Wish you were here: Sommerloch Eins, Zwei und Drei

Sommerloch 1: Kinder
Conni ist eine ganz schlimme Kinderbuch-Serie, die der Carlsen Verlag verantwortet und die kleine Kinder mögen. Dauernd entdeckt Conni die Welt.
Ganz bezaubernd die Aktion auf Twitter, die Conni-geschädigte Eltern zu kreativer Aggressionsabfuhr einlädt.  Die Frage war: Welche Conni-Titel fehlen? Meine Lieblinge: ‚Conni geht in den offenen Strafvollzg‘ und ‚Conni lernt rauchen‘. Ich schlage vor: ‚Conni kommt ins Heim‘ und ‚Conni kriegt ihre Tage‘.
Der Mann ruft gerade: ‚Conni bei den Grünen‘.

Sommerloch 2: Politik
Das Meldegesetz, natürlich sehr hübsch. Aber ungleich interessanter als diese Bankrotterklärung auf offener Straße ist eine Personalie im Familienminsterium: Eva Maria Welskop-Deffaa, Leiterin der Abteilung Gleichstellung und Chancengleichheit im Familienministerium und engagiert aktiv für Gleichstellung und für die Quote, wird von Ministerin Schröder in den einstweiligen Ruhestand verabschiedet – mit 53 Jahren. Der Rauswurf, der wie eine normale Personallappalie verkauft wird, zeigt, dass da jemand sich im Juli still & leise die Welt nach seinem Bild und Maße formt. Und nun gibt Schröder auch noch eine Presseerklärung raus, dass sie die Stelle mit einer Frau besetzen will – wegen der Gleichstellung.
Noch 14 Monate bis zur Bundestagswahl.

Sommerloch 3: Feminismus
Die Affäre Slaughter.
Für alle, die es nicht verfolgt haben: Anne-Marie Slaughter, Chefin des Planungsstabs von Außenministerin Hillary Clinton, ist von ihrem Amt zurückgetreten, um mehr Zeit für ihre Familie zu haben. In ihrem Artikel „Why women still can’t have it all“ forderte sie dann, mit falschen feministischen Forderungen und den theoretischen Idealen der Vereinbarkeit endlich Schluss zu machen.
Anzufügen bleibt, dass Slaughter Professorin für Politik in Princeton bleibt und nicht Hausfrau wird.
Selbst wenn, der spitze Aufschrei der amerikanischen und anschließend die Empörung der deutschen Feministinnen ist Energieverschwendung, denn die Bruchkanten verlaufen nicht entlang individueller Lebensentscheidungen – schon gar nicht auf diesem allerhöchsten sozialen Level. Die Frage von Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist eine politische und gesellschaftliche Verantwortung, eine Frage der Bewertung von Arbeit.

Reality Check

News from a goofed life: Private Nachrichten aus einem vermasselten Leben

Freitag, später Nachmittag. Heute geht es auf diesem Blog sehr konkret und hässlich alltäglich zu, weil aus genau diesem Alltag ziemlich viel Leben und soziale Realität besteht – auch wenn diese an keiner Stelle den Vorstellungsraum der politischen Klasse berührt oder gesellschaftliche Relevanz erreicht.
Keine Jammer-Arie, sondern die schnöde Beschreibung einer Wirklichkeit, die ich mit vielen anderen Alleinerziehenden teile, die aber deshalb weder gesellschaftlich noch individuell akzeptabel ist.
In den 10 Werktagen dieser und letzter Woche waren tagsüber folgende familiären Termine zu absolvieren und Dinge zu erledigen:

Klassenfest Kind 1: 17-20 Uhr (Kuchen mitbringen)
Klassenfest Kind 2 (an einem anderen Tag): 16-19 Uhr (Frikadellen mitbringen)
Schulfest: 16-19 Uhr (Salat mitbringen)
Chorauftritt: 17-18.30 Uhr
(Transfer vom Hort zur Kirche für Kind 2 organisieren)
Orthopäde Kind 1: 8.30-9.40 Uhr
2x Musikkurs Kind 2: 15-16 Uhr
(hinbringen, abholen)
Einladung Kindergeburtstag Kind 1: 16-19 Uhr
(bringen, abholen, vorher Geschenk kaufen)
Einladung Kindergeburtstag Kind 2: 14-19 Uhr
(bringen, abholen, vorher Geschenk kaufen)
Lernentwicklungsgespräch Kind 1: 8.30-9.00 Uhr
Lernentwicklungsgespräch Kind 2: 9.00-9.30 Uhr.
(Aber an einem anderen Tag.)
1x Hort geschlossen wegen Betriebsausflug

