Fenstertheater gegenüber und als Vexierbild hineingelegt die Spiegelung meines eigenen Fensters, hinter dem ich mich und meinen Nachbarn unter mir sehe. Wir alle vor und hinter diesen Fenstern sind Eingeborene, wie Aleš Šteger schreibt. Wir sind Akteure und Zuschauer, Spiegelbild und Schreckensmaske kleiner Alltage vor und während der Krise. Mich beschäftigt ein Gedanke aus seinem Text: (wir,) die wir in unseren Wohnungen gefangen auf das Weiterleben nach dem Ende des Nachdenkens warten. Es ist nicht leicht, dem eigenen Blick auf sich selbst und die eigene Misere standzuhalten, es ist viel schwieriger, als wir es uns anfangs beschönigend vorgestellt haben.
Ist es tatsächlich so? Warten wir nur gefangen auf das Weiterleben danach? Ist die Begegnung mit der eigenen Misere wirklich die Erfahrung, die erst die Pandemie in dieser Intensität ermöglicht? Soziales Leben ausgesetzt, Aktivitäten angehalten. Die äußere Welt steht still und wir finden uns in dem kleinen Radius wieder, den wir selbst gestalten. Bei meiner seit Jahren praktizierten häuslichen Lebensführung (siehe hierzu gern: Tag 18) gab es keine Misere zu beschönigen. Sie war schon ausgelotet, als die Kontaktsperre begann. Ich bin eine Eingeborene der Misere. Während ich am Schreibtisch sitze und aus dem Fenster schaue, fasse ich eine kleine Beobachtung am Schlafittchen, denn an ihr nehme ich wahr, dass wir nicht nur vage warten, sondern in der Misere noch ein gutes Leben wagen. Apropos warten: Auf den Anruf des FAZ-Redakteurs warte ich natürlich immer noch.

Die kleine Tochter eines Freundes, so erzählte er am Telefon, zieht sich neuerdings nach dem Frühstück Schuhe und Jacke an, geht den Weg zur Schule und zurück und setzt sich, wieder zuhause angekommen, an den Küchentisch, um ihre Aufgaben im Home-Schooling zu beginnen. Über was für ein intuitives Wissen von der Kraft des Rituals verfügt die Neunjährige: Sie legt Distanz zwischen privatem und öffentlichem Leben ein, vollzieht die Trennung zwischen Familie und Lernen, verwandelt sich selbst von der Tochter in die Schülerin. Auch wenn sie schließlich auf dem gleichen Stuhl sitzt wie vorher, hat das Gehen auf symbolischer Ebene soziale Bedeutung generiert und ein Gefühl der Selbstermächtigung erzeugt. Ich bin begeistert von diesem Kind und seinem Wissen über universelle Codes und deren feine Syntax.
Auch wir üben uns im Verschieben und Umdeuten. Mein großes Kind schreibt diese Woche Abitur. Diese Sommer wird die Zeit sein, von der ich glaubte, sie läge immer in ferner Zukunft. Das erste Kind wird das Haus verlassen und mir wird es gewiss schwer werden. Ich werde vernünftig sein, versprochen, und alles hat seine Zeit, ich weiß. Aber sage keiner, es sei leicht, ein Kind, das man alleine großgezogen hat, gehen zu sehen. Was für ein Geschenk also (nun ja, jedenfalls für mich) und ein Privileg inmitten des Schreckens, die Kinder so viele Wochen zu erleben, sich als Familie im Intensivmodus zu ordnen, sich auszuhalten, zu streiten, zu schweigen, zu nerven, Punkte zu machen, zu essen. Nicht jede Stunde ist witzig, aber die Chance, so viel von seinen eigenen jugendlichen Kindern mitzubekommen, ist unerhört rar und oft unterhaltsam: neue Musik hören, Trevor Noah gucken, abwegige Themen debattieren, Youtuberin spielen, Rollen verhandeln, Zitate platzieren, noch einen Spruch draufsetzen. Erkennen, dass sie erwachsen werden, dass sie sich entspannt entfernen, dass man von vielem keine Ahnung mehr hat, und man sie auch manchmal da lassen muss, wo sie feststecken: im pubertären Wahn. Eine Familie – ein Familie von Vielrednern jedenfalls – wird in einer solchen luftdicht abgeschlossenen Situation zu einer Gemeinschaft von Spielern, einer Gruppe, die unentwegt mit Regeln spielt, die die Grammatik der Rituale umdeutet, verschiebt und verändert, um sich genau in diesen fluiden Umdeutungen zu konstituieren. Brot kann schimmeln. Was kannst du? Why would you say something so controversial yet so brave? Es tut mir leid, Pocahontas. I met someone who makes me feel seasick. Du hast die Haare schön.

