Auenland im Singlespeed

Triste Wochen liegen hinter uns. Von Corona befallen. Krank in Quarantäne, drinnen und trostlos. Wir atmen flach und schlucken Vitamine. Schneeregen schlägt an die Scheiben. Während der ersten Pandemiewelle blickte ich aus dem Fenster, nun schaue ich zurück in den Sommer. Viele Winter und viele Sommer sah ich kommen und gehen. Geduld nur, Geduld! sagt Tomte Tummetott und beschwört in Schneenächten die Erinnerungsbilder heller Sommertage.

Bilder wie das von einem frühen Sonntagmorgen im August. Wir ziehen die Haustür zu und stehen auf dem Bürgersteig. Zwei Frauen, drei Mädchen. Wir sind keine trainierten Radlerinnen, aber guter Dinge und bereit, die nächsten Tage einen der großen Radwanderwege Deutschlands zu befahren: den Elberadweg von Hamburg Richtung Dresden. Ein Selfie und es geht los. Und eines sei jetzt schon verraten: Mehr Ausschilderung und Tourismusmarketing ist auf den 200 Kilometern bis Wittenberge, die wir uns vorgenommen haben, kaum vorstellbar. Sich zu verfahren, erfordert ein Maß an Ignoranz, das außer uns offenkundig kaum jemand aufbringt. Man muss während des Radelns viel reden und an andere Sachen denken, um den Pfad mit dem blau geschwungenen stilisierten Signet zu verfehlen. Es geht aber.

Mein normales Stadtrad, die Landkarte im Einkaufskorb, die alte Picknickdecke und eine Regenjacke aus den achtziger Jahren – die Ausrüstung hat kein Vermögen gekostet. Dazu eine gute Hose für abends, zwei Bücher, die türkisfarbene Reparaturdose und ein Ladegerät. Der Moment, wenn wir feststellen, dass wir fünf Apple-Ladegräte, aber keine Luftpumpe für französische Ventile dabeihaben, liegt noch vor uns.
Die alltägliche Innenstadtstrecke fühlt sich heute wichtig an, denn der Weg vorbei an der Alster und den Deichtorhallen ist jetzt die erste Etappe einer Reise. Auch wir selbst fühlen uns erfüllt von herrlicher Bedeutsamkeit, die uns die wenigen Passanten eigentlich ansehen müssten. So wie Frischverliebte meinen, jeder müsse ihnen die außerordentliche Gefühlsbewegung vom Gesicht ablesen, wenn sie nur über den Bürgersteig gehen.

Wie viele Male bin ich schon entlang der Elbe nach Entenwerder gefahren? Aber erst mit dem Blick der Reisenden sehe ich auf einmal das Bild einer sich in den letzten Jahren neu erfindenden Stadt: die eitlen Fassaden im Überseequartier, umgewidmete Lagerhallen. Hammerbrooklyn, Baakenpark, die gmp-Halte Elbbrücken, Hafenbecken, das Industriegrau und Containerblau der Veddel, Hausboote, dazwischen ein paar Brückenköpfe und Kioske. Avancierte Landschaftsgestaltung, mutige Linien, architektonische Gesellenstücke, Wasser und Licht, die schiere Größe der Entwicklungsflächen – all das strahlt eine enorme Energie aus, geradezu eine Zukunftsverliebtheit. 

Keine Viertelstunde später sind Himmel und Deich die Hauptmotive im Bild. Das Licht wird heller über den historischen Wasserbecken von Kaltehofe, Birkenblätter glitzern. Über die Tatenberger Schleuse radeln wir ins Spadenland. Buchen entlang der Wirtschaftswege, Entwässerungsgräben, geduckte Reetdächer. Noch keine zwanzig Kilometer geradelt und ich bin schon verliebt in diese sonnige Kulturlandschaft. Es fühlt sich an wie ein Tag in den siebziger Jahren, als wir mit den Bonanza-Rädern über die Feldwege hinter der Siedlung fuhren, Schmetterlinge fingen und mit den Fruchtdingern der Färber-Erle Regenrohre bauten. 

Die Kinder stellen sachlich fest, dass wir krass die langsamsten Radler sind. Die überlegene Konkurrenz: hochgerüstete Sportmänner auf tollen Rennrädern, mit Helmen und Brillen und Schuhen, dass du staunst. Und ältere Herrschaften auf leistungsstarken Elektrorädern, die unsere Nicht-Ausrüstung ganz hamburgisch mit der Augenbraue kommentieren.
Tatsache ist aber, dass wir gut klarkommen. Wir sind nicht in den Alpen.

Mit jedem Kilometer jedoch, den wir in den nächsten Tagen fahren, wird es einsamer und ruhiger um uns. Wir hatten befürchtet, in diesem Corona-Sommer sei es voll an der Elbe. Aber nichts da: Leer, weit und grünblau empfangen uns die Elbtalauen. Wir radeln bei sanftem Rückenwind unter einem strahlenden Sommerwolkenhimmel auf den Deichen. Schwarzpappeln, Graureiher und Weißstörche, Libellen, Biber, Kiebitze, Seerosen. Irgend etwas haben wir richtig gemacht im letzten Leben, um das zu verdienen.

Wir Erwachsene werden wachsweich vor lauter Naturschönheit und Biosphärenreservat und lassen es geschehen, dass das Elend der Welt von uns abfällt. Einfach so.
Der Fluss ist breit, auf einschüchternde Art selbstbewusst, trägt Grenzen, Länder und Geschichte mit sich herum und vergisst sie auch wieder auf dem Weg. Mit jeder Pedalrunde lösen wir uns in diesem stillen Panorama auf. Die Kinder finden es irgendwie okay, aber sie singen. Beim Fahren, zweistimmig, den ganzen Tag. Baden in der Elbe, lungern auf Wiesen und kauen Halme, als hätten sie französische Filme gesehen.

In Geesthacht ist es Zeit für ein anständiges Picknick am Wasser. Stoffservietten. Wir haben Stoffservietten dabei. Das freut mich, denn ich bevorzuge Stoffservietten. Die Kinder fragen nach ihren Serviettenringen. Auch wenn das ehemalige Gelände der Menzer-Werft in eine kollektive Freizeitanstalt umgewandelt, gnadenlos beschildert und hübsch gestaltet wurde, vergessen wir nicht, dass der frühere Reichtum dieses hässlichen Städtchens sich Alfred Nobel verdankt, der 1866 auf der Krümmelschen Anhöhe eine Nitroglyzerinfabrik eröffnete, die mit Zwangsarbeitern und der Rüstungsproduktion für zwei Weltkriege einen Riesenhaufen Geld verdiente und zur Pulverkammer Deutschlands expandierte. Justament auf dem Krümmeler Fabrikgelände entwickelten in den fünfziger Jahren Physiker, die schon für das Atomwaffen-programm der Nazis gearbeitet hatten, das nuklear angetriebene Frachtschiff »Otto Hahn«. Hier wurden dann auch zwei Forschungsreaktoren gebaut und 1984 ging das AKW Krümmel ans Netz.
Und weil die KPD in der Weimarer Republik stärkste Partei in Geesthacht war und sich die Kommunisten in einer legendären Schlacht mit den Sozialdemokraten prügelten, bringen wir den Kindern auf der kurzen Strecke zum AKW den Schlachtruf Wer hat uns verraten? Die Sozialdemokraten! bei, den sie brüllen, während wir auf der Höhe der Kühltürme über einen geschotterten Wohnmobilstellplatz schieben, auf dem Menschen offenkundig ihren Urlaub verbringen. Sie machen Urlaub auf dem Schotterplatz zwischen AKW und Fluss. Grillen, hängen Wäsche auf und stehen rum. Wir brüllen Die Sozialdemokraten! und radeln weiter.

Die Luft dafür haben wir am Hohen Elbufer bis Lauenburg nicht mehr. Quasi gebirgiges Biosphärenreservat. Anhöhen, Steigungen und welliges Gelände inmitten von lichten Eichen- und Buchenwäldern, die Elbe flimmert zwischen den Stämmen hindurch. Beinahe glaubt man sich in echter Natur, bis eine superkomfortable hölzerne Liegebank des Elberadweg-Tourismo-Büros am Viewpoint uns von diesem Irrglauben befreit. Wir haben uns trotzdem drauf gesetzt.

In Lauenburg fahren wir an der alten Streichholzfabrik vorbei und schieben ins Städtchen, wo wir vor poliertem Kopfsteinpflaster und historischen Fachwerkgebäuden ein bisschen ermatten. Aber wir haben es schön in der Pensione, sind weit weg vom richtigen Leben, schauen von der Terrasse aufs Wasser, flanieren über die Hauptstraße der mittelalterlichen Unterstadt, essen Fisch, steigen über die Treppenstufen in die Oberstadt und erfreuen uns im stillen Fürstengarten an dem Wort askanisch. Ja, wir sind vorbildliche Reisende.

Richtig begeistert aber sind wir am nächsten Morgen vom Elbschifffahrtsmuseum (ein Wort). Weil wir die einzigen Besucher sind, dürfen wir die Masken absetzen, was Berliner und Hamburger Kinder befremdet, aber ein Hochgefühl von Freiheit erzeugt. Im Museum erfahre ich Dinge, von denen ich nichts, rein gar nichts wusste. Die Elbe etwa war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts komplett industrialisiert und irre laut. Über 740 Kilometer hinweg lag eine Eisenkette am Grund des Flusses verankert. Kettendampfer fuhren mit ihren Schleppzügen, in denen zehn Schiffe mit bis zu dreitausend Tonnen Fracht hängen konnten, unter ohrenbetäubendem Lärm den Fluss hinauf. Als die KPDler vor der Werft in Geesthacht demonstrierten, haben sie ihr eigenes Wort nicht verstanden, so laut rasselten die Kettendampfer.


Wir schwingen uns auf den Sattel, radeln, verfahren uns (!), gurken um Deiche, während die Elbe Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg trennt und touchiert, als wäre nichts gewesen. Dabei gibt es keinen Augenblick lang einen Zweifel darüber, ob Osten oder Westen. Nach der Wende haben Hamburger und Berliner leerstehende Höfe im Osten gekauft, Fachwerk und alte Gemäuer saniert, ökologisch korrekt renoviert. Cosmea wippen über Holzzäunen, Störche nisten über Reet. Im Grenzgebiet der DDR wurden weder Investitionen getätigt noch Infrastruktur modernisiert. Hier sieht es heute hinreißend malerisch aus. Wie von der zarten Hand einer Landlust-Redakteurin arrangiert, stehen die Jungen im Storchennest. 