Dazu kommen die Standards:
10x Kinder zur Schule bringen / 10x abholen
Bücher in die Stadtbücherei zurückbringen
Hausaufgaben initiieren und supervidieren
10x Frühstück, 10x Schulbrote und 7x Abendessen: zubereiten, Tisch decken/abdecken
9  Maschinen Wäsche aufhängen, abhängen, falten
Altpapier, Altglas wegschaffen
10 Spülmaschinen-Ladungen einräumen/ausräumen
Wohnung aufräumen, Betten machen
mal was putzen und staubsaugen
vorlesen, spielen, sprechen
1 x Kind wegen Läusebefall aus der Schule holen
(Stoffsachen waschen, desinfizieren, tieffrieren)
Turnbeutel, Schwimmtaschen und Fußballsachen packen
einkaufen (ca. 50 kg Lebensmittel und Getränke in den 3. Stock)

Ich werde die Stunden jetzt nicht addieren. Aber erst nach all dem, oft dazwischen und davor beginnt die reguläre Arbeitszeit. Der Vater der Kinder trägt einen Unterhalt bei, der deutlich unter der Mindestgrenze liegt, also komme ich für unser Einkommen auf.
Im Familienreport 2010 wächst jedes 5. Kind in Deutschland bei nur einem Elternteil auf, davon 90% bei ihren Müttern, das sind etwa 1,5 Millionen Frauen. Zweidrittel aller alleinerziehenden Frauen sind berufstätig, 42% davon in Vollzeit. Alleinerziehende haben in Deutschland das höchste Armutsrisiko, was mich tatsächlich nicht ernsthaft überrascht.
Legen Sie den Wochenplan doch einmal einem Arbeitgeber vor. Oder man halte sich (ganz kurz) vor Augen, welches Maß an kontinuierlicher Disziplin, Energie und Selbstmotivation für diesen Workload nötig sind.

Beinahe geweint vor Rührung habe ich, als ich heute Morgen den Artikel von Dorothee Bär in der FAZ las: Das Betreuungsgeld gibt den Eltern Freiheit. Von echter Liebe ist da die Rede, von Bindung und Vertrauen. Dass Arbeitgeber nicht zu schaffen haben mit der Frage der Betreuung. Dass unsere Gesellschaft mit dem Betreuungsgeld die Glückserfahrung des Kinder-Habens ermöglichen will.
Zum Glück ist morgen Wochenende. Ich muss dringend eine Maschine Wäsche machen.

Schweig still, Schwester

Zungen Strafen - Sprechen, Moral und Sanktionen in Mittelalter und Früher Neuzeit

Heute gehts mir um ein etwas abseitiges Thema: der Vatikan und die US-amerikanischen Ordensfrauen. Im Kern also um Machtgefälle und patriarchale Realpolitik.

2006 erschien das Buch der Ordensfrau und 2007 emeritierten Professorin für Katholische Theologie  Schwester Margaret Farley: Just Love: a Framework for Christian Sexual Ethics. Eine Publikation zur christlichen Sexualethik, mit deren Inhalten der Vatikan ganz und gar nicht einverstanden ist.
Am 6. Juni 2012 nun veröffentlicht die Vatikanische Glaubenskongregation unter der Präfektur von Kardinal Levada eine Notifikation zu diesem Buch.
Sie haben verdammt lange gebraucht, die Chefideologen der reinen Lehre, um zu einem Urteil zu gelangen, das wenig Überraschungen birgt.

Zu den vielen Irrtümern und Zweideutigkeiten dieses Buches gehören die darin enthaltenen Aussagen über Masturbation, homosexuelle Handlungen, homosexuelle Lebensgemeinschaften, die Unauflöslichkeit der Ehe und das Problem von Scheidung und Wiederverheiratung.