Die Formen der Lyrik fürs Deutschabitur begleiten uns, das day’s poem of today kommt heute von Robert Walser.

Die Lampe ist noch da,
der Tisch ist auch noch da,
und ich bin noch im Zimmer
und meine Sehnsucht, ah,
seufzt noch wie immer.

Feigheit, bist du noch da?
und Lüge, auch du?
Ich hör‘ ein dunkles Ja:
das Unglück ist auch noch da.
und ich bin noch im Zimmer
wie immer.

 

 

 

 

 

Mein Fenster zur Welt. Tag 18

Kreativität liege nicht nicht auf dem Marktplatz, stand am Samstag in der Zeitung. Fehlende Zerstreuung habe also auch etwas Gutes. Oha, denke ich und blicke aus meinem Fenster zur Welt. Es braucht eine Corona-Krise, damit ein Leitartikler auf die Idee kommt, Konzentration und einsame Beharrlichkeit seien Voraussetzungen für kreatives Tun.
Mit den warmen Apriltagen beginnt das dreizehnte Frühjahr, das ich durch dieses Fenster sich entfalten sehen kann. Zum ersten Mal in all den Jahren sehe ich Eltern mit ihren Kindern auf dem Bürgersteig abhängen. Mit Kreide malen, Laufrad üben. Auf Treppenstufen sitzen. Gummibärchen futtern. Erst seit die Spielplätze als umzäuntes Freizeitvergnügen gesperrt sind und die Cafés geschlossen, wo Aufenthalt an Konsum gekoppelt ist, wird der städtische Raum als ein Ort wiederentdeckt, an dem man leben kann – nicht nur eilig nutzen, sondern eben auch einfach sein. Statt des Autolärms auf der Fahrbahn herrscht Lebhaftigkeit auf dem Trottoir. Gilt das schon als gute Nachricht unter den vielen schlechten?

Der dreizehnte Frühling in dieser Wohnung und der zwölfte, seit ich alleinerziehend bin. Rückblickend könnte man sagen, dass jede Woche, jeder Monat, all die Jahre mit kleinen Kindern zuhause im Grunde eine ausgezeichnete Vorbereitung auf eine Pandemie waren. Und obendrein: häusliche Konzentration – check. Einsame Beharrlichkeit – check. Beides mag jene Kreativität fördern, die gerade von vielen neu entdeckt und gefeiert wird. Ich kann allerdings aus langjähriger Kontaktsperre heraus berichten, dass dies nur die halbe Wahrheit ist. Die andere heißt Mammon. Es braucht Penunze, um ein Eis zu essen, Knete zum Besänftigen der Albträume, Piepen für die Krankenversicherung, Kies für Strom, Bimbes für die Musikschule. Wer Angst hat, ist nicht kreativ. Dies nur als freundliche Ergänzung zu dem schönen Leitartikel, weil ich gerade dafür Zeit habe und natürlich für »Mein Fenster zur Welt«, den Text, den die FAZ bestimmt noch vor Ostern anfragen wird:

Die Platane vor meinem Fenster beginnt auszutreiben. Selbst wenige Tage bevor das junge Grün hervorbricht, gelingt es mir nicht recht – wie in jedem Jahr übrigens – mir vorzustellen, wie die Bäume belaubt aussehen werden. Kaum sind die Kronen aber dicht und frischgrün, kann ich mich nicht daran erinnern, wie die nackigen schwarzen Astgerippe aussahen. Eine merkwürdige kleine Amnesie, die aber niemandem schadet.
Nun knospen im April vor allen Häusern die Bäume. Der Virus macht keine Unterschiede. Die kollektive Vereinzelung erzeugt ein für viele Menschen stärkendes Wir-Gefühl. Tröstender Konsens, pandemischer Gleichklang. Aber dieses wohlige Gleichheitsgetue – together we care und so weiter, was sich dieser Tage ausbreitet, erscheint mir als befremdliche Amnesie. Dabei ist es so offensichtlich, dass man es kaum noch hinschreiben mag: Die Krise verstärkt Ungleichheit. Die Bundesregierung hat beachtliche Soforthilfen auf den Weg gebracht, keine Frage. Obendrein war die Welt schon ungerecht und die soziale Schere sperrangelweit geöffnet, bevor die Pandemie ausbrach. Doch diese Verschärfung der Unterschiede entspringt keinem quasi schicksalhaften Marktgeschehen. Das sind Entscheidungen und sie sind schwer auszuhalten.
Ich schaue auf den zart knospenden Baum, dessen Zweige sich im morgendlichen Frühlingswind wiegen. Im Nebenzimmer videotelefoniert das große Kind mit seiner Lerngruppe über dreihebige Jamben. Es schreibt in zwei Wochen Abitur. Es verfügt über einen Laptop, ein Smartphone und einen Drucker, es wird von seinen Lehrern unterstützt, bekommt Feedback und zur Not bringt ein Fahrradkurier das fehlende Buch. Was machen jetzt eigentlich Kinder mit zwei oder drei Geschwistern in einem Zimmer, ohne Computer, ohne elterlichen Support und in einer Familie, wo das Geld nicht mal fürs Essen langt? Wo das Beste, was Sozialarbeiter gerade tun können, darin besteht, beim Whatsappen mit ihren Schützlingen den Bildhintergrund auf Anzeichen von Verwahrlosung und Gewalt hin zu betrachten. Ich denke an den Automobilkonzern BMW, der angekündigt hat, 2020 eine Dividende von 1,64 Milliarden an seine Aktionäre auszuschütten. Gleichzeitig hat das Unternehmen Kurzarbeitergeld beantragt, was eine Staatshilfe ist, die aus Steuergeldern finanziert wird. Ich denke daran, dass zehntausende polnische Erntehelfer auf deutsche Spargelfelder eingeflogen werden. In der gleichen Gegenwart gibt Innenminister Seehofer bekannt, dass Deutschland „nach zähem Ringen sehr zeitnah 50 unbegleitete erkrankte Kinder aus griechischen Flüchtlingslagern aufnimmt“. Fünfzig.
Formen der Lyrik ist ein Thema beim Deutschabitur. Jeden Morgen bekommt das Kind ein Day’s poem of today neben den Frühstücksteller gelegt, heute von Saigyō.

