Auenland im Singlespeed

Triste Wochen liegen hinter uns. Von Corona befallen. Krank in Quarantäne, drinnen und trostlos. Wir atmen flach und schlucken Vitamine. Schneeregen schlägt an die Scheiben. Während der ersten Pandemiewelle blickte ich aus dem Fenster, nun schaue ich zurück in den Sommer. Viele Winter und viele Sommer sah ich kommen und gehen. Geduld nur, Geduld! sagt Tomte Tummetott und beschwört in Schneenächten die Erinnerungsbilder heller Sommertage.

Bilder wie das von einem frühen Sonntagmorgen im August. Wir ziehen die Haustür zu und stehen auf dem Bürgersteig. Zwei Frauen, drei Mädchen. Wir sind keine trainierten Radlerinnen, aber guter Dinge und bereit, die nächsten Tage einen der großen Radwanderwege Deutschlands zu befahren: den Elberadweg von Hamburg Richtung Dresden. Ein Selfie und es geht los. Und eines sei jetzt schon verraten: Mehr Ausschilderung und Tourismusmarketing ist auf den 200 Kilometern bis Wittenberge, die wir uns vorgenommen haben, kaum vorstellbar. Sich zu verfahren, erfordert ein Maß an Ignoranz, das außer uns offenkundig kaum jemand aufbringt. Man muss während des Radelns viel reden und an andere Sachen denken, um den Pfad mit dem blau geschwungenen stilisierten Signet zu verfehlen. Es geht aber.

Mein normales Stadtrad, die Landkarte im Einkaufskorb, die alte Picknickdecke und eine Regenjacke aus den achtziger Jahren – die Ausrüstung hat kein Vermögen gekostet. Dazu eine gute Hose für abends, zwei Bücher, die türkisfarbene Reparaturdose und ein Ladegerät. Der Moment, wenn wir feststellen, dass wir fünf Apple-Ladegräte, aber keine Luftpumpe für französische Ventile dabeihaben, liegt noch vor uns.
Die alltägliche Innenstadtstrecke fühlt sich heute wichtig an, denn der Weg vorbei an der Alster und den Deichtorhallen ist jetzt die erste Etappe einer Reise. Auch wir selbst fühlen uns erfüllt von herrlicher Bedeutsamkeit, die uns die wenigen Passanten eigentlich ansehen müssten. So wie Frischverliebte meinen, jeder müsse ihnen die außerordentliche Gefühlsbewegung vom Gesicht ablesen, wenn sie nur über den Bürgersteig gehen.

Wie viele Male bin ich schon entlang der Elbe nach Entenwerder gefahren? Aber erst mit dem Blick der Reisenden sehe ich auf einmal das Bild einer sich in den letzten Jahren neu erfindenden Stadt: die eitlen Fassaden im Überseequartier, umgewidmete Lagerhallen. Hammerbrooklyn, Baakenpark, die gmp-Halte Elbbrücken, Hafenbecken, das Industriegrau und Containerblau der Veddel, Hausboote, dazwischen ein paar Brückenköpfe und Kioske. Avancierte Landschaftsgestaltung, mutige Linien, architektonische Gesellenstücke, Wasser und Licht, die schiere Größe der Entwicklungsflächen – all das strahlt eine enorme Energie aus, geradezu eine Zukunftsverliebtheit. 

Keine Viertelstunde später sind Himmel und Deich die Hauptmotive im Bild. Das Licht wird heller über den historischen Wasserbecken von Kaltehofe, Birkenblätter glitzern. Über die Tatenberger Schleuse radeln wir ins Spadenland. Buchen entlang der Wirtschaftswege, Entwässerungsgräben, geduckte Reetdächer. Noch keine zwanzig Kilometer geradelt und ich bin schon verliebt in diese sonnige Kulturlandschaft. Es fühlt sich an wie ein Tag in den siebziger Jahren, als wir mit den Bonanza-Rädern über die Feldwege hinter der Siedlung fuhren, Schmetterlinge fingen und mit den Fruchtdingern der Färber-Erle Regenrohre bauten. 

Die Kinder stellen sachlich fest, dass wir krass die langsamsten Radler sind. Die überlegene Konkurrenz: hochgerüstete Sportmänner auf tollen Rennrädern, mit Helmen und Brillen und Schuhen, dass du staunst. Und ältere Herrschaften auf leistungsstarken Elektrorädern, die unsere Nicht-Ausrüstung ganz hamburgisch mit der Augenbraue kommentieren.
Tatsache ist aber, dass wir gut klarkommen. Wir sind nicht in den Alpen.

Mit jedem Kilometer jedoch, den wir in den nächsten Tagen fahren, wird es einsamer und ruhiger um uns. Wir hatten befürchtet, in diesem Corona-Sommer sei es voll an der Elbe. Aber nichts da: Leer, weit und grünblau empfangen uns die Elbtalauen. Wir radeln bei sanftem Rückenwind unter einem strahlenden Sommerwolkenhimmel auf den Deichen. Schwarzpappeln, Graureiher und Weißstörche, Libellen, Biber, Kiebitze, Seerosen. Irgend etwas haben wir richtig gemacht im letzten Leben, um das zu verdienen.

Wir Erwachsene werden wachsweich vor lauter Naturschönheit und Biosphärenreservat und lassen es geschehen, dass das Elend der Welt von uns abfällt. Einfach so.
Der Fluss ist breit, auf einschüchternde Art selbstbewusst, trägt Grenzen, Länder und Geschichte mit sich herum und vergisst sie auch wieder auf dem Weg. Mit jeder Pedalrunde lösen wir uns in diesem stillen Panorama auf. Die Kinder finden es irgendwie okay, aber sie singen. Beim Fahren, zweistimmig, den ganzen Tag. Baden in der Elbe, lungern auf Wiesen und kauen Halme, als hätten sie französische Filme gesehen.