Es folgen viele schöne klare Sätze:

… diese Behauptung stimmt nicht mit der katholischen Lehre überein … diese Meinung ist nicht annehmbar … diese Position ist nicht mit den Aussagen des Lehramts vereinbar … diese Auffassung widerspricht der katholischen Lehre … diese Sicht widerspricht der katholischen Lehre … steht in direktem Widerspruch zur katholischen Lehre auf dem Gebiet der Sexualmoral …

Professor Farleys Argumentation geht von dem Gedanken aus, dass menschliche Beziehungen von Recht und Wahlfreiheit bestimmt sein sollten – auch von dem Recht sich selbst gegenüber. Ausgehend von dieser Position plädiert sie dafür, das Bedürfnis nach Selbstbefriedigung aus dem Bereich der tabuisierenden Moral herauszuholen. Viele Frauen hätten erst mit der Masturbation ihre Lust und körperlichen Möglichkeiten entdeckt – etwas, „das ihnen in den Beziehungen zu ihren Männern unbekannt geblieben war“.
Sie spricht sich zudem für die Möglichkeit der Scheidung und Wiederverheiratung nach einer Scheidung aus, für das Recht auf Homosexualität und gleichgeschlechtliche Beziehungen. Weiterlesen

Die Brüste von Femen

Eigentlich wollte ich schon gestern über die feministische Agitprop-Gruppe Femen schreiben. Die Aktivistinnen intervenieren international, medienwirksam und charakteristischerweise barbusig. Meine sparsamen Notizen sahen so aus und wurden auch während des Abends nicht besser:

Ukraine: höchste HIV-Infektionsrate Europas. 330.000 Menschen – 1,1,Prozent der Bevölkerung ist mit dem HI-Virus infiziert (Quelle: GIZ)
Odessa: 7,5% der Bevölkerung HIV-positiv
Land mit der europaweit höchsten Rate an HIV-Neuinfektionen
patriarchal, postkolonial, homophob
Oksana Sabuschko taz-Interview
Gesprächsnotizen mit Sabuschko Berlin 2011

Ich kam nicht ins Schreiben hinein, weil ich nicht herausfinden konnte, wo mein Problem liegt, bis ich dann das CI-Foto der Gruppe auf der Femen-Webseite sah.
Es vermittelt eine Idee vom Impetus: feminin, selbstbewusst, kämpferisch, lustvoll, spontan, jung, frei und nicht schwedisch, wie ich natürlich am Anfang wieder dachte, sondern ukrainisch. Die Kampagnen der Gruppe werden rund um Großereignisse entwickelt (Davos, EM, Strauss-Kahn, am internationalen Frauentag in Istanbul). Die Entblößungs-Aktionen vor laufenden Kameras richten sich gegen Sexismus und Ausbeutung. Weiterlesen

Sexismus zukünftig strafbar

Im Grunde nichts ungewöhnliches: Ein US-amerikanischer Journalist spricht gestern im Fernseh-Interview über Hillary Clinton und gibt sich erst gar nicht den Anschein politischer Berichterstattung. Nein, er äußert sich unverhohlen abfällig über Clintons Körpergewicht und ihr Äußeres.
So wie der geschätzte Ex-Präsident von Frankreich, der sich öffentlich über Angela Merkels Figur lustig machte, als sie bei einem protokollarischen Bankett eine zweite Portion nahm.

Es langt so dermaßen. Ich will nicht mehr darauf warten, dass jeder verstanden hat, wo das Problem liegt.
Wenn wir nicht auf Respekt setzen können, dann eben auf das Recht. Piraten, Grüne, vielleicht sogar die SPD: Wie wäre es ganz ohne Umstände mit einem Antrag auf Änderung des Strafgesetzbuches, wonach sexistische und herabsetzende Äußerungen nach Artikel 1 Absatz 3 des Grundgesetzes strafbar sind.
Ein Typ, der die promovierte Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland und führende Politikerin der Europäischen Union wegen ihrer äußeren Erscheinung lächerlich zu machen auch nur versucht, latzt 12.500 Euro und wird mit einer Sperre in der Berichterstattung von mindestens 10 Tagen belegt.

