Auenland im Singlespeed

Triste Wochen liegen hinter uns. Von Corona befallen. Krank in Quarantäne, drinnen und trostlos. Wir atmen flach und schlucken Vitamine. Schneeregen schlägt an die Scheiben. Während der ersten Pandemiewelle blickte ich aus dem Fenster, nun schaue ich zurück in den Sommer. Viele Winter und viele Sommer sah ich kommen und gehen. Geduld nur, Geduld! sagt Tomte Tummetott und beschwört in Schneenächten die Erinnerungsbilder heller Sommertage.

Bilder wie das von einem frühen Sonntagmorgen im August. Wir ziehen die Haustür zu und stehen auf dem Bürgersteig. Zwei Frauen, drei Mädchen. Wir sind keine trainierten Radlerinnen, aber guter Dinge und bereit, die nächsten Tage einen der großen Radwanderwege Deutschlands zu befahren: den Elberadweg von Hamburg Richtung Dresden. Ein Selfie und es geht los. Und eines sei jetzt schon verraten: Mehr Ausschilderung und Tourismusmarketing ist auf den 200 Kilometern bis Wittenberge, die wir uns vorgenommen haben, kaum vorstellbar. Sich zu verfahren, erfordert ein Maß an Ignoranz, das außer uns offenkundig kaum jemand aufbringt. Man muss während des Radelns viel reden und an andere Sachen denken, um den Pfad mit dem blau geschwungenen stilisierten Signet zu verfehlen. Es geht aber.

Mein normales Stadtrad, die Landkarte im Einkaufskorb, die alte Picknickdecke und eine Regenjacke aus den achtziger Jahren – die Ausrüstung hat kein Vermögen gekostet. Dazu eine gute Hose für abends, zwei Bücher, die türkisfarbene Reparaturdose und ein Ladegerät. Der Moment, wenn wir feststellen, dass wir fünf Apple-Ladegräte, aber keine Luftpumpe für französische Ventile dabeihaben, liegt noch vor uns.
Die alltägliche Innenstadtstrecke fühlt sich heute wichtig an, denn der Weg vorbei an der Alster und den Deichtorhallen ist jetzt die erste Etappe einer Reise. Auch wir selbst fühlen uns erfüllt von herrlicher Bedeutsamkeit, die uns die wenigen Passanten eigentlich ansehen müssten. So wie Frischverliebte meinen, jeder müsse ihnen die außerordentliche Gefühlsbewegung vom Gesicht ablesen, wenn sie nur über den Bürgersteig gehen.

Wie viele Male bin ich schon entlang der Elbe nach Entenwerder gefahren? Aber erst mit dem Blick der Reisenden sehe ich auf einmal das Bild einer sich in den letzten Jahren neu erfindenden Stadt: die eitlen Fassaden im Überseequartier, umgewidmete Lagerhallen. Hammerbrooklyn, Baakenpark, die gmp-Halte Elbbrücken, Hafenbecken, das Industriegrau und Containerblau der Veddel, Hausboote, dazwischen ein paar Brückenköpfe und Kioske. Avancierte Landschaftsgestaltung, mutige Linien, architektonische Gesellenstücke, Wasser und Licht, die schiere Größe der Entwicklungsflächen – all das strahlt eine enorme Energie aus, geradezu eine Zukunftsverliebtheit. 

Keine Viertelstunde später sind Himmel und Deich die Hauptmotive im Bild. Das Licht wird heller über den historischen Wasserbecken von Kaltehofe, Birkenblätter glitzern. Über die Tatenberger Schleuse radeln wir ins Spadenland. Buchen entlang der Wirtschaftswege, Entwässerungsgräben, geduckte Reetdächer. Noch keine zwanzig Kilometer geradelt und ich bin schon verliebt in diese sonnige Kulturlandschaft. Es fühlt sich an wie ein Tag in den siebziger Jahren, als wir mit den Bonanza-Rädern über die Feldwege hinter der Siedlung fuhren, Schmetterlinge fingen und mit den Fruchtdingern der Färber-Erle Regenrohre bauten. 

Die Kinder stellen sachlich fest, dass wir krass die langsamsten Radler sind. Die überlegene Konkurrenz: hochgerüstete Sportmänner auf tollen Rennrädern, mit Helmen und Brillen und Schuhen, dass du staunst. Und ältere Herrschaften auf leistungsstarken Elektrorädern, die unsere Nicht-Ausrüstung ganz hamburgisch mit der Augenbraue kommentieren.
Tatsache ist aber, dass wir gut klarkommen. Wir sind nicht in den Alpen.

Mit jedem Kilometer jedoch, den wir in den nächsten Tagen fahren, wird es einsamer und ruhiger um uns. Wir hatten befürchtet, in diesem Corona-Sommer sei es voll an der Elbe. Aber nichts da: Leer, weit und grünblau empfangen uns die Elbtalauen. Wir radeln bei sanftem Rückenwind unter einem strahlenden Sommerwolkenhimmel auf den Deichen. Schwarzpappeln, Graureiher und Weißstörche, Libellen, Biber, Kiebitze, Seerosen. Irgend etwas haben wir richtig gemacht im letzten Leben, um das zu verdienen.

Wir Erwachsene werden wachsweich vor lauter Naturschönheit und Biosphärenreservat und lassen es geschehen, dass das Elend der Welt von uns abfällt. Einfach so.
Der Fluss ist breit, auf einschüchternde Art selbstbewusst, trägt Grenzen, Länder und Geschichte mit sich herum und vergisst sie auch wieder auf dem Weg. Mit jeder Pedalrunde lösen wir uns in diesem stillen Panorama auf. Die Kinder finden es irgendwie okay, aber sie singen. Beim Fahren, zweistimmig, den ganzen Tag. Baden in der Elbe, lungern auf Wiesen und kauen Halme, als hätten sie französische Filme gesehen.

In Geesthacht ist es Zeit für ein anständiges Picknick am Wasser. Stoffservietten. Wir haben Stoffservietten dabei. Das freut mich, denn ich bevorzuge Stoffservietten. Die Kinder fragen nach ihren Serviettenringen. Auch wenn das ehemalige Gelände der Menzer-Werft in eine kollektive Freizeitanstalt umgewandelt, gnadenlos beschildert und hübsch gestaltet wurde, vergessen wir nicht, dass der frühere Reichtum dieses hässlichen Städtchens sich Alfred Nobel verdankt, der 1866 auf der Krümmelschen Anhöhe eine Nitroglyzerinfabrik eröffnete, die mit Zwangsarbeitern und der Rüstungsproduktion für zwei Weltkriege einen Riesenhaufen Geld verdiente und zur Pulverkammer Deutschlands expandierte. Justament auf dem Krümmeler Fabrikgelände entwickelten in den fünfziger Jahren Physiker, die schon für das Atomwaffen-programm der Nazis gearbeitet hatten, das nuklear angetriebene Frachtschiff »Otto Hahn«. Hier wurden dann auch zwei Forschungsreaktoren gebaut und 1984 ging das AKW Krümmel ans Netz.
Und weil die KPD in der Weimarer Republik stärkste Partei in Geesthacht war und sich die Kommunisten in einer legendären Schlacht mit den Sozialdemokraten prügelten, bringen wir den Kindern auf der kurzen Strecke zum AKW den Schlachtruf Wer hat uns verraten? Die Sozialdemokraten! bei, den sie brüllen, während wir auf der Höhe der Kühltürme über einen geschotterten Wohnmobilstellplatz schieben, auf dem Menschen offenkundig ihren Urlaub verbringen. Sie machen Urlaub auf dem Schotterplatz zwischen AKW und Fluss. Grillen, hängen Wäsche auf und stehen rum. Wir brüllen Die Sozialdemokraten! und radeln weiter.

Die Luft dafür haben wir am Hohen Elbufer bis Lauenburg nicht mehr. Quasi gebirgiges Biosphärenreservat. Anhöhen, Steigungen und welliges Gelände inmitten von lichten Eichen- und Buchenwäldern, die Elbe flimmert zwischen den Stämmen hindurch. Beinahe glaubt man sich in echter Natur, bis eine superkomfortable hölzerne Liegebank des Elberadweg-Tourismo-Büros am Viewpoint uns von diesem Irrglauben befreit. Wir haben uns trotzdem drauf gesetzt.

In Lauenburg fahren wir an der alten Streichholzfabrik vorbei und schieben ins Städtchen, wo wir vor poliertem Kopfsteinpflaster und historischen Fachwerkgebäuden ein bisschen ermatten. Aber wir haben es schön in der Pensione, sind weit weg vom richtigen Leben, schauen von der Terrasse aufs Wasser, flanieren über die Hauptstraße der mittelalterlichen Unterstadt, essen Fisch, steigen über die Treppenstufen in die Oberstadt und erfreuen uns im stillen Fürstengarten an dem Wort askanisch. Ja, wir sind vorbildliche Reisende.

Richtig begeistert aber sind wir am nächsten Morgen vom Elbschifffahrtsmuseum (ein Wort). Weil wir die einzigen Besucher sind, dürfen wir die Masken absetzen, was Berliner und Hamburger Kinder befremdet, aber ein Hochgefühl von Freiheit erzeugt. Im Museum erfahre ich Dinge, von denen ich nichts, rein gar nichts wusste. Die Elbe etwa war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts komplett industrialisiert und irre laut. Über 740 Kilometer hinweg lag eine Eisenkette am Grund des Flusses verankert. Kettendampfer fuhren mit ihren Schleppzügen, in denen zehn Schiffe mit bis zu dreitausend Tonnen Fracht hängen konnten, unter ohrenbetäubendem Lärm den Fluss hinauf. Als die KPDler vor der Werft in Geesthacht demonstrierten, haben sie ihr eigenes Wort nicht verstanden, so laut rasselten die Kettendampfer.


Wir schwingen uns auf den Sattel, radeln, verfahren uns (!), gurken um Deiche, während die Elbe Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg trennt und touchiert, als wäre nichts gewesen. Dabei gibt es keinen Augenblick lang einen Zweifel darüber, ob Osten oder Westen. Nach der Wende haben Hamburger und Berliner leerstehende Höfe im Osten gekauft, Fachwerk und alte Gemäuer saniert, ökologisch korrekt renoviert. Cosmea wippen über Holzzäunen, Störche nisten über Reet. Im Grenzgebiet der DDR wurden weder Investitionen getätigt noch Infrastruktur modernisiert. Hier sieht es heute hinreißend malerisch aus. Wie von der zarten Hand einer Landlust-Redakteurin arrangiert, stehen die Jungen im Storchennest. 

Ein Museum können wir noch. Wir nehmen den Abzweig nach Boizenburg. Meine Vermutung: Jemand hat Boizenburg erfunden, damit es ein Städtchen wie Boizenburg gibt. Niedliche Fachwerkhäuser, huckelige Gassen im Mittagslicht, von Linden gesäumte Wege, kunstvolle Fliesenbilder an Häuserfronten, Wassergräben, über die sich Brückchen spannen, und ein hinreißend elegantes barockes Fachwerk-Rathaus auf einem weiten Marktplatz. Am Vormittag muss eine Neutronenbombe über Boizenburg explodiert sein. Kein Leben, nirgendwo. Am Fliesenmuseum stehen wir vor geschlossener Tür. Montag. Historismus, Jugendstil, Art Nouveau und frühindustrielle Fliesen sind der Schwerpunkt der Sammlung, die ich wirklich gerne gesehen hätte. Vor Enttäuschung vergesse ich, dass Boizenburg mit der Regionalbahn eine Dreiviertelstunde von Hamburg entfernt liegt. Diese Idylle muss Lichtjahre vom normalen Leben entfernt sein.

