Mein Fenster zur Welt. Tag 29

Aleš Šteger, slowenischer Dichter, Autor und Verleger, schaute gestern im FAZ-Feuilleton aus seinem »Fenster zur Welt« in Ljubljana. Ein schöner Text, der die wechselvolle Geschichte eines Hotels auf der anderen Straßenseite erzählt. Nun ist es seit Wochen geschlossen, das so abwechslungsreiche wie ablenkende Fenstertheater der Hotelzimmer gegenüber beendet und der Autor in der ereignislosen Spiegelung der Glasfassade auf der anderen Straßenseite dem Blick auf sich selbst ausgesetzt.
Leuchtender Sonnenschein, gleißend helle Nachmittage wie am Meer sind das Signum der Epidemie. Ich schaue aus meinem Fenster zur Welt und blicke auf das sonnige Fenstertheater gegenüber und als Vexierbild hineingelegt die Spiegelung meines eigenen Fensters, hinter dem ich mich und meinen Nachbarn unter mir sehe. Wir alle vor und hinter diesen Fenstern sind Eingeborene, wie Aleš Šteger schreibt. Wir sind Akteure und Zuschauer, Spiegelbild und Schreckensmaske kleiner Alltage vor und während der Krise. Mich beschäftigt ein Gedanke aus seinem Text: (wir,) die wir in unseren Wohnungen gefangen auf das Weiterleben nach dem Ende des Nachdenkens warten. Es ist nicht leicht, dem eigenen Blick auf sich selbst und die eigene Misere standzuhalten, es ist viel schwieriger, als wir es uns anfangs beschönigend vorgestellt haben.
Ist es tatsächlich so? Warten wir nur gefangen auf das Weiterleben danach? Ist die Begegnung mit der eigenen Misere wirklich die Erfahrung, die erst die Pandemie in dieser Intensität ermöglicht? Soziales Leben ausgesetzt, Aktivitäten angehalten. Die äußere Welt steht still und wir finden uns in dem kleinen Radius wieder, den wir selbst gestalten. Bei meiner seit Jahren praktizierten häuslichen Lebensführung (siehe hierzu gern: Tag 18) gab es keine Misere zu beschönigen. Sie war schon ausgelotet, als die Kontaktsperre begann. Ich bin eine Eingeborene der Misere. Während ich am Schreibtisch sitze und aus dem Fenster schaue, fasse ich eine kleine Beobachtung am Schlafittchen, denn an ihr nehme ich wahr, dass wir nicht nur vage warten, sondern in der Misere noch ein gutes Leben wagen. Apropos warten: Auf den Anruf des FAZ-Redakteurs warte ich natürlich immer noch.

Die kleine Tochter eines Freundes, so erzählte er am Telefon, zieht sich neuerdings nach dem Frühstück Schuhe und Jacke an, geht den Weg zur Schule und zurück und setzt sich, wieder zuhause angekommen, an den Küchentisch, um ihre Aufgaben im Home-Schooling zu beginnen. Über was für ein intuitives Wissen von der Kraft des Rituals verfügt die Neunjährige: Sie legt Distanz zwischen privatem und öffentlichem Leben ein, vollzieht die Trennung zwischen Familie und Lernen, verwandelt sich selbst von der Tochter in die Schülerin. Auch wenn sie schließlich auf dem gleichen Stuhl sitzt wie vorher, hat das Gehen auf symbolischer Ebene soziale Bedeutung generiert und ein Gefühl der Selbstermächtigung erzeugt. Ich bin begeistert von diesem Kind und seinem Wissen über universelle Codes und deren feine Syntax.
Auch wir üben uns im Verschieben und Umdeuten. Mein großes Kind schreibt diese Woche Abitur. Diese Sommer wird die Zeit sein, von der ich glaubte, sie läge immer in ferner Zukunft. Das erste Kind wird das Haus verlassen und mir wird es gewiss schwer werden. Ich werde vernünftig sein, versprochen, und alles hat seine Zeit, ich weiß. Aber sage keiner, es sei leicht, ein Kind, das man alleine großgezogen hat, gehen zu sehen. Was für ein Geschenk also (nun ja, jedenfalls für mich) und ein Privileg inmitten des Schreckens, die Kinder so viele Wochen zu erleben, sich als Familie im Intensivmodus zu ordnen, sich auszuhalten, zu streiten, zu schweigen, zu nerven, Punkte zu machen, zu essen. Nicht jede Stunde ist witzig, aber die Chance, so viel von seinen eigenen jugendlichen Kindern mitzubekommen, ist unerhört rar und oft unterhaltsam: neue Musik hören, Trevor Noah gucken, abwegige Themen debattieren, Youtuberin spielen, Rollen verhandeln, Zitate platzieren, noch einen Spruch draufsetzen. Erkennen, dass sie erwachsen werden, dass sie sich entspannt entfernen, dass man von vielem keine Ahnung mehr hat, und man sie auch manchmal da lassen muss, wo sie feststecken: im pubertären Wahn. Eine Familie – ein Familie von Vielrednern jedenfalls – wird in einer solchen luftdicht abgeschlossenen Situation zu einer Gemeinschaft von Spielern, einer Gruppe, die unentwegt mit Regeln spielt, die die Grammatik der Rituale umdeutet, verschiebt und verändert, um sich genau in diesen fluiden Umdeutungen zu konstituieren. Brot kann schimmeln. Was kannst du? Why would you say something so controversial yet so brave? Es tut mir leid, Pocahontas. I met someone who makes me feel seasick. Du hast die Haare schön.