Des Kaisers neue Kleider revisited

News from a goofed life: Private Nachrichten aus einem vermasselten Leben

In meiner Familie wird viel geredet. In anderen auch, ich weiß. Das Phänomen ist bekannt und manche Leute machen einen Riesenreibach mit der wortreichen Lebendigkeit und stets heiteren Originalität ihrer Familienmitglieder (der herzensgute Brigitte-Familienvater-Kolumnist fällt mir ein).
Was den Rede-Koeffizienten bei uns in die Höhe treibt, sind nicht die niedlichen Aperçus der Jüngsten, sondern die permanente Vertonung des Alltags.
Kind 2 schreibt auf dem Computer und redet währenddessen laut: So, jezz scanne ich mal das Internet in mein Bildschirm, Mama, wie geht das Erwachsenenpasswort, ich brauch Internet. Mist, Giraffe nicht mit K. Ich hab morgen Schwimmen.
Hinein in den Endlostext spricht Kind 1: Wieso darf sie jezz Firefox und ich nicht. Mama, schau mal, was ich gemacht habe. Was schreibst du da? Nie schaust du, was ich mache. Wer hat meinen Lieblingsstift unter die Heizung geschmissen.
Soweit alles normal. Hinzu nun aber treten notorisch polyphone, kontroverse Kommentare zu jeder Lebensäußerung und die grenzenlose Liebe zu Erklärungen. Kind 1 erklärt ausführlich, wieso die Erde keine vollkommen runde Form hat. Kind 2 erklärt umständlich, warum ihr Stofftier von Gott geboren sein muss. Gemeinsam erklären sie, dass sie unbedingt Comics kaufen gehen müssen. Der Nachbarin erklären sie über den Balkon, warum ich wenig Geld verdiene. Ich erkläre zum millionsten Mal, warum man Hände waschen muss. Und der Mann (allmählich komme ich zum Punkt) erklärt die wichtigen Sachen und schwierigen Wörter. Gern beim Essen. Kapitalismus etwa. Finanzkrise. Militanter Rechtsextremismus. Ideologie.
Zur Not fiele mir dazu auch etwas ein, aber ich bin froh, bis auf das Notwendigste (sitz gerade, benutz das Besteck) nicht sprechen zu müssen, speise und genieße das Spektakel. Auf Hauptseminarniveau, mit eingeschobenen Nebensätzen und soziologischer Ernsthaftigkeit setzt die Erklärung ein, was bei Kind 2 augenblicklich zu einem Zustand führt, den sonst nur sehr teure Rauschmittel erzeugen: selige Schläfrigkeit, verdrehte Augen, abgrundtiefe Langeweile. Kind 1 kommentiert simultan und erklärt sich die Erklärung. Bis neulich Kind 2 den Kopf hebt und die Frage stellt: Wieso, Mama, weiß er eigentlich so viel mehr als du?
Als aufgeklärter Mann beeilt sich der Mann zu erklären, was Geschlechterstereotype seien, Rollenzuschreibungen, Gebaren und Gestus.
Kind 1 erkärt: Weiß er gar nicht. er ist nur ein Mann. Deshalb. Ich erkläre, dass Männer wirklich so sind, und seitdem lässt sich die Welt einfacher erklären: Die Deutschlehrerin wollte heute eben auch mal ein Mann sein, der Mathelehrer: Du weißt schon (vieldeutiges Augenbrauen heben) und Elke Heidenreich (ich kann „Nero Corleone“ gelesen von der Autorin auswendig) schreibt eben nicht wie ein Mann. Deshalb.

Gender Gap in den Medien

Manchmal meint man ja glauben zu können, Frauen und Männer seien gleichberechtigt. Oder die Medienlandschaft böte kritische Nischen. Oder Bewusstsein habe sich verändert.