Weil wir Zimmer in einer Pensione in Neu-Darchau gebucht haben, setzen wir am Nachmittag mit der Fähre über. Beschwingt von all der übsch’eit hatte ich fast vergessen, wie das Niedersächsische ist, wie albtraumhaft westdeutsche Provinz in Wahrheit war. Der Ort ist ein Psychopathen-Setting aus Backstein-Bungalows, Schildern, Jägerzäunen, Ausfallstraße und Sparkassen-Brutalismus. Ein Stelldichein der siebziger Jahre-Bedrückung. Wir kochen Nudeln und Pesto in der Küche der Unterkunft, die sehr sauber ist. 

Am nächsten Morgen bringt uns die Fähre zurück ans andere Ufer. Wir haben Gegenwind und die Stimmung ist leicht angespannt. Dömitz soll es rausreißen. Bis da hin müssen wir es schaffen. Bei jeder Flussbiegung erhoffen wir aus der Führungsgruppe den Ruf Aqaba!, doch es zieht sich. Die Kinder hassen inzwischen jede Schattierung von Grün. Endlich erheben sich die Mauern der fünfeckigen Festung über der Elbe wie das osmanische Fort über der Wüste Nefal. Lustlos schlappen wir durch das Gemäuer. Wehrarchitektur der Renaissance steht bei keiner von uns weit oben auf der Liste. Vielanker Fassbrause aber sehr wohl und die Brauerei ist in Dömitz zuhause. Gerettet.
Der Wind streicht durch Silberweiden und bewegt das Schilfgras in den Feuchtwiesen, rauscht durch Eichenkronen und weht wieder aus einer guten Richtung, während wir unter einem hohen Himmel durchs Brandenburgische rollen. Gaarz und Barz, die Besandten und Unbesandten sind keine verfeindeten Brüderpaare, sondern Dörfer hinterm Deich. Rotmilane fliegen ufernah Kapriolen, aber Seeadler lassen sich nicht blicken. In Lenzen wollen wir übernachten.

In Lauenburg war jeder Stein poliert, in Lenzen gedulden sich die Steine. Bescheiden und anrührend ernsthaft empfängt uns das Städtchen. Lunkini lautete der Name der slawischen Burg, heute schickes Bio-Hotel und Ausstellungsort. Ein Barockgarten schließt sich an, der gerade im rechten Maß vernachlässigt wirkt. Die Burgmauern sind gesäumt von üppigen Lavendelsträuchern, ein Landschaftspark geht in die Elbauen über. Im Stadtmuseum betrachten wir historische Fundstücke mit dem orientierungslosen, unstrukturierten Interesse von Reisenden, die einfach nichts Besseres zu tun haben als sich über die Geschichte eines kleinen Ortes zu informieren. Über Slawen und Wenden lesen wir, über Ackerbau, über Poststationen und Sperrzonen hinter der Grenze. Auf einem Schildchen steht, dass es im Jahr 1801 in Lenzen 45 Schuster und Pantoffelmacher gab. Wo fährt man heutzutage hin, wenn man Pantoffel braucht? Wer braucht hier Pantoffeln? Es gibt nicht mal mehr einen Bäcker. Einen Fahrradladen schon, den hätten wir dringend gebraucht, der hat aber geschlossen.

Aber den Rudower See gibt es, das Restaurant Haus am See mit Bratkartoffeln auf der Terrasse und eine Badestelle mit Steg. Blau türmt sich auf Blau. Am nächsten Morgen ganz früh springen wir rein – frierend, jubilierend, allein an diesem glatten glitzernden Dunkelblau, das ans Rudower Moor grenzt. Wir wissen noch von gestern, vom historischen Zinnfigurendiorama, dass bei der Schlacht bei Lenzen der deutsche König Heinrich I. vor gut tausend Jahren mit seiner übermächtigen Reiterei das Heer der Slawen in die Moore und in den See trieb. 200.000 Tote sollen es gewesen sein. Wie lange bleiben Leichen im Moor frisch? War das an meinem Fuß gerade ein Aal oder ein Slawenarm? Voll fies, mit den Pferden auf die Slawen. Die armen Pferde.

Es gibt noch Kaffee und Kakao im Haus am See, dann fahren wir trödelnd los. Die nassen Badeanzüge sind unsere Fuchsschwänze am Korb. Die Handgriffe, mit denen das Gepäck verstaut werden muss, sitzen. Der Hinternschmerz lässt nach den ersten hundert Metern nach. Im Grunde könnten wir ewig durch diesen Elbauen fahren und uns von Rentnern überholen lassen, aber es ist unser letzter Tag. In Wittenberge werden wir mit Sack und Pack und Rad in den Zug steigen.
Vier Tage lang ist mir nicht aufgefallen, dass das blaue Signet des Elbradweges auch zwei Worte einschließt: Labe und Elbe. Labe ist der tschechische Name der Elbe. Das lese ich dann endlich auf einer Bank, wo wir die Beine ausstrecken und vespern, im laminierten Tourenbuch.

Wittenberge baut an seiner Uferstraße. Wir schieben durch Bauzäune, aufgerissenen Asphalt und viel Nichts. Biegen von der Elbe ab und fahren ins Zentrum, das aus einem Kreisel besteht. Seit der Wende hat die Stadt alle großen Betriebe verloren. Geschlossen wurde 1991 das Nähmaschinenwerk Veritas, 1903 als Singer-Werk gegründet und einer der größten Arbeitgeber der Region. Auch das Zellstoffwerk und die Ölmühle wurden abgewickelt, aus dem riesigen Reichsbahnausbesserungswerk wurde zwar das Instandhaltungswerk der Deutschen Bahn, das hat den Bevölkerungsschwund aber nicht aufhalten können. Heute leben in Wittenberge 16.000 Menschen, so viele wie im Jahr 1900.
Leerstand, Plattenbauten, Ein-Euro-Läden und Dönerbuden. Anderthalb Stunden bis zur Abfahrt des Zugs. Wir parken die Räder vor dem Festspielhaus am Paul Lincke-Platz und gehen Eis essen.

Wo habe ich es gelesen? Irgendwo stand, Walter Gropius habe in Wittenberge eine Siedlung gebaut. Die Frau im Tourismo-Büro drückt mir einen lausig schwarz-weiß kopierten Zettel in die Hand. Mehr ham wir nicht.
Die Kinder sind müde und der Weg ist weit. Ich rase und radele allein die Ausfallstraße bergauf zum Kastanienplatz. Die Uhr im Blick, den Stadtplan in einer Hand. Die Landgesellschaft Eigene Scholle vergab 44 Parzellen in dieser Wohnkolonie an Beschäftigte der Singer Nähmaschinenfabrik und der Eisenbahnreparaturwerkstätten mit dem Ziel, zur Sesshaftigkeit der deutschen Arbeiterschaft beizutragen, und beauftragte 1912 das Büro Walter Gropius mit der Planung und Bauleitung. Die Siedlungshäuser wurden 1914 in Ziegelbauweise mit Sparrendächern erbaut. Stall, Tenne, ein Außen-Abort, ein Hof mit Pumpbrunnen und Garten gehörten zu jedem Grundstück der Gartenstadt. Selbstversorgung war ein zentraler Aspekt des Konzepts.


Ich biege außer Atem und leicht verschwitzt in den Lindenweg ein, cruise über den Kastanienplatz und wieder rechts in den Ahornweg. Zeit zum Absteigen ist nicht.
Die Stadt Wittenberge hat es offenbar versäumt, die Siedlung unter Denkmalschutz zu stellen. Jeder Eigentümer hat gebastelt und ausgebaut, gestrichen und seine alte Markise drangehängt. Und am Ende ist es vielleicht das Beste, was passieren konnte.

Vergessen vom Tourismusmarketing, stehen die architektonischen Gesellenstücke dieses Projektes einfach in der Gegend rum und lassen die Zeit durch die mutigen Linien hindurchfließen. Niemand auf der Straße. Der Bodenbelag sieht nach DDR aus. Vielleicht gab es hier am Vormittag auch eine Neutronenbombenexplosion.
Benutzt, bewohnt und vernachlässigt, aber dennoch konzentriert wie in einer Ampulle, bewahrt die klare Architektur die enorme Energie, die sie damals ausmachte, die Zukunftsverliebtheit und Vision einer neuen Stadt, in der Materialität, Rationalität und die Bedürfnisse der Bewohner zählen.

Eine Zeitkapsel mit paar Schadstellen, durch die Licht und Wasser und Hemdsärmeligkeit eindringt. Die durch einige politische Systeme und ein Jahrhundert gerollt ist und mir heute vor die Füße. Ich rolle zum Bahnhof mit dem Hochgefühl einer Entdeckerin.

Geduld nur, Geduld! Es wird wieder Sommer und dann steigen wir in Wittenberge aus dem Zug und radeln nach Magdeburg.


Gästehaus von Herzen / Lauenburg
von-herzen.de
Hostel Auszeit an der Elbe / Neu-Darchau
auszeitanderelbe.de
Pension Bartoschewitz / Lenzen
038792 / 73 78

Die Welt für Hamburger

Januar in einer Pandemie ist der perfekte Moment, um an den Sommer zu denken, an Licht, an Klänge und schöne Orte. Letzten Sommer sind wir zuhause geblieben. Zuhause in Hamburg mit offenen Augen und Fernweh. Nur in der Stadt unterwegs und doch in Europa gereist.
Hier sind sie: die 22 schönsten Postkarten vom Sommer 2020!
Erkennen Sie Straßen und Plätze? Wer die einundzwanzig Orte (der letzte ist unser Balkon!) benennt und uns schreibt oder sie wenigstens gut beschreiben kann, gewinnt etwas unerhört Tolles*.

Ihr Lieben,

unsere Pension in Toulouse hätten wir uns nicht schöner erträumen können. Die Sommerwochen verfliegen! Mit dem Rad machen wir Ausflüge am Canal du Midi, wir schlafen im Gras und trinken Pastis. Jeden Tag lernen wir drei okzitanische Vokabeln – jeder verschiedene. Zusammen können wir uns also bald ganz normal unterhalten.

Herzlich, Eure B.

Ihr Lieben,

ein klarer Nachmittag auf dem Canal Brenta. Palladios Villen machen bessere Menschen aus uns. So fühlen wir uns zumindest.
Von Venedig aus wollen wir morgen nach Triest übersetzen.

Seid herzlich gegrüßt, Eure B.

Ihr Lieben,
von einem Ausflug in den zauberhaften Parc oriental de Maulévrier an der Loire grüßt Euch begeistert und sehr herzlich, Euer P.

P.S. Unglaublich, was Geld in Verbindung mit Kennerschaft vermag! Japanischer Zauber pur.

Ihr Lieben,

das Wetter zeigte sich heute nicht von seiner angenehmsten Seite. Umso mehr konnten wir die Ausstellung in den Uffizien genießen. Vor dem Selbstporträt von Raffael standen wir eine Stunde lang ganz allein.
Ein bezaubernder Tag.