In Geesthacht ist es Zeit für ein anständiges Picknick am Wasser. Stoffservietten. Wir haben Stoffservietten dabei. Das freut mich, denn ich bevorzuge Stoffservietten. Die Kinder fragen nach ihren Serviettenringen. Auch wenn das ehemalige Gelände der Menzer-Werft in eine kollektive Freizeitanstalt umgewandelt, gnadenlos beschildert und hübsch gestaltet wurde, vergessen wir nicht, dass der frühere Reichtum dieses hässlichen Städtchens sich Alfred Nobel verdankt, der 1866 auf der Krümmelschen Anhöhe eine Nitroglyzerinfabrik eröffnete, die mit Zwangsarbeitern und der Rüstungsproduktion für zwei Weltkriege einen Riesenhaufen Geld verdiente und zur Pulverkammer Deutschlands expandierte. Justament auf dem Krümmeler Fabrikgelände entwickelten in den fünfziger Jahren Physiker, die schon für das Atomwaffen-programm der Nazis gearbeitet hatten, das nuklear angetriebene Frachtschiff »Otto Hahn«. Hier wurden dann auch zwei Forschungsreaktoren gebaut und 1984 ging das AKW Krümmel ans Netz.
Und weil die KPD in der Weimarer Republik stärkste Partei in Geesthacht war und sich die Kommunisten in einer legendären Schlacht mit den Sozialdemokraten prügelten, bringen wir den Kindern auf der kurzen Strecke zum AKW den Schlachtruf Wer hat uns verraten? Die Sozialdemokraten! bei, den sie brüllen, während wir auf der Höhe der Kühltürme über einen geschotterten Wohnmobilstellplatz schieben, auf dem Menschen offenkundig ihren Urlaub verbringen. Sie machen Urlaub auf dem Schotterplatz zwischen AKW und Fluss. Grillen, hängen Wäsche auf und stehen rum. Wir brüllen Die Sozialdemokraten! und radeln weiter.

Die Luft dafür haben wir am Hohen Elbufer bis Lauenburg nicht mehr. Quasi gebirgiges Biosphärenreservat. Anhöhen, Steigungen und welliges Gelände inmitten von lichten Eichen- und Buchenwäldern, die Elbe flimmert zwischen den Stämmen hindurch. Beinahe glaubt man sich in echter Natur, bis eine superkomfortable hölzerne Liegebank des Elberadweg-Tourismo-Büros am Viewpoint uns von diesem Irrglauben befreit. Wir haben uns trotzdem drauf gesetzt.

In Lauenburg fahren wir an der alten Streichholzfabrik vorbei und schieben ins Städtchen, wo wir vor poliertem Kopfsteinpflaster und historischen Fachwerkgebäuden ein bisschen ermatten. Aber wir haben es schön in der Pensione, sind weit weg vom richtigen Leben, schauen von der Terrasse aufs Wasser, flanieren über die Hauptstraße der mittelalterlichen Unterstadt, essen Fisch, steigen über die Treppenstufen in die Oberstadt und erfreuen uns im stillen Fürstengarten an dem Wort askanisch. Ja, wir sind vorbildliche Reisende.

Richtig begeistert aber sind wir am nächsten Morgen vom Elbschifffahrtsmuseum (ein Wort). Weil wir die einzigen Besucher sind, dürfen wir die Masken absetzen, was Berliner und Hamburger Kinder befremdet, aber ein Hochgefühl von Freiheit erzeugt. Im Museum erfahre ich Dinge, von denen ich nichts, rein gar nichts wusste. Die Elbe etwa war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts komplett industrialisiert und irre laut. Über 740 Kilometer hinweg lag eine Eisenkette am Grund des Flusses verankert. Kettendampfer fuhren mit ihren Schleppzügen, in denen zehn Schiffe mit bis zu dreitausend Tonnen Fracht hängen konnten, unter ohrenbetäubendem Lärm den Fluss hinauf. Als die KPDler vor der Werft in Geesthacht demonstrierten, haben sie ihr eigenes Wort nicht verstanden, so laut rasselten die Kettendampfer.


Wir schwingen uns auf den Sattel, radeln, verfahren uns (!), gurken um Deiche, während die Elbe Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg trennt und touchiert, als wäre nichts gewesen. Dabei gibt es keinen Augenblick lang einen Zweifel darüber, ob Osten oder Westen. Nach der Wende haben Hamburger und Berliner leerstehende Höfe im Osten gekauft, Fachwerk und alte Gemäuer saniert, ökologisch korrekt renoviert. Cosmea wippen über Holzzäunen, Störche nisten über Reet. Im Grenzgebiet der DDR wurden weder Investitionen getätigt noch Infrastruktur modernisiert. Hier sieht es heute hinreißend malerisch aus. Wie von der zarten Hand einer Landlust-Redakteurin arrangiert, stehen die Jungen im Storchennest. 

Ein Museum können wir noch. Wir nehmen den Abzweig nach Boizenburg. Meine Vermutung: Jemand hat Boizenburg erfunden, damit es ein Städtchen wie Boizenburg gibt. Niedliche Fachwerkhäuser, huckelige Gassen im Mittagslicht, von Linden gesäumte Wege, kunstvolle Fliesenbilder an Häuserfronten, Wassergräben, über die sich Brückchen spannen, und ein hinreißend elegantes barockes Fachwerk-Rathaus auf einem weiten Marktplatz. Am Vormittag muss eine Neutronenbombe über Boizenburg explodiert sein. Kein Leben, nirgendwo. Am Fliesenmuseum stehen wir vor geschlossener Tür. Montag. Historismus, Jugendstil, Art Nouveau und frühindustrielle Fliesen sind der Schwerpunkt der Sammlung, die ich wirklich gerne gesehen hätte. Vor Enttäuschung vergesse ich, dass Boizenburg mit der Regionalbahn eine Dreiviertelstunde von Hamburg entfernt liegt. Diese Idylle muss Lichtjahre vom normalen Leben entfernt sein.

Weil wir Zimmer in einer Pensione in Neu-Darchau gebucht haben, setzen wir am Nachmittag mit der Fähre über. Beschwingt von all der übsch’eit hatte ich fast vergessen, wie das Niedersächsische ist, wie albtraumhaft westdeutsche Provinz in Wahrheit war. Der Ort ist ein Psychopathen-Setting aus Backstein-Bungalows, Schildern, Jägerzäunen, Ausfallstraße und Sparkassen-Brutalismus. Ein Stelldichein der siebziger Jahre-Bedrückung. Wir kochen Nudeln und Pesto in der Küche der Unterkunft, die sehr sauber ist. 

