DRESSED. 7 Frauen – 200 Jahre Mode

Man betritt den Ausstellungsraum im Museum für Kunst & Gewerbe und steht inmitten eines Theatersaals. Sieben Bühnenpodeste werden hier gleichzeitig bespielt. Besucherinnen bewegen sich zwischen angeleuchteten Installationen, Spiegelwänden und großen Schwerlastregalen, in denen Kleider und Accessoires Platz finden – Mobiliar eigentlich aus Archiven und Lagerhallen.
Meterhohe, dunkle Vorhänge trennen die Szenen voneinander ab. Die Beleuchtung ist gedämpft, denn die filigranen Archivobjekte sind lichtempfindlich. Manchen haben die Jahrhunderte zugesetzt, manchen die Kriege, einigen die Frauen selbst. Die Kleidungsstücke waren einmal Gebrauchsgegenstände. Sie zeigen die Spuren der Lebenszeit, die die Frauen in Tageskleidern, Abendroben, und Mänteln verbracht haben und die Erinnerungen, die in Hochzeits-, Tauf- und Trauerkleidern aufbewahrt sind.
Sieben Konvolute aus dem Bestand des Museums zeigt die Ausstellung »Dressed. 7 Frauen – 200 Jahre Mode« und zeichnet anhand der Objekte sieben Frauenbiografien aus 200 Jahren nach. Archiv, Biografie und Zeitgeschichte kreuzen sich in diesem Konzept in stofflicher, sinnlich erfahrbarer Weise. Angereichert mit Hintergrundwissen, das über Tablets dargestellt wird.

Die Kleidungsstücke selbst zeugen von Technik- und Handelsgeschichte. Sie markieren nicht nur Stationen innerhalb der Modegeschichte, sondern haben auch selbst eine Archivfunktion, die die Kuratorin Angelica Riley mit ihrer Arbeit unterstreicht.

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Elise Fränckel (1807–1898), Damenschuhe „Slipper“, „Renault à Paris R 128 75“, 1830–50, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Foto: Anne Schönharting

Die Verlegergattin Elise Fränkel trug im biedermeierlichen Oldenburg in Holstein modische, elegante Ballerinas aus Paris, ihre aufwändig gearbeiteten Tüllkragen und feinste Spitze sind mit Etiketten in kyrillischer Sprache versehen. In der holsteinischen Provinz kursierten aktuelle Modezeitschriften und Händler aus Kopenhagen, Lübeck, Paris und Osteuropa präsentierten offenkundig ihre Waren der geschmackssicheren und potenten Käuferin. Die Objektbeschreibungen in der Ausstellung haben das Layout von wissenschaftlichen Karteikarten. Auf ihnen sind Maße, Entwurf, Marke, Herstellung, Technik und eben auch akribisch der Zustand des Gegenstandes vermerkt: Schweißflecken, unter den Achseln desolat, geflickt, geweitet, gestopft, geändert, Knöpfe versetzt. In langen Ballnächten wurde geschwitzt, in Kriegszeiten haben Frauen die Kleidung sorgsam ausgebessert, nach Geburten und in mittleren Jahren haben sich die Figuren verändert.
Von Elise Fränkel selbst gibt es keine historischen Zeugnisse, wohl von ihrem Mann. Ihre Biografie kann über ihren Mann erzählt werden oder aber durch ihre Garderobe. Die Nadel erzählt Frauengeschichte.
Von Erika Holst besitzt das Museum ein Konvolut von Alltagskleidung aus der NS-Zeit und dem 2. Weltkrieg. Was den Zustand und die Materialien angeht, ein Zeitspeicher von eindrücklicher Kraft. Die Erinnerung vieler Besucherinnen wird in diese Zeit zurückreichen, in der ihre Großmütter und Mütter lebten und von denen es noch Fotos in den Familienalben gibt. Doch wer kann noch ein Kleid seiner Großmutter berühren? In eines von Erika Holst ist das Etikett des Hamburger jüdischen Modegeschäfts Gebrüder Robinson eingenäht, das 1938 verwüstet wurde.