Diese schwachen Momente fegt die Infografik hinweg, die das amerikanische Medialab 4th Estate veröffentlicht. Untersucht wurde, wie häufig in verschiedenen Medien innerhalb der Medienberichterstattung zum Wahlkampf Frauen und Männer zu welchen Themen zitiert wurden.
Männer beziehen sich auf Männer. Selbst wenn sie vermeintlich Frauenthemen bearbeiten, reproduzieren sie die politische, mediale und gesellschaftliche Unsichtbarkeit und Unhörbarkeit der Frauen.
Ein renommierter Gynäkologe wird zum Thema Geburtenkontrolle mehr Gehör und Glaubwürdigkeit einfahren als eine unbekannte Sozialarbeiterin – auch bei den meisten Leserinnen und Zuschauerinnen.
Abtreibung und Reproduktionsmedizin sind so komplizierte Themen, dass ein versierter Chefarzt, der sich verständlich, seriös und erfahren artikuliert, eindeutig mehr Gehör finden wird als eine freie Journalistin – was für eine Frisur die schon hat.

www.4thEstate.net

In der Gesamtschau sieht die Verteilung so aus:

Frauen im Film. Der Bechdel-Test

In Cannes läuft der Wettbewerb und allen, die nicht dabei sein dürfen, sei ein Vergnügen empfohlen, das in jedem Kino funktioniert.
Erhöht ebenfalls den Unterhaltungswert stinklangweiliger Fernsehabende oder den Spaß bei Paar-DVD-Abenden, die sonst stumm abliefen.

Der Bechdel-Test misst die aktive Präsenz von weiblichen Charakteren in Hollywood-Filmen. Die Idee stammt ursprünglich aus einem Comic Dykes to Watch Out For (1985) von Allison Bechdel, in dem eine Figur, nämlich Mo, erklärt, dass sie nur solche Filme schaue, die alle drei folgenden Kriterien erfüllen:

1. Kommen in dem Film zwei oder mehr Frauen vor, die Namen haben?
2.
Sprechen diese Frauen miteinander?
3.
Sprechen sie über etwas anderes als einen Mann?

Wissenschaftlich oder filmästhetisch gänzlich irrelevant. Ein Test aber, der nicht belanglos ist. Erstaunlich, wieviele Filme diese unglaublich schlichten Fragen nach weiblicher Präsenz nicht oder nur teilweise erfüllen. Genrefilme, die ohnehin in reinen und strahlenden Männerwelten spielen (Kriegsfilme, Gangsterfilme, Western, Mafia-Filme, Abenteuerfilme, Spionagefilme oder Katastrophenfilme zum Beispiel) nehmen wir gar nicht ins Visier.
Auf der langen Liste der normalen Filme, die den Test nicht bestehen,  finden sich viele schöne und bekannte Filme, darunter:

Der Drachenläufer
Midnight in Paris
Ratatouille
Casino Royale
Das Leben der Anderen
Memento
König, Dame, Ass, Spion
The Tree of Life
Sonnenallee
The American
The Big Lebowski
L.A. Confidential
Die Abenteuer von Tim und Struppi
Tage des Verrats

Festival von Cannes: Ein Mann ist ein Mann!

Frauen zeigen in Cannes ihr Gesicht, Männer ihre Filme.

In der Le Monde vom 11. Mai 2012 erschien ein Aufruf, den die Filmemacherin Coline Serreau, die Schriftstellerin Virginie Despentes und die Schauspielerin Fanny Cottençon verfasst haben.
Initiiert von der Gruppe La Barbe – feministische Aktionsgruppe.
Gegen Sexismus in Cannes, gegen fortwährende positive Diskriminierung.

Der Aufruf in deutscher Übersetzung:

Was hat sich am Kino verändert? Alles!“, rief Gilles Jacob, Präsident des Festivals von Cannes, bei der Vorstellung der ausgewählten Filme für die 65. Festspiele. Alles?!
Für einen Augenblick spürten wir ein Erzittern. Zu Unrecht, denn die zweiundzwanzig Filme im Wettbewerb sind – durch einen glücklichen Zufall – von zweiundzwanzig Männern gedreht worden. Auch dieses Jahr wird also, wie 63 Mal zuvor, einer von ihnen mit der Goldenen Palme ausgezeichnet werden. Auch dieses Jahr werden wieder ausnahmslos die männlichen Werte, die die Größe der Siebten Kunst ausmachen, verteidigt.

