Mein Fenster zur Welt. Tag 8

Sonntag in der Kontaktsperre.
Steht die Zeit seit einer Woche still oder rinnt sie in einem geheimen Abflussrohr einfach weg? Hat sie sich zusammen mit der Ordnung der Tage auf die Ersatzbank am Spielfeldrand gesetzt? Am leeren Schreibtisch, den Blick auf der gegenüberliegenden Häuserreihe, spüre ich, dass mit jedem Tag der Krise etwas von der Unruhe schwindet, die mich lähmte und zugleich unter Hochspannung hielt. Das Hündchen Angst scharwenzelt natürlich noch herum, aber ich lasse es nicht auf den Schoß springen.
Gewohnheitstierchen sind wir, meine Kinder und ich: gewöhnen uns an die Folge der Sonnentage, lassen uns in Ungewissheit treiben, schwimmen mit dem Strom leiser Stunden. Dabei gibt es doch einen Zeiger, an dem ich mich festhalten kann. Direkt vor meinen Augen hängt er unbewegt: 1901. Vier goldene Ziffern markieren das Jahr, in dem das Haus gegenüber – wie fast alle Häuser hier – gebaut wurde. Wie oft habe ich diese Zahl schon gesehen und erst jetzt finde ich die Zeit, eine Vorstellung davon entstehen zu lassen, wo die Geschichte, die seitdem um die Ecken geflitzt ist und keineswegs verschwunden, geblieben ist.
Schaut man aufmerksam, sieht man an den Fassaden noch an manchen Stellen die Befestigungen für die Oberleitung der Straßenbahn, die vor 120 Jahren hier durchfuhr, und die boomende Wohngegend mit der Innenstadt verband. Eine Postkarte von 1901 zeigt ausladende Stoffmarkisen vor den Ladengeschäften und die Balkone sind abgehängt mit hellen Leinenstoffen, wie sie heute in Beirut oder Istanbul die Hitze aus den Wohnungen fernhalten. In Istanbul war 1901 wieder die Pest ausgebrochen, die Stadt unter Quarantäne gestellt und im Hamburger Hafen wurden keine Waren aus Odessa und Istanbul gelöscht, weil mit der Ladung Ratten an Land kamen. Im Oktober feierte das politische Berlin mit großem Pomp den 80. Geburtstag von Rudolf Virchow.
Vermutlich beides keine Themen für die Leute hier an der Ecke. Auf Postkarten ist ein Schutzmann zu sehen, mitten auf der Kreuzung steht er behäbig, eine breiten Ledergurt um die Leibmitte. Kleine Mädchen tragen Schürzen über ihren Kleidern, die Männer Zylinder oder modische helle Basthüte mit schwarzen Bändern. Ein einzelnes Automobil parkt, Fuhrwerke scheinen noch zum Straßenbild zu gehören, eine Kutsche kreuzt verschwommen. Frauen flanieren in langen Kleidern und durchaus extravaganten Hüten über die baumbestandenen Trottoirs. Beschaulich, bürgerlich, ruhig.
Wo beim Gemüsetürken heute das Viertel sich mit biologischem Koriander, raren Gewürzmischungen und Flugmangos eindeckt, war 1901 ein Kolonialwarenladen – gewiss eine angenehme Selbstverständlichkeit in der Kolonialmetropole des deutschen Kaiserreichs. Die Dienstmädchen sprangen eben runter und holten Kaffee, Zimt, Kakao oder Palmöl. Im gleichen Jahr erließ Reichskanzler Bernhard von Bülow eine Verordnung, nach der jeder Haussklave in Deutsch-Ostafrika, wenn er kein Sklave mehr sein wollte, eine Abfindung zahlen musste, deren Höhe von der Verwaltung festgesetzt wurde. Damals lebte höchstwahrscheinlich kein dunkelhäutiger Mensch in den Häusern hier. Bei Hagenbeck, wo die Straßenbahn auch hielt, waren gerade die Völkerschauen aus Kamerun sehr beliebt. Heute lebt auch kein dunkelhäutiger Mensch in der Straße. Nur in der Küche des Sushi-Restaurants unten steht tagsüber einer, der spült.