Ein Museum können wir noch. Wir nehmen den Abzweig nach Boizenburg. Meine Vermutung: Jemand hat Boizenburg erfunden, damit es ein Städtchen wie Boizenburg gibt. Niedliche Fachwerkhäuser, huckelige Gassen im Mittagslicht, von Linden gesäumte Wege, kunstvolle Fliesenbilder an Häuserfronten, Wassergräben, über die sich Brückchen spannen, und ein hinreißend elegantes barockes Fachwerk-Rathaus auf einem weiten Marktplatz. Am Vormittag muss eine Neutronenbombe über Boizenburg explodiert sein. Kein Leben, nirgendwo. Am Fliesenmuseum stehen wir vor geschlossener Tür. Montag. Historismus, Jugendstil, Art Nouveau und frühindustrielle Fliesen sind der Schwerpunkt der Sammlung, die ich wirklich gerne gesehen hätte. Vor Enttäuschung vergesse ich, dass Boizenburg mit der Regionalbahn eine Dreiviertelstunde von Hamburg entfernt liegt. Diese Idylle muss Lichtjahre vom normalen Leben entfernt sein.

Weil wir Zimmer in einer Pensione in Neu-Darchau gebucht haben, setzen wir am Nachmittag mit der Fähre über. Beschwingt von all der übsch’eit hatte ich fast vergessen, wie das Niedersächsische ist, wie albtraumhaft westdeutsche Provinz in Wahrheit war. Der Ort ist ein Psychopathen-Setting aus Backstein-Bungalows, Schildern, Jägerzäunen, Ausfallstraße und Sparkassen-Brutalismus. Ein Stelldichein der siebziger Jahre-Bedrückung. Wir kochen Nudeln und Pesto in der Küche der Unterkunft, die sehr sauber ist. 

Am nächsten Morgen bringt uns die Fähre zurück ans andere Ufer. Wir haben Gegenwind und die Stimmung ist leicht angespannt. Dömitz soll es rausreißen. Bis da hin müssen wir es schaffen. Bei jeder Flussbiegung erhoffen wir aus der Führungsgruppe den Ruf Aqaba!, doch es zieht sich. Die Kinder hassen inzwischen jede Schattierung von Grün. Endlich erheben sich die Mauern der fünfeckigen Festung über der Elbe wie das osmanische Fort über der Wüste Nefal. Lustlos schlappen wir durch das Gemäuer. Wehrarchitektur der Renaissance steht bei keiner von uns weit oben auf der Liste. Vielanker Fassbrause aber sehr wohl und die Brauerei ist in Dömitz zuhause. Gerettet.
Der Wind streicht durch Silberweiden und bewegt das Schilfgras in den Feuchtwiesen, rauscht durch Eichenkronen und weht wieder aus einer guten Richtung, während wir unter einem hohen Himmel durchs Brandenburgische rollen. Gaarz und Barz, die Besandten und Unbesandten sind keine verfeindeten Brüderpaare, sondern Dörfer hinterm Deich. Rotmilane fliegen ufernah Kapriolen, aber Seeadler lassen sich nicht blicken. In Lenzen wollen wir übernachten.

In Lauenburg war jeder Stein poliert, in Lenzen gedulden sich die Steine. Bescheiden und anrührend ernsthaft empfängt uns das Städtchen. Lunkini lautete der Name der slawischen Burg, heute schickes Bio-Hotel und Ausstellungsort. Ein Barockgarten schließt sich an, der gerade im rechten Maß vernachlässigt wirkt. Die Burgmauern sind gesäumt von üppigen Lavendelsträuchern, ein Landschaftspark geht in die Elbauen über. Im Stadtmuseum betrachten wir historische Fundstücke mit dem orientierungslosen, unstrukturierten Interesse von Reisenden, die einfach nichts Besseres zu tun haben als sich über die Geschichte eines kleinen Ortes zu informieren. Über Slawen und Wenden lesen wir, über Ackerbau, über Poststationen und Sperrzonen hinter der Grenze. Auf einem Schildchen steht, dass es im Jahr 1801 in Lenzen 45 Schuster und Pantoffelmacher gab. Wo fährt man heutzutage hin, wenn man Pantoffel braucht? Wer braucht hier Pantoffeln? Es gibt nicht mal mehr einen Bäcker. Einen Fahrradladen schon, den hätten wir dringend gebraucht, der hat aber geschlossen.

Aber den Rudower See gibt es, das Restaurant Haus am See mit Bratkartoffeln auf der Terrasse und eine Badestelle mit Steg. Blau türmt sich auf Blau. Am nächsten Morgen ganz früh springen wir rein – frierend, jubilierend, allein an diesem glatten glitzernden Dunkelblau, das ans Rudower Moor grenzt. Wir wissen noch von gestern, vom historischen Zinnfigurendiorama, dass bei der Schlacht bei Lenzen der deutsche König Heinrich I. vor gut tausend Jahren mit seiner übermächtigen Reiterei das Heer der Slawen in die Moore und in den See trieb. 200.000 Tote sollen es gewesen sein. Wie lange bleiben Leichen im Moor frisch? War das an meinem Fuß gerade ein Aal oder ein Slawenarm? Voll fies, mit den Pferden auf die Slawen. Die armen Pferde.

Es gibt noch Kaffee und Kakao im Haus am See, dann fahren wir trödelnd los. Die nassen Badeanzüge sind unsere Fuchsschwänze am Korb. Die Handgriffe, mit denen das Gepäck verstaut werden muss, sitzen. Der Hinternschmerz lässt nach den ersten hundert Metern nach. Im Grunde könnten wir ewig durch diesen Elbauen fahren und uns von Rentnern überholen lassen, aber es ist unser letzter Tag. In Wittenberge werden wir mit Sack und Pack und Rad in den Zug steigen.
Vier Tage lang ist mir nicht aufgefallen, dass das blaue Signet des Elbradweges auch zwei Worte einschließt: Labe und Elbe. Labe ist der tschechische Name der Elbe. Das lese ich dann endlich auf einer Bank, wo wir die Beine ausstrecken und vespern, im laminierten Tourenbuch.

Wittenberge baut an seiner Uferstraße. Wir schieben durch Bauzäune, aufgerissenen Asphalt und viel Nichts. Biegen von der Elbe ab und fahren ins Zentrum, das aus einem Kreisel besteht. Seit der Wende hat die Stadt alle großen Betriebe verloren. Geschlossen wurde 1991 das Nähmaschinenwerk Veritas, 1903 als Singer-Werk gegründet und einer der größten Arbeitgeber der Region. Auch das Zellstoffwerk und die Ölmühle wurden abgewickelt, aus dem riesigen Reichsbahnausbesserungswerk wurde zwar das Instandhaltungswerk der Deutschen Bahn, das hat den Bevölkerungsschwund aber nicht aufhalten können. Heute leben in Wittenberge 16.000 Menschen, so viele wie im Jahr 1900.
Leerstand, Plattenbauten, Ein-Euro-Läden und Dönerbuden. Anderthalb Stunden bis zur Abfahrt des Zugs. Wir parken die Räder vor dem Festspielhaus am Paul Lincke-Platz und gehen Eis essen.

Wo habe ich es gelesen? Irgendwo stand, Walter Gropius habe in Wittenberge eine Siedlung gebaut. Die Frau im Tourismo-Büro drückt mir einen lausig schwarz-weiß kopierten Zettel in die Hand. Mehr ham wir nicht.
Die Kinder sind müde und der Weg ist weit. Ich rase und radele allein die Ausfallstraße bergauf zum Kastanienplatz. Die Uhr im Blick, den Stadtplan in einer Hand. Die Landgesellschaft Eigene Scholle vergab 44 Parzellen in dieser Wohnkolonie an Beschäftigte der Singer Nähmaschinenfabrik und der Eisenbahnreparaturwerkstätten mit dem Ziel, zur Sesshaftigkeit der deutschen Arbeiterschaft beizutragen, und beauftragte 1912 das Büro Walter Gropius mit der Planung und Bauleitung. Die Siedlungshäuser wurden 1914 in Ziegelbauweise mit Sparrendächern erbaut. Stall, Tenne, ein Außen-Abort, ein Hof mit Pumpbrunnen und Garten gehörten zu jedem Grundstück der Gartenstadt. Selbstversorgung war ein zentraler Aspekt des Konzepts.


Ich biege außer Atem und leicht verschwitzt in den Lindenweg ein, cruise über den Kastanienplatz und wieder rechts in den Ahornweg. Zeit zum Absteigen ist nicht.
Die Stadt Wittenberge hat es offenbar versäumt, die Siedlung unter Denkmalschutz zu stellen. Jeder Eigentümer hat gebastelt und ausgebaut, gestrichen und seine alte Markise drangehängt. Und am Ende ist es vielleicht das Beste, was passieren konnte.

Vergessen vom Tourismusmarketing, stehen die architektonischen Gesellenstücke dieses Projektes einfach in der Gegend rum und lassen die Zeit durch die mutigen Linien hindurchfließen. Niemand auf der Straße. Der Bodenbelag sieht nach DDR aus. Vielleicht gab es hier am Vormittag auch eine Neutronenbombenexplosion.
Benutzt, bewohnt und vernachlässigt, aber dennoch konzentriert wie in einer Ampulle, bewahrt die klare Architektur die enorme Energie, die sie damals ausmachte, die Zukunftsverliebtheit und Vision einer neuen Stadt, in der Materialität, Rationalität und die Bedürfnisse der Bewohner zählen.

Eine Zeitkapsel mit paar Schadstellen, durch die Licht und Wasser und Hemdsärmeligkeit eindringt. Die durch einige politische Systeme und ein Jahrhundert gerollt ist und mir heute vor die Füße. Ich rolle zum Bahnhof mit dem Hochgefühl einer Entdeckerin.

Geduld nur, Geduld! Es wird wieder Sommer und dann steigen wir in Wittenberge aus dem Zug und radeln nach Magdeburg.


Gästehaus von Herzen / Lauenburg
von-herzen.de
Hostel Auszeit an der Elbe / Neu-Darchau
auszeitanderelbe.de
Pension Bartoschewitz / Lenzen
038792 / 73 78

Glückstadt, Stadtgedächtnis, Gedächtnislücke

In niederländischer Festungsmanier ließ der Dänenkönig Christian IV. Glückstadt an der Unterelbe errichten. Die Göttin Fortuna bekam die Stadt ins Wappen gesetzt und einen sechseckigen Grundriss, uneinnehmbar. Anfang des 17. Jahrhunderts war Hamburg durch den Handel mit den Kolonialmächten stark geworden, und Dänemark wollte neben Altona ein zweites politisches und wirtschaftliches Gegenwicht etablieren.
Die Dänengeschichte findet man heute auf jedem Schild. Brötchen, Heringe, Straßennamen – mit dem dänischen Pfund wird gewuchert. Warum auch nicht, ist kein Unheil übers Land gekommen aus Kopenhagen.

Einmal um die eigene Achse gedreht auf dem kopfsteingepflasterten Marktplatz und fertig ist das Panoramabild einer am Reißbrett entworfenen radialen Fürstenstadt. Sieben Straßen laufen sternförmig auf den Platz zu. Es ist friedlich in Glückstadt an diesem Samstagmittag. Adelshöfe, satte Palais und von Hamburgern sanierte Fischerhäuschen liegen mehr, als dass sie stehen, am Hafen. Die Elbe ist hier ein breiter Strom, der den Geruch nach Meer mitbringt, das Licht küstenhell.

