Der Baumarkt an sich ist ja eine großartige Sache.
Füllhorn der Einsichten für Stadtethnografinnen, Gendertheoretiker, Kapitalismuskritikerinnen, Linguisten (Hochdruckeinspritzdüsenautomatikeinrichter), Paartherapeuten und Semiotikerinnen, die dort an jedem beliebigen Samstag aasen können wie der Leopard in der Lämmerherde.

Für mich persönlich ist der Baumarkt kein natürliches Habitat.
Ich bin handwerklich nicht geschickt. Ich kann nicht schwer tragen, und meine Arme tun schnell weh. Ich bin mir völlig im Klaren darüber, dass meine Fähigkeiten auf dem Gebiet des handwerklichen Tuns sehr beschränkt sind, was mich im Grunde nicht beunruhigt, aber nervös macht, wenn ich mich auf dem Hoheitsgebiet der Zupackenden und Hobbybegeisterten bewege.

„Agarre de un bifaz“ von José-Manuel Benito Álvarez (España) —> Locutus Borg - Eigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Agarre_de_un_bifaz.png#/media/File:Agarre_de_un_bifaz.png

In den letzten Jahren hat sich einiges verändert bei der institutionellen Kinderbetreuung, auch zum Besseren: Es gibt mehr Ganztag in den Grundschulen, mehr Krippenplätze, das kostenfreie Vorschuljahr und Sprachförderung in den Kitas.

Quasi das Holozän der Betreuung herrscht im Leben einer alleinerziehenden Berufstätigen, solange sich beide Kinder in Kita und Grundschule bewegen: gesicherter Aufenthalt in der Erziehungs- und Bildungsanstalt von acht bis 16 Uhr. Natürlich gibt es auch mal eine Ausnahme: Elternsprechtag, pädagogischer Jahrestag, Läusealarm, eine Krankheitswelle im Lehrkörper, einen Streiktag oder zwei oder neun bei den Erziehern, ab und an einen Ausflug, hin und wieder eine Konferenz, ein Klassenfest, zuweilen ein Schulfest oder einen Betriebsausflug des Betreuerteams. Kleinigkeiten gewissermaßen, die mit dem Anspruch auf Jahresurlaub fair austariert sind.

An dem Tag aber, an dem Kind 1 auf die weiterführende Schule wechselt, katapultiert die Wirklichkeit einen ins Betreuungssteinzeitalter zurück. Meine Kinder sind klein geraten und beim Wechsel neun Jahre alt.

(cc)_RossPollack_flickrEnde Februar legte der Paritätische Wohlfahrtsverband seinen neuen Armutsbericht vor. Letzte Woche hat dann Arbeitsministerin Nahles einen eigenen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung angekündigt und im Interview mit der Süddeutschen Zeitung ihr gesellschaftspolitisches Interesse akzentuiert:

Man hört oft Zahlen, wer wie viel besitzt und dass die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird. Mir geht es aber um die Frage: Wie wirkt sich Reichtum in unserem Land im Alltag aus? Nehmen Vermögende und die Eliten Einfluss auf politische Entscheidungen und gesellschaftliche Diskurse – welchen und in welcher Form?

Das halte ich ebenfalls für einen hochinteressanten Aspekt. Ich freue mich schon auf den Bericht der Bundesregierung, der die Fragen nach Elitenbildung, Lobbyismus, Stifterfamilien, Vermögensverhältnissen, Einflusssphären und generationellem Vermögenstransfer in Deutschland offenlegen und zur Diskussion bereitstellen wird. Bis das Papier aber vorliegt, können wir uns noch einmal dieser „Kluft“ zuwenden.

Private Nachrichten aus einem vermasselten Leben

(c) C.M.Schulz

Zum Geburtstag habe ich von Kind 1 das Buch »Mädchen in der Pubertät« geschenkt bekommen. Damit ich eine faire Chance habe.

Ich finde nicht, dass ich eine faire Chance habe.
Wenn ich an einem Meeting nicht teilnehmen kann, weil ich abends um sechs zuhause bin, Hausaufgaben betreue und Wäsche falte, wünscht sich irgend jemand mehr Engagement von mir. Denn wenn sich das fortsetzte, müsse man sich wohl jemand anderen für den Job suchen.

Wenn ich die Küche gestrichen habe, weist bestimmt irgend jemand wohlmeinend darauf hin, dass es sich durchaus bewährt hätte, die Decke zweimal zu streichen.

Wenn ich zum Klassenfest zwei Flaschen Orangensaft mitbringe, lächelt mich immer irgendeine Mutter verständnisinnig an, während sie ihre selbstgebackene Quiche aus Dinkelvollkornmehl auf den Tisch stellt.

Wenn ich im Garten die kniehohe Wiese mühsam mähe, gibt mir die Nachbarin den Tipp, dass es leichter und besser fürs Gras sei, öfter zu mähen, zudem sähe es gepflegter aus.

form follows functionJa, natürlich interessiert es mich brennend, welches Kleid Michelle Obama heute trägt.
Aber solange sie sich im Ritz Carlton frisch macht, bleibt Zeit, auf das Papier des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter zu schauen, das schon vor einer Woche in Berlin veröffentlicht wurde und das, wie ich finde, echolos ins Wahlkampfgesums schallt. Dabei sind die Forderungen eine starke und umissverständliche Ansage, die jedem einzelnen Wahlkampfstrategen gleißende Kopfschmerzen und Schweißflecken unter den Armen bereiten möge: 1,7 Mio Wählerinnen laufen da draußen frei rum.

Armut von Alleinerziehenden und ihren Kindern ist kein privates Schicksal, sondern Ausdruck ihrer gesellschaftlichen Benachteiligung.