Die lange Weile der Quarantäne ist inzwischen so ausgedehnt und luftig, dass meine Kinder freiwillig Sätze aus dem »Karneval der Tiere« spielen, während der Käsekuchen abkühlt. Hörte und fühlte sich 1901 ein Sonntagnachmittag in dieser Straße genauso an? Und wo zwischen Treppenhäusern und Balkonen sind die systemunabhängigen Verhaltensanweisungen für einen stillen Nachmittag abgelegt? Camille Saint-Saëns erhielt 1901 den preußischen Orden Pour Le mérite für Wissenschaften und Künste. Sicher haben die Musiklehrer anschließend noch intensiver französische Spätromantik an den Flügeln unterrichtet, die überall in den Wohnzimmern auf Eichenparkett stehen. Saint-Saëns, lese ich gerade, verließ seine Ehefrau, indem er einen Zettel auf den Küchentisch legte, auf dem stand »Ich bin weg.« Das hat eine Nachbarin neulich mit ihrem Ehemann genauso gemacht. Der Vorfall hat sich in der engen Vorstadt schnell herumgesprochen, hätte es bei den »Buddenbrooks« geheißen, die 1901 bei Samuel Fischer erschienen sind. Vor der Eisdiele hält gerade der Fahrradkurier aus der Buchhandlung. Ich weiß, was er mir bringt: »Spiegel und Licht« von Hilary Mantel.
Hoffentlich ruft die FAZ-Redaktion nicht morgen schon an und will einen Text. Ich brauche jetzt Zeit.

FRAUENBIOGRAFIEN – Hamburg-App

Wo man eben so hinschaut beim Flanieren in der Stadt: in Schaufenster, auf Fassaden und Zebrastreifen, in Toreinfahrten und auf Straßenschilder. Manches Schöne und wohl auch einiges Interessantes sieht man auf diese Weise, aber vieles bleibt unsichtbar. Ein ganz besonderes Guckloch und eine mitreißende Tiefenbohrung in die Hamburger Geschichte bietet eine App, erschienen dieses Jahr zum 100jährigen Jubiläum des Frauenwahlrechts: Frauenbiografien.
Frauen sind im kollektiven Gedächtnis unterrepräsentiert, Straßennamen und Denkmäler gelten zum allergrößten Teil Männern. Die Arbeit von Frauen fand lange und findet immer noch wenig Anerkennung, weibliche Lebensleistungen haben keinen Ort im kollektiven Gedächtnis.
In der Datenbank, die hinter der App liegt, sind Lebensläufe, die Arbeit und Bedeutung von verstorbenen Hamburgerinnen gesammelt & aufgearbeitet. Keineswegs nur prominente Autorinnen, Unternehmerinnen oder Journalistinnen, auch unbekannte Frauen sind da zu finden, die in ihrem Lebensumfeld Spuren hinterlassen haben, die Kunst gemacht oder im Stillen gearbeitet haben. Daneben stehen ausführliche Texte zu Einrichtungen oder Orten, die für Frauen von Bedeutung waren oder sind. Man kann direkt nach Namen suchen, nach Straßen oder einfach in einem geografischen Radius.

Grafisch ist die App so schlicht, dass es beinahe weh tut – wahrscheinlich gab es nicht genug Geld. Nicht egal, aber trotzdem: Die Ergebnisse sind großartig: ausführlich, genau recherchiert, mit Querverweisen, und wer mag, lässt sich auf wissenschaftlich fundierte Hintergründe ein. Für Nutzer*innen, die gerade nur Lust auf ein Appetithäppchen haben, gibt einen kurzen Einführungstext zum Eintrag und die Option, in einer bestimmten Straße weiterzusuchen oder sich die Route anzeigen zu lassen.