Ich müsste eigentlich keinen Ausflug nach Glückstadt machen. Ich kenne Glückstadt. Habe vor langer Zeit für zwei Jahre hier gewohnt, in der Buchhandlung am Fleth gekauft, am Sperrwerk übers Wasser geschaut, habe im Fortuna-Bad gelegen und bin mit dem dunkelblauen Fiat hinter der Bahnschranke auf den Edeka-Parkplatz an der Christian-IV-Straße gebrettert.
In Hamburg fahre ich dieses Jahr oft an den Jubiläumstransparenten vorbei: 100 Jahre Universität. Da stelle ich mir vor, wie ein paar Professoren an einem herrlichen Tag im Jahr 1919 frohgemut auf ein repräsentatives leerstehendes Gebäude deuten und mit dem Lehrbetrieb loslegen. Aber wie bei jeder Geschichte gibt es auch hier eine, die schon vorausgegangen ist, und die Vorgeschichte für die Universität beginnt mit dem Hamburgischen Kolonialinstitut.

(c) bundesarchiv_bild_146-2007-0001_hamburg_kochkurs_am_kolonial-institut.jpg

In Hamburg, Kapitale des deutschen Kolonialismus, gab es Anfang des 20. Jahrhunderts Geld, Interesse und eine einflussreiche Lobby für die Einrichtung eines akademischen Instituts, das zunächst nur angehende Kolonialbeamte auf ihre Auslandstätigkeit vorbereiten sollte. 1911 gegründet und aus Stiftungen von Reedern bezahlt, die ihren Reichtum dem Kolonialhandel verdankten, wuchsen die Institute rasch: Ethnologie, Sprachwissenschaften, Sprachen und Geschichte Ostasiens, des Orients, afrikanische Sprachen, Geschichte und Kultur Indiens kamen hinzu. 1918 hatte es ein Ende mit dem deutschen Kolonialwesen, vom Kolonialinstitut blieben die renommierten wissenschaftlichen Fakultäten übrig, aus denen 1919 die Universität Hamburg hervorgehen konnte. Während ich – beschäftigt mit dieser Vorgeschichte – auf der Internetseite des Sonderforschungsbereiches Manuskriptkulturen in Asien, Afrika und Europa lande und Abbildungen komplexer mehrsprachiger Manuskripte betrachte, fällt mir aus dem Gedächtnis ein Bild zu: eine Pappe mit chinesischen Schriftzeichen hinter einem staubigen Fenster am Fleth, kurz vor dem Fortuna-Schwimmbadeingang. Als ich in Glückstadt wohnte, blieb ich kein einziges Mal dort stehen, obwohl ich oft vorbeiging. Keine Augen damals, keinen Blick.

Um Bewohner für seine neue Stadt zu werben, erlässt König Christian ein Toleranzedikt, verspricht Steuerfreiheit und spendiert Baugrundstücke. Die ersten, die kommen, sind aus Portugal vertriebene sephardische Juden – Kaufleute, Münzmeister und Gelehrte, die das Wirtschaftsleben ankurbeln. Die Belagerung Wallensteins übersteht die junge Festungsstadt, nun braucht Christian, um seinen Einfluss an der Elbe zu festigen, Gedrucktes. Polizeiverordnungen, Gesetzesbücher, Patente und Plakate mussten her. 1632 verleiht der König dem Drucker Andreas Koch das Privileg, eine Druckerei in Glückstadt zu führen. Diesen Betrieb übernimmt 1775 die Familie Augustin, für weitere 200 Jahre bleibt er im Familienbesitz. 1905 geht die Leitung des Unternehmens an Heinrich Wilhelm Augustin über, einen ausgezeichneten Schriftsetzer. Er beginnt früh damit, fremdsprachige Schriftzeichen zu sammeln. Weniger aus kulturellem Interesse denn aus Geschäftssinn. Er akquiriert und bekommt Aufträge vom Hamburgischen Kolonialinstitut – wissenschaftliche Abhandlungen zur Linguistik afrikanischer Sprachen. Über hundert Schriften von Mandschu, Äthiopisch, ägyptische Hieroglyphen, Assyrisch, Koptisch, Keilschrift, Arabisch, Sanskrit bis Persisch oder Tatarisch kann die Druckerei Anfang der dreißiger Jahre setzen. Aufträge für komplizierte mehrsprachige Bücher und Texte in exotischen Sprachen kommen aus der ganzen Welt, denn keine andere Druckerei ist in der Lage, fehlerfrei und in dieser Qualität zu drucken. Später werden das mehrbändige assyrische Wörterbuch der Universität Chicago oder die Abhandlungen des Deutschen Archäologischen Instituts Kairo in Glückstadt gedruckt. Als Augustin 1912 die Anfrage bekommt, ein Werk über Ackerbau und Seidengewinnung in China zu setzen, besorgt er sich aus Shanghai 7.200 chinesische Schriftzeichen und erweitert den Bestand 1926 noch einmal um 12.000 Zeichen. Augustin erfindet den Chinesischen Zirkel, ein Möbel, das er wie alles Mobiliar der Druckerei im Hinterhof von seinen Tischlern bauen lässt und das es den Druckern ermöglicht, auf die über 20.000 Zeichen zuzugreifen, ohne ständig Schubladen aufzuziehen oder an Regalen entlang gehen zu müssen. Die bis auf etwa 1,50 Meter Höhe aufeinander gestapelten Setzkästen bilden die sieben Segmente eines Achtecks, durch das freie achte betritt der Setzer diesen magischen Raum und braucht sich nur noch um die eigene Achse zu drehen und zu bücken. Die Setzer prägen sich einzelne Zeichen im Manuskript als Bild ein, zerlegen es in grafische Elemente und finden das richtige anhand eines komplizierten Auffindesystem aus Zahlen und Zuordnungen. Etwa zwei Minuten braucht ein »Augustiner« für ein Zeichen.

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An diesem Samstagmittag kehrt ein Mann den Hof neben dem Haus Am Fleth 36. Ich spreche freundlich vor, und als hätte er nur auf diese Frage, als hätte er schon lange auf einen Besucher gewartet, steht der Besen innert Sekunden an der Wand und ich bekomme eine hervorragende Führung durch die stillgelegte Fremdsprachendruckerei Augustin. Zwei Stunden lang gehen wir von Maschine zu Setzkasten, von Tisch zu Schubladenschrank, von der Gießerei zu den Matritzen, von den Monotype-Maschinen in die Bibliothek mit verglasten Bücherschränken für tausende Bände. Hellgrün blättert die Farbe von den Wänden, Putz bröckelt, der Fußboden wellt sich. Und doch sieht es aus, als wären die Drucker nur eben zum Mittagessen gegangen. Ein Kasten mit hunderten von Gevierten steht da, eine Schublade halb geöffnet mit armenischen Schnörkeln. Akzente, Spatien aller Couleurs, hebräische Vokalzeichen. Sonnenlicht flutet den großen Raum, eine Zeitkapsel, das aus der Zeit gefallenes Gedächtnis der universalistischen Schriftkultur und eine wirklich einzigartige Erinnerung an die Kunst des Buchdrucks. Ein Schatz liegt in dem Backsteinhaus, das Material vielstimmigen Denkens und Sprechens.

Wie hypnotisiert trete ich auf die Straße. Ich war seit langer Zeit die erste Besucherin. Vor fast zehn Jahren holte eine Ausstellung des Detlefsen-Museums den Chinesischen Zirkel aus dem Vergessen, fotografierte Candida Höfer die Maschinen als Objekte einer abgeschlossenen Vergangenheit, ein Film widmete sich dem Gedächtnisort. Heute denken die Besitzer daran, aus der Druckerei ein Event-Hotel zu machen, denn das Erbe lastet schwer und teuer auf der Familie. Nach der kurzen Renaissance versank die Druckerei wieder im Dornröschenschlaf. Zum hundertjährigen Jubiläum der Universität wäre es doch ein Projekt, wenn Studierende die Bibliothek anständig archivierten oder angehende Kulturmanager eine Fundraising-Kampagne erarbeiteten, um das Material zu erschließen und konservatorisch aufzubereiten.

Das hübsche Glückstadt hat viele und noch mehr Gründe, des Heinrich Augustin zu gedenken. Um den Betrieb in Kriegszeiten über Wasser zu halten, sicherte er sich exklusiv alle Druckaufträge der Kriegsmarine – genug, um seine Angestellten weiter zu beschäftigen. Er zweigte heimlich Papier ab und druckte 1945 auf diesen gehorteten Papierbeständen der Marine als Erstes eine Goethe-Ausgabe. Im Nationalsozialismus war der Drucker deutschnational gesinnt, doch viel zu sehr in der Vielzahl der Kulturen beheimatet, um Antisemit zu sein. Jimmy Ernst, Sohn des Malers Max Ernst und der Publizistin Lou Straus, konnte bei Augustin ab 1935 eine Lehre als Schriftsetzer machen und unter dem Schutz des Hauses im zunehmend antisemitischen Glückstadt leben. Augustins Sohn, Johannes Jakob war homosexuell. Sein Vater half ihm 1936 nach New York zu emigrieren, wo er eine Verlagsabteilung aufbaute und universitäre Kontakte knüpfte. In Glückstadt wurden in den vierziger Jahren mithin gleichzeitig Aufträge der Kriegsmarine und die neuesten Arbeiten US-amerikanischer Ethnologen und Anthropologen gedruckt.

Wie abenteuerlich das Leben der Glückstäder Portugiesin Sara da Silva auch gewesen sein mag, am 8. April 1651 hat sie diese Erde in der Hoffnung auf ein besseres Leben verlassen. Ihr Grabstein liegt auf dem jüdischen Friedhof, der an der Pentzstraße nur schwer zu finden ist. 1941 ließ der Bürgermeister Wilhelm Vogt alle 164 Grabsteine wegtragen und auf der Kegelbahn der Gaststätte Hoffnung stapeln. Steinmetze durften sich am Material bedienen. Über den Gräbern, auf dem Friedhofgelände, richtete man eine Bezirksabgabestelle für Obst und Gemüse ein. 1945 befahl der britische Colonel Goldberg, die übrig gebliebenen einhundert Grabsteine wieder auf dem Friedhof abzulegen. Die Schändung des Friedhofes bekam Jimmy Ernst nicht mehr mit. Drei Jahre zuvor hatte Heinrich Augustin ihm ein Visum für die USA besorgt und er war wie Johannes Augustin nach New York emigriert, wo er später Maler wurde.

Vom Friedhof schlendere ich noch zum Binnenhafen und esse mit Blick aufs Wasser ein ausgezeichnetes Matjesbrötchen. Ein Gimel aus dem phönizischen Alphabet liegt schwarz und miniklein in meiner Hand.