Daß sie an die Welt,
die so unbeständig ist,
nicht gefesselt sei’n,
bläst der gütige Frühlingswind
alle Kirschblüten fort.

Flanieren in Hamburg – die »Bibliothek der Dinge«

In den Bücherhallen am Hühnerposten steht neuerdings eine Glasvitrine, gleich hinter der Drehtür ein paar Schritte nach links. Ein hohes Möbel, vollgestellt mit Gegenständen, die Türen mit Schlössern verriegelt. Ich betrachte aus gebührender Entfernung die auf Augenhöhe ausgestellte Actionkamera.
Herr Baudrillard ist sofort hellwach und schaut mir über die Schulter. Bei Konsumgütern kann er richtig streng werden. Dinge sind doch nur Wunschmaschinen, sagt er. Ware und Wunsch sind untrennbar miteinander verknüpft, sagt er. Ein Ding ist nicht nur ein Ding; es ist ein Zeichen für etwas: Eine Bohrmaschine steht für Potenz, eine Actionkamera verspricht mannhafte Dynamik, flüstert er mir ins Ohr. Gefangen in dieser Scheinwelt, wünschst du dir sehnlichst Potenz und kaufst also den Sportwagen. Doch das Auto erfüllt deinen Wunsch nicht. Es ist dein Wunsch und deshalb hältst du es heilig, dieses magische Ding. Und nächstes Jahr kaufst du das nächste.
Das war schon 1968 nicht falsch. Aber warum präsentiert eine öffentliche Bücherei Dinge wie Preziosen im bürgerlichsten aller Möbelstücke, der Vitrine? Ich schiebe Herrn Baudrillard sanft beiseite, damit ich besser sehen kann und lese:
Bibliothek der Dinge.
Alle Dinge hier sind gegen eine Gebühr von 1 € für vier Wochen ausleihbar. Die Liste umfasst:
Actionkamera
Bluetooth-Lautsprecher
Controller
Hängematte
Heimwerkerset
Laminiergerät
Nähmaschine
Skateboard
Smartphone-Objektive
Polaroidkamera
Slackline
Strickset
Teleskop
Ukulele
Zeichentablet

Es gibt in der Hamburger Innenstadt, wo jeder Bürgersteigzentimeter Umsatz bringen muss, also einen Ort, der die Scheinwelt des Konsums zertrümmert. Hier ist die Fluchttür eingebaut. Wunsch und Ware gehen in dieser Büchereiecke getrennte Wege. Diese Dinge in der Vitrine kann man vielleicht gebrauchen, aber man muss sie nicht besitzen. Es ist ein Inventar begehrenswerter und zugleich überflüssiger Dinge. Einige Dinge auf der Liste erinnern mich an Wünsche, die man selbst vergessen hat, weil sie einfach nicht in Erfüllung gehen wollten. Dinge sind hier versammelt, von denen sich Gebrauch machen lässt. Hier liegt keine Ware, die eine Werbeidee transportiert. Die Dinge sind zum Benutzen da, nicht zum Vorführen. Man kann mit ihnen arbeiten, etwas machen, bewegen und schaffen, analog wie digital. Leihweise werden Dinge auch nicht gleich bedeutungsschwer und legen einen fest, wo man doch nur kurz etwas ausprobieren wollte. Die Liste erzählt auch etwas über uns: Was wir uns nicht leisten können, wovon wir träumen, welche Bedürfnisse wir haben und was wir uns nicht zutrauen.