Die Garderobe von Edith von Maltzan umspannt fünf Jahrzehnte, von der Jahrhundertwende bis etwa 1950. Die großbürgerliche, weitgereiste Diplomatengattin mit zahlreichen Repräsentationspflichten hat es krachen lassen.

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Ausstellungsansicht 8, Foto: Henning Rogge

Die schönsten Abend- und Gesellschaftstoiletten mit einem Taillenumfang von 54 Zentimetern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, goldglitzernde Hängerchen der zwanziger Jahre, hinreißend elegante Tageskleidung aus Paris und London. Mit dem Tod ihres Mannes legt sie die mauvefarbenen, hellgrünen, silbernen und cremefarbenen Töne ab und wechselt für den Rest ihres Lebens zu Schwarz. Zu erkennen sind auch Spuren der Zeitgeschichte in ihrer Garderobe: Nach dem 1. Weltkrieg verschwindet das Korsett – etwa zeitgleich mit der Einführung des Frauenwahlrechts. (Edith von Maltzan Taille bleibt übrigens bei 54 Zentimetern.) Die Entdeckung des Grabmals von Tutanchamun 1917 löste eine Ägyptomanie in der Mode aus, was in den Kleidchen der frühen Zwanziger sichtbar wird. Und Mitte dieses Jahrzehnts wurde der Schrägschnitt – diagonal zum Fadenverlauf – erfunden, wodurch der Stoff geschmeidiger fällt.
Nach dem 2. Weltkrieg erzählt Mode auch Emanzipationsgeschichte. Frauen sind erstmals nicht nur auf die Rollen als Hausfrau, Gattin und Mutter beschränkt, sondern können sich beruflich entfalten. Die Galeristin Elke Dröscher trug von 1968 – da eröffnete die erste Boutique mit den Prêtà-Porter-Kollektionen von Yves Saint Laurent Rive Gauche in Hamburg – bis 1986 ausschließlich YSL Rive Gauche. Was für elegante Stücke die Sammlung zeigt. Was für ein Niveau an Verarbeitung und Schnittkunst. Dröscher liebte das Power-Dressing, das YSL ihr an die Hand gab. Die Idee dieser Linie war es, die Sicherheit, die Garderobe bislang nur Männern gewährte, in eleganter Form den Frauen zu geben. Man darf daran erinnern, dass Helene-Charlotte von Bothmer 1970 noch einen Skandal auslöste, als sie im Bundestag in einem Hosenanzug erschien. Die Garderobe von Angelica Blechschmidt umfasst die Jahre zwischen 1985 und 2004, ihre Zeit als Chefredakteurin der deutschen Vogue. Mit ihrem Stil, ihrer Uniform – ausschließliche schwarze Cocktailkleider und auffälligen Accessoires – wird sie zur internationalen Stilikone. Zu ihrem Konvolut gehören auch die Backstage-Fotos, ein Genre, das sie, weit vor der Zeit der Social Media-Fotolust, erfand. 