 

lückstadt.

Abteilung T – Ein Ausflug in die Frankfurter Römerstadt

Römerstadt ca. 1930 (c) Grünflächenamt Frankfurt

Stichiges Licht, Nachmittagsschwüle an der Nidda – eine schattige Wirtschaft und ein kühles Getränk wären jetzt gerade recht. Doch wie Rudyard Kipling schon sagt: Ein Garten entsteht nicht dadurch, dass man im Schatten sitzt.
In praller Sonne also auf Parzelle 16 erläutert Katharina Rohloff das Konzept dieses Kleingartens. Das macht sie so einnehmend und durchdrungen von den Ideen, die der Gartengestaltung zugrunde liegen, dass wir das Wetter Wetter sein lassen und ganz Ohr sind.

Der Garten ist die zweite Station unseres Rundgangs. Zuvor waren wir im mayhaus, dem schmalen Reihenhaus, in dem Besucher das historische Wohnambiente des Neuen Bauens mit allen Details originalgetreu rekonstruiert sehen können: die Frankfurter Küche der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, die blauen Fensterrahmen, der Linoleum-Boden, Mö­blie­rung und Ein­bau­ten des Ar­chi­tek­ten Franz Schus­ter, die die klaren Proportionen und Luftigkeit der Räume aufnehmen und verstärken, die Türklinken von Ferdinand Kramer sowie die hellen, zart gerasterten Bauhaus-Tapeten, deren Entwicklung Hans Leis­ti­kow begleitete, der für die gra­phi­schen Be­lan­ge des Hoch­bau­am­tes ver­ant­wort­lich war. Während wir durch die Räume gehen, schärfen sich unsere Blicke. Gestaltung und Farben gewinnen an Kraft in Beziehung auf ihre Funktionalität. Die Klarheit der einzelnen Elemente ergibt mehr als ihre Summe: Hier herrscht menschliches Maß, bescheiden wirkt die Reduktion auf das Notwendige und zugleich zeigt sich eine form- und selbstbewusste Haltung, die die grundlegenden Fragen einer sozialen Utopie stellt: Wie will ich leben? Wie will ich wohnen? Die Gestaltung entwirft den neuen Menschen in einer demokratischen Gesellschaft – in seinen Grundbedürfnissen, in seinem Alltag, in seinen Abläufen.
Auf jede unserer Fragen versorgt uns der ehrenamtliche Mitarbeiter des Hauses so mitreißend und kenntnisreich mit Informationen, dass seine Konzentration unsere Wahrnehmung beflügelt. Als ob das gestalterische Reformprojekt noch immer Funken in den Gehirnen schlägt.
Die heutige Sehnsucht nach customized Dingen, individualisierter Ware und Einzelanfertigung ist ohnehin trübe. Lässt man sie aber gedanklich auf die Objekte und Architektur der May-Siedlung treffen, werden diese Selbstprothesen nervöser Konsumenten mickriger denn je. Schmissig und ganz schön apodiktisch hielt Ferdinand Kramer seinen Kritikern entgegen:

Es ist ein reaktionäres Märchen, das Formproblem der Typisierung als reinen Schematismus und als Verarmung zu bezeichnen, wobei jede persönliche Note von vornherein ausgeschlossen wäre. (…) Jede Zeit, der wir einen Stil zusprechen, war im Grunde einfach. Sie baute aus den Elementen auf, die ihr zur Verfügung standen und war daher im Grunde in allen ihren Lebensäußerungen einheitlich. Sie wahrte das Gesicht, weil sie sich beschränkte. Sie experimentierte nicht in tausend Stilen und Lebensformen. Die Anarchie der freien Willkür ist dagegen ohne Zeitgepräge. Möbel und Geräte, die nur einer Person entsprechen, gibt es nicht! (F. Kramer, Individuelle oder typisierte Möbel? In: Das Neue Frankfurt, Heft 1/1928, Seite 10)

Türschild Plankammer (c): siehe unten /1

Der Frankfurter Stadtbaurat Ernst May muss ein charismatischer Mann gewesen sein, ein Manager und Macher, Architekt und Stadtplaner, der Ämter wie Kompetenzen auf sich versammelte, um seine Ideen umzusetzen. Und er holte Mitte der zwanziger Jahre gute Leute nach Frankfurt, die mit ihm zusammen am Konzept des Neuen Frankfurt arbeiteten, und bildete Netzwerke mit der Kunstgewerbeschule und dem Grünflächenamt. Damals herrschte in Frankfurt krasse Wohnungsnot. May hatte als Student in England Gartenstädte kennengelernt und unternahm nun einen großen Schritt. Er begründete ein Bauprogramm, das Frankfurt ästhetisch und kulturell nach klaren Idealen formen sollte und schließlich internationale Ausstrahlung entwickelte. Sein Verständnis von Wohnungsbau umfasste alle Aspekte eines menschenwürdigen Umfelds. Statt Verdichtung oder Stadtrandbebauung ließ er von seinem Team aus über 50 Architekten, Designern und Gestaltern der Avantgarde – darunter auch Martin Elsässer, Walter Gropius und Mart Stam – Siedlungen im Grünen entwerfen. May verstand auch, dass er seine sozialen Utopien in die Öffentlichkeit tragen und Politiker überzeugen musste, und gründete 1926 die Zeitschrift »Das Neue Frankfurt«, layoutet von Willi Baumeister. Hier erklärten Architekten und Gestalter ihre Ideen und lieferten alltagstaugliche Anleitungen für das Wohnen in den Siedlungshäusern. Gartenbaudirektor Max Bromme und Leberecht Migge erarbeiten das Konzept für die Nutzgärten der neuen Siedlungen.
Der damalige Oberbürgermeister Ludwig Landmann ebnete den Weg für diese einmalige Konstellation: Er sorgte dafür, dass May sich seine MitstreiterInnen aussuchen durfte, denn Landmann hatte verstanden, dass Menschen, die in beengten, lichtlosen Wohnungen ohne Sanitäreinrichtungen leben, nicht für die junge Demokratie arbeiten können.

Eine kurze Sekunde stelle ich mir vor, wie heute der SPD-Dezernent für Planen und Wohnen, der CDU-Mann vom Dezernat für Bau, Immobilien und Reformprojekte, dazu die Grüne Dezernentin  für Umwelt und Frauen, Grünflächenamt und Palmengarten sich gemeinsam eine gestalterische Aufgabe stellen. Ach, natürlich sitzt auch der Mann vom Amt für Bau und Immobilien am Tisch, dessen Amt – früher das Hochbauamt – seine Aufgaben mit übergreifenden Portfolio- und Flächenmanagement … notwendigen Optimierungsmaßnahmen … wirtschaftlich-administrativer Steuerung der betreuten Immobilien definiert.

Frankfurter Küche (c): siehe unten /2

Um die enormen Kosten für Bau und Ausstattung der Siedlungshäuser zu senken, setzte May auf serielle Herstellung. Standardisierung begriff er als Voraussetzung für soziale Veränderung. Dafür gründete er die städtische Abteilung T, zuständig für Normierung und Typisierung. Margarete Schütte-Lihotzky rationalisierte die Arbeitsschritte in der Küche und entwarf passgenaue Einbaumöbel. Sie entwickelte die Küche aus den Prinzipien und der Struktur einer Mitropa-Speisewagenküche zur reinen Arbeitsküche. Ihre Frankfurter Küche ist längst zum Signum des Neuen Wohnens geworden und noch heute sollten wir ihr bei jedem Umzug auf Knien danken, dass wir Küchengeräte und Einbauschränke nicht einpacken und mitschleppen müssen. Sie selbst schrieb Anleitungen für das Arbeiten in der neuen Küche, für Handbewegungen und Abläufe und führte in Seminaren vor, wie es gehen kann, das neue Leben, in dem Arbeit und Kochen nach ökonomischen Grundsätzen organisiert sind, damit Zeit bleibt für die wichtigen Dinge.

Bewirtschaftungsplan für Pachtgärten

270 Quadratmeter haben die Pachtgärten, die ursprünglich für die Bewohner der Mehrfamilienhäuser in der Römersiedlung gedacht waren. Liegestuhl oder Riesentrampolin gibt es auf Parzelle 16 nicht. Auch keine naturnahen Beete im Bauerngartenstil oder romantische Kletterpflanzen. Dem Landschaftsarchitekten Leberecht Migge aus Worspwede saß noch die Hungererfahrung des I. Weltkriegs in den Knochen, als er für May den Bewirtschaftungsplan ausarbeitete. Er war ein Verfechter der Selbstversorgung und übertrug das Prinzip der Dreifelderwirtschaft streng auf den Kleingarten. Vier Personen sollte der Ertrag übers Jahr ernähren können. Auf Einverständnis und Konsens ihrer neuen Menschen haben  die Reformplaner nicht unbedingt gesetzt. Ein Hauch von Verordnungswahn weht über der Petersilie. Bis ins Kleinste gehen die Anweisungen.

Katharina Rohloff bewirtschaftet ihn mit anderen Unterstützern seit einigen Jahren für die May-Gesellschaft nach den Originalplänen: schnurgerade Beete, akkurat gezogene Beerensträucher, steinerne Einfassungen, Gemüse, Gemüse, Gemüse und eine Pfingstrose, die allerdings auch eine wichtige Aufgabe hat: Bienen anlocken. Bei Samen Andreas forscht die ehrenamtliche Gärtnerin in alten Büchern nach historischen Sorten wie der Sieglinde-Kartoffel und der Mieze-Schindler-Erdbeere. In Überschwang der Konzepte, erzählt sie, gab es in zwanziger Jahren sogar eine Kartoffelsorte mit dem Namen Voran! 

Konsequent sparsam und klein steht die Gartenhütte Typ 2 von Margarete Schütte-Lihotzky mitten im Garten. Eisern demokratisch, lustig grün.

Gartenlaube Typ 2 auf Parzelle 16

Und unsere dritte und letzte Station an diesem Pfingstsonntag? Ein schattiger Platz im Ginnheimer Wirtshaus am Niddaufer. Ein kühles Getränk, eine freundliche Bedienung und gute Stimmung bei den Frankfurtern auf den langen Holzbänken.

/1 Abbildung aus der Zeitschrift ‚Das neue Frankfurt‘ 3/1926-1927, Seite 64; Bildrechte abgelaufen
/2 Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky. Abbildung aus der Zeitschrift ‚Das neue Frankfurt‘ 5/1926-1927; Bildrechte abgelaufen

 

Spinnen, Seide, Stahl. Arbeit und Kunst in Brandenburg an der Havel

Vom Berliner Hauptbahnhof fährt die Bahn in einer Stunde nach Brandenburg. Jollen und Bootsstege vor dem Zugfenster. Wir reisen ins Havelland. Für ein Wochenende wollen wir eine Stadt erkunden, von der wir so gut wie nichts wissen. Ribbeck und seinen Birnbaum können wir noch, dann sind wir da.