I migliori Saluti, P.

Ihr Lieben,

die Ankunft in Rotterdam vom Wasser aus ist spektakulär! Beeindruckend, kraftvoll und ganz zum Meer hin geöffnet.Wir freuen uns sehr auf die Stadt.

Eure B.

Ihr Lieben,
irgendwie hatten wir uns mehr Trubel, ja, mehr Lebhaftigkeit und buntes Leben in Christiana vorgestellt – und eigentlich auch gewünscht.

Aus dem kühlen Kopenhagen grüßt Euch aufs Herzlichste, Euer P.

Ihr Lieben,

man denkt, niederländische Städtchen seien sich im Grunde sehr ähnlich und als Hamburger könne man nicht viel Neues entdecken. Weit gefehlt! Groningen nimmt uns freundlich auf. Wir spazieren durch Hofjes und an Bürgerhäusern vorbei und trinken lecker Kaffee.

Hartelijk, Euer P.

Ihr Lieben,

wer nach Bornholm fährt, darf sich letztlich nicht beschweren, wenn er dänische Idylle vorfindet. Doch ein Tüpfelchen mehr und wir wären blind geworden vor lauter dänischer Idylle.

Sonnige Grüße von einer herrlichen Insel, Eure B.

Ihr Lieben,

unser Ausflug ins Westfälische hat interessante Seiten und unerwartete Momente. Tatsächlich könnt Ihr froh sein, dass man Geruch nicht auf eine Postkarte kleben kann!

Beste Grüße, Eure B.

Ihr Lieben,
so lange schon wollten wir Lüneburg sehen. Aber dann fuhren wir nach Kanada, nach Ägypten und Jordanien. Diesen Sommer also gehen wir durch Lüneburg.

Herzlichst, Euer P.

Ihr Lieben,

bei einem Spaziergang in der Nähe von Bré fragten wir uns, wie man eigentlich leben kann ohne das Tessin. Eine Landschaft so voller Zartheit und Farben, dass es den Dichter braucht, um sie zu beschreiben. Wir genießen jeden einzelnen Moment dieses Sommers!

Traumwandelnd, Eure B.

Ihr Lieben,
auf einmal standen wir im masurischen Olsztyn in diesem Hinterhof und fühlten uns weit weg von Zuhause.

Herzlich grüßt, B.

Ihr Lieben,
ist unsere Karte von der Wolga-Schifffahrt schon angekommen? Was für ein Strom! Im großen Nischni Nowgorod steht diese kleine Holzkirche, in der wir eine Kerze angezündet haben.

Herzliche Grüße, Euer P.

Ihr Lieben,
endlich spielen Deine Mutter und ich wieder Boule in Aix-en-Provence – so wie früher. Die Pandemie bringt uns auf Ideen!

Bonne chance! P.

Ihr Lieben,
in den Vororten von Manchester fühlt man sich, als spaziere man durch einen Ken Loach-Film.
B. meint allerdings, es könne genauso gut Barmbek sein.

Viele Grüße, P.

Ihr Lieben,
durchgepustet und mit frischen Ideen laufen wir nach einem sonnigen Tag auf der Ostsee wieder in den Hafen von Kaliningrad ein.

Herzlichst, Eure B.

Ihr Lieben,

Ihr dürft uns von nun an gern bürgerlich und/oder unpolitisch nennen. Vor dem Unbill der Welt haben wir uns diesen Sommer in einer toskanischen Villa versteckt, wo das außerordentlich köstliche Abendessen auf der Terrasse serviert wird. Den Kofferraum des Volvos haben wir voll Bücher gepackt. So schnell seht Ihr uns nicht wieder!

Best wishes! Eure B.

Ihr Lieben,
ein Hausboot auf der Müritz! Aus dem Traum ist endlich Wirklichkeit geworden. Schon vor dem Frühstück hüpfen wir ins Wasser, nachmittags gondeln wir durch schönste Natur. Wir hätten vielleicht angeln üben sollen.

Ganz herzlich, Euer P.

Ihr Lieben,

in den sonnendurchfluteten Wäldern der Charente-Maritime radeln wir gen Süden und bestimmen mit einer kostenlosen App fremde Pflanzen. Die Kiefern duften, unser Französisch ist lausig und wir amüsieren uns mit erfundenen Fabeln.

Baguette, bisous, bronzer! B.

Ihr Lieben,

wir dachten, die Berge wären eine schöne Abwechslung. In Blankenese haben wir Trittsicherheit trainiert, alpine Erfahrung in den Harburger Bergen gesammelt und Schwindelfreiheit im Michel getestet. Nun erweisen sich diese Alpen als unbotmäßig bergig. Wir reisen morgen nach München und freuen uns auf den Besuch in der Pinakothek.

Herzlich, Eure B.

Ihr Lieben,

unser Häuschen liegt an den Hängen der Côte d’Azur, wo wir schon in den siebziger Jahren gern die Spätsommer verbracht haben. Unsere Nachbarn sind reizend und wir fahren gemeinsam Weingüter ab. Ein Sommer ganz nach meinem Geschmack!

Cordialement, P.

Ihr Lieben,

der Balkon ist unser Sommer.
Paitho, unsere griechische Landschildkröte, trägt eine lange Geschichte auf ihrem wunderschönen Panzer eingraviert. Und Fanny, das Katzenkind, erinnert uns ans Spielen. Der Eukalyptus duftet.
Wir denken an Euch! B.


*Der zweite Platz wird mit etwas Besonderem honoriert und der dritte mit etwas Schönem.

1. Platz Eine individuelle Stadtführung in Hamburg
2. Platz Eine Flasche ausgezeichneten Primitivo
3. Platz Eine traumhaft schöne Schokoladen-Aubergine

Einsendeschluss: 24. Januar 2021. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Bestürzt

Stürme, Brände, Erdbeben, Hurrikane, Massaker und Explosionen, Unfälle, Massenkarambolagen, Schießereien, Hochwasser, Lawinen, Amokläufer, Taifune, Abstürze, Gewalteskalation, Überschwemmungen, Trockenheit, Grubenunglücke, Flüchtlingskatastrophen, Mord und Zerstörung, Hitzewellen, Öl- und Zugunglücke, Havarien, Brandstiftung und Massenmord, Attentate, Terror, Aufstände, Proteste, Vergiftung und Krawalle, Skandale, Manipulation und rechtsextreme Anschläge – das letzte Jahr hatte auch ohne die Pandemie seine Momente.
Und gestern kamen noch Hochverrat, Verhetzung und schlechte Manieren dazu.
Im Grunde überstürzen sich die Ereignisse täglich. Tatortfotos sind schneller in den sozialen Medien, als du Massaker buchstabierst. Und kaum sind die Opfer sortiert, kommt der Moment der Bestürzungstexte. Geht nicht ohne, quasi Reflex. Wie steht ein Politiker kommunikativ gesehen auch da, wenn er nicht entgeistert über ein Massaker ist und umgehend Bestürzung tweetet. Egal ob Aufstand, Waldbrand oder Amokläufer – Überraschung und Fassungslosigkeit wird beschieden, wahlweise Erschütterung, Betroffenheit, Aufgewühltsein und Schock. Jeder ist zur Bestürzung berufen, auch wenn strukturelle Diskriminierung, Klimawandel und Rassismus durchaus schon vor dem Ereignis Themen gewesen wären. Der Kreisvorsitzende ist entsetzt über Tsunamis, GEW-Funktionäre sind alarmiert über Proteste in der Ukraine, äußerst beunruhigt zeigt sich die Pfälzer Umweltbeauftragte über die Opfer rassistisch motivierter Ausschreitungen im Mittleren Westen. Jeder Hannes äußert ein Gefühl.
Eine Zumutung sind diese unzensierten Erschütterungstexte. An sich schon peinliche Stanzen, die aber obendrein inzwischen selbst zum Thema öffentlich-rechtlicher Berichterstattung geworden sind.
Führende Politikerinnen und Politiker zeigen sich #erschüttert über die #Ausschreitungen.
GEW-Funktionäre äußern sich #erschrocken über den Angriff auf unsere #Demokratie.

Schluss damit. Wir bieten jetzt Parteien und anderen potenziell bestürzten Akteuren kuratierte Bestürzungstexte. Gewissermaßen eine Marie Kondo gegen sentimentale Profilierung. Und in den Nachrichten wird wieder Platz für politische Analysen frei.
Wir gewährleisten medial optimale Veröffentlichungszeitpunkte sowie politisch-strategisch versierte Texte. Ausgezeichnet bei global bestürzenden Ereignissen: synchrone Bestürzungslisten auf allen großen Netzwerken und Sendeplattformen.
Bestürzt sind heute und dann kommt eine Liste.
Billig wird’s nicht, aber schön bestürzt.

Dreißigtausend

Neuruppin, Geesthacht, Weil am Rhein, Friedberg, Emmerich, Güstrow – alles Gemeinden in Deutschland mit etwa 30.000 Einwohnern. Ganz schön viele Leute. Bäcker, Medienkaufleute, Wasserwerker, Apotheker. Ins Fußballstadion von Leverkusen würden sie gerade so reinpassen, wenn sie ihre Babys auf den Schoß nehmen.
30.000 Spuren gibt es in dem Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach. 30.000 Spuren von Männern, die Kinderpornografie konsumieren und im Netz teilen, die sich in Foren über Praktiken austauschen, sich gegenseitig bestärken, die Kinder in aufgeräumten Hobbykellern missbrauchen und foltern, in schön eingerichteten Schlafzimmern vergewaltigen und schänden, die technisch versiert sind und über Equipment für Filmschnitt und Datenspeicherung verfügen, die Kinder unter Druck setzen, in einer ordentlichen Gartenlaube ihrer Freiheit berauben und ihre körperliche Selbstbestimmung missachten. Es ist eine grauenvolle Zahl. Sie ist furchtbar und bedrückend, aber eines ist sie nicht: überraschend.

Es gibt in Deutschland keine offizielle Dunkelziffererhebung, aber die statistisch relativ sichere Größe von einem bis zwei Missbrauchsopfern pro Schulklasse. In der Konfirmandinnengruppe auf dem Foto ist also im Schnitt eine Jugendliche, deren Vater, Stiefvater, Onkel, Nachbar, Freund der Familie oder Trainer ihr unter den hübschen blauen Rock gegriffen hat. Zwei Drittel der Täter gehören der Familie oder dem nahen Umfeld an. Missbrauch geschah und geschieht unter den Augen des schlafenden Staates, inmitten einer Gesellschaft, die sich mit so grässlichen Dingen wie Missbrauch nicht beschäftigen will, unter den Augen von wissenden Familien, die den sozialen Zusammenbruch mehr fürchten als jahrelang fortgesetzte Vergewaltigung.