Am nächsten Morgen bringt uns die Fähre zurück ans andere Ufer. Wir haben Gegenwind und die Stimmung ist leicht angespannt. Dömitz soll es rausreißen. Bis da hin müssen wir es schaffen. Bei jeder Flussbiegung erhoffen wir aus der Führungsgruppe den Ruf Aqaba!, doch es zieht sich. Die Kinder hassen inzwischen jede Schattierung von Grün. Endlich erheben sich die Mauern der fünfeckigen Festung über der Elbe wie das osmanische Fort über der Wüste Nefal. Lustlos schlappen wir durch das Gemäuer. Wehrarchitektur der Renaissance steht bei keiner von uns weit oben auf der Liste. Vielanker Fassbrause aber sehr wohl und die Brauerei ist in Dömitz zuhause. Gerettet.
Der Wind streicht durch Silberweiden und bewegt das Schilfgras in den Feuchtwiesen, rauscht durch Eichenkronen und weht wieder aus einer guten Richtung, während wir unter einem hohen Himmel durchs Brandenburgische rollen. Gaarz und Barz, die Besandten und Unbesandten sind keine verfeindeten Brüderpaare, sondern Dörfer hinterm Deich. Rotmilane fliegen ufernah Kapriolen, aber Seeadler lassen sich nicht blicken. In Lenzen wollen wir übernachten.

In Lauenburg war jeder Stein poliert, in Lenzen gedulden sich die Steine. Bescheiden und anrührend ernsthaft empfängt uns das Städtchen. Lunkini lautete der Name der slawischen Burg, heute schickes Bio-Hotel und Ausstellungsort. Ein Barockgarten schließt sich an, der gerade im rechten Maß vernachlässigt wirkt. Die Burgmauern sind gesäumt von üppigen Lavendelsträuchern, ein Landschaftspark geht in die Elbauen über. Im Stadtmuseum betrachten wir historische Fundstücke mit dem orientierungslosen, unstrukturierten Interesse von Reisenden, die einfach nichts Besseres zu tun haben als sich über die Geschichte eines kleinen Ortes zu informieren. Über Slawen und Wenden lesen wir, über Ackerbau, über Poststationen und Sperrzonen hinter der Grenze. Auf einem Schildchen steht, dass es im Jahr 1801 in Lenzen 45 Schuster und Pantoffelmacher gab. Wo fährt man heutzutage hin, wenn man Pantoffel braucht? Wer braucht hier Pantoffeln? Es gibt nicht mal mehr einen Bäcker. Einen Fahrradladen schon, den hätten wir dringend gebraucht, der hat aber geschlossen.

Aber den Rudower See gibt es, das Restaurant Haus am See mit Bratkartoffeln auf der Terrasse und eine Badestelle mit Steg. Blau türmt sich auf Blau. Am nächsten Morgen ganz früh springen wir rein – frierend, jubilierend, allein an diesem glatten glitzernden Dunkelblau, das ans Rudower Moor grenzt. Wir wissen noch von gestern, vom historischen Zinnfigurendiorama, dass bei der Schlacht bei Lenzen der deutsche König Heinrich I. vor gut tausend Jahren mit seiner übermächtigen Reiterei das Heer der Slawen in die Moore und in den See trieb. 200.000 Tote sollen es gewesen sein. Wie lange bleiben Leichen im Moor frisch? War das an meinem Fuß gerade ein Aal oder ein Slawenarm? Voll fies, mit den Pferden auf die Slawen. Die armen Pferde.

Es gibt noch Kaffee und Kakao im Haus am See, dann fahren wir trödelnd los. Die nassen Badeanzüge sind unsere Fuchsschwänze am Korb. Die Handgriffe, mit denen das Gepäck verstaut werden muss, sitzen. Der Hinternschmerz lässt nach den ersten hundert Metern nach. Im Grunde könnten wir ewig durch diesen Elbauen fahren und uns von Rentnern überholen lassen, aber es ist unser letzter Tag. In Wittenberge werden wir mit Sack und Pack und Rad in den Zug steigen.
Vier Tage lang ist mir nicht aufgefallen, dass das blaue Signet des Elbradweges auch zwei Worte einschließt: Labe und Elbe. Labe ist der tschechische Name der Elbe. Das lese ich dann endlich auf einer Bank, wo wir die Beine ausstrecken und vespern, im laminierten Tourenbuch.

Wittenberge baut an seiner Uferstraße. Wir schieben durch Bauzäune, aufgerissenen Asphalt und viel Nichts. Biegen von der Elbe ab und fahren ins Zentrum, das aus einem Kreisel besteht. Seit der Wende hat die Stadt alle großen Betriebe verloren. Geschlossen wurde 1991 das Nähmaschinenwerk Veritas, 1903 als Singer-Werk gegründet und einer der größten Arbeitgeber der Region. Auch das Zellstoffwerk und die Ölmühle wurden abgewickelt, aus dem riesigen Reichsbahnausbesserungswerk wurde zwar das Instandhaltungswerk der Deutschen Bahn, das hat den Bevölkerungsschwund aber nicht aufhalten können. Heute leben in Wittenberge 16.000 Menschen, so viele wie im Jahr 1900.
Leerstand, Plattenbauten, Ein-Euro-Läden und Dönerbuden. Anderthalb Stunden bis zur Abfahrt des Zugs. Wir parken die Räder vor dem Festspielhaus am Paul Lincke-Platz und gehen Eis essen.

Wo habe ich es gelesen? Irgendwo stand, Walter Gropius habe in Wittenberge eine Siedlung gebaut. Die Frau im Tourismo-Büro drückt mir einen lausig schwarz-weiß kopierten Zettel in die Hand. Mehr ham wir nicht.
Die Kinder sind müde und der Weg ist weit. Ich rase und radele allein die Ausfallstraße bergauf zum Kastanienplatz. Die Uhr im Blick, den Stadtplan in einer Hand. Die Landgesellschaft Eigene Scholle vergab 44 Parzellen in dieser Wohnkolonie an Beschäftigte der Singer Nähmaschinenfabrik und der Eisenbahnreparaturwerkstätten mit dem Ziel, zur Sesshaftigkeit der deutschen Arbeiterschaft beizutragen, und beauftragte 1912 das Büro Walter Gropius mit der Planung und Bauleitung. Die Siedlungshäuser wurden 1914 in Ziegelbauweise mit Sparrendächern erbaut. Stall, Tenne, ein Außen-Abort, ein Hof mit Pumpbrunnen und Garten gehörten zu jedem Grundstück der Gartenstadt. Selbstversorgung war ein zentraler Aspekt des Konzepts.


Ich biege außer Atem und leicht verschwitzt in den Lindenweg ein, cruise über den Kastanienplatz und wieder rechts in den Ahornweg. Zeit zum Absteigen ist nicht.
Die Stadt Wittenberge hat es offenbar versäumt, die Siedlung unter Denkmalschutz zu stellen. Jeder Eigentümer hat gebastelt und ausgebaut, gestrichen und seine alte Markise drangehängt. Und am Ende ist es vielleicht das Beste, was passieren konnte.

