Mein Fenster zur Welt. Tag 100, letzter Tag.

Es gibt nur noch ab und an, ganz vereinzelt, Klatscher auf den Balkonen. Sie hören sich selbst applaudieren in der warmen Juninacht. Heikel, der Übergang vom Gemeinschaftsglück zum peinlichen Moment. Die Infektionszahlen sind unten. Alles normal. Ist überhaupt noch Pandemie? War irgendetwas?
Wir haben weiter still in einer verlangsamten Parallelwelt gelebt, während Fitnesscenter längst geöffnet sind, VW wieder produziert, die Lufthansa fliegt, während Schweinebetriebe schlachten und Spielhallen Geld verdienen. Erst heute endet nämlich ein Schulhalbjahr, in dem das kleine Kind innerhalb von vier Monaten genau fünf Schulstunden Präsenzunterricht hatte, nicht zum Rudern ging und nicht in die Jugendgruppe. Heute endet diese Zeit und sechs Sommerwochen ohne Schule, ohne Sport, ohne Jugendgruppe liegen vor uns. Ein Kinderspiel, 42 Tage. Ein Witz gewissermaßen.

100 Tage lang drei Mahlzeiten täglich, ich habe gearbeitet und – wie die allermeisten Mütter – Homeschooling unterstützt, begleitet und verflucht, motiviert und korrigiert, die Stimmung hochgehalten und die Kinder bei Laune. Das ist mir nicht alles gleichermaßen gut gelungen. Aber wie schwierig ist es erst, mitten in der Pubertät monatelang auf seine Mutter als einziges soziales Gegenüber angewiesen zu sein und trotzdem munter jeden Tag vor dem Bildschirm zu sitzen und irgendwie mit Spaß Hausaufgaben von einer Plattform herunter- und bearbeitete Dateien hochzuladen?

Wie cool sind diese Kinder, dass sie sich ganz ohne Zwang für schwierige Themen interessieren, Sachen rausfinden, Aufsätze schreiben, alleine rechnen und Youtube-Mathevideos eben zweimal anschauen, wenn sie es beim ersten Mal nicht verstanden haben? Wie stark, dass sie Vokabeln auf dem Rhythmus von Rap-Songs lernen und über Houseparty zusammen französische Dialoge schreiben. Wie lässig sie Musik machen, soziale Medien bedienen und Tänze erfinden. Das Kind hat einen wirklich guten Job im Homeschooling gemacht – den Spaß am Lernen ohne die Schule erst richtig entdeckt – und die Einsamkeit wie eine Ehrenfrau weggesteckt, weil Virus.

Heute durfte sie sich die Hände waschen und ein Zeugnis für erbrachte Leistungen entgegen nehmen. Die gleiche Mathematiklehrerin, die offenkundig monatelang die eingereichten Aufgaben nicht angeschaut hat, die in diesem Halbjahr nicht einen Satz mit ihrer Schülerin gewechselt, keinen Test korrigiert hat und vor Überlastung nicht einmal das Telefon bedienen konnte, gibt meinem Kind ansatzlos eine Vier minus. Eine Vier allein hat nicht gereicht. Es musste schon noch ein Minus dahinter. Vielleicht hat sie Gründe. Auf die bin ich sehr gespannt. Doch am Ende geht es nicht um diese eine Person. Auch gehört Lehrer-Bashing nicht zu meinem Hobbys.