Von der Straßenbahnhaltestelle an der Luckenberger Brücke aus sind es ungefähr zweihundert Meter. Ein Parkplatz linkerhand mit Supermarkt, Discounter und Drogerie. Alte hocken auf ihren Rollatoren vor einem Imbisswagen. Wenige Schritte weiter wissen wir, wo diese zerrupften Raben sich zum Schlafen hinschieben. Im langgestreckten Ziegelbau an der Neuendorfer Straße ist ein Seniorenheim der AWO untergebracht. Mitten in einem Gewerbepark liegt unsere Ferienwohnung also, doch bevor sich eine komische Vorahnung ausbreitet, stehen wir vor dem denkmalgeschützten Gebäude mit Tonnengewölbe. Hier haben Kennerschaft und Handwerk aus einer Industrieruine, der einstigen Färberhalle einer Kammgarnspinnerei, eine Architektur-Preziose gemacht. Über zehn Jahre lang war das Gebäude ein lost place, nun glänzt es umsichtig saniert und ausgebaut. Wir finden uns wieder in einer Wohnung mit Natursteinböden und bodentiefen Fenstern, einem Mezzanin aus Sichtbeton und modernen Möbeln. Jedes Detail stimmt.
Irgendwie noch schöner wird es, als wir durch den Garten gehen und die Liegestühle auf dem hölzernen Bootssteg aufklappen. Havelwellen glitzern. Ruderinnen ziehen in langen Schlägen durch. Es ist mild und leise am Wasser in Brandenburg.

Leise war es in dem Quartier bestimmt nicht mehr, nachdem Alfred und Emil Kummerlé 1879 ihre Kammgarnspinnerei errichtet hatten. Kummerlé-Garne waren von ausgezeichneter Qualität und schon bald exportierte die Fabrik in die ganze Welt. Man brauchte Ende des 19. Jahrhunderts zum Spinnen von Wollgarnen enorm große Ringspinnmaschinen und Selfaktoren, die Maschinen liefen rund um die Uhr. Die Shedhallen der Wollwäscherei, Kämmerei, Färberei, Haspelei, Packerei und Wollspinnerei, die Gebäude für Produktion und Lager nahmen das beträchtliche Areal zwischen Neuendorfer Straße und der Havel ein. Wo jetzt die armen Alten wohnen, wurde Rohwolle gewaschen. Die Arbeit an den Ringspinnmaschinen war anstrengend. In den Hallen war es laut und heiß. Nach dem Gesetz hatten die Frauen, die bei Kummerlé und anderswo arbeiteten, unverheiratet zu sein – ungelernt waren sie sowieso und blieben es auch. Es hieß damals, in die Spinne geht man zuletzt, so übel waren die Bedingungen und so schlecht wahrscheinlich die Bezahlung.

Während ich kühlen Weißwein aus dem Supermarkt nebenan schlürfe, betrachte ich das aufragende quadratische Gerüst aus Stangen vor unserem Loftfenster, welches, das vermute ich jedenfalls, einmal den Färberturm gebildet hat, und versuche mir vorzustellen, wie ein Arbeitstag hier in den frühen zwanziger Jahren ausgesehen haben mag. Ein Schwarzweißfoto in einem Buch zur Industriegeschichte zeigt Arbeiterinnen aus dieser Zeit beim Rupfen gewaschener Wolle. Zwischen riesigen Bergen sitzen sie. Monoton arbeitend. Ob es ihnen erlaubt war zu reden?
Gertrud Piter war eine von ihnen. Ihre Eltern konnten für ihre sieben Kinder keine Ausbildung bezahlen, schon früh mussten die zum Lebensunterhalt beitragen. In Brandenburg arbeitete Gertrud zuerst in einer Zigarrenfabrik, dann bei den Corona-Fahrradwerken und später bei Kummerlé. Eine junge Frau mit Courage, sie trat in die Gewerkschaft ein und schloss sich der KPD an. Wahrscheinlich wurde sie bei Kummerlé gefeuert, nachdem sie 1924 bei der Stadtverordnetenwahl kandidierte und als einzige Frau der kommunistischen Fraktion ins Stadtparlament einzog. Danach fand sie wieder eine Anstellung in der Lineol-Figurenfabrik von Oskar Wiederholz, der sie gleich am 31. Januar 1933 rauswarf. Am 22. September 1933 starb sie nach Verhören, Folterungen und Vergewaltigung im KZ Brandenburg, im ehemaligen Zuchthaus Görden. Zur Gedenkstätte am Nicolaiplatz ist es nur ein kurzer Spaziergang durch die gepflegten Uferanlagen. Deckchairs, bunte Blumenrabatten, Bootsanlegestellen. Es ist wirklich so hübsch wie in einer Bundesgartenschau.

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Ein Slawendorf-Freilichtmuseum könnten wir im Park besichtigen. Eigentlich sollten wir das tun, ist das doch das Christentum im nachgiebigen Sand der Mark eine relativ junge und zudem sehr flüchtige Erscheinung. Erst 948 n. Chr. wurden im Heidenland zwei Bistümer gegründet. Doch die Slawen vertrieben die Christen wieder. Der Germane Albrecht der Bär – was ein hervorragender Germanenname ist – gliederte Brandenburg 1157 endlich dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation an und christianisierte die Leute, tausend Jahre später als am Rhein. Nachhaltig gelungen ist das Projekt nicht: Weniger Kirchenmitglieder als in Brandenburg gibt es heute nirgendwo in Deutschland.

Über die Jahrtausendbrücke und am Historischen Hafen vorbei, gelangen wir auf die Dominsel und spazieren durch Schrebergärten zum Dom St. Peter und Paul. Wie aus der Zeit gefallen liegt das strenge Ensemble aus Dom, Klausur und Kurien zwischen dem Beetzsee und der Havel. Die Ruhe im Domhof ist von der Art, die man Stille nennen möchte. In sich gekehrt, abgewendet vom städtischen Geschehen.

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Durch das hohe dreischiffige Langhaus, weiß und ochsenblutrot gestrichen, gehen wir auf den Lehniner Altar auf dem Hohen Chor zu. Seit 1518 steht die hölzerne Strahlenkranzmadonna mit dem Kind auf der Mondsichel im Zentrum des Altars, von zartem Teint, überiridischer Gelassenheit und katholisch bis in die kleinste Falte ihres blauen Mantels. Offenbar aber auch schon Mitte des 16. Jahrhunderts so wertvoll, dass es klüger war, die Figur irgendwie protestantisch zu deuten und weiterhin zu nutzen, als sie zu zerschlagen.

Die Heilige Ursula auf dem rechten Altarflügel erkenne ich natürlich an ihren Pfeilen. Neun Jahre Ursulinengymnasium haben Heiligenlebensläufe, Kurztitel päpstlicher Enzyklika und ikonographische Bedeutungsfitzel in meinem Gedächtnis verknäult. Bildung für Mädchen war das Ziel der Ursula von Medici und dass wir neben den wichtigen Dingen auch Handarbeit lernen mussten, hatte mit Demut als Tugend zu tun und mit dem unwahrscheinlichen Fall, man bekäme irgendwann im Leben kein gutes Personal. Ich habe Handarbeiten gehasst. Aus Ungeduld, aus jugendlicher Arroganz, aber auch ganz befangen in einer wirkungsmächtigen Tradition der Ignoranz, die ich an diesem Tag im Brandenburger Dommuseum allmählich zu begreifen beginne. Im Mittelalter zählten die textilen Künste noch zu den artes mechanicae so wie Bildhauerei, Architektur und Bekleidungshandwerk. Wann die Wertschätzung für eine Kunstform der Abwertung als weiblich-überflüssige Beschäftigung wich, weiß ich nicht genau. Frühes 19. Jahrhunderts schätze ich.

Gewiss hätte ich mich nie aus freien Stücken mit einem alten weißen Stickbild befasst, wäre ich nicht im Halbdunkel des Dommuseums quasi vor dieses Kunstwerk gestolpert, dessen seidiger Glanz und innige Schönheit mich augenblicklich gefangen nehmen. Das Wort vestis, Gewand, trägt das Wertvolle mittelalterlicher liturgischer Gewänder, die zum Gesamtkunstwerk Gottesdienst gehörten, in sich: Die Investition und gut betucht erinnern daran.
Das Brandenburger Hungertuch von 1290, neun Quadratmeter groß, ist das Prachtstück im Dommuseum. Die Prämonstratenser-Domherren verdeckten in der Fastenzeit damit den Hauptaltar. Die Gläubigen verzichten als Akt der Demut in der Fastenzeit darauf, Gott im Sakrament zu schauen. Sie nagen am Hungertuch.



Die weiße, in großen Rundbildern gefertigte Leinenstickerei zeigt die Lebensgeschichte Christi von der Verkündigung bis zum Weltgericht. Wie bei Glasmalereien auch verläuft die Bildreihenfolge von unten links nach oben rechts. Das zentrale Motiv ist die Kreuzigung, umrahmt von Propheten. Über die Jahrhunderte sind die Konturen der Motive verblasst, weiße Seidenstickerei liegt auf weißem Leinen – eine schlichte Arbeit mag man meinen. Die Strenge aber der Weißstickerei wird aufgelöst durch lebhafte Musterungen, durch die Verwendung von Seide und geometrische Flächengestaltung. Einzelne Motive sind auf Durchsicht gearbeitet, so dass der natürliche Lichteinfall im Dom durchbrochen gearbeitete Bildteile zum Leuchten bringt oder flache Reliefs reflektierend strahlen lässt. Ikonografisch bedeutende Motive werden so zeichenhaft hervorgehoben – auf einmal wird Licht sichtbar und erzeugt zugleich Bedeutung. Sei es metaphorisch auf einem Strahlenkranz, sei es als tatsächliches Leuchten von Oberflächen wie von einem Dolch oder einer polierten Säule.

Die Schwestern haben Ende des 13. Jahrhunderts einen langen Arbeitstag. Sticken und Weben bestimmen den Klosteralltag. Der Bildervorrat, nach dem sie arbeiten, ist knapp bemessen. Im Kloster gibt es eben nur eine bestimmte Anzahl von Wandbildern, illustrierten Büchern, Psalterien und Evangeliaren. Also liegt das Augenmerk auf der möglichst kunstvollen Ausführung der Stickerei. Ein Meister trägt die Vorzeichnung auf, für die Feinheiten sind die künstlerischen Leiterinnen der Werkstatt verantwortlich. Sie konzipieren auch das gemeinschaftliche Vorgehen. Die Ordensschwestern arbeiten gemeinsam, besprechen sich und stimmen die Verfahren ab, doch stickt je eine Nonne eigenständig ein einzelnes Rundbild. Zuerst füllen sie die Konturen aus, dann die Flächen mit Plattstichstrukturen. Das Fastentuch ist eines der frühesten Beispiele für Hexenstich und versetzten Flachstich, für Stiel-, Schling- und Knopflochstich und den Kettenstich. Die Frauen sind erfahren und hervorragend ausgebildet. Nirgendwo findet sich eine Verbesserung oder gar der Abbruch einer Sticklinie. Unverwechselbar die Handschrift jeder Einzelnen, die ihr Können alle aus verschiedenen Klosterwerkstätten an diesen Ort mitgebracht haben.