Nur ein einziges Mal, 1993, erhielt eine Regisseurin die Auszeichnung: Jane Champion. 2011 hatten sich vier Frauen unter die zwanzig Nominierten des Wettbewerbs geschlichen. Zweifellos hatte da jemand nicht aufgepasst. Thierry Frémeaux, der Festivalleiter, beeilte sich damals auch zu bemerken: „Das ist das erste Mal, dass so viele Frauen dabei sind.“ Schuld beladene Schwäche! Umso unentschuldbarer, als bei der Verleihung der Césars im gleichen Jahr weder in der Kategorie „Bester Film“ noch in der Kategorie „ Beste Regie“ auch nur eine einzige Frau nominiert worden war. Weiterlesen

Clara Bow in Concert

Gute Mucke aus Hamburg: CLARA BOW
Die Vier sind zu hören & zu sehen am
16. Mai im Golem, Große Elbstraße 14: Release Party und Concert

Also ich geh hin.

Die politische Sprengkraft des Betreuungsgelds sehen

Das Betreuungsgeld. Interessantes Projekt der derzeitigen Bundesregierung, zu dem schon einiges gesagt wurde. Manche schließen ihren Kommentaren die Einschätzung an, der zuständigen Ministerin fehle es an politischer Vision.
Ich sage Nein! Man unternehme doch einmal den Versuch, das Konzept des Betreuungsgeldes vom Kopf auf die Füße zu stellen und den Freiheitsgehalt herauszuschütteln.

Das geplante Betreuungsgeld in Höhe von 150 Euro im Monat sollen diejenigen Familien vom Staat erhalten, die ihre Kleinkinder unter drei Jahren nicht in öffentlich finanzierte Betreuungseinrichtungen geben (siehe auch: Menschenrechtsverletzung), sondern selbst die Windeln wechseln. Eine staatliche Honorierung für private Nicht-Inanspruchnahme. Die Kanzlerin lässt heute Morgen verlauten, das Betreuungsgeld sei ein Beitrag zur Wahlfreiheit.

Ein Bekannter von mir hat freiwillig seit inzwischen über vierzig Jahren kein öffentliches Schwimmbad mehr genutzt. Über vierzig Jahre! Es ist an der Zeit, dass der Staat ihm diesen Verzicht angemessen kompensiert und auf die Rentensprüche anrechnet.
Und all die Bürgerinnen und Bürger, die ihr Lebtag nicht die deutsche Polizei strapaziert haben: keine Demo, kein Parkvergehen, keine halbwüchsigen Kinder, die mit der Minna nach Hause gebracht werden müssen. Das gehört honoriert!


Es gab mal die Idee der Grünen, politische Partizipation auf Wohnblockebene zu installieren. Auf dem schwarzen Brett im Treppenhaus stünde in diesem Modell zum Beispiel: Griechenlandhilfe, 2. Tranche. Abstimmung Vorderhaus und linkes Hinterhaus: Dienstag 18 Uhr im Durchgang. Da hatten ja tatsächlich einige Leute keine Lust zu.
Was die Überprüfung des Nutzungsverhaltens staatlicher Leistungen angeht, machen wir das ohne Lust. Es könnte pro Wohnblock einen tüchtigen „Nutzung-staatlicher-Dienstleistungs und -aufgaben-Prüfdienstmann“ geben (NSDAP), der täglich nachschaut, wer nicht in die Bibliothek geht (21 Euro pro unterlassenem Besuch), nicht Bus fährt (4 Euro die Kurzstrecke), nie ein Theater betritt (83 Euro im Rang), kein Krankenhaus frequentiert (215 Euro im Monat) und keine Beratungsstelle (61,27 Euro im Jahr). Der Bezug von Transferleistungen schlägt selbstredend mit dem fünffachen Buchstabenwert negativ zu Buche und wird lebenslänglich verrechnet.

Ich meine, man sollte über diese lustige Gedankenspielerei hinaus aber konsequent einen Schritt weiterdenken und diejenigen Frauen bezahlen, die nicht studieren und anschließend nicht erwerbstätig sind, denn sie beanspruchen nicht die kostenintensiven Studienplätze und nehmen Menschen nicht den Arbeitsplatz weg.
Ein kerngesundes Frauenleben mit viel Bewegung an der frischen Luft und zwei bis drei Kindern, die zuhause geboren und robust mit der Hand großgezogen werden, kann unter voller Ausschöpfung der Wahlfreiheit gut & gern – sagen wir – 970 Euro monatlich bringen.
Das ist dem Team um Merkel, Rösler und Schröder die wahre Freiheit locker wert. Tolle Leute mit tollen Ideen.