Die Formen der Lyrik fürs Deutschabitur begleiten uns, das day’s poem of today kommt heute von Robert Walser.

Die Lampe ist noch da,
der Tisch ist auch noch da,
und ich bin noch im Zimmer
und meine Sehnsucht, ah,
seufzt noch wie immer.

Feigheit, bist du noch da?
und Lüge, auch du?
Ich hör‘ ein dunkles Ja:
das Unglück ist auch noch da.
und ich bin noch im Zimmer
wie immer.

 

 

 

 

 

Mein Fenster zur Welt. Tag 18

Kreativität liege nicht nicht auf dem Marktplatz, stand am Samstag in der Zeitung. Fehlende Zerstreuung habe also auch etwas Gutes. Oha, denke ich und blicke aus meinem Fenster zur Welt. Es braucht eine Corona-Krise, damit ein Leitartikler auf die Idee kommt, Konzentration und einsame Beharrlichkeit seien Voraussetzungen für kreatives Tun.
Mit den warmen Apriltagen beginnt das dreizehnte Frühjahr, das ich durch dieses Fenster sich entfalten sehen kann. Zum ersten Mal in all den Jahren sehe ich Eltern mit ihren Kindern auf dem Bürgersteig abhängen. Mit Kreide malen, Laufrad üben. Auf Treppenstufen sitzen. Gummibärchen futtern. Erst seit die Spielplätze als umzäuntes Freizeitvergnügen gesperrt sind und die Cafés geschlossen, wo Aufenthalt an Konsum gekoppelt ist, wird der städtische Raum als ein Ort wiederentdeckt, an dem man leben kann – nicht nur eilig nutzen, sondern eben auch einfach sein. Statt des Autolärms auf der Fahrbahn herrscht Lebhaftigkeit auf dem Trottoir. Gilt das schon als gute Nachricht unter den vielen schlechten?

Der dreizehnte Frühling in dieser Wohnung und der zwölfte, seit ich alleinerziehend bin. Rückblickend könnte man sagen, dass jede Woche, jeder Monat, all die Jahre mit kleinen Kindern zuhause im Grunde eine ausgezeichnete Vorbereitung auf eine Pandemie waren. Und obendrein: häusliche Konzentration – check. Einsame Beharrlichkeit – check. Beides mag jene Kreativität fördern, die gerade von vielen neu entdeckt und gefeiert wird. Ich kann allerdings aus langjähriger Kontaktsperre heraus berichten, dass dies nur die halbe Wahrheit ist. Die andere heißt Mammon. Es braucht Penunze, um ein Eis zu essen, Knete zum Besänftigen der Albträume, Piepen für die Krankenversicherung, Kies für Strom, Bimbes für die Musikschule. Wer Angst hat, ist nicht kreativ. Dies nur als freundliche Ergänzung zu dem schönen Leitartikel, weil ich gerade dafür Zeit habe und natürlich für »Mein Fenster zur Welt«, den Text, den die FAZ bestimmt noch vor Ostern anfragen wird:

Die Platane vor meinem Fenster beginnt auszutreiben. Selbst wenige Tage bevor das junge Grün hervorbricht, gelingt es mir nicht recht – wie in jedem Jahr übrigens – mir vorzustellen, wie die Bäume belaubt aussehen werden. Kaum sind die Kronen aber dicht und frischgrün, kann ich mich nicht daran erinnern, wie die nackigen schwarzen Astgerippe aussahen. Eine merkwürdige kleine Amnesie, die aber niemandem schadet.
Nun knospen im April vor allen Häusern die Bäume. Der Virus macht keine Unterschiede. Die kollektive Vereinzelung erzeugt ein für viele Menschen stärkendes Wir-Gefühl. Tröstender Konsens, pandemischer Gleichklang. Aber dieses wohlige Gleichheitsgetue – together we care und so weiter, was sich dieser Tage ausbreitet, erscheint mir als befremdliche Amnesie. Dabei ist es so offensichtlich, dass man es kaum noch hinschreiben mag: Die Krise verstärkt Ungleichheit. Die Bundesregierung hat beachtliche Soforthilfen auf den Weg gebracht, keine Frage. Obendrein war die Welt schon ungerecht und die soziale Schere sperrangelweit geöffnet, bevor die Pandemie ausbrach. Doch diese Verschärfung der Unterschiede entspringt keinem quasi schicksalhaften Marktgeschehen. Das sind Entscheidungen und sie sind schwer auszuhalten.
Ich schaue auf den zart knospenden Baum, dessen Zweige sich im morgendlichen Frühlingswind wiegen. Im Nebenzimmer videotelefoniert das große Kind mit seiner Lerngruppe über dreihebige Jamben. Es schreibt in zwei Wochen Abitur. Es verfügt über einen Laptop, ein Smartphone und einen Drucker, es wird von seinen Lehrern unterstützt, bekommt Feedback und zur Not bringt ein Fahrradkurier das fehlende Buch. Was machen jetzt eigentlich Kinder mit zwei oder drei Geschwistern in einem Zimmer, ohne Computer, ohne elterlichen Support und in einer Familie, wo das Geld nicht mal fürs Essen langt? Wo das Beste, was Sozialarbeiter gerade tun können, darin besteht, beim Whatsappen mit ihren Schützlingen den Bildhintergrund auf Anzeichen von Verwahrlosung und Gewalt hin zu betrachten. Ich denke an den Automobilkonzern BMW, der angekündigt hat, 2020 eine Dividende von 1,64 Milliarden an seine Aktionäre auszuschütten. Gleichzeitig hat das Unternehmen Kurzarbeitergeld beantragt, was eine Staatshilfe ist, die aus Steuergeldern finanziert wird. Ich denke daran, dass zehntausende polnische Erntehelfer auf deutsche Spargelfelder eingeflogen werden. In der gleichen Gegenwart gibt Innenminister Seehofer bekannt, dass Deutschland „nach zähem Ringen sehr zeitnah 50 unbegleitete erkrankte Kinder aus griechischen Flüchtlingslagern aufnimmt“. Fünfzig.
Formen der Lyrik ist ein Thema beim Deutschabitur. Jeden Morgen bekommt das Kind ein Day’s poem of today neben den Frühstücksteller gelegt, heute von Saigyō.

Daß sie an die Welt,
die so unbeständig ist,
nicht gefesselt sei’n,
bläst der gütige Frühlingswind
alle Kirschblüten fort.

Mein Fenster zur Welt. Tag 10

Zwischen mir und meinem Fenster zur Welt steht die kleine Messingfigur eines Torwartes. Kein moderner Profi-Sportler, sondern ein eher schmächtiger Kerl mit Ballonmütze, im ausgeleierten Strickpolo, mit knielangen Hosen und breiten Schnürschuhen. Seine Gestalt erinnert an Figuren von Erich Kästner oder Typen beim jungen Brecht. Späte zwanziger Jahre vermute ich. Etwas Lässiges, Städtisches trennt ihn vom gesunden Sportsmenschen, der in der Historie wenig später kommen wird. Sein drahtiger Körper ist gestreckt bis in die kleinste Faser. Von den Fußspitzen bis zu den hoch gereckten Armen bildet er eine gespannte Diagonale im Raum, die Hände fest um den Ball, den er nicht auf ewig aus dem Spiel wird halten können, für diesen einen Augenblick aber auf immer abwehrt. Der einsame Mann hat keine Angst, er springt dazwischen, er ist es, der die bedrohlichen Torschüsse hält, die Angriffe aus dem Lauf, die schellen Pässe, die unerwarteten Fallrückzieher, die die Welt in meine Richtung auflegt.