Vergessen vom Tourismusmarketing, stehen die architektonischen Gesellenstücke dieses Projektes einfach in der Gegend rum und lassen die Zeit durch die mutigen Linien hindurchfließen. Niemand auf der Straße. Der Bodenbelag sieht nach DDR aus. Vielleicht gab es hier am Vormittag auch eine Neutronenbombenexplosion.
Benutzt, bewohnt und vernachlässigt, aber dennoch konzentriert wie in einer Ampulle, bewahrt die klare Architektur die enorme Energie, die sie damals ausmachte, die Zukunftsverliebtheit und Vision einer neuen Stadt, in der Materialität, Rationalität und die Bedürfnisse der Bewohner zählen.

Eine Zeitkapsel mit paar Schadstellen, durch die Licht und Wasser und Hemdsärmeligkeit eindringt. Die durch einige politische Systeme und ein Jahrhundert gerollt ist und mir heute vor die Füße. Ich rolle zum Bahnhof mit dem Hochgefühl einer Entdeckerin.

Geduld nur, Geduld! Es wird wieder Sommer und dann steigen wir in Wittenberge aus dem Zug und radeln nach Magdeburg.


Gästehaus von Herzen / Lauenburg
von-herzen.de
Hostel Auszeit an der Elbe / Neu-Darchau
auszeitanderelbe.de
Pension Bartoschewitz / Lenzen
038792 / 73 78

Die Welt für Hamburger

Januar in einer Pandemie ist der perfekte Moment, um an den Sommer zu denken, an Licht, an Klänge und schöne Orte. Letzten Sommer sind wir zuhause geblieben. Zuhause in Hamburg mit offenen Augen und Fernweh. Nur in der Stadt unterwegs und doch in Europa gereist.
Hier sind sie: die 22 schönsten Postkarten vom Sommer 2020!
Erkennen Sie Straßen und Plätze? Wer die einundzwanzig Orte (der letzte ist unser Balkon!) benennt und uns schreibt oder sie wenigstens gut beschreiben kann, gewinnt etwas unerhört Tolles*.

Ihr Lieben,

unsere Pension in Toulouse hätten wir uns nicht schöner erträumen können. Die Sommerwochen verfliegen! Mit dem Rad machen wir Ausflüge am Canal du Midi, wir schlafen im Gras und trinken Pastis. Jeden Tag lernen wir drei okzitanische Vokabeln – jeder verschiedene. Zusammen können wir uns also bald ganz normal unterhalten.

Herzlich, Eure B.

Ihr Lieben,

ein klarer Nachmittag auf dem Canal Brenta. Palladios Villen machen bessere Menschen aus uns. So fühlen wir uns zumindest.
Von Venedig aus wollen wir morgen nach Triest übersetzen.

Seid herzlich gegrüßt, Eure B.

Ihr Lieben,
von einem Ausflug in den zauberhaften Parc oriental de Maulévrier an der Loire grüßt Euch begeistert und sehr herzlich, Euer P.

P.S. Unglaublich, was Geld in Verbindung mit Kennerschaft vermag! Japanischer Zauber pur.

Ihr Lieben,

das Wetter zeigte sich heute nicht von seiner angenehmsten Seite. Umso mehr konnten wir die Ausstellung in den Uffizien genießen. Vor dem Selbstporträt von Raffael standen wir eine Stunde lang ganz allein.
Ein bezaubernder Tag.

I migliori Saluti, P.

Ihr Lieben,

die Ankunft in Rotterdam vom Wasser aus ist spektakulär! Beeindruckend, kraftvoll und ganz zum Meer hin geöffnet.Wir freuen uns sehr auf die Stadt.

Eure B.

Ihr Lieben,
irgendwie hatten wir uns mehr Trubel, ja, mehr Lebhaftigkeit und buntes Leben in Christiana vorgestellt – und eigentlich auch gewünscht.

Aus dem kühlen Kopenhagen grüßt Euch aufs Herzlichste, Euer P.

Ihr Lieben,

man denkt, niederländische Städtchen seien sich im Grunde sehr ähnlich und als Hamburger könne man nicht viel Neues entdecken. Weit gefehlt! Groningen nimmt uns freundlich auf. Wir spazieren durch Hofjes und an Bürgerhäusern vorbei und trinken lecker Kaffee.

Hartelijk, Euer P.

Ihr Lieben,

wer nach Bornholm fährt, darf sich letztlich nicht beschweren, wenn er dänische Idylle vorfindet. Doch ein Tüpfelchen mehr und wir wären blind geworden vor lauter dänischer Idylle.

Sonnige Grüße von einer herrlichen Insel, Eure B.

Ihr Lieben,

unser Ausflug ins Westfälische hat interessante Seiten und unerwartete Momente. Tatsächlich könnt Ihr froh sein, dass man Geruch nicht auf eine Postkarte kleben kann!

Beste Grüße, Eure B.

Ihr Lieben,
so lange schon wollten wir Lüneburg sehen. Aber dann fuhren wir nach Kanada, nach Ägypten und Jordanien. Diesen Sommer also gehen wir durch Lüneburg.

Herzlichst, Euer P.

Ihr Lieben,

bei einem Spaziergang in der Nähe von Bré fragten wir uns, wie man eigentlich leben kann ohne das Tessin. Eine Landschaft so voller Zartheit und Farben, dass es den Dichter braucht, um sie zu beschreiben. Wir genießen jeden einzelnen Moment dieses Sommers!

Traumwandelnd, Eure B.

Ihr Lieben,
auf einmal standen wir im masurischen Olsztyn in diesem Hinterhof und fühlten uns weit weg von Zuhause.

Herzlich grüßt, B.

Ihr Lieben,
ist unsere Karte von der Wolga-Schifffahrt schon angekommen? Was für ein Strom! Im großen Nischni Nowgorod steht diese kleine Holzkirche, in der wir eine Kerze angezündet haben.

Herzliche Grüße, Euer P.

Ihr Lieben,
endlich spielen Deine Mutter und ich wieder Boule in Aix-en-Provence – so wie früher. Die Pandemie bringt uns auf Ideen!

Bonne chance! P.