Was mich betrifft, so ist diese Corona-Krise noch lange nicht beendet. Was mich betrifft, ist es Zeit, diesen Ausnahmezustand auf einen echten Wendepunkt zuzutreiben. In was für einem System bewegen wir uns? Zugegeben, es gibt  Schlimmeres als eine schlechte Note, ich lese die Zeitung. Aber es gibt wenig Ätzenderes als Abwertung ohne Not und ein hierarchisches Verhältnis ohne Beziehung. Das Bildungssystem, das mein Kind, die Mathematiklehrerin und auch mich gleichermaßen umschließt und bestimmt, erwartet vom Kind eine hohe Anpassungsleistung, Selbstdisziplin, frohen Mut und eine Selbstbeschränkung, die viele Erwachsene über eine so lange Strecke nicht zu leisten vermocht haben. Bei mir als Freiberuflerin wird tüchtige Selbstlosigkeit, pädagogisches Geschick und allgemein staatsbürgerliche Loyalität vorausgesetzt. Von der verbeamteten Lehrerin verlangt der politische Rahmen einer Pandemie, dass sie ihr Arbeitsblatt fotografiert, es als PDF hochlädt und Digitalisierung dazu sagt. Schule als Konstrukt hat sich in dieser Corona-Ausnahmesituation in ihrem Selbstverständnis keinen Deut verändert, auch wenn allerorten digitale Kompetenz bejubelt wird. Das System und seine Protagonisten ist zu starr oder zu selbstsicher, um sich an neue Verhältnisse anzupassen. Bewertung hat am Ende mit beiderseitiger Anerkennung zu tun. Es ist an der Zeit, dass sich Schule neu erfindet, denn die Kinder haben Lunte gerochen: Lernen ohne Schule macht Freude. Denken ohne Lehrplan bewegt.

Der Verfassungsrechtler Oliver Lepsius hat in der FAZ darauf hingewiesen, dass das politische Leitmotiv Systemrelevanz ein verfassungswidriges Kriterium ist, »denn die Grundrechte lassen keine Hierarchisierung der Freiheitsbereiche zu«. Das klingt komplizierter, als es ist. In der Krise setzte sich – durchaus mit plausiblen Gründen – eine virologische Handlungslogik durch: Krankenhaus, Intensivstation. Auslastung. Andere Freiheitsbereiche sind dabei über Bord gegangen. Vergnügen und Hobby zum Beispiel, die im Grundgesetz zur freien Entfaltung der Persönlichkeit zählen, haben keine grundrechtliche Lobby. Kontaktsperren und Schulschließungen aber soziale Konsequenzen. Es ist in der Pandemie irrelevant, ob mein Kind rudert. Es ist irrelevant, ob Jugendliche mit der sozialen Beschränkung zu kämpfen haben. Die Sache ist nur die: Wer sich in seinen Bedürfnissen als strukturell irrelevant wahrgenommen sieht, wird scheinbar kleiner, doch im Kern freier. Noch lässt die Vier minus die Tränen fließen und ein perfektes Kind für einen Sommertag vor Scham unter die Decke kriechen. Im September sieht die Sache vielleicht schon anders aus. Womöglich ist es für das Kind dann irrelevant, welche Note das System für es übrig hat.

Vielleicht gebe ich euch auch mein Kind dann nicht mehr. Studier ich eben Pädagogik und krieg eine Eins. Staunst du.

Mein Fenster zur Welt. Tag 18

Kreativität liege nicht nicht auf dem Marktplatz, stand am Samstag in der Zeitung. Fehlende Zerstreuung habe also auch etwas Gutes. Oha, denke ich und blicke aus meinem Fenster zur Welt. Es braucht eine Corona-Krise, damit ein Leitartikler auf die Idee kommt, Konzentration und einsame Beharrlichkeit seien Voraussetzungen für kreatives Tun.
Mit den warmen Apriltagen beginnt das dreizehnte Frühjahr, das ich durch dieses Fenster sich entfalten sehen kann. Zum ersten Mal in all den Jahren sehe ich Eltern mit ihren Kindern auf dem Bürgersteig abhängen. Mit Kreide malen, Laufrad üben. Auf Treppenstufen sitzen. Gummibärchen futtern. Erst seit die Spielplätze als umzäuntes Freizeitvergnügen gesperrt sind und die Cafés geschlossen, wo Aufenthalt an Konsum gekoppelt ist, wird der städtische Raum als ein Ort wiederentdeckt, an dem man leben kann – nicht nur eilig nutzen, sondern eben auch einfach sein. Statt des Autolärms auf der Fahrbahn herrscht Lebhaftigkeit auf dem Trottoir. Gilt das schon als gute Nachricht unter den vielen schlechten?