An einem Morgen im letzten Sommer saß ich unten auf meiner Bürgersteigseite vor der Eisdiele. Eine Nachbarin nahm neben mir auf der Bank Platz. Das darf sie, ist ja schließlich auch ihre Bürgersteigseite. Wir gucken also gemeinsam auf das Haus gegenüber, in dem justament eine Frau ein Fenster öffnet. Von meiner Nachbarin höre ich, weil Gelegenheit günstig, dass diese Frau von ihrem Esstisch aus einen Blog betreibt. Sie schreibt mit sehr großem finanziellen Erfolg über Kinder und Dinge, Gefühle und Mütter. Werbeeinnahmen, Influencerhonorare, eins kommt zum anderen, quasi Wochenendhaus nebenbei, weiß meine Nachbarin zu erzählen. Natürlich habe ich später gegoogelt und gelesen, was es dort zu lesen gibt. Nicht meine Tasse Tee, diese Geschichten. Nun ist die Welt aber voller Dinge, die mich nicht berühren, die in einer anderen Sphäre zirkulieren und meine Meinung nicht brauchen.
Doch fällt seit jenem Morgen vom Schreibtisch aus mein Blick oft auf das Fenster, hinter dem die erfolgreiche Bloggerin sitzt, und mein Herz findet keinen Frieden mehr. Ich schelte mich kleinmütig, während meine Arroganz noch groß genug ist, die Texte abzutun. Ich weiß, dass die Erfolglosigkeit mich schäbig macht. Oft vergesse ich die Influencerin ganz, dann schaue ich auf und der Neid sticht wie am ersten Tag. Sie holt das Schlechteste in mir hervor. Ihre Torschüsse sind auf Messi-Niveau.

Bis gestern fand mein Herz keinen Frieden mehr. Um für den Anruf aus Frankfurt gut vorbereitet zu sein, saß ich am Schreibtisch. In der Wartezeit eines stillen Pandemie-Morgens berührte ich den Sockel des kleinen Tormanns und drehte ihn das erste Mal zu mir um.

Von Albert Camus wird berichtet, er habe 1929 als junger Torwort Großes geleistet: Der Schiedsrichter dieser Partie war ungerecht und erkannte ein Tor nicht an. Albert Camus blieb, als der gegnerische Stürmer wieder angriff, einfach am Elfmeterpunkt stehen, zog mit einer Verbeugung seine Ballonmütze und lud den Gegner zum Torschuss ein. Mein Tormann spielte einfach einen Augenblick lang für die andere Mannschaft, sodass ich das Offensichtliche sehen konnte: Ich bin es, die die Schüsse tritt. Auf den Ball drischt ohne Sinn und Verstand. Ich kann einfach aufhören damit und das Spiel ist vorbei. Bei Camus ging es um Gerechtigkeit, vor meinem Fenster zur Welt immerhin um Freiheit.

Der FAZ-Redakteur wird Anmerkungen haben. »Etwas banal, nicht wahr?« zum Beispiel. Gut möglich. So ein kleiner Perspektivenwechsel macht nicht viel her in der großen Krise. Er muss es ja nicht drucken.

 