Den Leitartikel Es ist an der Zeit zum Thema Kindesmissbrauch und Strafverfolgung schrieb gestern in der FAZ Reinhard Müller. Er kritisiert die Forderung der Grünen nach Stärkung der Jugendämter und Ermittlungsbehörden als reine Ersatzhandlung. Kern des Problems sei es hingegen, dass Ermittler nicht an relevante Daten kämen. Seiner Einschätzung nach sollte die Vorratsdatenspeicherung neu diskutiert werden. „Alle Instrumente nutzen  – das klingt gut. Ist aber offenbar nicht so gemeint. Hier wirkt wohl eine lange gewachsene Abstumpfung gegenüber Gewalt an Kindern in vermeintlich fortschrittlichen Milieus nach, die nur nicht Gewalt genannt und erst recht nicht verfolgt wurde.“

Das muss man erst mal schreiben. Ich nehme an, der Autor bezieht sich mit seinem starken Tobak auf die Debatte um Legalisierung vermeintlich einvernehmlicher pädophiler Beziehungen im Grünen Parteiprogramm der achtziger Jahre. Es ist aber egal, an welche moralische Verfehlung oder Straftat er denkt. Wie selbstgewiss und blind zugleich muss jemand sein, um mit dem Finger auf ein Milieu zu deuten, welches ihm billig genug scheint, um mit dem Besteck politischer Instrumentalisierung zu klappern. Solche Leitartikel sind Teil des Problems. Sie sind Teil des Problems, weil unerhörte Gewalt – oder deren Tolerierung – reflexhaft einer anderen Gruppe, immer dem anderen Milieu, dem fremden oder schwachen oder kranken Rand zugewiesen wird. Gewalt gegenüber Kindern geschieht doch nicht in der CDU oder der SPD oder im Gesangsverein und wird – solange niemand darüber berichtet – nicht jahrzehntelang in der katholischen Kirche ausgeübt und gedeckt, auch nicht in der Odenwaldschule und nicht in der Canisius-Schule, solange keine Journalisten herumschnüffeln. Es passiert nicht bei meinen netten Nachbarn und nicht in meiner intakten Familie – nur bei den anderen. Die anderen sind abgestumpft, vermeintlich fortschrittlich oder sozial schwach. Unsereins hat von sowas noch nie was gewusst. Da muss der Staat dringend was machen.

Das häufigste Bedürfnis für sexuellen Missbrauch ist die Ausübung von Macht. Täter leben ihre Gewaltphantasien an Kindern aus. Nur ein kleiner Kreis der Täter gehört zur Gruppe der Pädophilen (aus den FAQs von Dunkelziffer e.V.). Es geht um die Lust an der Ausübung von Macht, um Machtmissbrauch – und zwar in allen Milieus. Zum sexuellen Missbrauch in der Familie gehören in der Regel drei: der Täter, das Opfer und das schützende Umfeld. Das Umfeld schützt dabei nicht das Kind, sondern die Tat. Jeder von uns identifiziert sich lieber mit dem Mächtigen als mit dem Opfer, wir bringen uns auf die sichere Seite. Angst vor Gewalt lähmt. Angst vor dem sozialen Aus ist real, wenn ich kein eigenes Einkommen und keine soziale Unterstützung habe. Scham und Furcht sind übermächtig. Der Hamburger Anwalt für Familienrecht Rudolf von Bracken zum Kindesmissbrauch: „Täter sind organisiert, sozial blendend eingestellt, können sich darstellen, wirken vernünftig, rational, sind beruflich häufig erfolgreich.“ Wem wird auf einer Polizeidienststelle oder im Jugendamt oder in der Schule eher geglaubt: dem alerten, sprachgewandten Vater oder einer aufgelösten, schwachen, gar weinenden Person?

Unter den möglichen politischen Instrumenten kann ich keine einzige Ersatzhandlung sehen: Wir können und müssen vielleicht über Vorratsdatenspeicherung sprechen, aber es ist doch längst zu spät, wenn die Bilder im Netz sind. Es ist eine politische Entscheidung, wie Jugendämter ausgestattet sind, welche Kompetenzen und Möglichkeiten sie haben. Auch darüber müssen wir neu verhandeln, denn jede Institution, auch das Jugendamt, bildet Gesellschaft ab und handelt in deren Auftrag. Ebenso gehören die Ermittlungsbehörden gestärkt und in jeder Hinsicht gut ausgestattet. Bisher ist Kindesmissbrauch in Deutschland kein Verbrechen wie Raub oder Meineid, sondern nur ein Vergehen so wie Diebstahl oder Körperverletzung. Das Strafrecht muss angesichts der Ermittlungsergebnisse revidiert werden und wird es wohl auch. Öffentlichkeit und Berichterstattung holen Betroffene aus der Isolation und Scham. Wir können Kinder in ihrem Selbstbewusstsein stärken, Präventionsprogramme an Schulen auflegen und ErzieherInnen sensibilisieren.

All das zusammen genommen bleibt aber eine einzige große Ersatzhandlung, wenn wir nicht anerkennen, dass Macht uns korrumpiert und sozialer Status blendet. Wirklich schützen können wir Kinder nur, wenn wir selbst keine Angst haben und sprechen.

Mein Fenster zur Welt. Tag 100, letzter Tag.

Es gibt nur noch ab und an, ganz vereinzelt, Klatscher auf den Balkonen. Sie hören sich selbst applaudieren in der warmen Juninacht. Heikel, der Übergang vom Gemeinschaftsglück zum peinlichen Moment. Die Infektionszahlen sind unten. Alles normal. Ist überhaupt noch Pandemie? War irgendetwas?
Wir haben weiter still in einer verlangsamten Parallelwelt gelebt, während Fitnesscenter längst geöffnet sind, VW wieder produziert, die Lufthansa fliegt, während Schweinebetriebe schlachten und Spielhallen Geld verdienen. Erst heute endet nämlich ein Schulhalbjahr, in dem das kleine Kind innerhalb von vier Monaten genau fünf Schulstunden Präsenzunterricht hatte, nicht zum Rudern ging und nicht in die Jugendgruppe. Heute endet diese Zeit und sechs Sommerwochen ohne Schule, ohne Sport, ohne Jugendgruppe liegen vor uns. Ein Kinderspiel, 42 Tage. Ein Witz gewissermaßen.

100 Tage lang drei Mahlzeiten täglich, ich habe gearbeitet und – wie die allermeisten Mütter – Homeschooling unterstützt, begleitet und verflucht, motiviert und korrigiert, die Stimmung hochgehalten und die Kinder bei Laune. Das ist mir nicht alles gleichermaßen gut gelungen. Aber wie schwierig ist es erst, mitten in der Pubertät monatelang auf seine Mutter als einziges soziales Gegenüber angewiesen zu sein und trotzdem munter jeden Tag vor dem Bildschirm zu sitzen und irgendwie mit Spaß Hausaufgaben von einer Plattform herunter- und bearbeitete Dateien hochzuladen?

Wie cool sind diese Kinder, dass sie sich ganz ohne Zwang für schwierige Themen interessieren, Sachen rausfinden, Aufsätze schreiben, alleine rechnen und Youtube-Mathevideos eben zweimal anschauen, wenn sie es beim ersten Mal nicht verstanden haben? Wie stark, dass sie Vokabeln auf dem Rhythmus von Rap-Songs lernen und über Houseparty zusammen französische Dialoge schreiben. Wie lässig sie Musik machen, soziale Medien bedienen und Tänze erfinden. Das Kind hat einen wirklich guten Job im Homeschooling gemacht – den Spaß am Lernen ohne die Schule erst richtig entdeckt – und die Einsamkeit wie eine Ehrenfrau weggesteckt, weil Virus.

Heute durfte sie sich die Hände waschen und ein Zeugnis für erbrachte Leistungen entgegen nehmen. Die gleiche Mathematiklehrerin, die offenkundig monatelang die eingereichten Aufgaben nicht angeschaut hat, die in diesem Halbjahr nicht einen Satz mit ihrer Schülerin gewechselt, keinen Test korrigiert hat und vor Überlastung nicht einmal das Telefon bedienen konnte, gibt meinem Kind ansatzlos eine Vier minus. Eine Vier allein hat nicht gereicht. Es musste schon noch ein Minus dahinter. Vielleicht hat sie Gründe. Auf die bin ich sehr gespannt. Doch am Ende geht es nicht um diese eine Person. Auch gehört Lehrer-Bashing nicht zu meinem Hobbys.

Was mich betrifft, so ist diese Corona-Krise noch lange nicht beendet. Was mich betrifft, ist es Zeit, diesen Ausnahmezustand auf einen echten Wendepunkt zuzutreiben. In was für einem System bewegen wir uns? Zugegeben, es gibt  Schlimmeres als eine schlechte Note, ich lese die Zeitung. Aber es gibt wenig Ätzenderes als Abwertung ohne Not und ein hierarchisches Verhältnis ohne Beziehung. Das Bildungssystem, das mein Kind, die Mathematiklehrerin und auch mich gleichermaßen umschließt und bestimmt, erwartet vom Kind eine hohe Anpassungsleistung, Selbstdisziplin, frohen Mut und eine Selbstbeschränkung, die viele Erwachsene über eine so lange Strecke nicht zu leisten vermocht haben. Bei mir als Freiberuflerin wird tüchtige Selbstlosigkeit, pädagogisches Geschick und allgemein staatsbürgerliche Loyalität vorausgesetzt. Von der verbeamteten Lehrerin verlangt der politische Rahmen einer Pandemie, dass sie ihr Arbeitsblatt fotografiert, es als PDF hochlädt und Digitalisierung dazu sagt. Schule als Konstrukt hat sich in dieser Corona-Ausnahmesituation in ihrem Selbstverständnis keinen Deut verändert, auch wenn allerorten digitale Kompetenz bejubelt wird. Das System und seine Protagonisten ist zu starr oder zu selbstsicher, um sich an neue Verhältnisse anzupassen. Bewertung hat am Ende mit beiderseitiger Anerkennung zu tun. Es ist an der Zeit, dass sich Schule neu erfindet, denn die Kinder haben Lunte gerochen: Lernen ohne Schule macht Freude. Denken ohne Lehrplan bewegt.

Der Verfassungsrechtler Oliver Lepsius hat in der FAZ darauf hingewiesen, dass das politische Leitmotiv Systemrelevanz ein verfassungswidriges Kriterium ist, »denn die Grundrechte lassen keine Hierarchisierung der Freiheitsbereiche zu«. Das klingt komplizierter, als es ist. In der Krise setzte sich – durchaus mit plausiblen Gründen – eine virologische Handlungslogik durch: Krankenhaus, Intensivstation. Auslastung. Andere Freiheitsbereiche sind dabei über Bord gegangen. Vergnügen und Hobby zum Beispiel, die im Grundgesetz zur freien Entfaltung der Persönlichkeit zählen, haben keine grundrechtliche Lobby. Kontaktsperren und Schulschließungen aber soziale Konsequenzen. Es ist in der Pandemie irrelevant, ob mein Kind rudert. Es ist irrelevant, ob Jugendliche mit der sozialen Beschränkung zu kämpfen haben. Die Sache ist nur die: Wer sich in seinen Bedürfnissen als strukturell irrelevant wahrgenommen sieht, wird scheinbar kleiner, doch im Kern freier. Noch lässt die Vier minus die Tränen fließen und ein perfektes Kind für einen Sommertag vor Scham unter die Decke kriechen. Im September sieht die Sache vielleicht schon anders aus. Womöglich ist es für das Kind dann irrelevant, welche Note das System für es übrig hat.

Vielleicht gebe ich euch auch mein Kind dann nicht mehr. Studier ich eben Pädagogik und krieg eine Eins. Staunst du.