Ihr Lieben,
in den Vororten von Manchester fühlt man sich, als spaziere man durch einen Ken Loach-Film.
B. meint allerdings, es könne genauso gut Barmbek sein.

Viele Grüße, P.

Ihr Lieben,
durchgepustet und mit frischen Ideen laufen wir nach einem sonnigen Tag auf der Ostsee wieder in den Hafen von Kaliningrad ein.

Herzlichst, Eure B.

Ihr Lieben,

Ihr dürft uns von nun an gern bürgerlich und/oder unpolitisch nennen. Vor dem Unbill der Welt haben wir uns diesen Sommer in einer toskanischen Villa versteckt, wo das außerordentlich köstliche Abendessen auf der Terrasse serviert wird. Den Kofferraum des Volvos haben wir voll Bücher gepackt. So schnell seht Ihr uns nicht wieder!

Best wishes! Eure B.

Ihr Lieben,
ein Hausboot auf der Müritz! Aus dem Traum ist endlich Wirklichkeit geworden. Schon vor dem Frühstück hüpfen wir ins Wasser, nachmittags gondeln wir durch schönste Natur. Wir hätten vielleicht angeln üben sollen.

Ganz herzlich, Euer P.

Ihr Lieben,

in den sonnendurchfluteten Wäldern der Charente-Maritime radeln wir gen Süden und bestimmen mit einer kostenlosen App fremde Pflanzen. Die Kiefern duften, unser Französisch ist lausig und wir amüsieren uns mit erfundenen Fabeln.

Baguette, bisous, bronzer! B.

Ihr Lieben,

wir dachten, die Berge wären eine schöne Abwechslung. In Blankenese haben wir Trittsicherheit trainiert, alpine Erfahrung in den Harburger Bergen gesammelt und Schwindelfreiheit im Michel getestet. Nun erweisen sich diese Alpen als unbotmäßig bergig. Wir reisen morgen nach München und freuen uns auf den Besuch in der Pinakothek.

Herzlich, Eure B.

Ihr Lieben,

unser Häuschen liegt an den Hängen der Côte d’Azur, wo wir schon in den siebziger Jahren gern die Spätsommer verbracht haben. Unsere Nachbarn sind reizend und wir fahren gemeinsam Weingüter ab. Ein Sommer ganz nach meinem Geschmack!

Cordialement, P.

Ihr Lieben,

der Balkon ist unser Sommer.
Paitho, unsere griechische Landschildkröte, trägt eine lange Geschichte auf ihrem wunderschönen Panzer eingraviert. Und Fanny, das Katzenkind, erinnert uns ans Spielen. Der Eukalyptus duftet.
Wir denken an Euch! B.


*Der zweite Platz wird mit etwas Besonderem honoriert und der dritte mit etwas Schönem.

1. Platz Eine individuelle Stadtführung in Hamburg
2. Platz Eine Flasche ausgezeichneten Primitivo
3. Platz Eine traumhaft schöne Schokoladen-Aubergine

Einsendeschluss: 24. Januar 2021. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Mein Fenster zur Welt. Tag 100, letzter Tag.

Es gibt nur noch ab und an, ganz vereinzelt, Klatscher auf den Balkonen. Sie hören sich selbst applaudieren in der warmen Juninacht. Heikel, der Übergang vom Gemeinschaftsglück zum peinlichen Moment. Die Infektionszahlen sind unten. Alles normal. Ist überhaupt noch Pandemie? War irgendetwas?
Wir haben weiter still in einer verlangsamten Parallelwelt gelebt, während Fitnesscenter längst geöffnet sind, VW wieder produziert, die Lufthansa fliegt, während Schweinebetriebe schlachten und Spielhallen Geld verdienen. Erst heute endet nämlich ein Schulhalbjahr, in dem das kleine Kind innerhalb von vier Monaten genau fünf Schulstunden Präsenzunterricht hatte, nicht zum Rudern ging und nicht in die Jugendgruppe. Heute endet diese Zeit und sechs Sommerwochen ohne Schule, ohne Sport, ohne Jugendgruppe liegen vor uns. Ein Kinderspiel, 42 Tage. Ein Witz gewissermaßen.

100 Tage lang drei Mahlzeiten täglich, ich habe gearbeitet und – wie die allermeisten Mütter – Homeschooling unterstützt, begleitet und verflucht, motiviert und korrigiert, die Stimmung hochgehalten und die Kinder bei Laune. Das ist mir nicht alles gleichermaßen gut gelungen. Aber wie schwierig ist es erst, mitten in der Pubertät monatelang auf seine Mutter als einziges soziales Gegenüber angewiesen zu sein und trotzdem munter jeden Tag vor dem Bildschirm zu sitzen und irgendwie mit Spaß Hausaufgaben von einer Plattform herunter- und bearbeitete Dateien hochzuladen?

Wie cool sind diese Kinder, dass sie sich ganz ohne Zwang für schwierige Themen interessieren, Sachen rausfinden, Aufsätze schreiben, alleine rechnen und Youtube-Mathevideos eben zweimal anschauen, wenn sie es beim ersten Mal nicht verstanden haben? Wie stark, dass sie Vokabeln auf dem Rhythmus von Rap-Songs lernen und über Houseparty zusammen französische Dialoge schreiben. Wie lässig sie Musik machen, soziale Medien bedienen und Tänze erfinden. Das Kind hat einen wirklich guten Job im Homeschooling gemacht – den Spaß am Lernen ohne die Schule erst richtig entdeckt – und die Einsamkeit wie eine Ehrenfrau weggesteckt, weil Virus.

Heute durfte sie sich die Hände waschen und ein Zeugnis für erbrachte Leistungen entgegen nehmen. Die gleiche Mathematiklehrerin, die offenkundig monatelang die eingereichten Aufgaben nicht angeschaut hat, die in diesem Halbjahr nicht einen Satz mit ihrer Schülerin gewechselt, keinen Test korrigiert hat und vor Überlastung nicht einmal das Telefon bedienen konnte, gibt meinem Kind ansatzlos eine Vier minus. Eine Vier allein hat nicht gereicht. Es musste schon noch ein Minus dahinter. Vielleicht hat sie Gründe. Auf die bin ich sehr gespannt. Doch am Ende geht es nicht um diese eine Person. Auch gehört Lehrer-Bashing nicht zu meinem Hobbys.