Mein Fenster zur Welt. Tag 8

Sonntag in der Kontaktsperre.
Steht die Zeit seit einer Woche still oder rinnt sie in einem geheimen Abflussrohr einfach weg? Hat sie sich zusammen mit der Ordnung der Tage auf die Ersatzbank am Spielfeldrand gesetzt? Am leeren Schreibtisch, den Blick auf der gegenüberliegenden Häuserreihe, spüre ich, dass mit jedem Tag der Krise etwas von der Unruhe schwindet, die mich lähmte und zugleich unter Hochspannung hielt. Das Hündchen Angst scharwenzelt natürlich noch herum, aber ich lasse es nicht auf den Schoß springen.
Gewohnheitstierchen sind wir, meine Kinder und ich: gewöhnen uns an die Folge der Sonnentage, lassen uns in Ungewissheit treiben, schwimmen mit dem Strom leiser Stunden. Dabei gibt es doch einen Zeiger, an dem ich mich festhalten kann. Direkt vor meinen Augen hängt er unbewegt: 1901. Vier goldene Ziffern markieren das Jahr, in dem das Haus gegenüber – wie fast alle Häuser hier – gebaut wurde. Wie oft habe ich diese Zahl schon gesehen und erst jetzt finde ich die Zeit, eine Vorstellung davon entstehen zu lassen, wo die Geschichte, die seitdem um die Ecken geflitzt ist und keineswegs verschwunden, geblieben ist.
Schaut man aufmerksam, sieht man an den Fassaden noch an manchen Stellen die Befestigungen für die Oberleitung der Straßenbahn, die vor 120 Jahren hier durchfuhr, und die boomende Wohngegend mit der Innenstadt verband. Eine Postkarte von 1901 zeigt ausladende Stoffmarkisen vor den Ladengeschäften und die Balkone sind abgehängt mit hellen Leinenstoffen, wie sie heute in Beirut oder Istanbul die Hitze aus den Wohnungen fernhalten. In Istanbul war 1901 wieder die Pest ausgebrochen, die Stadt unter Quarantäne gestellt und im Hamburger Hafen wurden keine Waren aus Odessa und Istanbul gelöscht, weil mit der Ladung Ratten an Land kamen. Im Oktober feierte das politische Berlin mit großem Pomp den 80. Geburtstag von Rudolf Virchow.
Vermutlich beides keine Themen für die Leute hier an der Ecke. Auf Postkarten ist ein Schutzmann zu sehen, mitten auf der Kreuzung steht er behäbig, eine breiten Ledergurt um die Leibmitte. Kleine Mädchen tragen Schürzen über ihren Kleidern, die Männer Zylinder oder modische helle Basthüte mit schwarzen Bändern. Ein einzelnes Automobil parkt, Fuhrwerke scheinen noch zum Straßenbild zu gehören, eine Kutsche kreuzt verschwommen. Frauen flanieren in langen Kleidern und durchaus extravaganten Hüten über die baumbestandenen Trottoirs. Beschaulich, bürgerlich, ruhig.
Wo beim Gemüsetürken heute das Viertel sich mit biologischem Koriander, raren Gewürzmischungen und Flugmangos eindeckt, war 1901 ein Kolonialwarenladen – gewiss eine angenehme Selbstverständlichkeit in der Kolonialmetropole des deutschen Kaiserreichs. Die Dienstmädchen sprangen eben runter und holten Kaffee, Zimt, Kakao oder Palmöl. Im gleichen Jahr erließ Reichskanzler Bernhard von Bülow eine Verordnung, nach der jeder Haussklave in Deutsch-Ostafrika, wenn er kein Sklave mehr sein wollte, eine Abfindung zahlen musste, deren Höhe von der Verwaltung festgesetzt wurde. Damals lebte höchstwahrscheinlich kein dunkelhäutiger Mensch in den Häusern hier. Bei Hagenbeck, wo die Straßenbahn auch hielt, waren gerade die Völkerschauen aus Kamerun sehr beliebt. Heute lebt auch kein dunkelhäutiger Mensch in der Straße. Nur in der Küche des Sushi-Restaurants unten steht tagsüber einer, der spült.

Die lange Weile der Quarantäne ist inzwischen so ausgedehnt und luftig, dass meine Kinder freiwillig Sätze aus dem »Karneval der Tiere« spielen, während der Käsekuchen abkühlt. Hörte und fühlte sich 1901 ein Sonntagnachmittag in dieser Straße genauso an? Und wo zwischen Treppenhäusern und Balkonen sind die systemunabhängigen Verhaltensanweisungen für einen stillen Nachmittag abgelegt? Camille Saint-Saëns erhielt 1901 den preußischen Orden Pour Le mérite für Wissenschaften und Künste. Sicher haben die Musiklehrer anschließend noch intensiver französische Spätromantik an den Flügeln unterrichtet, die überall in den Wohnzimmern auf Eichenparkett stehen. Saint-Saëns, lese ich gerade, verließ seine Ehefrau, indem er einen Zettel auf den Küchentisch legte, auf dem stand »Ich bin weg.« Das hat eine Nachbarin neulich mit ihrem Ehemann genauso gemacht. Der Vorfall hat sich in der engen Vorstadt schnell herumgesprochen, hätte es bei den »Buddenbrooks« geheißen, die 1901 bei Samuel Fischer erschienen sind. Vor der Eisdiele hält gerade der Fahrradkurier aus der Buchhandlung. Ich weiß, was er mir bringt: »Spiegel und Licht« von Hilary Mantel.
Hoffentlich ruft die FAZ-Redaktion nicht morgen schon an und will einen Text. Ich brauche jetzt Zeit.