Mein Fenster zur Welt. Tag 29

Aleš Šteger, slowenischer Dichter, Autor und Verleger, schaute gestern im FAZ-Feuilleton aus seinem »Fenster zur Welt« in Ljubljana. Ein schöner Text, der die wechselvolle Geschichte eines Hotels auf der anderen Straßenseite erzählt. Nun ist es seit Wochen geschlossen, das so abwechslungsreiche wie ablenkende Fenstertheater der Hotelzimmer gegenüber beendet und der Autor in der ereignislosen Spiegelung der Glasfassade auf der anderen Straßenseite dem Blick auf sich selbst ausgesetzt.
Leuchtender Sonnenschein, gleißend helle Nachmittage wie am Meer sind das Signum der Epidemie. Ich schaue aus meinem Fenster zur Welt und blicke auf das sonnige Fenstertheater gegenüber und als Vexierbild hineingelegt die Spiegelung meines eigenen Fensters, hinter dem ich mich und meinen Nachbarn unter mir sehe. Wir alle vor und hinter diesen Fenstern sind Eingeborene, wie Aleš Šteger schreibt. Wir sind Akteure und Zuschauer, Spiegelbild und Schreckensmaske kleiner Alltage vor und während der Krise. Mich beschäftigt ein Gedanke aus seinem Text: (wir,) die wir in unseren Wohnungen gefangen auf das Weiterleben nach dem Ende des Nachdenkens warten. Es ist nicht leicht, dem eigenen Blick auf sich selbst und die eigene Misere standzuhalten, es ist viel schwieriger, als wir es uns anfangs beschönigend vorgestellt haben.
Ist es tatsächlich so? Warten wir nur gefangen auf das Weiterleben danach? Ist die Begegnung mit der eigenen Misere wirklich die Erfahrung, die erst die Pandemie in dieser Intensität ermöglicht? Soziales Leben ausgesetzt, Aktivitäten angehalten. Die äußere Welt steht still und wir finden uns in dem kleinen Radius wieder, den wir selbst gestalten. Bei meiner seit Jahren praktizierten häuslichen Lebensführung (siehe hierzu gern: Tag 18) gab es keine Misere zu beschönigen. Sie war schon ausgelotet, als die Kontaktsperre begann. Ich bin eine Eingeborene der Misere. Während ich am Schreibtisch sitze und aus dem Fenster schaue, fasse ich eine kleine Beobachtung am Schlafittchen, denn an ihr nehme ich wahr, dass wir nicht nur vage warten, sondern in der Misere noch ein gutes Leben wagen. Apropos warten: Auf den Anruf des FAZ-Redakteurs warte ich natürlich immer noch.

Die kleine Tochter eines Freundes, so erzählte er am Telefon, zieht sich neuerdings nach dem Frühstück Schuhe und Jacke an, geht den Weg zur Schule und zurück und setzt sich, wieder zuhause angekommen, an den Küchentisch, um ihre Aufgaben im Home-Schooling zu beginnen. Über was für ein intuitives Wissen von der Kraft des Rituals verfügt die Neunjährige: Sie legt Distanz zwischen privatem und öffentlichem Leben ein, vollzieht die Trennung zwischen Familie und Lernen, verwandelt sich selbst von der Tochter in die Schülerin. Auch wenn sie schließlich auf dem gleichen Stuhl sitzt wie vorher, hat das Gehen auf symbolischer Ebene soziale Bedeutung generiert und ein Gefühl der Selbstermächtigung erzeugt. Ich bin begeistert von diesem Kind und seinem Wissen über universelle Codes und deren feine Syntax.
Auch wir üben uns im Verschieben und Umdeuten. Mein großes Kind schreibt diese Woche Abitur. Diese Sommer wird die Zeit sein, von der ich glaubte, sie läge immer in ferner Zukunft. Das erste Kind wird das Haus verlassen und mir wird es gewiss schwer werden. Ich werde vernünftig sein, versprochen, und alles hat seine Zeit, ich weiß. Aber sage keiner, es sei leicht, ein Kind, das man alleine großgezogen hat, gehen zu sehen. Was für ein Geschenk also (nun ja, jedenfalls für mich) und ein Privileg inmitten des Schreckens, die Kinder so viele Wochen zu erleben, sich als Familie im Intensivmodus zu ordnen, sich auszuhalten, zu streiten, zu schweigen, zu nerven, Punkte zu machen, zu essen. Nicht jede Stunde ist witzig, aber die Chance, so viel von seinen eigenen jugendlichen Kindern mitzubekommen, ist unerhört rar und oft unterhaltsam: neue Musik hören, Trevor Noah gucken, abwegige Themen debattieren, Youtuberin spielen, Rollen verhandeln, Zitate platzieren, noch einen Spruch draufsetzen. Erkennen, dass sie erwachsen werden, dass sie sich entspannt entfernen, dass man von vielem keine Ahnung mehr hat, und man sie auch manchmal da lassen muss, wo sie feststecken: im pubertären Wahn. Eine Familie – ein Familie von Vielrednern jedenfalls – wird in einer solchen luftdicht abgeschlossenen Situation zu einer Gemeinschaft von Spielern, einer Gruppe, die unentwegt mit Regeln spielt, die die Grammatik der Rituale umdeutet, verschiebt und verändert, um sich genau in diesen fluiden Umdeutungen zu konstituieren. Brot kann schimmeln. Was kannst du? Why would you say something so controversial yet so brave? Es tut mir leid, Pocahontas. I met someone who makes me feel seasick. Du hast die Haare schön.

Die Formen der Lyrik fürs Deutschabitur begleiten uns, das day’s poem of today kommt heute von Robert Walser.

Die Lampe ist noch da,
der Tisch ist auch noch da,
und ich bin noch im Zimmer
und meine Sehnsucht, ah,
seufzt noch wie immer.

Feigheit, bist du noch da?
und Lüge, auch du?
Ich hör‘ ein dunkles Ja:
das Unglück ist auch noch da.
und ich bin noch im Zimmer
wie immer.

 

 

 

 

 

Mein Fenster zur Welt. Tag 18

Kreativität liege nicht nicht auf dem Marktplatz, stand am Samstag in der Zeitung. Fehlende Zerstreuung habe also auch etwas Gutes. Oha, denke ich und blicke aus meinem Fenster zur Welt. Es braucht eine Corona-Krise, damit ein Leitartikler auf die Idee kommt, Konzentration und einsame Beharrlichkeit seien Voraussetzungen für kreatives Tun.
Mit den warmen Apriltagen beginnt das dreizehnte Frühjahr, das ich durch dieses Fenster sich entfalten sehen kann. Zum ersten Mal in all den Jahren sehe ich Eltern mit ihren Kindern auf dem Bürgersteig abhängen. Mit Kreide malen, Laufrad üben. Auf Treppenstufen sitzen. Gummibärchen futtern. Erst seit die Spielplätze als umzäuntes Freizeitvergnügen gesperrt sind und die Cafés geschlossen, wo Aufenthalt an Konsum gekoppelt ist, wird der städtische Raum als ein Ort wiederentdeckt, an dem man leben kann – nicht nur eilig nutzen, sondern eben auch einfach sein. Statt des Autolärms auf der Fahrbahn herrscht Lebhaftigkeit auf dem Trottoir. Gilt das schon als gute Nachricht unter den vielen schlechten?

Der dreizehnte Frühling in dieser Wohnung und der zwölfte, seit ich alleinerziehend bin. Rückblickend könnte man sagen, dass jede Woche, jeder Monat, all die Jahre mit kleinen Kindern zuhause im Grunde eine ausgezeichnete Vorbereitung auf eine Pandemie waren. Und obendrein: häusliche Konzentration – check. Einsame Beharrlichkeit – check. Beides mag jene Kreativität fördern, die gerade von vielen neu entdeckt und gefeiert wird. Ich kann allerdings aus langjähriger Kontaktsperre heraus berichten, dass dies nur die halbe Wahrheit ist. Die andere heißt Mammon. Es braucht Penunze, um ein Eis zu essen, Knete zum Besänftigen der Albträume, Piepen für die Krankenversicherung, Kies für Strom, Bimbes für die Musikschule. Wer Angst hat, ist nicht kreativ. Dies nur als freundliche Ergänzung zu dem schönen Leitartikel, weil ich gerade dafür Zeit habe und natürlich für »Mein Fenster zur Welt«, den Text, den die FAZ bestimmt noch vor Ostern anfragen wird:

Die Platane vor meinem Fenster beginnt auszutreiben. Selbst wenige Tage bevor das junge Grün hervorbricht, gelingt es mir nicht recht – wie in jedem Jahr übrigens – mir vorzustellen, wie die Bäume belaubt aussehen werden. Kaum sind die Kronen aber dicht und frischgrün, kann ich mich nicht daran erinnern, wie die nackigen schwarzen Astgerippe aussahen. Eine merkwürdige kleine Amnesie, die aber niemandem schadet.
Nun knospen im April vor allen Häusern die Bäume. Der Virus macht keine Unterschiede. Die kollektive Vereinzelung erzeugt ein für viele Menschen stärkendes Wir-Gefühl. Tröstender Konsens, pandemischer Gleichklang. Aber dieses wohlige Gleichheitsgetue – together we care und so weiter, was sich dieser Tage ausbreitet, erscheint mir als befremdliche Amnesie. Dabei ist es so offensichtlich, dass man es kaum noch hinschreiben mag: Die Krise verstärkt Ungleichheit. Die Bundesregierung hat beachtliche Soforthilfen auf den Weg gebracht, keine Frage. Obendrein war die Welt schon ungerecht und die soziale Schere sperrangelweit geöffnet, bevor die Pandemie ausbrach. Doch diese Verschärfung der Unterschiede entspringt keinem quasi schicksalhaften Marktgeschehen. Das sind Entscheidungen und sie sind schwer auszuhalten.
Ich schaue auf den zart knospenden Baum, dessen Zweige sich im morgendlichen Frühlingswind wiegen. Im Nebenzimmer videotelefoniert das große Kind mit seiner Lerngruppe über dreihebige Jamben. Es schreibt in zwei Wochen Abitur. Es verfügt über einen Laptop, ein Smartphone und einen Drucker, es wird von seinen Lehrern unterstützt, bekommt Feedback und zur Not bringt ein Fahrradkurier das fehlende Buch. Was machen jetzt eigentlich Kinder mit zwei oder drei Geschwistern in einem Zimmer, ohne Computer, ohne elterlichen Support und in einer Familie, wo das Geld nicht mal fürs Essen langt? Wo das Beste, was Sozialarbeiter gerade tun können, darin besteht, beim Whatsappen mit ihren Schützlingen den Bildhintergrund auf Anzeichen von Verwahrlosung und Gewalt hin zu betrachten. Ich denke an den Automobilkonzern BMW, der angekündigt hat, 2020 eine Dividende von 1,64 Milliarden an seine Aktionäre auszuschütten. Gleichzeitig hat das Unternehmen Kurzarbeitergeld beantragt, was eine Staatshilfe ist, die aus Steuergeldern finanziert wird. Ich denke daran, dass zehntausende polnische Erntehelfer auf deutsche Spargelfelder eingeflogen werden. In der gleichen Gegenwart gibt Innenminister Seehofer bekannt, dass Deutschland „nach zähem Ringen sehr zeitnah 50 unbegleitete erkrankte Kinder aus griechischen Flüchtlingslagern aufnimmt“. Fünfzig.
Formen der Lyrik ist ein Thema beim Deutschabitur. Jeden Morgen bekommt das Kind ein Day’s poem of today neben den Frühstücksteller gelegt, heute von Saigyō.