Was mich betrifft, so ist diese Corona-Krise noch lange nicht beendet. Was mich betrifft, ist es Zeit, diesen Ausnahmezustand auf einen echten Wendepunkt zuzutreiben. In was für einem System bewegen wir uns? Zugegeben, es gibt  Schlimmeres als eine schlechte Note, ich lese die Zeitung. Aber es gibt wenig Ätzenderes als Abwertung ohne Not und ein hierarchisches Verhältnis ohne Beziehung. Das Bildungssystem, das mein Kind, die Mathematiklehrerin und auch mich gleichermaßen umschließt und bestimmt, erwartet vom Kind eine hohe Anpassungsleistung, Selbstdisziplin, frohen Mut und eine Selbstbeschränkung, die viele Erwachsene über eine so lange Strecke nicht zu leisten vermocht haben. Bei mir als Freiberuflerin wird tüchtige Selbstlosigkeit, pädagogisches Geschick und allgemein staatsbürgerliche Loyalität vorausgesetzt. Von der verbeamteten Lehrerin verlangt der politische Rahmen einer Pandemie, dass sie ihr Arbeitsblatt fotografiert, es als PDF hochlädt und Digitalisierung dazu sagt. Schule als Konstrukt hat sich in dieser Corona-Ausnahmesituation in ihrem Selbstverständnis keinen Deut verändert, auch wenn allerorten digitale Kompetenz bejubelt wird. Das System und seine Protagonisten ist zu starr oder zu selbstsicher, um sich an neue Verhältnisse anzupassen. Bewertung hat am Ende mit beiderseitiger Anerkennung zu tun. Es ist an der Zeit, dass sich Schule neu erfindet, denn die Kinder haben Lunte gerochen: Lernen ohne Schule macht Freude. Denken ohne Lehrplan bewegt.

Der Verfassungsrechtler Oliver Lepsius hat in der FAZ darauf hingewiesen, dass das politische Leitmotiv Systemrelevanz ein verfassungswidriges Kriterium ist, »denn die Grundrechte lassen keine Hierarchisierung der Freiheitsbereiche zu«. Das klingt komplizierter, als es ist. In der Krise setzte sich – durchaus mit plausiblen Gründen – eine virologische Handlungslogik durch: Krankenhaus, Intensivstation. Auslastung. Andere Freiheitsbereiche sind dabei über Bord gegangen. Vergnügen und Hobby zum Beispiel, die im Grundgesetz zur freien Entfaltung der Persönlichkeit zählen, haben keine grundrechtliche Lobby. Kontaktsperren und Schulschließungen aber soziale Konsequenzen. Es ist in der Pandemie irrelevant, ob mein Kind rudert. Es ist irrelevant, ob Jugendliche mit der sozialen Beschränkung zu kämpfen haben. Die Sache ist nur die: Wer sich in seinen Bedürfnissen als strukturell irrelevant wahrgenommen sieht, wird scheinbar kleiner, doch im Kern freier. Noch lässt die Vier minus die Tränen fließen und ein perfektes Kind für einen Sommertag vor Scham unter die Decke kriechen. Im September sieht die Sache vielleicht schon anders aus. Womöglich ist es für das Kind dann irrelevant, welche Note das System für es übrig hat.

Vielleicht gebe ich euch auch mein Kind dann nicht mehr. Studier ich eben Pädagogik und krieg eine Eins. Staunst du.

Mein Fenster zur Welt. Tag 29

Aleš Šteger, slowenischer Dichter, Autor und Verleger, schaute gestern im FAZ-Feuilleton aus seinem »Fenster zur Welt« in Ljubljana. Ein schöner Text, der die wechselvolle Geschichte eines Hotels auf der anderen Straßenseite erzählt. Nun ist es seit Wochen geschlossen, das so abwechslungsreiche wie ablenkende Fenstertheater der Hotelzimmer gegenüber beendet und der Autor in der ereignislosen Spiegelung der Glasfassade auf der anderen Straßenseite dem Blick auf sich selbst ausgesetzt.
Leuchtender Sonnenschein, gleißend helle Nachmittage wie am Meer sind das Signum der Epidemie. Ich schaue aus meinem Fenster zur Welt und blicke auf das sonnige Fenstertheater gegenüber und als Vexierbild hineingelegt die Spiegelung meines eigenen Fensters, hinter dem ich mich und meinen Nachbarn unter mir sehe. Wir alle vor und hinter diesen Fenstern sind Eingeborene, wie Aleš Šteger schreibt. Wir sind Akteure und Zuschauer, Spiegelbild und Schreckensmaske kleiner Alltage vor und während der Krise. Mich beschäftigt ein Gedanke aus seinem Text: (wir,) die wir in unseren Wohnungen gefangen auf das Weiterleben nach dem Ende des Nachdenkens warten. Es ist nicht leicht, dem eigenen Blick auf sich selbst und die eigene Misere standzuhalten, es ist viel schwieriger, als wir es uns anfangs beschönigend vorgestellt haben.
Ist es tatsächlich so? Warten wir nur gefangen auf das Weiterleben danach? Ist die Begegnung mit der eigenen Misere wirklich die Erfahrung, die erst die Pandemie in dieser Intensität ermöglicht? Soziales Leben ausgesetzt, Aktivitäten angehalten. Die äußere Welt steht still und wir finden uns in dem kleinen Radius wieder, den wir selbst gestalten. Bei meiner seit Jahren praktizierten häuslichen Lebensführung (siehe hierzu gern: Tag 18) gab es keine Misere zu beschönigen. Sie war schon ausgelotet, als die Kontaktsperre begann. Ich bin eine Eingeborene der Misere. Während ich am Schreibtisch sitze und aus dem Fenster schaue, fasse ich eine kleine Beobachtung am Schlafittchen, denn an ihr nehme ich wahr, dass wir nicht nur vage warten, sondern in der Misere noch ein gutes Leben wagen. Apropos warten: Auf den Anruf des FAZ-Redakteurs warte ich natürlich immer noch.