Mein Fenster zur Welt. Tag 5

In der Krise besinnt sich auch das Feuilleton auf Bewährtes. So lädt die FAZ unter dem Titel »Mein Fenster zur Welt« AutorInnen zur Weltbetrachtung ein – in Zeiten der beschränkten Bewegung eben aus dem Fenster. Mich hat die Einladung bislang nicht erreicht, aber ich möchte präpariert sein für den Anruf aus Frankfurt.

Viele Menschen sitzen jetzt in Videokonferenzen, treffen sich in Clouds, chatten und mailen. Ich nicht. Niemand vermisst mich da draußen, niemand ruft an. In diesen Tagen besinnen sich Teams auf ihre kreative Stärke und setzen neue Kommunikationsprozesse auf. Ich gehöre zu keinem Team. Vor der Pandemie hatte ich Jobs. Mit etwas Glück – oder was immer es dafür brauchen wird – werde ich nach der Pandemie auch wieder Jobs haben. Solange aber schaue ich über den Schreibtisch hinweg aus dem Fenster und sehe die Häuserfassaden auf der anderen Straßenseite. Eine typisch städtische Situation, nur auf welcher Seite in dem Theater die Bühne ist und wo die Zuschauer sitzen, das ist nicht entschieden.

Ich sehe Altbauten der Jahrhundertwende, Balkone, dahinter großzügige Wohnungen, Schiebetüren zwischen Ess- und Wohnzimmer. Seit vielen Jahren schon ist dies mein Blick und abends, wenn die Zimmerbeleuchtungen eingeschaltet sind und ich hinüberschaue, was ich im Grunde nicht allzu oft tue, sehe ich manchmal Menschen an der gleichen Stelle in verschiedenen Stockwerken Schiebetüren schieben.
Auf drei Balkonen übereinander sitzen jetzt drei Kreative in der Sonne. Wie in einem Bühnenbild. Als hätten sie sich abgesprochen mit ihren Utensilien: biologische Limoflaschen und MacBooks, Bose-Kopfhörer, Wollkäppis. Ab & an taucht ein Kind auf und wird gedankenverloren über den Kopf gestreichelt. Diese Menschen signalisieren Wohlbefinden. Sie zeigen Zustimmung und behände Anpassung an die neue Situation. Ich höre sie förmlich über die ungewohnt stille Straße hinweg Remote sagen, auf Sicht fahren und skalierbar. Dabei haben sie keinen Spott verdient. Sie führen einfach nur das Leben, das sie gewohnt sind, unter leicht veränderten Vorzeichen fort, mit neu entdeckter staatsbürgerlicher Emphase bereit, ihren Teil zum Social Distancing beizutragen. Sie schalten neuerdings um acht Uhr die Tagesschau an und sitzen gemeinsam mit ihren Lebenspartnern vor dem Fernseher. Sich ihrer selbst in gewisser Weise gravitätisch bewusst wie sonst nur beim Mittagessen am ersten Weihnachtsfeiertag. Ich weiß das, weil an Weihnachten in meinem Blick aus dem Fenster neben- und übereinander vier große glückliche Familien versammelt sind, die mit großer Sorgfalt das Stück »Erster Feiertag« aufführen. Sie essen nicht nur, sie generieren Bedeutung, sie tragen nicht nur ihre Jacketts bei Tisch, sie erfüllen ein Ritual, von dem sie sich wünschen, es möge sie erfüllen.

Kurz vor neun Uhr abends erwacht neuerdings Unruhe in den Wohnungen: Menschen stehen auf, rufen in die hinteren Zimmer, es wird hin- und hergegangen, aufgeregtes Gelächter. Eine Minute vor der vollen Stunde treten sie in Familienstärke oder paarweise auf ihre Balkone, lachen die Nachbarn in gespannter Erwartung schon einmal an. Und beginnen genau um Neune – den Widerschein der Displays im Gesicht – zu klatschen. Sie sagen, so hörte ich, es ginge um Krankenschwestern und Kassiererinnen. Anerkennung wollten sie spenden. Das sei schon wirklich toll, was die leisteten. Ich betrachte ihre strahlenden Gesichter und Pein beschreibt das Gefühl, welches mich anfällt. Was sie da beklatschen, sind sie selbst, ihre irgendwie prickelnde Teilhabe an der Welt der sozialen Medien. Sie geben ihrer Sehnsucht nach Ritualen nach, wie geliehen, geklaut, kopiert oder leer sie auch sein mögen. Dagegen ist nichts einzuwenden, es mag ein wohltuender, tröstlicher Akt sein, sich seiner selbst und der vertrauten Gemeinschaft zu versichern. Doch niemand auf diesen Balkonen hat sich je einen Deut um eine Kassiererin bei Penny geschert und wird es auch in Zukunft nicht tun. Keiner hätte Lust, den Stundenlohn seiner Putzfrau zu erhöhen. Keiner wird den Geigenlehrer der Tochter ab Mai sozialversicherungspflichtig beschäftigen. Warum auch. Was hätte das mit Viren zu tun?
Vermutlich wird die Welt nach der Pandemie doch keine andere sein als zuvor.