Anne Lühn (*1944), Anne Lühn, 2021, Foto: Anne Schönharting

Wir sehen Garderobe und blicken auf Lebensentwürfe. Nichts kommt einem Menschen so nah wie die Kleidung. Sie umhüllt und schützt den Körper, sie präsentiert Leiblichkeit und ist Ausdruck von Persönlichkeit. Kleidung ist ein Mittel der Selbstinszenierung und der Kommunikation. So wie ein Mensch nicht nicht kommunizieren kann, so kann er auch nicht nackt gehen. Die Geschichte der Kleidung ist die Geschichte des Selbstbilds. Die Frauen in der Ausstellung tragen nicht nur Mode, sie sind auch Performerinnen und Sammlerinnen. Bestechend die Design-Sammlung von Anne Lühn, die dem Museum ein Konvolut von Objekten der Avantgarde zwischen 1985 und 2020 überlassen hat. Ihr Schwerpunkt sind Entwürfe von Isley Miyake, Yohij Yamamoto und der Antwerpener Schule mit Martin Margiela mit körperfernen Entwürfen, die durch Dekonstruktion und Asymmetrie eine neue Ästhetik formulieren. 
Die ganz andere Seite von Glamour und Haute Couture, von Geld und Macht, die zeigt das Konvolut von Ines Ortner mit ihren eigenen Entwürfen aus den Achtzigern und Neunzigern: Punk, Subversion und Gegenkultur. Kleid-Konstruktionen aus gefundenen Objekten, anarchische selbstgebaute Sachen in – Schwarz natürlich. Ihr Innerste geht ins Äußere: Aufbegehren gegen Konvention und Lust an der Provokation. Nach so viel Eleganz und distinguiertem Selbstausdruck ist man irgendwie froh, diese pure Energie zu erleben.

Ines Ortner (*1968), Ines Ortner, Konzertauftritt, 1990er Jahre, Foto: © Alfred Zimmel

Nach der Ausstellung „Gegen die Unsichtbarkeit“ von 2019 zeigt das Museum unter der Leitung von Tulga Beyerle nun die zweite ungewöhnliche und inspirierende Ausstellung, die aus genauer Archivarbeit heraus Designgeschichte mit Frauenbiografien und Emanzipationsgeschichte zusammenführt und die gesellschaftliche Relevanz der Sammlung eindrücklich aufzeigt.

(c) Titelfoto:
Elke Dröscher (*1941), Sammlung Yves Saint Laurent (1936–2008), Saint Laurent Rive Gauche, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Foto: Anne Schönharting

Ausstellungsarchitektur: Katleen Arthen

Dressed. 7 Frauen – 200 Jahre Mode
25. Februar bis 28. August 2022 im Museum für Kunst & Gewerbe Hamburg

Unapologetically feminine: Frauenbild für den Sommer 2016

Balenciaga-Kampagne Sommer 2016 via WGSN
(c) Balenciaga, SS 16, via WGSN

Das Reizvolle, immer wieder Anziehende an Modeschöpfungen und ihrer fotografischen Inszenierung ist Saison für Saison das freie künstlerische Spiel, weit hinausgreifend über jede Notwendigkeit von Bekleidung. Ästhetische Vision und Verlockung, großes Handwerk und lässige Verschwendung, Können, Schönheit und Stil in einer Geste der Verführung vereint.
Auf ihrem schönen Fuß tanzt die Mode im Ballsaal des Kunstpalastes, auf dem anderen balanciert sie auf dem unebenen Kontorboden des Marktes. Diese Dehnübung gehört zur Prêt-à-porter-Mode, eine Anstrengung, der sich auch Galeristen oder Verleger mit jeder Ausstellung, mit jedem Programm unterziehen müssen. Anders jedoch als ihre Schwestern übt die Mode eine Schwindel erregende Bildmacht aus.
Mode zielt aufs Äußere und trifft ins Innerste: Sie entwirft Selbstbilder, schneidert Akzeptanz, kleidet Sehnsüchte ein. Die großen Modemarken schicken ihre Botschaft weltweit durch die Verwertungsketten, lancieren ihre Bilder, mit üppigen Werbebudgets ausgestattet, in allen Medien und öffentlichen Räumen, inszenieren in Perfektion ihre Objekte, deren Abglanz selbst noch in billigen Kopien auf den Schulhöfen den Wert der Trägerin steigern. Eine Millionen Menschen folgen Balenciaga auf Instagram, mehr als eine Millionen auf Facebook, eine halbe auf Twitter.
Man muss der Mode keinen allzu großen Wert beimessen, doch ernst nehmen darf man sie und genau hinschauen auch.

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