Der dreizehnte Frühling in dieser Wohnung und der zwölfte, seit ich alleinerziehend bin. Rückblickend könnte man sagen, dass jede Woche, jeder Monat, all die Jahre mit kleinen Kindern zuhause im Grunde eine ausgezeichnete Vorbereitung auf eine Pandemie waren. Und obendrein: häusliche Konzentration – check. Einsame Beharrlichkeit – check. Beides mag jene Kreativität fördern, die gerade von vielen neu entdeckt und gefeiert wird. Ich kann allerdings aus langjähriger Kontaktsperre heraus berichten, dass dies nur die halbe Wahrheit ist. Die andere heißt Mammon. Es braucht Penunze, um ein Eis zu essen, Knete zum Besänftigen der Albträume, Piepen für die Krankenversicherung, Kies für Strom, Bimbes für die Musikschule. Wer Angst hat, ist nicht kreativ. Dies nur als freundliche Ergänzung zu dem schönen Leitartikel, weil ich gerade dafür Zeit habe und natürlich für »Mein Fenster zur Welt«, den Text, den die FAZ bestimmt noch vor Ostern anfragen wird:

Die Platane vor meinem Fenster beginnt auszutreiben. Selbst wenige Tage bevor das junge Grün hervorbricht, gelingt es mir nicht recht – wie in jedem Jahr übrigens – mir vorzustellen, wie die Bäume belaubt aussehen werden. Kaum sind die Kronen aber dicht und frischgrün, kann ich mich nicht daran erinnern, wie die nackigen schwarzen Astgerippe aussahen. Eine merkwürdige kleine Amnesie, die aber niemandem schadet.
Nun knospen im April vor allen Häusern die Bäume. Der Virus macht keine Unterschiede. Die kollektive Vereinzelung erzeugt ein für viele Menschen stärkendes Wir-Gefühl. Tröstender Konsens, pandemischer Gleichklang. Aber dieses wohlige Gleichheitsgetue – together we care und so weiter, was sich dieser Tage ausbreitet, erscheint mir als befremdliche Amnesie. Dabei ist es so offensichtlich, dass man es kaum noch hinschreiben mag: Die Krise verstärkt Ungleichheit. Die Bundesregierung hat beachtliche Soforthilfen auf den Weg gebracht, keine Frage. Obendrein war die Welt schon ungerecht und die soziale Schere sperrangelweit geöffnet, bevor die Pandemie ausbrach. Doch diese Verschärfung der Unterschiede entspringt keinem quasi schicksalhaften Marktgeschehen. Das sind Entscheidungen und sie sind schwer auszuhalten.
Ich schaue auf den zart knospenden Baum, dessen Zweige sich im morgendlichen Frühlingswind wiegen. Im Nebenzimmer videotelefoniert das große Kind mit seiner Lerngruppe über dreihebige Jamben. Es schreibt in zwei Wochen Abitur. Es verfügt über einen Laptop, ein Smartphone und einen Drucker, es wird von seinen Lehrern unterstützt, bekommt Feedback und zur Not bringt ein Fahrradkurier das fehlende Buch. Was machen jetzt eigentlich Kinder mit zwei oder drei Geschwistern in einem Zimmer, ohne Computer, ohne elterlichen Support und in einer Familie, wo das Geld nicht mal fürs Essen langt? Wo das Beste, was Sozialarbeiter gerade tun können, darin besteht, beim Whatsappen mit ihren Schützlingen den Bildhintergrund auf Anzeichen von Verwahrlosung und Gewalt hin zu betrachten. Ich denke an den Automobilkonzern BMW, der angekündigt hat, 2020 eine Dividende von 1,64 Milliarden an seine Aktionäre auszuschütten. Gleichzeitig hat das Unternehmen Kurzarbeitergeld beantragt, was eine Staatshilfe ist, die aus Steuergeldern finanziert wird. Ich denke daran, dass zehntausende polnische Erntehelfer auf deutsche Spargelfelder eingeflogen werden. In der gleichen Gegenwart gibt Innenminister Seehofer bekannt, dass Deutschland „nach zähem Ringen sehr zeitnah 50 unbegleitete erkrankte Kinder aus griechischen Flüchtlingslagern aufnimmt“. Fünfzig.
Formen der Lyrik ist ein Thema beim Deutschabitur. Jeden Morgen bekommt das Kind ein Day’s poem of today neben den Frühstücksteller gelegt, heute von Saigyō.

Daß sie an die Welt,
die so unbeständig ist,
nicht gefesselt sei’n,
bläst der gütige Frühlingswind
alle Kirschblüten fort.