Heute spiegeln die Fenster drüben im Märzlicht die Fenster meiner Häuserseite. Wenn ich genau hinschaue, erkenne ich in der Reflexion auf der anderen Straßenseite das Wohnzimmer der Nachbarn unter mir. Der ältere Herr tritt in die Pedale seines Trimmrads. Das hat er schon vor dem Virus gemacht. Seit seiner Verrentung sieht man ihn kaum noch auf der Straße. Ist seine Nutzlosigkeit die gleiche wie meine? Oder bewegt er sich in echter Freiheit, weil er die Welt entlohnter Nützlichkeit hinter sich gelassen hat? Weiß er auch nicht mehr, welcher Wochentag heute ist?

Keine Raketenphysik. Zum Equal Pay Day

(c) Lisa Blum-MInkel
RED HANDBAG (c) Lisa Blum-Minkel, Hamburg

Er kommt in die Jahre, der Equal Pay Day.
1988 riefen die amerikanischen Business and Professional Women zum ersten Mal den Aktionstag aus und initiierten die Red Purse Campaign, um auf die Unterbezahlung von Frauen hinzuweisen.
Bei der siebenundzwanzigsten Party sind nun alle dabei: Familienministerinnen, SPD-Vorsitzende, Wirtschaftsredakteure – tout Paris lässt sich blicken und spricht Grußworte, denn das Geburtstagskind ist erwachsen und salonfähig geworden. Es schickt sich, bei dem Event gesehen zu werden.
Unterdessen bewegt sich die Lohndifferenz in Deutschland mit leichten Schwankungen seit Jahren zwischen 22 und 23 Prozent.

Dass der Equal Pay Day zu kurz greift und tiefer liegende Gründe der Ungleichheit vernachlässigt, hat zum Beispiel Antje Schrupp schon 2011 in zehn Thesen klar vorgetragen. Auch die statistische Aussagekraft wurde schon an vielen Stellen zurecht kritisiert. Seit einigen Jahren unterscheidet man deshalb zwischen unbereinigter und bereinigter Lohndifferenz.
Keine Raketenphysik. Zum Equal Pay Day weiterlesen

Schule, the Monster under your Bed

(cc) Marc Palm
Monster (cc) Marc Palm

Neulich las ich auf faz.net einen Artikel zum Thema Schulwahl. Die Autorin Julia Bähr berichtet von den Schauläufen, die weiterführende Schulen neuerdings veranstalten müssen, damit sie angewählt werden, und die man als Eltern besuchen muss, um nur ja den optimalen Bildungsort für den Nachwuchs zu ergattern.
Bähr schlingt noch einen Faden in den Text hinein: Ekliger Turnhallengeruch löst Erinnerungen an ihre eigene Schulzeit aus.
Schule, the Monster under your Bed weiterlesen

Hausfrauenleitbild: große Gefühle

Es ist schon 10 Tage her, dass Martin Halter das neue Buch von Andrea Maria Schenkel besprochen hat. Aber erst heute dachte ich wieder an den Artikel und an die hässliche Verachtung, die den Text beflaggte.

Am frühen Morgen radeln meine Kinder vor mir her auf dem Bürgersteig. Aus einer tiefer gelegenen Garageneinfahrt schießt ein schwarzer SUV über den Gehsteig hinweg auf die Fahrbahn. Übertourig angefahren, mühsam kontrolliert. Das eine Kind auf seinem Rädchen nur um Weniges verfehlend.
Die Sorge um die Brut lässt auch besonnene Menschen ventilieren, also gehe ich rasch an die Fahrerseite, trete so fest es eben geht gegen das Auto und schreie ohne eine einzige Reflexionsschleife: „verdammte unfähige Hausfrau“.