Daß sie an die Welt,
die so unbeständig ist,
nicht gefesselt sei’n,
bläst der gütige Frühlingswind
alle Kirschblüten fort.

Mein Fenster zur Welt. Tag 10

Zwischen mir und meinem Fenster zur Welt steht die kleine Messingfigur eines Torwartes. Kein moderner Profi-Sportler, sondern ein eher schmächtiger Kerl mit Ballonmütze, im ausgeleierten Strickpolo, mit knielangen Hosen und breiten Schnürschuhen. Seine Gestalt erinnert an Figuren von Erich Kästner oder Typen beim jungen Brecht. Späte zwanziger Jahre vermute ich. Etwas Lässiges, Städtisches trennt ihn vom gesunden Sportsmenschen, der in der Historie wenig später kommen wird. Sein drahtiger Körper ist gestreckt bis in die kleinste Faser. Von den Fußspitzen bis zu den hoch gereckten Armen bildet er eine gespannte Diagonale im Raum, die Hände fest um den Ball, den er nicht auf ewig aus dem Spiel wird halten können, für diesen einen Augenblick aber auf immer abwehrt. Der einsame Mann hat keine Angst, er springt dazwischen, er ist es, der die bedrohlichen Torschüsse hält, die Angriffe aus dem Lauf, die schellen Pässe, die unerwarteten Fallrückzieher, die die Welt in meine Richtung auflegt.

An einem Morgen im letzten Sommer saß ich unten auf meiner Bürgersteigseite vor der Eisdiele. Eine Nachbarin nahm neben mir auf der Bank Platz. Das darf sie, ist ja schließlich auch ihre Bürgersteigseite. Wir gucken also gemeinsam auf das Haus gegenüber, in dem justament eine Frau ein Fenster öffnet. Von meiner Nachbarin höre ich, weil Gelegenheit günstig, dass diese Frau von ihrem Esstisch aus einen Blog betreibt. Sie schreibt mit sehr großem finanziellen Erfolg über Kinder und Dinge, Gefühle und Mütter. Werbeeinnahmen, Influencerhonorare, eins kommt zum anderen, quasi Wochenendhaus nebenbei, weiß meine Nachbarin zu erzählen. Natürlich habe ich später gegoogelt und gelesen, was es dort zu lesen gibt. Nicht meine Tasse Tee, diese Geschichten. Nun ist die Welt aber voller Dinge, die mich nicht berühren, die in einer anderen Sphäre zirkulieren und meine Meinung nicht brauchen.
Doch fällt seit jenem Morgen vom Schreibtisch aus mein Blick oft auf das Fenster, hinter dem die erfolgreiche Bloggerin sitzt, und mein Herz findet keinen Frieden mehr. Ich schelte mich kleinmütig, während meine Arroganz noch groß genug ist, die Texte abzutun. Ich weiß, dass die Erfolglosigkeit mich schäbig macht. Oft vergesse ich die Influencerin ganz, dann schaue ich auf und der Neid sticht wie am ersten Tag. Sie holt das Schlechteste in mir hervor. Ihre Torschüsse sind auf Messi-Niveau.

Bis gestern fand mein Herz keinen Frieden mehr. Um für den Anruf aus Frankfurt gut vorbereitet zu sein, saß ich am Schreibtisch. In der Wartezeit eines stillen Pandemie-Morgens berührte ich den Sockel des kleinen Tormanns und drehte ihn das erste Mal zu mir um.

Von Albert Camus wird berichtet, er habe 1929 als junger Torwort Großes geleistet: Der Schiedsrichter dieser Partie war ungerecht und erkannte ein Tor nicht an. Albert Camus blieb, als der gegnerische Stürmer wieder angriff, einfach am Elfmeterpunkt stehen, zog mit einer Verbeugung seine Ballonmütze und lud den Gegner zum Torschuss ein. Mein Tormann spielte einfach einen Augenblick lang für die andere Mannschaft, sodass ich das Offensichtliche sehen konnte: Ich bin es, die die Schüsse tritt. Auf den Ball drischt ohne Sinn und Verstand. Ich kann einfach aufhören damit und das Spiel ist vorbei. Bei Camus ging es um Gerechtigkeit, vor meinem Fenster zur Welt immerhin um Freiheit.

Der FAZ-Redakteur wird Anmerkungen haben. »Etwas banal, nicht wahr?« zum Beispiel. Gut möglich. So ein kleiner Perspektivenwechsel macht nicht viel her in der großen Krise. Er muss es ja nicht drucken.

 

Mein Fenster zur Welt. Tag 8

Sonntag in der Kontaktsperre.
Steht die Zeit seit einer Woche still oder rinnt sie in einem geheimen Abflussrohr einfach weg? Hat sie sich zusammen mit der Ordnung der Tage auf die Ersatzbank am Spielfeldrand gesetzt? Am leeren Schreibtisch, den Blick auf der gegenüberliegenden Häuserreihe, spüre ich, dass mit jedem Tag der Krise etwas von der Unruhe schwindet, die mich lähmte und zugleich unter Hochspannung hielt. Das Hündchen Angst scharwenzelt natürlich noch herum, aber ich lasse es nicht auf den Schoß springen.
Gewohnheitstierchen sind wir, meine Kinder und ich: gewöhnen uns an die Folge der Sonnentage, lassen uns in Ungewissheit treiben, schwimmen mit dem Strom leiser Stunden. Dabei gibt es doch einen Zeiger, an dem ich mich festhalten kann. Direkt vor meinen Augen hängt er unbewegt: 1901. Vier goldene Ziffern markieren das Jahr, in dem das Haus gegenüber – wie fast alle Häuser hier – gebaut wurde. Wie oft habe ich diese Zahl schon gesehen und erst jetzt finde ich die Zeit, eine Vorstellung davon entstehen zu lassen, wo die Geschichte, die seitdem um die Ecken geflitzt ist und keineswegs verschwunden, geblieben ist.
Schaut man aufmerksam, sieht man an den Fassaden noch an manchen Stellen die Befestigungen für die Oberleitung der Straßenbahn, die vor 120 Jahren hier durchfuhr, und die boomende Wohngegend mit der Innenstadt verband. Eine Postkarte von 1901 zeigt ausladende Stoffmarkisen vor den Ladengeschäften und die Balkone sind abgehängt mit hellen Leinenstoffen, wie sie heute in Beirut oder Istanbul die Hitze aus den Wohnungen fernhalten. In Istanbul war 1901 wieder die Pest ausgebrochen, die Stadt unter Quarantäne gestellt und im Hamburger Hafen wurden keine Waren aus Odessa und Istanbul gelöscht, weil mit der Ladung Ratten an Land kamen. Im Oktober feierte das politische Berlin mit großem Pomp den 80. Geburtstag von Rudolf Virchow.
Vermutlich beides keine Themen für die Leute hier an der Ecke. Auf Postkarten ist ein Schutzmann zu sehen, mitten auf der Kreuzung steht er behäbig, eine breiten Ledergurt um die Leibmitte. Kleine Mädchen tragen Schürzen über ihren Kleidern, die Männer Zylinder oder modische helle Basthüte mit schwarzen Bändern. Ein einzelnes Automobil parkt, Fuhrwerke scheinen noch zum Straßenbild zu gehören, eine Kutsche kreuzt verschwommen. Frauen flanieren in langen Kleidern und durchaus extravaganten Hüten über die baumbestandenen Trottoirs. Beschaulich, bürgerlich, ruhig.
Wo beim Gemüsetürken heute das Viertel sich mit biologischem Koriander, raren Gewürzmischungen und Flugmangos eindeckt, war 1901 ein Kolonialwarenladen – gewiss eine angenehme Selbstverständlichkeit in der Kolonialmetropole des deutschen Kaiserreichs. Die Dienstmädchen sprangen eben runter und holten Kaffee, Zimt, Kakao oder Palmöl. Im gleichen Jahr erließ Reichskanzler Bernhard von Bülow eine Verordnung, nach der jeder Haussklave in Deutsch-Ostafrika, wenn er kein Sklave mehr sein wollte, eine Abfindung zahlen musste, deren Höhe von der Verwaltung festgesetzt wurde. Damals lebte höchstwahrscheinlich kein dunkelhäutiger Mensch in den Häusern hier. Bei Hagenbeck, wo die Straßenbahn auch hielt, waren gerade die Völkerschauen aus Kamerun sehr beliebt. Heute lebt auch kein dunkelhäutiger Mensch in der Straße. Nur in der Küche des Sushi-Restaurants unten steht tagsüber einer, der spült.

Die lange Weile der Quarantäne ist inzwischen so ausgedehnt und luftig, dass meine Kinder freiwillig Sätze aus dem »Karneval der Tiere« spielen, während der Käsekuchen abkühlt. Hörte und fühlte sich 1901 ein Sonntagnachmittag in dieser Straße genauso an? Und wo zwischen Treppenhäusern und Balkonen sind die systemunabhängigen Verhaltensanweisungen für einen stillen Nachmittag abgelegt? Camille Saint-Saëns erhielt 1901 den preußischen Orden Pour Le mérite für Wissenschaften und Künste. Sicher haben die Musiklehrer anschließend noch intensiver französische Spätromantik an den Flügeln unterrichtet, die überall in den Wohnzimmern auf Eichenparkett stehen. Saint-Saëns, lese ich gerade, verließ seine Ehefrau, indem er einen Zettel auf den Küchentisch legte, auf dem stand »Ich bin weg.« Das hat eine Nachbarin neulich mit ihrem Ehemann genauso gemacht. Der Vorfall hat sich in der engen Vorstadt schnell herumgesprochen, hätte es bei den »Buddenbrooks« geheißen, die 1901 bei Samuel Fischer erschienen sind. Vor der Eisdiele hält gerade der Fahrradkurier aus der Buchhandlung. Ich weiß, was er mir bringt: »Spiegel und Licht« von Hilary Mantel.
Hoffentlich ruft die FAZ-Redaktion nicht morgen schon an und will einen Text. Ich brauche jetzt Zeit.

Mein Fenster zur Welt. Tag 5

In der Krise besinnt sich auch das Feuilleton auf Bewährtes. So lädt die FAZ unter dem Titel »Mein Fenster zur Welt« AutorInnen zur Weltbetrachtung ein – in Zeiten der beschränkten Bewegung eben aus dem Fenster. Mich hat die Einladung bislang nicht erreicht, aber ich möchte präpariert sein für den Anruf aus Frankfurt.

Viele Menschen sitzen jetzt in Videokonferenzen, treffen sich in Clouds, chatten und mailen. Ich nicht. Niemand vermisst mich da draußen, niemand ruft an. In diesen Tagen besinnen sich Teams auf ihre kreative Stärke und setzen neue Kommunikationsprozesse auf. Ich gehöre zu keinem Team. Vor der Pandemie hatte ich Jobs. Mit etwas Glück – oder was immer es dafür brauchen wird – werde ich nach der Pandemie auch wieder Jobs haben. Solange aber schaue ich über den Schreibtisch hinweg aus dem Fenster und sehe die Häuserfassaden auf der anderen Straßenseite. Eine typisch städtische Situation, nur auf welcher Seite in dem Theater die Bühne ist und wo die Zuschauer sitzen, das ist nicht entschieden.