Christentum wie Infrastruktur waren so kurz nach dem Sieg von Albrecht dem Bären noch etwas schwachbrüstig. Er musste zeigen, dass es sich lohnte unter seiner Flagge zu segeln. Also startete er ein Ansiedlungsprogramm, ließ Wälder roden und Sümpfe trocken legen. Einwanderer kamen in die Mark und brachten neue Handwerkstechniken mit. Aus den westlich gelegenen Klöstern wurden Nonnen in die mittelmärkischen Neugründungen beordert. Details des Fastentuchs verweisen auf Herstellungstraditionen aus Hildesheim, Magdeburg, Donaueschingen und München hin. Erst das Zusammentreffen von Meisterinnen aus verschiedenen Regionen führte zu dieser unvergleichlich reichen Arbeit. Sie entwickelten grafische Feinzeichnungen weiter, versuchten individuelle Ausdrucksformen und vollführten eine Bildsprache, die von mystischer Religiosität getragen ist. Offenkundig hatten sie auch Witz und eine bildliche Imagination, die uns 730 Jahre später noch erreicht. In dem Bild, das die Himmelfahrt Jesu darstellt, baumeln – abgeschnitten vom oberen Bildrand – Rocksaum und darunter nackte Füße am Himmel. Die Figur schießt augenscheinlich noch raketenartig nach oben. Den letzten Zipfel hat die Stickerin gerade noch erwischt bei der schnittigen Himmelfahrt. Unten im Sand aber sind die Fußabdrücke des Herrn zu sehen, als er ganz menschlich rumstand.
Kein Wort im Museum über die Frauen, ihre Arbeitsweise, ihre kreative Handschrift.

In Bibliotheken finde ich später Beschreibungen und historische Aufrisse. Vor allem die Bibliothek des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg ist eine Fundgrube. Ein Titel, den ich anfordere, liegt gerade bei einer Kuratorin auf dem Schreibtisch, die freundlicherweise eigens aus ihrem Büro kommt, um mir das Buch über Textilgestalterinnen im frühen 20. Jahrhundert zu leihen. Sie arbeitet an der Ausstellung Gegen die Unsichtbarkeit. Designerinnen der deutschen Werkstätten Hellerau 1898 – 1938. Wenn ich meine Brandenburger Fragen auf der Zeitachse Richtung Gegenwart verlängere, schneiden Werkbund und Lette-Verein den Gedankenstrom.
Auch unverheiratete bürgerliche Frauen hatten um die letzte Jahrhundertwende kaum Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Der akute Arbeitskräftemangel lockerte die Steine, in die das Familienbild gemeißelt war. 1910 waren über eine Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen in der Textilindustrie beschäftigt. Mehr sogar noch in der Metallindustrie: 1,25

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Millionen Menschen schufteten in Stahlwerken und Eisenhütten. Human Ressources bildeten den Schlüssel für steigende Produktivität. Selbst im autoritären Klima der Kaiserzeit war es da auf einmal denkbar, dass Frauen arbeiteten. Der Lette-Verein entwickelte sich unter der Leitung der frauenemanzipatorischen Reformerin Anna Lette zu einer Bildungseinrichtung für Frauen, die dort in Fotografie, Zeichnen und Kunststickerei ausgebildet wurden. Der Lette-Verein erfand den Beruf der Medizinisch-Technischen Assistenz und die Ausbildung zum Metallurgen.

Klare, helle Luft, als wir aus dem Dommuseum ins Freie treten. In der Wilhelmsdorfer Straße leihen wir uns Räder und radeln, versehen mit detaillierten Routenempfehlungen, los. Die Überfahrt mit der Havelfähre Neuendorf ist so rundum idyllisch und perfekt, dass ich schon beinahe beschlossen hatte, sie nicht zu erwähnen. Am Seil läuft das kleine Fährschiff über einen stillen Seitenarm der Havel. Erinnerung an Kindheitsglück, intakte Natur. Erkennbarer Pendelverkehr durch Kinder, die das Maß einer einmaligen Fährdienstleistung übersteigen (als Spaßfaktor), ist durch das Fährpersonal auszuschließen, warnt die Betreibergesellschaft. Die Fährfrau in ihrem blauen Blaumann ist so breitschultrig, so gelassen und selbstbewusst, dass kein Kind ever auf den Gedanken kommen wird, mit ihr irgendeinen Spaßfaktor zu vervielfachen.
Durch Wiesen wie früher, durch sonnigen Auenwald und erfreut von Seeblicken radeln wir am Westufer des Plauer Sees entlang: Schloss, Fontaneweg, englischer Landschaftspark, Kiefern im märkischen Sand, Hausboote, Seerestaurant, Industriegeschichte in Kirchmöser. Es ist alles so wie gedacht, wenn nicht sogar eine Spur leerer und verwunschener. So viel Hübschheit erschöpft. Als wir den Silokanal erreichen, sind wir eigentlich bereit für ein Nachmittagsschläfchen. Aber an der Halle des Stahl- und Walzwerks Brandenburg dort drüben kommen wir nicht vorbei.

Bild 1 (c) siehe unten

Wie ein hart gelandetes UFO steht die Maschinenhalle am Kanalufer. Rostige Kaikräne, verzogene Schienen und rissiger Asphalt berichten von jahrzehntelangem Verfall. Alles in dieser Halle ist so unerhört überdimensioniert, dass ich mich auf der Stelle wie ein Kind fühle, das staunend vor so viel Können und Größe steht. Die Frauen, die uns in die kleine Ausstellung zur Werksgeschichte einweisen, erzählen, dass sie bis zur Schließung 1993 hier gearbeitet haben. Sie strahlen eine Ernsthaftigkeit aus, die ansteckend ist. Das hier mag nun ein technisches Denkmal sein, aber es ist immer noch ihr Betrieb.
Es riecht intensiv nach Eisen, Rost, metallischen Gegenständen, Maschinenöl und Feueröfen. Nicht unangenehm. Eher trocken, funktional. Nach Dingen, Bewegung, Funken, Mechanik. Braun glänzt in allen Mattierungen, rostiges Rot, gedecktes Grau, staubiges Mauve, verwischte Schwarzschattierungen, müdes Beige, leuchtendes Blau dazwischen. Als beträte man ein Bild, losgelöst von den ursprünglichen Funktionen, vom Schmutz und Lärm und Tun.

Im Stahl- und Walzwerk Brandenburg wurde in zwölf Siemens-Martin-Öfen Stahl geschmolzen, der größte Rohstahlproduzent der DDR mit mehr als 10.000 Beschäftigten. Knapp ein Drittel davon Frauen. Wenn ich in der schwarzweiß gedruckten Dokumentation zur Dauerausstellung lese, dass die Metallurgie in der DDR von allen Industriezweigen den höchsten Anteil an Schichtarbeitern hatte, 64% der Beschäftigten dreischichtig arbeiteten und 38% zweischichtig, dann scheue ich ehrlich davor zurück, mir den Alltag der Frauen vorzustellen – eingereiht in den Arbeitsprozess und weiterhin zuständig für die Familie. Dreischichtbetrieb multipliziert mit Doppelbelastung. Selbst 900 Krippen-, Kindergarten- und Hortplätze, eigene Ferienheime, der Sportverein BSG Stahl Brandenburg, ein Kulturhaus und die Betriebszeitung Roter Stahl erleichtern diese gewaltige Arbeitslast nicht. Sie verengen eher die Lebenswelt, denn Arbeit wie Freizeit wie Kinderbetreuung finden innerhalb des Werks statt. Das Werk ist das Leben, die Kolleginnen eine zweite Familie.

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Das Werk, das der saarländische Stahlbaron Rudolf Weber mit erfahrenen Stahlarbeitern aus seiner Heimat 1914 ans Laufen brachte, übernahm Friedrich Flick 1929, wandelte es in einen Rüstungsbetrieb um und beutete für die Panzerproduktion tausende Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter aus. 1917 inserierte Weber im Brandenburger Anzeiger. Er suchte kräftige Frauen für Kriegsarbeit. Wieder aus Mangel an Arbeitskräften mussten Frauen dann von 1945 bis 1947 schwerste körperliche Arbeit bei der Totaldemontage und Verschickung des gesamten Werks übernehmen – eine Reparationszahlung an die Sowjetunion. 
1950 kam der Neustart der VEB Stahl- und Walzwerks Brandenburg mit tüchtigen Hausfrauenbrigaden für ungelernte Tätigkeiten und dem Wanderwimpel für die Siegerin im Quartalswettbewerb. Auf einem Foto aus dem Bundesarchiv ist Frau Elisabeth Däubert zu sehen. Vor ihr auf dem Tisch ein beknackter, billiger Wimpel mit der Aufschrift Beste Locherin. Beste Locherin. Lochkartenlocherinnen lochen nach Vorgaben Lochkarten. Den ganzen Tag. Das Foto zeigt sie im Kreis ihrer Locherinnen-Kolleginnen, alle lächelnd wie brave Roboterchen.

Auf unserem eleganten Bootssteg an der Havel, mit Oliven und Weißwein und Abendsonne, beschleicht mich ein Anflug von Schwermut. Am anderen Ufer blaut die Fahne des F.C. Stahl Brandenburg am Mast der Laubenpieper. So viel Kunst, so viel Arbeit. So wenig Veränderung in manchen Dingen.

Ein Foto rettet mich. Qualifizierung bei Freunden heißt es. Den  jungen kubanischen Arbeitern fällt es noch nicht leicht, sich den Arbeits- und Lebensgewohnheiten anzupassen, die unter anderem auch klimabedingt zuhause anders sind.
Was für ein Spaß wäre das rauszufinden, was siebzig langhaarige Kubaner in Brandenburg so angestellt haben.

Bild 2 (c) siehe unten

Ferienlofts havelblau, Übernachtung ab 105 € | http://www.havelblau.de
Dommuseum Brandenburg, Burghof 10, Mo – Sa 10  – 17 Uhr | So 12  – 17 Uhr
Fahrradvermietung Fillipi, Wilhelmsdorfer Straße
Industriemuseum Brandenburg, August-Sonntag-Straße 5, Di – So, 10-17 Uhr

Bild 1: (c) Stiftung Haus der Geschichte; EB-Nr. 1995/11/1596. Urheber R. Barnick GmbH, Berlin, Zentralkomitee der SED
Bild 2: (c) Kubaner im Stahlwerk 1980 Bundesarchiv , Bild 183-69945-0002 / Martin / CC-BY-SA-3.0, via Wikimedia Commons

In sieben Stunden um die Welt. Im Bus von Frankfurt nach Hamburg

Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal getan? Die gewöhnlichste Strecke der Welt, die Fahrt von Frankfurt nach Hamburg, wird zum Abenteuer, wenn man das Verkehrsmittel wechselt. Die Welt in einer hellgrünen Nussschale. 