News from a goofed life: full house

News from a goofed life: private Nachrichten aus einem vermasselten Leben


Anders als Liebe oder Kinder ist Patchwork kein Lebenswunsch. Ich kenne niemandem, der sich dieses Leben ausgesucht hätte. Die meisten Menschen geben ihr Bestes, wenn sie denn vor dieser Aufgabe stehen. Sie halten durch und versuchen auf dem wackeligen Kahn die Balance zu halten.
Bei einer Recherche im letzten Jahr fand ich eine Statistik, laut derer die Prognose für ein dauerhaftes Zusammenwachsen und –leben in einer Patchwork-Familie im Schnitt gar nicht schlecht ist. Diese kontraintuitive Aussage gewinnt an Plausibilität, wenn man sich vor Augen führt, dass die Beteiligten knallharte Realpolitik betreiben und weder Romantik noch Glückserwartungen im Gepäck haben. Elmar Krekeler hat in seiner Kritik an Melanie Mühls Streitschrift Die Patchwork-Lüge (Hanser 2011) in einer sehr persönlichen Weise jedweder Vermutung, dieses Leben sei cool oder einfach oder gewollt, eine Absage erteilt. Patchwork schmerzt, immer wieder, macht Mühe und braucht Gelassenheit.

Mein fortgesetztes defizitäres Wursteln im Patchwork-Alltag führe ich im Wesentlichen auf zwei Punkte zurück: das Fehlen traditioneller Rollenvorbilder und entlastender Verhaltensmuster zum einen. Zum andern ist mir das Alles manchmal einfach zu viel. Da ich den Mangel an Vorbildern auf kurze Sicht nicht beheben kann, gehe ich also nach einem besonders mühsamen Wochenende zu Fuß in die Stadtbücherei und lese auf dem Rückweg das dünne Buch des sehr erfolgreichen Familientherapeuten Juul: Aus Stiefeltern werden Bonuseltern, immer in der Hoffnung, dass mich niemand mit einem Ratgebertaschenbuch in der Hand sieht.
Oha.
Da ich aber irgendetwas unternehmen muss und keine Politik mir helfen wird, beschließe ich die Einführung einer Familienkonferenz nach Juul. Schon bei dem Entschluss fühle ich mich besser: konstruktiv, demokratisch, zukunftsweisend. Beim ersten  Mal will ich die Fallhöhe mindern und lade nur die eigenen Kinder ein, die naturgemäß auf diese Veranstaltung keinen Bock haben.
Nach dem Abendessen. Alle sitzen auf dem großen Bett, Mutti beginnt:
Wie ihr euch fühlt, ob ihr Wünsche habt, was ihr verändern möchtet.
In diesem Moment geht es los. Die Sechsjährige legt den Kopf schief, greift sich ein Kuscheltier, das sie mitgebracht hat, als Zeichen ihrer laufenden Redezeit, guckt superinteressiert und sagt: Mama, ich wollte sagen, dass ich es echt gut finde, dass du dich um uns kümmerst und so und auch den Haushalt machst. Mit eurer Trennung kommen wir ja gut klar (Die Achtjährige haut sich währenddessen mit der rechten Hand auf die linke Schulter, als ob sie Schmerzen hätte, klärt mich aber rasch auf: Mama, das bedeutet gestische Zustimmung. Wir verschwenden so keine Zeit durch doppelt Sagen. Aha.).
Und ich wünsch mir, fährt die Kleine fort, dass wir Kinder uns lieber mit Worten zanken als mit Kloppen. Spricht und wirft das Kuscheltier zu ihrer Schwester. Die fängt und legt routiniert los: Ich finde, Mama, du solltest an deinem Verhältnis zu Papa arbeiten (die Kleine haut ihre Schulter). Und ich decke jetzt auch öfter den Tisch ab. Beide schauen mich an. Okay?
Krass Mann, Alter, ey Mann, sagt die Kleine, wir haben noch Zeit zum Legospielen.

Ich knete das Redezeittier und hasse Reformschulen, ich hasse Kompetenzmodelle, die mich so alt aussehen lassen wie meine Großmutter. Die jetzt wahrscheinlich aufmunternd gesagt hätte: Alte Vögel sind schwer zu rupfen.