Ich sehe Altbauten der Jahrhundertwende, Balkone, dahinter großzügige Wohnungen, Schiebetüren zwischen Ess- und Wohnzimmer. Seit vielen Jahren schon ist dies mein Blick und abends, wenn die Zimmerbeleuchtungen eingeschaltet sind und ich hinüberschaue, was ich im Grunde nicht allzu oft tue, sehe ich manchmal Menschen an der gleichen Stelle in verschiedenen Stockwerken Schiebetüren schieben.
Auf drei Balkonen übereinander sitzen jetzt drei Kreative in der Sonne. Wie in einem Bühnenbild. Als hätten sie sich abgesprochen mit ihren Utensilien: biologische Limoflaschen und MacBooks, Bose-Kopfhörer, Wollkäppis. Ab & an taucht ein Kind auf und wird gedankenverloren über den Kopf gestreichelt. Diese Menschen signalisieren Wohlbefinden. Sie zeigen Zustimmung und behände Anpassung an die neue Situation. Ich höre sie förmlich über die ungewohnt stille Straße hinweg Remote sagen, auf Sicht fahren und skalierbar. Dabei haben sie keinen Spott verdient. Sie führen einfach nur das Leben, das sie gewohnt sind, unter leicht veränderten Vorzeichen fort, mit neu entdeckter staatsbürgerlicher Emphase bereit, ihren Teil zum Social Distancing beizutragen. Sie schalten neuerdings um acht Uhr die Tagesschau an und sitzen gemeinsam mit ihren Lebenspartnern vor dem Fernseher. Sich ihrer selbst in gewisser Weise gravitätisch bewusst wie sonst nur beim Mittagessen am ersten Weihnachtsfeiertag. Ich weiß das, weil an Weihnachten in meinem Blick aus dem Fenster neben- und übereinander vier große glückliche Familien versammelt sind, die mit großer Sorgfalt das Stück »Erster Feiertag« aufführen. Sie essen nicht nur, sie generieren Bedeutung, sie tragen nicht nur ihre Jacketts bei Tisch, sie erfüllen ein Ritual, von dem sie sich wünschen, es möge sie erfüllen.

Kurz vor neun Uhr abends erwacht neuerdings Unruhe in den Wohnungen: Menschen stehen auf, rufen in die hinteren Zimmer, es wird hin- und hergegangen, aufgeregtes Gelächter. Eine Minute vor der vollen Stunde treten sie in Familienstärke oder paarweise auf ihre Balkone, lachen die Nachbarn in gespannter Erwartung schon einmal an. Und beginnen genau um Neune – den Widerschein der Displays im Gesicht – zu klatschen. Sie sagen, so hörte ich, es ginge um Krankenschwestern und Kassiererinnen. Anerkennung wollten sie spenden. Das sei schon wirklich toll, was die leisteten. Ich betrachte ihre strahlenden Gesichter und Pein beschreibt das Gefühl, welches mich anfällt. Was sie da beklatschen, sind sie selbst, ihre irgendwie prickelnde Teilhabe an der Welt der sozialen Medien. Sie geben ihrer Sehnsucht nach Ritualen nach, wie geliehen, geklaut, kopiert oder leer sie auch sein mögen. Dagegen ist nichts einzuwenden, es mag ein wohltuender, tröstlicher Akt sein, sich seiner selbst und der vertrauten Gemeinschaft zu versichern. Doch niemand auf diesen Balkonen hat sich je einen Deut um eine Kassiererin bei Penny geschert und wird es auch in Zukunft nicht tun. Keiner hätte Lust, den Stundenlohn seiner Putzfrau zu erhöhen. Keiner wird den Geigenlehrer der Tochter ab Mai sozialversicherungspflichtig beschäftigen. Warum auch. Was hätte das mit Viren zu tun?
Vermutlich wird die Welt nach der Pandemie doch keine andere sein als zuvor.

Heute spiegeln die Fenster drüben im Märzlicht die Fenster meiner Häuserseite. Wenn ich genau hinschaue, erkenne ich in der Reflexion auf der anderen Straßenseite das Wohnzimmer der Nachbarn unter mir. Der ältere Herr tritt in die Pedale seines Trimmrads. Das hat er schon vor dem Virus gemacht. Seit seiner Verrentung sieht man ihn kaum noch auf der Straße. Ist seine Nutzlosigkeit die gleiche wie meine? Oder bewegt er sich in echter Freiheit, weil er die Welt entlohnter Nützlichkeit hinter sich gelassen hat? Weiß er auch nicht mehr, welcher Wochentag heute ist?

Hannah Ryggen. Ikonographie des Lebens

Nach den Touristenmengen, die in einer endlosen, schnatternden Polonaise durch die neue Frankfurter Altstadt ziehen, wirkt die Stimmung in den Ausstellungsräumen der Schirn noch einmal zurückgenommener und konzentrierter, als die monumentalen Tapisserien ohnehin anmuten.

Ehe ich auch nur einen Wandteppich aus der Nähe anschauen kann, läuft mein Gehirn auf Autopilot. Die Warnlampen Dekoration und Kunsthandwerk blinken. Ich spüre nahezu körperlich, dass meine Wahrnehmung, wenn man sie nur einen Moment unbeobachtet lässt, alle Register zieht und durchläuft. Man könnte auch sagen: Ich bin schrecklich konventionell. Abstrakt, seriell, konzeptuell, Pop-art, kubistisch, expressionistisch – das ist kanonische Moderne, und die Ausschlusskriterien sind klar. Gewebte Tiere und buntige Figürchen gehören dazu.
Sicher, Rosemarie Trockel, Louise Bourgeois oder Cosima von Bonin haben Terrain gewonnen, Stricken und Nähen eingesetzt sowie Wolle und Stoff dem Raum der Kunst hinzugefügt. Das Bauhaus-Jubiläum bringt Textilkünstlerinnen wie Gunta Stölzl und Lilly Reich endlich ins Bewusstsein. Und die Ausstellung Gegen die Unsichtbarkeit. Designerinnen der Deutschen Werkstätten Hellerau 1896 bis 1938 im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg hat dieses Jahr erst Arbeiten von Frauen gezeigt, die die Trennlinie zwischen Design, Kunst und Gestaltung zerlöcherten und den Begriff der Moderne erweiterten. Auch die Bilder der Ausstellung Feministische Avantgarde hallen im Bildgedächtnis nach.
Trotzdem gibt es in mir immer noch Reflexe, die wahrscheinlich in direkter Linie von Oskar Schlemmers »Wo Wolle ist, ist auch ein Weib, das webt, und sei es nur zum Zeitvertreib« abstammen. Meine Ignoranz ist sogar mir selbst unangenehm.

Nun stehe ich aber zwischen diesen Wandteppichen und da ich auf keinen Fall wieder zurück in den Tumult ums Authentische da draußen will, beginne ich zu schauen. Es ist ohnehin zu spät: Keine gedankliche Barriere schützt vor der Bildkraft dieser Werke. Eigenwillige Figuren, abgeschnittene Hände und plane Gesichter rücken mir unmittelbar nahe, die erzählerische Intensität der Szenerien gibt ihnen physische Präsenz.

Eine außergewöhnliche Frau war Hannah Ryggen. 1894 in einer Arbeiterfamilie geboren, wird sie Lehrerin und entdeckt mit Anfang Zwanzig die Kunst für sich, nimmt Malunterricht, reist 1922 nach Dresden, um dort die Alten Meister wie auch die zeitgenössische Kunst zu studieren. Sie nimmt begierig die Formen der Malerei in sich auf, lässt sich aber keineswegs einschüchtern – weder von Meisterwerken noch von jungen erfolgreichen Künstlern. Als sie einige Monate später nach Norwegen zurückkehrt, hat sie nicht nur den Mann kennengelernt, den sie heiraten wird, sondern sie weiß auch, dass sie etwas mit den Händen erschaffen will, dass ihre Leinwand der Webstuhl sein wird. Zweifeln, verzweifeln wird sie in den nächsten Jahrzehnten, lernen, schuften und scheitern, doch sie weiß offenbar unverrückbar, dass sie eine Künstlerin ist, eine Sozialistin zudem, die Lust an der Provokation verspürt, und eine selbstbewusste Frau, die Vertrauen in ihr Tun legt, gesellschaftliche Tabus nicht scheut und Widersprüche aushält. Zehn Jahre lang verbessert die Künstlerin ihre Technik, erlernt pflanzliche Färbemethoden und taucht durch die Kunstgeschichte der Tapisserie und Freskomalerei hindurch, bis sie ihre eigene Sprache findet.

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Hannah Ryggen am Webstuhl, um 1964, Adresseavisen, Trondheim

Mit ihrem Mann Hans und der gemeinsamen Tochter lebte sie isoliert und oft in finanzieller Not auf einem kleinen Selbstversorgerhof an der Westküste Norwegens und schuf dort ihre monumentalen Wandteppiche. Ihre biografischen Entscheidungen sind für das Verständnis ihrer Arbeit gleich mehrfach von Bedeutung:

Hannah Ryggen vergaß nie ihre Herkunft aus der Arbeiterschicht. Dekorative Kunst in der Malerei und rein oberflächliche Muster der volkstümlichen Webkunst interessieren sie nicht. In vielen Arbeiten der 30er und 40er Jahre befasst sie sich mit aktuellen poli­ti­schen Ereignissen und bekräftigt in der Wahl ihrer Themen und Motive ihre sozia­lis­ti­sche Über­zeu­gun­g. Mit dem traditionellen Medium des Wandteppichs richtete sie sich an die Öffentlichkeit: Sie wollte in Diskussionen eingreifen und möglichst viele Menschen sollten die Bilder sehen können. Mit ihren monumentalen Bildmanifesten, die an öffentlichen Orten hängen sollten, reklamierte Hannah Ryggen obendrein die große Bühne für sich, die weibliche Künstlerinnen bis dahin nicht in Anspruch genommen hatten. Sie hat Zeit ihres Leben nicht an private Sammler verkauft. Die Armut der Familie war bitter, meistens lebte sie von Selbstversorgung und vom Verkauf der Bilder Hans Ryggens, der seine Frau in ihrer kompromisslosen Haltung unterstützte.

Lebensumstände, politische Gegenwart und Selbstverständnis sind mit Hannah Ryggens künstlerischer Arbeit untrennbar verbunden. Das alltägliche Leben, das Verhältnis von Mensch zu Natur, Leben in der Gesell­schaft, Liebe und Schmerz, Menschsein, Sterben, Krie­g, Macht­miss­brauch, Fami­lie, Mitmen­schen, politische Anliegen und tagesaktuelle Fragen waren für sie gleichberechtigte Themen, die sie in ihren Collagen und Bühnenbildern erzählend verwob. Ebenso gleichberechtigt verwendet sie Repertoire und Formensprache der zeitgenössischen Kunst neben mythologischen Motiven, verknüpft religiöse Darstellungstraditionen und alltägliche Szenen, verbindet individuelle Symbole mit kollektiver Bildersprache und expressiven Formen.