Die kleine Tochter eines Freundes, so erzählte er am Telefon, zieht sich neuerdings nach dem Frühstück Schuhe und Jacke an, geht den Weg zur Schule und zurück und setzt sich, wieder zuhause angekommen, an den Küchentisch, um ihre Aufgaben im Home-Schooling zu beginnen. Über was für ein intuitives Wissen von der Kraft des Rituals verfügt die Neunjährige: Sie legt Distanz zwischen privatem und öffentlichem Leben ein, vollzieht die Trennung zwischen Familie und Lernen, verwandelt sich selbst von der Tochter in die Schülerin. Auch wenn sie schließlich auf dem gleichen Stuhl sitzt wie vorher, hat das Gehen auf symbolischer Ebene soziale Bedeutung generiert und ein Gefühl der Selbstermächtigung erzeugt. Ich bin begeistert von diesem Kind und seinem Wissen über universelle Codes und deren feine Syntax.
Auch wir üben uns im Verschieben und Umdeuten. Mein großes Kind schreibt diese Woche Abitur. Diese Sommer wird die Zeit sein, von der ich glaubte, sie läge immer in ferner Zukunft. Das erste Kind wird das Haus verlassen und mir wird es gewiss schwer werden. Ich werde vernünftig sein, versprochen, und alles hat seine Zeit, ich weiß. Aber sage keiner, es sei leicht, ein Kind, das man alleine großgezogen hat, gehen zu sehen. Was für ein Geschenk also (nun ja, jedenfalls für mich) und ein Privileg inmitten des Schreckens, die Kinder so viele Wochen zu erleben, sich als Familie im Intensivmodus zu ordnen, sich auszuhalten, zu streiten, zu schweigen, zu nerven, Punkte zu machen, zu essen. Nicht jede Stunde ist witzig, aber die Chance, so viel von seinen eigenen jugendlichen Kindern mitzubekommen, ist unerhört rar und oft unterhaltsam: neue Musik hören, Trevor Noah gucken, abwegige Themen debattieren, Youtuberin spielen, Rollen verhandeln, Zitate platzieren, noch einen Spruch draufsetzen. Erkennen, dass sie erwachsen werden, dass sie sich entspannt entfernen, dass man von vielem keine Ahnung mehr hat, und man sie auch manchmal da lassen muss, wo sie feststecken: im pubertären Wahn. Eine Familie – ein Familie von Vielrednern jedenfalls – wird in einer solchen luftdicht abgeschlossenen Situation zu einer Gemeinschaft von Spielern, einer Gruppe, die unentwegt mit Regeln spielt, die die Grammatik der Rituale umdeutet, verschiebt und verändert, um sich genau in diesen fluiden Umdeutungen zu konstituieren. Brot kann schimmeln. Was kannst du? Why would you say something so controversial yet so brave? Es tut mir leid, Pocahontas. I met someone who makes me feel seasick. Du hast die Haare schön.

Die Formen der Lyrik fürs Deutschabitur begleiten uns, das day’s poem of today kommt heute von Robert Walser.

Die Lampe ist noch da,
der Tisch ist auch noch da,
und ich bin noch im Zimmer
und meine Sehnsucht, ah,
seufzt noch wie immer.

Feigheit, bist du noch da?
und Lüge, auch du?
Ich hör‘ ein dunkles Ja:
das Unglück ist auch noch da.
und ich bin noch im Zimmer
wie immer.

 

 

 

 

 

Mein Fenster zur Welt. Tag 10

Zwischen mir und meinem Fenster zur Welt steht die kleine Messingfigur eines Torwartes. Kein moderner Profi-Sportler, sondern ein eher schmächtiger Kerl mit Ballonmütze, im ausgeleierten Strickpolo, mit knielangen Hosen und breiten Schnürschuhen. Seine Gestalt erinnert an Figuren von Erich Kästner oder Typen beim jungen Brecht. Späte zwanziger Jahre vermute ich. Etwas Lässiges, Städtisches trennt ihn vom gesunden Sportsmenschen, der in der Historie wenig später kommen wird. Sein drahtiger Körper ist gestreckt bis in die kleinste Faser. Von den Fußspitzen bis zu den hoch gereckten Armen bildet er eine gespannte Diagonale im Raum, die Hände fest um den Ball, den er nicht auf ewig aus dem Spiel wird halten können, für diesen einen Augenblick aber auf immer abwehrt. Der einsame Mann hat keine Angst, er springt dazwischen, er ist es, der die bedrohlichen Torschüsse hält, die Angriffe aus dem Lauf, die schellen Pässe, die unerwarteten Fallrückzieher, die die Welt in meine Richtung auflegt.

An einem Morgen im letzten Sommer saß ich unten auf meiner Bürgersteigseite vor der Eisdiele. Eine Nachbarin nahm neben mir auf der Bank Platz. Das darf sie, ist ja schließlich auch ihre Bürgersteigseite. Wir gucken also gemeinsam auf das Haus gegenüber, in dem justament eine Frau ein Fenster öffnet. Von meiner Nachbarin höre ich, weil Gelegenheit günstig, dass diese Frau von ihrem Esstisch aus einen Blog betreibt. Sie schreibt mit sehr großem finanziellen Erfolg über Kinder und Dinge, Gefühle und Mütter. Werbeeinnahmen, Influencerhonorare, eins kommt zum anderen, quasi Wochenendhaus nebenbei, weiß meine Nachbarin zu erzählen. Natürlich habe ich später gegoogelt und gelesen, was es dort zu lesen gibt. Nicht meine Tasse Tee, diese Geschichten. Nun ist die Welt aber voller Dinge, die mich nicht berühren, die in einer anderen Sphäre zirkulieren und meine Meinung nicht brauchen.
Doch fällt seit jenem Morgen vom Schreibtisch aus mein Blick oft auf das Fenster, hinter dem die erfolgreiche Bloggerin sitzt, und mein Herz findet keinen Frieden mehr. Ich schelte mich kleinmütig, während meine Arroganz noch groß genug ist, die Texte abzutun. Ich weiß, dass die Erfolglosigkeit mich schäbig macht. Oft vergesse ich die Influencerin ganz, dann schaue ich auf und der Neid sticht wie am ersten Tag. Sie holt das Schlechteste in mir hervor. Ihre Torschüsse sind auf Messi-Niveau.

Bis gestern fand mein Herz keinen Frieden mehr. Um für den Anruf aus Frankfurt gut vorbereitet zu sein, saß ich am Schreibtisch. In der Wartezeit eines stillen Pandemie-Morgens berührte ich den Sockel des kleinen Tormanns und drehte ihn das erste Mal zu mir um.

Von Albert Camus wird berichtet, er habe 1929 als junger Torwort Großes geleistet: Der Schiedsrichter dieser Partie war ungerecht und erkannte ein Tor nicht an. Albert Camus blieb, als der gegnerische Stürmer wieder angriff, einfach am Elfmeterpunkt stehen, zog mit einer Verbeugung seine Ballonmütze und lud den Gegner zum Torschuss ein. Mein Tormann spielte einfach einen Augenblick lang für die andere Mannschaft, sodass ich das Offensichtliche sehen konnte: Ich bin es, die die Schüsse tritt. Auf den Ball drischt ohne Sinn und Verstand. Ich kann einfach aufhören damit und das Spiel ist vorbei. Bei Camus ging es um Gerechtigkeit, vor meinem Fenster zur Welt immerhin um Freiheit.

