
Kreuzfahrten liegen im Trend. Alle kreuzen im Mittelmeer, durch die Ostsee und zu den Perlen der Karibik. Wir haben einen Tag lang ein Kreuzfahrtschiff im Hamburger Hafen erkundet.
Das Logbuch eines Abenteuers.
»You like, ya?« Zögerlich öffnet das Kind die exotische Frucht. »Yes, you try please.« Die Kellner strahlen, nicken aufmunternd. Rambutan ist eine der häufigsten Obstsorten im Malaiischen Archipel. Deutsch sprechen sie nicht, die jungen Asiaten im Service, und ihr Englischvorrat ist mit der nächsten Frage ausgeschöpft: »Red wine, weit wine?« Sie räumen leere Teller ab, flitzen, richten, lächeln, apportieren, gut gelaunt und unglaublich schnell.
Am frühen Vormittag sind wir an Bord des Schiffes am Kreuzfahrtterminal in Hamburg gegangen. Für ein paar Stunden gehören wir dazu, zur Welt der Kreuzfahrer, zu den Familien, die in einer grauen Abfertigungshalle sich lange geduldet haben, um in den Bauch des Giganten befördert zu werden. Wir werden allerdings die Meere nicht befahren, wir folgen keiner Sehnsucht. Wir erkunden nur einen Tag lang ein Schiff am Pier. Um den Hals hängt die Bordkarte, das Sesamöffnedich für eine Reisewelt. Gewiss hatte ich Vorurteile. Meine Ablehnung war diffus, beschränkte sich auf eine grundsätzliche Abneigung gegen viele Menschen an einem Ort und allgemeine ästhetische Erwägungen. Doch nun gehe ich – gewissermaßen durch einen glücklichen Zufall – mit meinen beiden Kindern durch den gläsernen Finger auf eine Hochhausfassade zu und bin irgendwie gespannt. Ich mache schließlich etwas, was ich noch nie gemacht habe. Ein Abenteuer, ich bin bereit. »Reden Sie sich einfach ein, Sie würden bleiben«, steht groß auf meiner Bordkarte. Ich folge in den nächsten Stunden diesem Vorschlag und stelle mir vor, wie es wäre, an diesem Ort zu bleiben.
Neben der Rambutan hat das Kind eine ganze Reihe exotischer Früchte an den Buffets gejagt. Das andere Kind ertränkt auf seinem Teller cremefarbene Sachen in brauner Soße. Während wir in dem Restaurantbereich zu Mittag essen, umspült uns der Lärm Hunderter Menschen, die unentwegt in Bewegung sind, Nachschub holen. Eine Überfülle an Fisch, Gemüse, Fleisch, Salaten, Süßspeisen. Wein und Bier inbegriffen, wurde uns gesagt. In anderen Bordrestaurants geht der Alkohol extra, deshalb bleiben die Leute hier lange sitzen und betrinken sich ausgiebig umsonst, die Menschen, die an Land normale Nachbarn sind, weiße Familien, ältere Paare.
Künstliche Säulen, Natur suggerierende Dekorationselemente aus Plastik und farbige Raumteiler springen uns an. Kunstlicht schiebt das diffuse Tageslicht an den Bildrand. Während in der Halle, in die eine kleine gotische Kathedrale problemlos passen würde, ohne zu stören, ein High-Tech-Laser-Show abgespielt wird, bekommen alle Popcorn und sämigen Fruchtsaft. Draußen scheint hell die Sonne, die gegitterten Fensterflächen sind aber von Rollos abgeschirmt. Farbige Lichtkegel sausen um Kurven, Rosa leuchtet es im Fahrstuhl, Blau in den Gängen, Lila über den Reihen blinkender Glückspielautomaten. Popmusik mit hochfrequenten bpm läuft in allen Public spaces. Unentrinnbar. Wir sind noch keine Stunde an Bord und die Außenwelt ist verschwunden. Mein Zeitgefühl verblasst. Über dem überwölbten Pool-Pantheon liegt ewiger Sommer, in der Cocktailbar endet die Nacht niemals. Die Kinderclubs haben Tageslichtlampen und bunte Wände, ganztägige Betreuung für Kinder ab sechs Monaten. Zuhause nehmen sich Eltern eine Woche Urlaub, um die Kinder in der Kita einzugewöhnen, an Bord nimmt man ihnen die Betreuung für eine Woche ab.
Während meine Kinder hingerissen futtern, alles anfassen, sich in Lounge-Chairs werfen und nice! brüllen, frage ich mich, was Erwachsene wohl während eines Seetages an Bord tun. Und wo. Auf diesem riesigen Schiff gibt es in Wahrheit keinen Platz. Ein schmaler Umlauf zieht sich auf dem obersten Deck um das Vorschiff. Spazieren geht nicht, denn Minigolfbereiche und markierte Joggingstrecken besetzen den knappen Raum. Der Wellnessbereich hat eine Außenterrasse, auf dem stehen aber Plastikwhirlpools, Sonnenschirme und Dinge herum.
Irgendwann dämmert mir, dass meine Frage falsch ist: In dieser Welt der Spa- und Barbereiche wird die Last des Erwachsenseins von einem genommen. Dieser monströs große Raum ist eine perfekt entworfene Infantilisierungsmaschine, konsequent der radikalen Bedürfnisbefriedigung verschrieben. Hier, in dieser schwimmenden Zwischenwelt, darf jeder enthemmt konsumieren, verantwortungsfrei und selig gegenwärtig sein. Noch bevor ein Bedürfnis einen Namen hat, wird es befriedigt. Immerzu füllt Weiches den Mund, ohne Unterlass fließt Alkohol, irre farbige Dekorationen bombardieren die Sinne, Raummöblierungen verstellen den Blick, bis nichts anderes mehr Kontur hat als der nächste Drink.
Sich einfach voll laufen zu lassen, ist die quasi natürliche Fortführung des Kreuzfahrtkonzeptes. Später lese ich, dass sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen zu den häufigsten Delikten auf Kreuzfahrtschiffen gehören – geschuldet dem hohen Alkoholkonsum.
Von Ängsten entstellt wälzen sich im dritten Höllenkreis die Schattenleiber jener Toten, die der Gier verfallen sind.
Doch restlos ist die Natur nicht gebannt. Auf dem ganzen Schiff sind an Treppenaufgängen, in Fluren, in Nischen und vor dem nächsten Irgendwas-Bereich Desinfektionsspender angebracht. Brühe auf die Finger spritzen, wedeln, weitergehen. Was gegen Noroviren und Bazillen in Stellung gebracht wird, erinnert an die Welt da draußen, in der grässliche Bakterien und Erwachsene hausen. Die indonesischen Kellner verdienen rund 700 Euro monatlich. Bei einem Stundenlohn von etwa 2,40 Euro müssen sie dafür ungefähr 300 Stunden schuften, sieben Tage die Woche, elf Monate im Jahr. Das Schiff fährt unter italienischer Flagge. Italienisches Recht ermöglicht den sogenannten Lohnsteuereinbehalt, das heißt, die Lohnsteuer wird dem Arbeitnehmer abgezogen, doch nicht dem Staat abgeführt. Die Reederei behält den Betrag und zahlt nur den Nettolohn aus. Der Mutterkonzern der Flotte hat seinen Sitz offiziell in Panama und zahlte im Jahr 2015 bei einem Umsatz von 15 Millarden US-Dollar einen Steuersatz in Höhe von 2,3 Prozent.
Als ich diese Zahlen zuhause am Schreibtisch nachlese, sind wir schon durch die Hafenanlagen und den Alten Elbtunnel in die Stadt geradelt. Ein windiger Tag.