Die Deutsche Bahn mag unpünktlich sein, das Bistro geschlossen oder Züge mögen ausfallen – es ist trotzdem alles vertraut. Die Ansagen, Gepflogenheiten, Reservierung, Verhaltensweisen der Fahrgäste, die Schaffner und der verlässliche Standard aller Abläufe machen aus jeder Bahnreise die Wiederholung der letzten. Das ist zumeist angenehm, weil unaufdringlich. Wenn eine Bahnfahrt gut läuft, erinnert man sich nach der Ankunft nicht mehr an sie.

Eine kleine Straße südlich des Hauptbahnhofs. Ich betrete das Areal der Fernbusgesellschaft und fühle mich augenblicklich in einem anderen Land. Das hier ist anders. Anzugträger, ordentliche Reisende, Familien – das Durchschnittspublikum eines deutschen ICEs eben – sind weg.
Hippiemädchen, Studenten, zerknitterte Alte, Tüten, Rucksäcke, Zigarettenqualm, Wasserflaschen, Gerödel an jeder Bucht. Hinter der Schranke hängt ein Mann im gestreiften Campingklappstuhl und dirigiert mit seinem Ipad alle Bewegungen. Chillige Atmosphäre, keiner hetzt oder drängelt. Nichts hier fühlt sich nach Deutschland an.

Vor sieben Jahren wurde das Personenbeförderungsgesetz von 1935 novelliert und Fernbuslinien dürfen seitdem auch solche Strecken bedienen, die bereits auf der Schiene von der Deutschen Bahn angeboten werden. Frankfurt – Hamburg zum Beispiel. Von meinen Nachbarn käme trotzdem niemand auf die Idee, einen Fernbus zu benutzen. Das ist was für Ausländer, Jugoslawen allgemein. Zwielichtig, schmuddelig, Südosteuropa.

Der Kontrolleur in leuchtgrüner Weste scannt die Handytickets und telefoniert währenddessen. Er ist so lässig und jung und gut gelaunt bei der Arbeit, dass es eine Freude ist.
Ins Mikro: »Ich geh Amsterdam.«
Scan, Lächeln. »Ticket korrekt. Suchst du dir Lieblingsplatz.«
Ins Mikro: »Bringst du Mustafa.«
Scan, Lächeln. »Korrekt. Feines Hemd, Bruda.«

Neben einem jungen Mann ist ein Sitzplatz frei. Saubere Fenster und Polster, Wlan, Steckdose, verstellbarer Sitz, die Ausstattung ist völlig ok. Überpünktlich fährt der Bus los, die Klimaanlage läuft, es ist leise. Ich schließe die Augen und fahnde in meinem Hirn nach größeren Geduldsvorkommen. Sieben Stunden soll die Fahrt dauern.
Mit geschlossenen Augen ist der Geruchssinn sensibler. Die Lüftung wirbelt mir von vorn einen Geruchsnote in die Nase, die mich an etwas erinnert. Ich stolpere durch Erinnerungen und Urlaube, suche in allen Ecken Europas und meines Gedächtnisses. Südlich, weiter südlich. Eher Spanien als Italien. Die Fähre setzte über von Algericas nach Tanger. Riecht es nach Meer? Nein. Lehmig, erdig, scharf, trockene Luft. Eine Spur zu intensiv. Schattige Restaurants und Kacheln an der Wand. Die Schärfe treibt kalte Schweißperlen auf den Nasenrücken. Ras el Hanout, das ist es. Damit war das Hühnchen gewürzt. Jetzt erkenne ich noch Kreuzkümmel und Muskat. Der Mann zwei Reihen vor mir kommt zweifelsfrei aus Nordafrika.

Schräg gegenüber, um einen Vierertisch gruppiert, reist eine Familie. Die junge Frau ist mit ihrem kleinen Mädchen und ihrer Mutter unterwegs. Schwarze Locken und drei identische Nasen lassen keinen Zweifel an der Verwandtschaft. Ich verstehe die Sprache nicht, doch in dem Singsang taucht wie ein Korken im Strudel ab und an ein Klang auf, eine Vokalfolge, die man glaubt zu verstehen, die ich eigentlich verstehen können müsste, so vertraut ist der melodische Italo-Klang. Rumänisch. Ich erinnere mich an Mălina, Studentin aus Sofia, die drei Monate bei uns war. Grundstudium in London, klug und ehrgeizig und von ihren Eltern ebenso wie ihre Brüder in die Welt geschickt, dass sie nie wieder in den Korruptionssumpf von Rumänien zurückkehren solle. Sie hatte uns als Gastgeschenk getrocknete Gewürze mitgebracht: Liebstöckel, Paprika und Bohnenkraut aus dem Garten ihrer Großmutter. Die Großmutter da drüben riecht jedenfalls wie Hulle nach kalten Zigaretten. Als sie aber einen Alubehälter auf den Tisch hebt, mit einem Handtuch umwickelt, damit die Speisen länger warm bleiben, und alle drei in Soße getränkte Kohlrouladen mit Liebstöckel essen, frage ich mich schon, ob Flixbus das Publikum gecastet hat, damit ich was erlebe.

Zur Gewissheit wird diese Vermutung in Göttingen. Dort steigt ein Paar zu, das es in der Wirklichkeit eigentlich nicht gibt. Beide sehr alt, die Frau gehbehindert, Hüte, zahllose Taschen, asiatische Gesichtszüge und – in chinesischer bäuerlicher Kleidung. Zumindest stelle ich mir so chinesische Bauern vor. In China habe ich keine Bauern aus der Nähe gesehen, aber wenn ich den beiden Hutzelalten von den Behindertensitzen des Fernbusses im Reisfeld begegnet wäre, hätte ich ein Foto gemacht. Sie sprechen chinesisch miteinander und ihre Essensvorlieben sind eine olfaktorische Herausforderung: Burger King. Krass viel Burger King.
Mein Nachbar hilft mir mit seiner Geschichte über diese Erfahrung hinweg. Der Arzt spricht nicht nur hervorragend Deutsch, sondern auch Englisch, Temne, Mende und Krio, spricht von Blutdiamanten, Rohstoffen und Terrormiliz. Aus Freetown in Sierra Leone ist die bürgerliche Familie nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs nach Europa geflohen, nur seine Mutter sei nicht mitgekommen damals, habe das Land nicht verlassen wollen. Als 2014 die Ebola-Epidemie in Liberia und Sierra Leone ausbrach, zählte sie zu den Todesopfern.

Auf die Minute pünktlich rollt der grüne Bus auf den ZOB in Hamburg. Ich bin weit gereist.

Abenteuer Kreuzfahrtschiff

Kreuzfahrten liegen im Trend. Alle kreuzen im Mittelmeer, durch die Ostsee und zu den Perlen der Karibik.
Wir haben einen Tag lang ein Kreuzfahrtschiff im Hamburger Hafen erkundet. Das Logbuch eines Abenteuers.

»You like, ya?« Zögerlich öffnet das Kind die exotische Frucht. »Yes, you try please.« Die Kellner strahlen, nicken aufmunternd. Rambutan ist eine der häufigsten Obstsorten im Malaiischen Archipel. Deutsch sprechen sie nicht, die jungen Asiaten im Service und ihr Englischvorrat ist mit der nächsten Frage ausgeschöpft: »Red wine, weit wine?« Hurtig räumen sie leer gegessene Teller ab, flitzen, richten, lächeln, apportieren, gut gelaunt und unglaublich schnell.

Am frühen Vormittag sind wir an Bord des Schiffes am Kreuzfahrtterminal in Hamburg gegangen. Für ein paar Stunden  gehören wir dazu, zur Welt der Kreuzfahrer, zu den Familien, die in einer grauen Abfertigungshalle sich lange geduldet haben, um in den Bauch des Giganten befördert zu werden. Wir werden allerdings die Meere nicht befahren, wir folgen keiner Sehnsucht. Wir erkunden einen Tag lang ein Schiff am Pier. Um den Hals hängt die Bordkarte, das Sesamöffnedich für eine Reisewelt. Gewiss hatte ich Vorurteile. Mich zog nichts auf Kreuzfahrtschiffe, doch bitte: Soll jeder nach seiner Fasson froh werden dürfen. Meine Ablehnung war diffus, beschränkte sich auf eine grundsätzliche Abneigung gegen viele Menschen an einem Ort und allgemeine ästhetische Erwägungen. Doch nun gehe ich – gewissermaßen durch einen glücklichen Zufall – mit meinen beiden Kindern durch den gläsernen Finger auf eine Hochhausfassade zu, die an Ostberliner Riegelbebauung erinnert, und bin irgendwie gespannt. Ich mache schließlich etwas, was ich noch nie gemacht habe. Ein Abenteuer liegt vor mir, ich bin bereit. »Reden Sie sich einfach ein, Sie würden bleiben«, steht in Versalien auf meiner Bordkarte, die ich zusätzlich zum Band gut festhalte, denn sie ist das Pfand für meinen Reisepass, den ein asiatischer Uniformierter einbehalten hat. Ich folge in den nächsten Stunden diesem Vorschlag und stelle mir vor, wie es wäre an diesem Ort zu bleiben.

Neben der Rambutan hat das Kind begeistert eine ganze Reihe exotischer Früchte an den Buffets gejagt. Das andere Kind ertränkt auf seinem Teller cremefarbene Sachen in brauner Soße. Während wir in dem Restaurantbereich zu Mittag essen, umspült uns der Lärm Hunderter Menschen, die unentwegt in Bewegung sind. Künstliche Säulen, Natur suggerierende Dekorationselemente aus Plastik und farbige Raumteiler springen uns an. Kunstlicht schiebt das diffuse Tageslicht an den Bildrand. Menschenschlangen ziehen an Platten vorbei. Eine Überfülle an Fisch, Gemüse, Fleisch, Salaten, Süßspeisen. Wein und Bier seien bei Tisch inbegriffen, wurde uns gesagt. In anderen Bordrestaurants geht der Alkohol extra, deshalb bleiben sie hier lange sitzen und betrinken sich ausgiebig umsonst, die Menschen, die an Land normale Nachbarn sind, weiße Familien, ältere Paare.