Und es scheint, als wäre sich Hannah Ryggen ihrer gesellschaftlichen Stellung als Frau immer außerordentlich bewusst gewesen. Sie streitet für einen gleichberechtigten Zugang zum Kunstmarkt und reflektiert Frausein und Mutterschaft, Beziehung und Liebe wie selbstverständlich in ihren Bildern. Dabei war das Thema der Mutter-Kind-Bindung in der Kunstgeschichte 1947, als sie Mutterherz webte, keineswegs selbstverständlich, es war schlichtweg nicht vorhanden. Trauer, intensivste Liebesgefühle, ein zerbrochenes Herz, eine leere Gebärmutter, das Bild erzählt ein berührendes Drama in allen erdenklichen Rottönen. 1937 entstand das Triptychon Unverheiratete Mutter, nahezu mittelalterlich in der bildnerischen Anlage. Das Motiv der alleinstehenden Mutter ist in der Malerei in der Regel mit Armut, Erschöpfung und moralischer Verworfenheit verbunden. Ryggens farbsatte, strahlende Darstellung der intimen Zweisamkeit von Mutter und Kind erzählt von Fröhlichkeit und Selbstbewusstsein. Mehrere Motive überlagern sich in dem Wandteppich Liselotte Herrmann enthauptet von 1938. Die deutsche Kommunistin Liselotte Herrmann, Mutter eines kleines Jungen, wurde 1935 von der Gestapo verhaftet, gefoltert, wegen Spionage zum Tode verurteilt und trotz internationaler Proteste 1938 in Plötzensee hingerichtet. Ryggen verwendet ein Zeitungsfoto als Bildvorlage – ein Foto aus dem kollektiven Gedächtnis – und bearbeitet das Motiv in der Bildwelt einer klassischen Heiligenlegende. Mit ihrem Kind auf dem Schoß gehört Liselotte Herrmann mitten hinein ins Leben, ein roter abgehackter Fuß steht für den Leidensweg, in der Todeszelle liegt nur die Babydecke über ihrer Schulter. Marie Luise Knott schreibt in ihrem Essay »Im Flammenhemd des Lebens«, Hannah Ryggens Arbeiten durchdringen ihre Zeit und transzendieren diese anstatt sich (…) zu ihren Dienern zu machen (Ausstellungskatalog, S. 65). An kaum einem anderen Bild ist diese Bewegung so unmittelbar nachvollziehbar. Das Bild bewegt sich nicht an der Oberfläche der Aktualität, so zeitnah es auch das Ereignis aufnimmt. Es erinnert fürderhin an die mutige junge Frau, zeigt das grauenvolle Unrecht, empfindet die Tragödie eines unvollendeten Frauenlebens nach und macht sie mit den Mitteln der künstlerischen Bearbeitung erst sichtbar. Eine erschütternde Darstellung faschistischer Grausamkeit.

Das Motiv des abgeschlagenen Kopfes taucht in einem anderen Bild wieder auf: Ethiopia von 1935, entstanden kurz nach Mussolinis Invasion in Äthiopien. Haile Selassie hatte den Völkerbund vergebens um Beistand gebeten, das faschistische Italien annektierte das Kaiserreich. In einer Bildreihe sind eine afrikanische Frau, ein europäischer Minister, Hände in verschiedenen Hautfarben, der Kaiser Selassie und schließlich der abgeschlagene Kopf Mussolinis, aufgespießt auf den Speer eines äthiopischen Kämpfers, zu sehen. Die unteren zwei Drittel bestehen aus geometrischen Flächen und Mustern – ein montiertes, sandiges, erdfarbenes, klares Fresko. Ein fast vier Meter langes Protestmanifest ist dieser Teppich und nicht zimperlich in der Motivwahl. Auf der Weltausstellung in Paris 1937 hing der Teppich im norwegischen Pavillon, allerdings zensiert: Mussolinis abgeschlagener Kopf musste nach hinten gerollt werden. Nebenan, im französischen Pavillon, sorgte Picassos Guernica ebenfalls für Furore.

Ein Jahr später, 1936, entstand Tod der Träume, ein Werk, das sowohl die symbolische Fragmentierung der Körper wie auch den bühnenhaften Bildaufbau wiederholt. Die Gestalt des inhaftierten Carl von Ossietzky in Handschellen ist dargestellt. Im Würgegriff des rotgesichtigen Goebbels leidet ein anderer Gefangener. Von größter Kraft ist in diesem Bild aber Ryggens Umgang mit dem Ornamentalen. Auf der braunen Grundfläche zeichnen sich grafische, scheinbar neutrale Muster ab, die erst auf den zweiten Blick ihre Wahrheit hinter dem seriellen Ornament zeigen: Hakenkreuze.

Hannah Ryggen, Drømmedød (Tod der Träume), 1936, Bildteppich aus Wolle und Leinen, 235 x 273 cm, Nordenfjeldske. Kunstindustrimuseum (Nationales Museum für Kunsthandwerk und Design), Trondheim© H. Ryggen, VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Anders Sundet Solberg

Leidenschaftliche und ausdrucksstarke Bilder ihrer Zeit sind in Frankfurt zu sehen, Kunst, die die Gegenwart bitter nötig hat.

Schirn Kunsthalle Frankfurt, 26.9.2019 bis 12.1.2020

FRAUENBIOGRAFIEN – Hamburg-App

Wo man eben so hinschaut beim Flanieren in der Stadt: in Schaufenster, auf Fassaden und Zebrastreifen, in Toreinfahrten und auf Straßenschilder. Manches Schöne und wohl auch einiges Interessantes sieht man auf diese Weise, aber vieles bleibt unsichtbar. Ein ganz besonderes Guckloch und eine mitreißende Tiefenbohrung in die Hamburger Geschichte bietet eine App, erschienen dieses Jahr zum 100jährigen Jubiläum des Frauenwahlrechts: Frauenbiografien.
Frauen sind im kollektiven Gedächtnis unterrepräsentiert, Straßennamen und Denkmäler gelten zum allergrößten Teil Männern. Die Arbeit von Frauen fand lange und findet immer noch wenig Anerkennung, weibliche Lebensleistungen haben keinen Ort im kollektiven Gedächtnis.
In der Datenbank, die hinter der App liegt, sind Lebensläufe, die Arbeit und Bedeutung von verstorbenen Hamburgerinnen gesammelt & aufgearbeitet. Keineswegs nur prominente Autorinnen, Unternehmerinnen oder Journalistinnen, auch unbekannte Frauen sind da zu finden, die in ihrem Lebensumfeld Spuren hinterlassen haben, die Kunst gemacht oder im Stillen gearbeitet haben. Daneben stehen ausführliche Texte zu Einrichtungen oder Orten, die für Frauen von Bedeutung waren oder sind. Man kann direkt nach Namen suchen, nach Straßen oder einfach in einem geografischen Radius.

Grafisch ist die App so schlicht, dass es beinahe weh tut – wahrscheinlich gab es nicht genug Geld. Nicht egal, aber trotzdem: Die Ergebnisse sind großartig: ausführlich, genau recherchiert, mit Querverweisen, und wer mag, lässt sich auf wissenschaftlich fundierte Hintergründe ein. Für Nutzer*innen, die gerade nur Lust auf ein Appetithäppchen haben, gibt einen kurzen Einführungstext zum Eintrag und die Option, in einer bestimmten Straße weiterzusuchen oder sich die Route anzeigen zu lassen.

Ich tippe auf Umkreissuche. Im Kattrepel bekomme ich 400 Einträge in einem Radius von zweieinhalb Kilometern und erfahre, dass genau hier im Kattrepel um das Jahr 1428 in kleinen Butzelbuden Prostituierte arbeiteten und die Stadt daran tüchtig verdiente. 60 Jahre später wurde das Gewerbe verboten und doch geduldet, allerdings zwang man die Frauen eine Haube mit einem aufgenähten gelben Band zu tragen. Doppelmoral und Stigmatisierung sind mitten in der Hamburger Innenstadt offenbar zuhause: Der Gerhart-Hauptmann-Platz hieß früher Pferdemarkt, Giebelhäuser umstanden den gepflasterten Platz, wo 1732 ein Pranger aufgestellt wurde, an dem »treulose Ehefrauen und liederliche Weiber« mit einem Namensschild ins Halseisen eingeschlossen und öffentlich zur Schau gestellt wurden. Männer mussten für Ehebruch lediglich diskret eine Geldstrafe zahlen. Am Gerhart-Hauptmann-Platz lebte auch Ernestine Hoffmann, die als junge Frau ab 1779 eine der ersten deutschsprachigen Frauenzeitschriften Für Hamburgs Töchter herausgab. Auf ihren gesellschaftlichen Ruf bedacht, veröffentlichte sie unter einem männlichen Pseudonym. Ich sitze auf der umtosten Bushalte, lese über den Postvertrieb der Oktavhefte, über Herausgeberfiktion, Tugenddiskurs, Weiblichkeitsideale und die Konstruktion von Geschlechtersphären. Wenn ich aufschaue und die Schaufensterpuppen der Bekleidungsgeschäfte betrachte, die mir zeigen, wie ich mein Selbstbild mir vorstellen soll, ist diese Vergangenheit nicht vergangen. Ein paar Schritte weiter, im Jacobikirchhof eröffnete 1798 Dorothea Encke die Enckesche Winkelschule – bekannt sind diese Einrichtungen auch unter dem Namen Klippschulen, was nichts anderes als privat organisierte, behördlich nicht anerkannte Schulen waren. Die siebzehnjährige Dorothea und ihre Geschwister waren Waisen, sie musste mit dem Unterricht für die jüngeren Kinder sorgen. Die Enckesche Winkelschule genoss wohl über Jahrzehnte einen ausgezeichneten Ruf, und die Schulleiterin war, als sie mit 68 Jahren in Rente ging, ohne finanzielle Sorgen.

In Metern bin ich nicht weit gekommen an diesem Nachmittag. An historischem Wissen, an Geschichten, die hier auf den Straßen rumlungern und in unsere Gegenwart hineinreichen, an Frauenbiografien und Erinnerungsorten bin ich reich. Ein paar kleine Löcher weniger im Erinnerungsnetz.

Die Idee für die Frauenbiografien stammt von Dr. Rita Bake. Die Sozialhistorikerin lehrte in der Frauenforschung der Uni Hamburg, war bis 2017 stellvertretende Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und gründete den Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Sie ist auch verantwortlich für die Datenbank Hamburger Frauenbiografien.

Das Foto oben übrigens zeigt Elvira Unglaube, die erste Elvira Unglaube.
Sie trat zusammen mit ihrem Ehemann auf Volksfesten in einer spektakulären Show auf: kopfüber an einer Strickleiter unter einem Gasballon durch die Luft schwebend. Das ging lange gut, bis sie bei einem Gewittersturm tödlich verunglückte. Die zweite Ehefrau von Paul Unglaube hieß ebenfalls Elvira – es ist nicht zu glauben! – und trat die Nachfolge am Ballon an. Mit riesigen Erfolgen. Der Ballon wurde bei den Bombenangriffen 1943 vernichtet. Elvira die Zweite überlebte den Krieg und zog irgendwo nach Schleswig-Holstein.

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