Schule, the Monster under your Bed

(cc) Marc Palm
Monster (cc) Marc Palm

Neulich las ich auf faz.net einen Artikel zum Thema Schulwahl. Die Autorin Julia Bähr berichtet von den Schauläufen, die weiterführende Schulen neuerdings veranstalten müssen, damit sie angewählt werden, und die man als Eltern besuchen muss, um nur ja den optimalen Bildungsort für den Nachwuchs zu ergattern.
Bähr schlingt noch einen Faden in den Text hinein: Ekliger Turnhallengeruch löst Erinnerungen an ihre eigene Schulzeit aus.
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Politische Botschaften. Nachlese zur Hamburgwahl

(cc) P. Figueiredo
(cc) P. Figueiredo

Vier Hamburger Kinder spielen in der Küche Wahlkampf.

Kind 1 steigt auf den Stuhl, wirft sich in die Brust, hebelt mit den Armen wie einst Charles de Gaulle und tönt: „Ich bin OLAF SCHOLZ! Ich bin euer Bürgermeister und heiße Olaf Scholz. Wählt Olaf Scholz zum Bürgermeister!“
Kind 2 steigt auf den Stuhl. Hände zur Raute: „Ihr kennt ja Angela Merkel. Wir sind die gleiche Partei nur in Hamburg – ja, nun, das wars.“
Kind 3 greift sich eine Tulpe aus der Vase, klettert auf den Stuhl und flötet: „Die armen Eisbären brechen im Eis ein. Die Grünen sind für Klimaschutz und haben süße Hunde lieb.“
Kind 4 macht dann dort oben ein sehr ernstes Gesicht: „Die Flüchtlinge brauchen Wohnungen. Es soll alles viel gerechter werden. Wählt die Hinken.“

Sehen wir einmal davon ab, dass die kindliche Perspektive das Bild leicht verzerrt, so bringen doch die Performances auf der wackeligen Speakers’s corner die Wahlbotschaften ganz gut auf den Punkt: der präsidiale Ton der Sozialdemokraten neben der Unkenntlichkeit der Christdemokraten, die weichgespülte Rückbesinnung auf grüne Umweltthemen neben dem sozialen Schlagwortgewitter der Linken.

Sitzung_der_Ersten_Kammer_des_Preussischen_Landtags
Lupenreines Dreiklassenwahlrecht: Preussischer Landtag

Ob dieser Wahlkampf nun ungewöhnlich ideenlos war, will ich gar nicht kommentieren. Die Plakatflut erreicht jedenfalls mühelos elfjährige Mittelschichtkinder. Die Parteien umwerben ihre Zielgruppe nach den Mechanismen der kommerziellen Werbung. Sie kommunizieren die Marke an Konsumenten, die routiniert Bildsprache und Slogans zitieren können wie Jingles für Handys oder Süßigkeiten.

Nun ist die augenfälligste Besonderheit dieser Hamburger Wahl die unterschiedliche Beteiligung in den Bezirken. Insgesamt lag sie mit 56,9 Prozent niedriger als bei der letzten Bürgerschaftswahl. Im sozial schwachen Stadtteil Billbrook aber gingen nur 26,3 Prozent zur Wahl, im armen Neuallermöhe 39 Prozent. In den wohlhabenden westlichen Vierteln Nienstedten, Othmarschen und Groß Flottbek machten 75 Prozent (!) der Bürger_Innen von ihrem Wahlrecht Gebrauch.

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Frauen im Freien

Ehegattinnensplitting, eigenständige Existenzsicherung – drängende Themen sind ausreichend vorhanden, doch ich habe heute einfach nur meine kleine Tochter mitten am Nachmittag aus dem Hort abgeholt und bin mit ihr in den Park gegangen. Da sitze ich nun im Schatten (!), esse Karamelleis und genieße diese goldene Stunde – wunderbares Privileg des Freiberuflerinnentums: mit den Kindern sich ab und an eine Stunde Auszeit zu nehmen.
Mein Blick schweift über die große Wiese, über Spielplatz, Baumgruppen und Bänke. Lauter Freiberuflerinnen! (Ein ausgezeichneter Moment, um meinen All-time-Lieblingswitz zu erzählen: Ein Dichter wird als Zeuge vor Gericht geladen. Der Termin ist auf acht Uhr am Morgen anberaumt und der Dichter ist ob der frühen Stunde angemessen beunruhigt. Er ruft ein Taxi, nimmt im Fond Platz und lässt sich durch die Stadt chauffieren. Beim Blick aus dem Fenster sagt er: „Oh, so viele Zeugen!“)
Kein einziger Mann im Park und ich habe genau geschaut bei einer 200 Grad-Panoramaperspektive von meiner perfekten Bank aus. Nicht ein Opi, kein tüchtiger Parkwächter und nicht ein Elternzeit-Vater. Dabei sagt die aktuelle Statistik, dass so großartig viele Väter sich die zwei bezahlten Monate gönnen. Rein rechnerisch müssten in diesem Park bei einer Stadtteilbevölkerungszahl von 360.000 mindestens vier Väter sein (habe beim ZEIT-Mathetest exzellent abgeschnitten).
Die Atmosphäre ist keineswegs unangenehm, im Gegenteil: heiter und entspannt. Aber doch bemerkenswert, dass sich mitten in einer Großstadt eine Szenerie entfaltet, die an ein Sittengemälde des späten 19. Jahrhunderts erinnert. Dass in Linienbussen etwa 85 Prozent der Fahrgäste weiblich und/oder lebensälter sind, verwundert nicht. Eine klare Korrelation zu Einkommen, Besitzverhältnissen und Lebensradius. Aber  wo sind die Väter, die männlichen Arbeitslosen, Freiberufler, Rentner und Angestellten am späten Nachmittag?
Eben nahm ein Freiberuflerin neben mir auf der Bank Platz, ignorierte mein Tun und erzählte ungefragt, sie sei Freiberuflerin. Als ob ich das nicht gewusst hätte.

Clara Bow in Concert

Gute Mucke aus Hamburg: CLARA BOW
Die Vier sind zu hören & zu sehen am
16. Mai im Golem, Große Elbstraße 14: Release Party und Concert

Also ich geh hin.