Während in der Halle, in die eine kleine gotische Kathedrale passen würde ohne zu stören, ein High-Tech-Laser-Show abgespielt wird, bekommen alle Popcorn und sämigen Fruchtsaft. Draußen scheint hell die Sonne, die gegitterten Fensterflächen jedoch sind von Rollos abgeschirmt. Farbige Lichtkegel sausen um Kurven, Rosa leuchtet es im Fahrstuhl, Blau in den Gängen, Lila über den Reihen blinkender Glückspielautomaten. Popmusik mit hochfrequenten bpm läuft in allen Public spaces. Unentrinnbar. Wir sind noch keine Stunde an Bord und die Außenwelt ist verschwunden. Mein Zeitgefühl verblasst. Über dem überwölbten Pool-Pantheon liegt ewiger Sommer, in der Cocktailbar endet die Nacht niemals. Die Kinderclubs haben Tageslichtlampen und bunte Wände, ganztägige Betreuung für Kinder ab sechs Monaten. Zuhause nehmen sich Eltern eine Woche Urlaub, um die Kinder in der Kita einzugewöhnen, an Bord nimmt man ihnen die Betreuung der Kinder für eine Woche ab.

Während meine Kinder hingerissen futtern, alles anfassen, sich in Lounge-Chairs werfen und nice! brüllen, frage ich mich, was Erwachsene wohl während eines Seetages an Bord tun. Und wo. Auf diesem riesigen Schiff gibt es in Wahrheit keinen Platz. Ein schmaler Umlauf zieht sich auf dem obersten Deck um das Vorschiff. Spazieren verbietet sich gleichwohl, denn Minigolfbereiche und markierte Joggingstrecken besetzen den knappen Raum. Der Wellnessbereich verfügt über eine Außenterrasse, auf dem stehen aber Plastikwhirlpools, Sonnenschirme und Dinge herum. Irgendwann dämmert mir, dass die Frage falsch ist. In dieser Welt der Spa- und Barbereiche wird die Last des Erwachsenseins von einem genommen. Dieser monströs große Raum ist eine perfekt entworfene Infantilisierungsmaschine, konsequent der radikalen Bedürfnisbefriedigung verschrieben. Hier in dieser schwimmenden Zwischenwelt darf ich enthemmt konsumieren, verantwortungsfrei und selig gegenwärtig sein. Noch bevor ein Bedürfnis einen Namen hat, wird es von der Befriedigung eliminiert. Immerzu füllt Weiches den Mund, ohne Unterlass fließt Alkohol, irre farbige Dekorationen bombardieren die Sinne, Raummöblierungen verstellen den Blick, bis nichts anderes mehr Kontur hat als der nächste Drink.

Sich voll laufen zu lassen ist eine quasi natürliche Fortführung des Kreuzfahrtkonzeptes für Familienschiffe. Später lese ich, dass sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen zu den häufigsten Delikten auf Kreuzfahrtschiffen gehören – geschuldet dem hohen Alkoholkonsum.
Von Ängsten entstellt wälzen sich im dritten Höllenkreis die Schattenleiber jener Toten, die der Gier verfallen sind.

Restlos ist die Natur also nicht gebannt. Auf dem ganzen Schiff sind an Treppenaufgängen, in Fluren, in Nischen und vor dem nächsten Irgendwas-Bereich Desinfektionsspender angebracht. Brühe auf die Finger spritzen, wedeln, weitergehen. Was gegen Noroviren und Bazillen in Stellung gebracht wird, erinnert an die Welt da draußen, in der grässliche Bakterien und erwachsene Unternehmer hausen. Die indonesischen Kellner verdienen rund 700 Euro monatlich. Bei einem Stundenlohn von etwa 2,40 Euro müssen sie dafür ungefähr 300 Stunden schuften, sieben Tage die Woche, elf Monate im Jahr. Das Schiff fährt – wenn es denn fährt – unter italienischer Flagge. Italienisches Recht ermöglicht den sogenannten Lohnsteuereinbehalt, das heißt, die Lohnsteuer wird dem Arbeitnehmer abgezogen, doch nicht dem Staat abgeführt. Die Reederei behält den Betrag und zahlt nur den Nettolohn aus. Der Mutterkonzern der Flotte hat seinen Sitz offiziell in Panama und zahlte im Jahr 2015 bei einem Umsatz von 15 Millarden US-Dollar einen Steuersatz in Höhe von 2,3 Prozent.

Als ich diese Zahlen zuhause am Schreibtisch nachlese, sind wir schon durch die Hafenanlagen und den Alten Elbtunnel in die Stadt geradelt. Auch die Familienabstimmung über eine Kreuzfahrt liegt hinter uns. Die Abenteurer für einen Tag blickten dabei über den grauen breiten Fluss auf seinem Weg zur Nordsee.

Katzenjammer im Koffer

Ganze Zeitschriften widmen sich dem Thema »Reisen mit Kindern«. Überall warten einzigartige Momente darauf von wunderbaren Menschen erlebt zu werden.
Mit drei Kindern allein zu reisen, kann aber auch eine einzigartige Strafexpedition sein. Der Bericht einer misslungenen Bahnreise.

Als allein reisender Mensch mit drei eher kleinen Kindern sollte man entspannt sein. Ist man aber nicht immer. Zuhause hege ich wie ein Anfänger noch Träume und packe zusätzlich zu allem anderen ein Buch für mich selbst zur Lektüre ein.
Ich lege das neue Hardcover einer Journalistin, deren Arbeiten ich sehr schätze, neben Conny am Strand und Finna, das Wikingermädchen in die Schultertasche. Insgesamt: eine Schultertasche, ein grünes Rucksackmonster, ein Rollkoffer, eine Reisetasche in Marienkäferdesign, ein Beutel mit Delfinen drauf und drei blaue Rucksäckchen.

Bereits auf dem Bahnsteig im Hauptbahnhof bin ich kaputt, verschwitzt, mit schmerzenden Schultern, genervt. Während ich Kinder und Gepäck bändige und es mir zum zehnten Mal misslingt, mir die reservierten Sitzplatznummern zu merken, und obendrein ein Kind damit droht, sich augenblicklich in die Hose zu pinkeln (was ich aus Erfahrung sofort glaube), ich die Not daraufhin mitten auf dem Bahnsteig gegen die gläserne Wand des Schaffner-Infohäuschens abhaltend verringere, fühle ich mich sehr dünnhäutig. Warum hilft mir eigentlich nie einer? Wie konnte es zu dieser Gesamtsituation kommen? Warum kann ich mir nicht selbstverständlich ein Taxi leisten?
Ich finde es im Prinzip richtig, dass alleinerziehende Mütter mit Kindern über drei Jahren berufstätig sind und sein können sollten. Aber was für ein mühseliges Leben das alles.
Um mich herum Elternpaare mit jeweils einem süßen Kind. Sehen unheimlich tolerant und distanziert herüber. Junge Männer, die gucken. Ein Schaffner, der mich tierisch laut anblafft.

Als ich das nächste Mal Zeit habe hochzuschauen, sehe ich die Journalistin, deren Buch ich dabei habe, mir gegenüber sitzen: kühl, elegant, intellektuell, mehrere Zeitungen vor sich, in kultiviertem, angeregtem Gespräch. Jetzt allerdings akut irritiert. Was man ihr nicht verdenken kann. Ich habe mich früher upgraden lassen, wenn ein Kleinkind in der Reihe vor oder hinter mir saß. Meine Dünnhäutigkeit verstärkt sich.
Inzwischen Schleichtiere überall, Käsebrote, zweimal Finna, das Wikingermädchen laut gelesen, ausgekippter Delfinbeutel.
Dann: Mama, die Frau da ist auf dem Foto in deinem Buch.
Ich atme weiter.
Mama, das ist die Frau! Gekruschel, während ich kniend Buntstifte aus Sitzritzen fische. Das Kind hält triumphierend das Buch hoch.
Ich will nicht, dass irgend jemand jetzt irgend etwas zu mir sagt.
Die Journalistin schaut mich an. Besitzt die Diskretion, kein Wort zu sagen.
Ich wusste, dass sie gut ist.

Gender, Emanzipation, Theorie, Entgeltgleichheit, strukturelle Ungleichheit, soziale Fragen – es ist mir alles egal.
Ich bin eine Frau ohne Hobbies und ohne Zeit zum Lesen. Ich gehe ganz allein auf die ICE-Toilette und wasche mir die Hände. Auch solche Tage gehen vorbei.

Spaziergänge in Beirut

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In der Hauptstadt des Libanons liegen Religion und Konsum, Weltläufigkeit und Enge dicht beieinander. Jung ist die Stadt, lebenshungrig und spannungsgeladen. Ein Spaziergang durch benachbarte Viertel am Meer.

In einer geschwungenen Linie zieht die Wagenkolonne an den Straßenrand. Aus den abgedunkelten SUVs springen Bodyguards, sichern weiträumig die Rue Allenby. Ein Mann in weißem Kaftan steigt aus, in gemessenem Abstand folgt eine Frau in Burka, dann drei Kinder. Es sind Mädchen in bodenlangen schwarzen Gewändern, das älteste vielleicht dreizehn Jahre alt, das jüngste ungefähr neun. Huschende Bewegungen, verschwollene kleine Gesichter, Verbände über Kinn, Nasen und Augenbrauen.

»Die Araber lassen die Beauty Jobs in der Regel früh machen, um ihre Töchter gut auf dem Heiratsmarkt zu positionieren«, kommentiert Berenike die Szene. Auch für sie, die akademisch gebildete junge Libanesin, sind Schönheitsoperationen selbstverständlich. Berenike arbeitet im Marketing und hat, wie die meisten ihrer Freundinnen aus dem christlichen Viertel Achrafieh, Kinn und Hintern machen lassen. Ihr Ziel: ein westeuropäischer Pass, und auch dieser Heiratsmarkt ist hart umkämpft.
Die arabische Familie verschwindet in den Beirut Souks, einer Shopping Mall der Superlative, ein gleißendes Raumschiff mit wassergekühlter Granitfassade. In den angrenzenden Straßen Luxuswohntürme, gewässerte Grünflächen, Housemaids von den Philippinen oder aus Äthiopien führen Hunde spazieren, deren Fell von der erfrischenden Dusche noch feucht ist.

Bis zur Corniche ist es von den Souks nur ein Spaziergang. Auf der Uferpromenade flaniert in den Abendstunden ganz Beirut. Eine Brise vom Meer nimmt die Hitze mit, Kaffee- und Kardamonduft weht aus den Cafés herüber. Am westlichen Ende der Palmen bestandenen Uferpromenade liegt der Sporting Club Beirut. Wer die 25 US-Dollar Eintritt bezahlt, darf den Tempel einer Weltreligion betreten, die heiligste Stätte des Körperkultes. Selbst im herrlich kühlen Wasser des Pools, mit weitem Blick auf die Levante-Bucht, trägt die Dame High Heels zum Bikini. Ein Schild in den Umkleiden weist darauf hin, dass Burkinis im Club nicht als angemessene Kleidung wahrgenommen werden.
Auf der anderen Seite des Zauns, der das Gelände abschirmt, kauern auf dem groben Kies muslimische Frauen, die Fingernägel neonfarben lackiert. In Plastiktüten haben sie Essen mitgebracht, und während sie zwischen den Steinen anrichten, springen ihre Jungs vergnügt von den Felsen ins Meer. Spaziergänge in Beirut weiterlesen