(c) Eberhard Kirchhoff

Ukulele.
Allein für den klingenden Namen hat sie es verdient, in die Bibliothek aufgenommen zu werden. Und was für eine besonnene Entscheidung. Vielleicht möchte jemand schon ganz lange einmal ein Lied auf einer Ukulele spielen. In seinem Zimmer die Saiten schlagen, versunken im amateurhaften Tun.

(c) Eberhard Kirchhoff

Den Bibliotheksmenschen, die das Heimwerkerset aufgenommen haben, gebührt Ehre. Dieses Ding will nun niemand wirklich besitzen, denn wie oft im Jahr kommt etwa ein Kreuzschlitzschraubenzieher tatsächlich zum Zuge? Denken wir einen Schritt weiter, gibt es pro Wohnblock bald nur noch ein Heimwerkerset. Man könnte es im Kiosk hinterlegen.

(Ich weiß, dass ich nur wenig über die Sehnsüchte der Männer weiß. Ich kann den Impact einer Bohrmaschine höchstens imaginieren: Ich nenne eine Nähmaschine mein eigen. Wenn es etwas zu nähen gibt, hole ich sie hervor und nähe. Teilte ich nun eine Nähmaschine mit meinen Nachbarn, müsste ich sie erst holen. Ich spüre dieser Vorstellung nach, erfühle das finstere Szenario einer Allmende-Nähmaschine  – und nichts. Weder meine Libido noch mein Ego noch mein Selbstgefühl reagieren in irgendeiner Weise. Ich weiß wirklich wenig über Männer und ihre Sehnsüchte, obwohl ich einen Haufen über Züge in Tunnels, Zigarren und weiße Krankenschwestern gelesen habe.)

Berührt hat mich das Teleskop. Ein so ernsthafter, schwarzer und wichtiger Gegenstand wissenschaftlichen Erkennens und genauer Beobachtung. Objekt großer Träume und Forschersehnsüchte. Ich hätte als Kind gern ein Teleskop gehabt. Aber nicht nur die Sterne, auch ein Teleskop lagen außerhalb unserer Reichweite. Nun können in Hamburg diejenigen, die für ihr Leben gern Sterne beobachten und sich kein Teleskop leisten können, fast eine Mondphase lang ins All schauen. Und alle, die vergessen haben, dass man den Himmel beobachten kann, sind an das forschende Staunen erinnert.

(c) Eberhard Kirchhoff

Vier Wochen lang gehörte die Slackline zu unserem Haushalt. 27 Tage lag das Ding an der Garderobe. Mit jedem Tag wurde es unangenehmer, daran vorbeizugehen. Man verspürt ja eine gewisse Verpflichtung: nämlich das Ding in der gegebenen Frist auch zu nutzen, denn für die, die darauf warten, ist es kostbar und begehrenswert. Am letzten Nachmittag schließlich erwogen wir in den Park zu gehen. Dann regnete es. Das Sportding war zu schwierig und zu schwer für uns, eine Last, keine luftige Balance. Erleichtert brachte ich es zurück auf seinen Platz in der Bibliothek. Wir sind so eine Familie nicht, die gemeinsam fröhlich im Park sportelt. Der heimliche Wunsch danach bleibt bei mir, die Ware geht zurück.
Wie schwer muss es dagegen sein, die Bluetooth-Lautsprecher wieder zurückzugeben, wenn man die Erfahrung mochte. Wer Musik liebt und angewiesen ist auf das Scheppern des Handys, wird auf einmal den Mangel schmerzlich verspüren. Aber einen Monat lang war Klang in der Bude. Wofür man einen Controller braucht, kann ich nicht ermessen. Mir schwante die ganze Zeit schon, dass die Welt laufend komplexer wird. Aber jemand wird sich mit dem Ding hoffentlich einen schönen Nachmittag machen oder ein Wasserspiel kontrollieren oder seinen Gaszähler oder endlich Kontrolle über sein Leben gewinnen. Für vier Wochen.

Was ich noch gern aufgenommen wüsste:
Fleischwolf
Tennisschläger
Kofferplattenspieler
Vertikutierer

 

Illustrationen: (c) Eberhard Kirchhoff

Clara Bow in Concert

Gute Mucke aus Hamburg: CLARA BOW
Die Vier sind zu hören & zu sehen am
16. Mai im Golem, Große Elbstraße 14: Release Party und Concert

Also ich geh hin.