Martin Halter hat am 10.4.2012 eine Rezension geschrieben, in der es nur am Rande um einen mittelmäßigen Krimi geht, im Kern aber um die obszöne Anmaßung einer Hausfrau, die mit ihrem Erstling enorm erfolgreich in die Manege des Literaturzirkus‘ eingestiegen ist. Immerhin wiesen die folgenden Bücher dann in eine absteigende Richtung, die der neue Krimi nun zementiert. Über den Erfolg sei ihre Ehe zu Bruch gegangen. Auch die „Unschuld des Anfangs“ sei zerrissen, leider.
Und am Ende der Besprechung dann vollends die Demaskierung: „Finstere bayrische Hinterwäldler (…): Das kann Josef Bierbichler in seinem Mittelreich dann doch besser als die Hausfrau in ihrem Zwischenreich zwischen Regensburg und New York.“
Der Autor Bierbichler erhält einen Vor- und Nachnamen, einen Hinweis auf seine Profession braucht der Leser auf Augenhöhe nicht. Die schreibende Hausfrau bleibt Hausfrau, ohne Zuschreibung, der Mühe nicht wert. Mag sie mit einem Bein noch so vorwitzig im Mekka der Literaturszene stehen, der andere Fuß klebt im provinziellen, ungebildeten, klar begrenzten und letztlich nicht Ernst zu nehmenden Hausfrauendasein.
Warum ist die Autorin Schenkel so schwer erträglich für den etablierten Kulturmenschen? Es wäre doch ein Leichtes, ihre Bücher einfach zu ignorieren. Doch die erfolgreiche Grenzüberschreitung einer Hausfrau kränkt den berufstätigen Kulturteilnehmer. Also wartet der Rezensent geduldig, bis das Leben sie straft, und zeigt dann auf das Weibsbild, auf die dumme Hausfrau, die den ihr angemessenen Platz verlassen hat.

Meine Tirade vor der abgedunkelten Scheibe speist sich zum größten Teil aus genau diesem Sumpf der Voreinstellungen. Auch in mir sitzt ganz tief  versteckt die Verachtung für die Wert erhaltende, unbezahlte Familienarbeit. Ich spüre noch den Nachklang des Hasses der Töchter auf die Mütter allein für all das, was diese Generation nicht gewagt hat.
Hausfrauenleitbild: große Gefühle weiterlesen

Der Deutschen Krippenoffensive endlich zeigen, wo der harte, große Hammer hängt

Interessant, wenn jemand eine Meinung vertritt, und trefflich, wenn die FAZ eine ganze Seite dafür freischlägt. Die Zeitung veröffentlicht heute (FAZ vom 4. April 2012 auf Seite 7) einen Artikel des Kinder- und Jugendarztes Dr. Rainer Böhm aus Bielefeld mit der Überschrift „Die dunkle Seite der Kindheit“.
Böhm befindet, die chronische Stressbelastung, die bei Kleinkindern durch die Ganztagesbetreuung in einer Krippe entsteht, sei „die biologische Signatur der Misshandlung“.

Kleinkinder dauerhaftem Stress auszusetzen, ist unethisch, verstößt gegen Menschenrecht, macht akut und chronisch krank.

Ohne lange Umschweife  (und Platz hätte er gehabt) bringt der Kinderarzt die Befunde auf den Tisch: Außerfamiliäre Betreuung für Kinder unter drei Jahren ist selbst bei qualitativ sehr guter Betreuung Menschenrechtsverletzung. Die Folgen für die Kinder seien in unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten: deutlicher Rückgang an sozioemotionaler Kompetenz, verschlossenere, mürrischere, unglücklichere, ängstlichere, depressivere undsoweitere Kinder, erhebliche Risiken für das Bindungsmuster zwischen Mutter und Kind, dissoziales Verhalten im späteren Lebensalter, Ungehorsam (sic! Einfügung von mir), häufiges Schreien, Problemverhalten, das dem klinischen Risikobereich zuzuordnen ist, erhöhter Tabak- und Alkoholkonsum, Rauschgiftgebrauch, Vandalismus und Diebstahl.
Der Deutschen Krippenoffensive endlich zeigen, wo der harte, große Hammer hängt weiterlesen