Ich tippe auf Umkreissuche. Im Kattrepel bekomme ich 400 Einträge in einem Radius von zweieinhalb Kilometern und erfahre, dass genau hier im Kattrepel um das Jahr 1428 in kleinen Butzelbuden Prostituierte arbeiteten und die Stadt daran tüchtig verdiente. 60 Jahre später wurde das Gewerbe verboten und doch geduldet, allerdings zwang man die Frauen eine Haube mit einem aufgenähten gelben Band zu tragen. Doppelmoral und Stigmatisierung sind mitten in der Hamburger Innenstadt offenbar zuhause: Der Gerhart-Hauptmann-Platz hieß früher Pferdemarkt, Giebelhäuser umstanden den gepflasterten Platz, wo 1732 ein Pranger aufgestellt wurde, an dem »treulose Ehefrauen und liederliche Weiber« mit einem Namensschild ins Halseisen eingeschlossen und öffentlich zur Schau gestellt wurden. Männer mussten für Ehebruch lediglich diskret eine Geldstrafe zahlen. Am Gerhart-Hauptmann-Platz lebte auch Ernestine Hoffmann, die als junge Frau ab 1779 eine der ersten deutschsprachigen Frauenzeitschriften Für Hamburgs Töchter herausgab. Auf ihren gesellschaftlichen Ruf bedacht, veröffentlichte sie unter einem männlichen Pseudonym. Ich sitze auf der umtosten Bushalte, lese über den Postvertrieb der Oktavhefte, über Herausgeberfiktion, Tugenddiskurs, Weiblichkeitsideale und die Konstruktion von Geschlechtersphären. Wenn ich aufschaue und die Schaufensterpuppen der Bekleidungsgeschäfte betrachte, die mir zeigen, wie ich mein Selbstbild mir vorstellen soll, ist diese Vergangenheit nicht vergangen. Ein paar Schritte weiter, im Jacobikirchhof eröffnete 1798 Dorothea Encke die Enckesche Winkelschule – bekannt sind diese Einrichtungen auch unter dem Namen Klippschulen, was nichts anderes als privat organisierte, behördlich nicht anerkannte Schulen waren. Die siebzehnjährige Dorothea und ihre Geschwister waren Waisen, sie musste mit dem Unterricht für die jüngeren Kinder sorgen. Die Enckesche Winkelschule genoss wohl über Jahrzehnte einen ausgezeichneten Ruf, und die Schulleiterin war, als sie mit 68 Jahren in Rente ging, ohne finanzielle Sorgen.

In Metern bin ich nicht weit gekommen an diesem Nachmittag. An historischem Wissen, an Geschichten, die hier auf den Straßen rumlungern und in unsere Gegenwart hineinreichen, an Frauenbiografien und Erinnerungsorten bin ich reich. Ein paar kleine Löcher weniger im Erinnerungsnetz.

Die Idee für die Frauenbiografien stammt von Dr. Rita Bake. Die Sozialhistorikerin lehrte in der Frauenforschung der Uni Hamburg, war bis 2017 stellvertretende Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und gründete den Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Sie ist auch verantwortlich für die Datenbank Hamburger Frauenbiografien.

Das Foto oben übrigens zeigt Elvira Unglaube, die erste Elvira Unglaube.
Sie trat zusammen mit ihrem Ehemann auf Volksfesten in einer spektakulären Show auf: kopfüber an einer Strickleiter unter einem Gasballon durch die Luft schwebend. Das ging lange gut, bis sie bei einem Gewittersturm tödlich verunglückte. Die zweite Ehefrau von Paul Unglaube hieß ebenfalls Elvira – es ist nicht zu glauben! – und trat die Nachfolge am Ballon an. Mit riesigen Erfolgen. Der Ballon wurde bei den Bombenangriffen 1943 vernichtet. Elvira die Zweite überlebte den Krieg und zog irgendwo nach Schleswig-Holstein.

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