Der FAZ-Redakteur wird Anmerkungen haben. »Etwas banal, nicht wahr?« zum Beispiel. Gut möglich. So ein kleiner Perspektivenwechsel macht nicht viel her in der großen Krise. Er muss es ja nicht drucken.

 

Mein Fenster zur Welt. Tag 8

Sonntag in der Kontaktsperre.
Steht die Zeit seit einer Woche still oder rinnt sie in einem geheimen Abflussrohr einfach weg? Hat sie sich zusammen mit der Ordnung der Tage auf die Ersatzbank am Spielfeldrand gesetzt? Am leeren Schreibtisch, den Blick auf der gegenüberliegenden Häuserreihe, spüre ich, dass mit jedem Tag der Krise etwas von der Unruhe schwindet, die mich lähmte und zugleich unter Hochspannung hielt. Das Hündchen Angst scharwenzelt natürlich noch herum, aber ich lasse es nicht auf den Schoß springen.
Gewohnheitstierchen sind wir, meine Kinder und ich: gewöhnen uns an die Folge der Sonnentage, lassen uns in Ungewissheit treiben, schwimmen mit dem Strom leiser Stunden. Dabei gibt es doch einen Zeiger, an dem ich mich festhalten kann. Direkt vor meinen Augen hängt er unbewegt: 1901. Vier goldene Ziffern markieren das Jahr, in dem das Haus gegenüber – wie fast alle Häuser hier – gebaut wurde. Wie oft habe ich diese Zahl schon gesehen und erst jetzt finde ich die Zeit, eine Vorstellung davon entstehen zu lassen, wo die Geschichte, die seitdem um die Ecken geflitzt ist und keineswegs verschwunden, geblieben ist.
Schaut man aufmerksam, sieht man an den Fassaden noch an manchen Stellen die Befestigungen für die Oberleitung der Straßenbahn, die vor 120 Jahren hier durchfuhr, und die boomende Wohngegend mit der Innenstadt verband. Eine Postkarte von 1901 zeigt ausladende Stoffmarkisen vor den Ladengeschäften und die Balkone sind abgehängt mit hellen Leinenstoffen, wie sie heute in Beirut oder Istanbul die Hitze aus den Wohnungen fernhalten. In Istanbul war 1901 wieder die Pest ausgebrochen, die Stadt unter Quarantäne gestellt und im Hamburger Hafen wurden keine Waren aus Odessa und Istanbul gelöscht, weil mit der Ladung Ratten an Land kamen. Im Oktober feierte das politische Berlin mit großem Pomp den 80. Geburtstag von Rudolf Virchow.
Vermutlich beides keine Themen für die Leute hier an der Ecke. Auf Postkarten ist ein Schutzmann zu sehen, mitten auf der Kreuzung steht er behäbig, eine breiten Ledergurt um die Leibmitte. Kleine Mädchen tragen Schürzen über ihren Kleidern, die Männer Zylinder oder modische helle Basthüte mit schwarzen Bändern. Ein einzelnes Automobil parkt, Fuhrwerke scheinen noch zum Straßenbild zu gehören, eine Kutsche kreuzt verschwommen. Frauen flanieren in langen Kleidern und durchaus extravaganten Hüten über die baumbestandenen Trottoirs. Beschaulich, bürgerlich, ruhig.
Wo beim Gemüsetürken heute das Viertel sich mit biologischem Koriander, raren Gewürzmischungen und Flugmangos eindeckt, war 1901 ein Kolonialwarenladen – gewiss eine angenehme Selbstverständlichkeit in der Kolonialmetropole des deutschen Kaiserreichs. Die Dienstmädchen sprangen eben runter und holten Kaffee, Zimt, Kakao oder Palmöl. Im gleichen Jahr erließ Reichskanzler Bernhard von Bülow eine Verordnung, nach der jeder Haussklave in Deutsch-Ostafrika, wenn er kein Sklave mehr sein wollte, eine Abfindung zahlen musste, deren Höhe von der Verwaltung festgesetzt wurde. Damals lebte höchstwahrscheinlich kein dunkelhäutiger Mensch in den Häusern hier. Bei Hagenbeck, wo die Straßenbahn auch hielt, waren gerade die Völkerschauen aus Kamerun sehr beliebt. Heute lebt auch kein dunkelhäutiger Mensch in der Straße. Nur in der Küche des Sushi-Restaurants unten steht tagsüber einer, der spült.

Die lange Weile der Quarantäne ist inzwischen so ausgedehnt und luftig, dass meine Kinder freiwillig Sätze aus dem »Karneval der Tiere« spielen, während der Käsekuchen abkühlt. Hörte und fühlte sich 1901 ein Sonntagnachmittag in dieser Straße genauso an? Und wo zwischen Treppenhäusern und Balkonen sind die systemunabhängigen Verhaltensanweisungen für einen stillen Nachmittag abgelegt? Camille Saint-Saëns erhielt 1901 den preußischen Orden Pour Le mérite für Wissenschaften und Künste. Sicher haben die Musiklehrer anschließend noch intensiver französische Spätromantik an den Flügeln unterrichtet, die überall in den Wohnzimmern auf Eichenparkett stehen. Saint-Saëns, lese ich gerade, verließ seine Ehefrau, indem er einen Zettel auf den Küchentisch legte, auf dem stand »Ich bin weg.« Das hat eine Nachbarin neulich mit ihrem Ehemann genauso gemacht. Der Vorfall hat sich in der engen Vorstadt schnell herumgesprochen, hätte es bei den »Buddenbrooks« geheißen, die 1901 bei Samuel Fischer erschienen sind. Vor der Eisdiele hält gerade der Fahrradkurier aus der Buchhandlung. Ich weiß, was er mir bringt: »Spiegel und Licht« von Hilary Mantel.
Hoffentlich ruft die FAZ-Redaktion nicht morgen schon an und will einen Text. Ich brauche jetzt Zeit.

Mein Fenster zur Welt. Tag 5

In der Krise besinnt sich auch das Feuilleton auf Bewährtes. So lädt die FAZ unter dem Titel »Mein Fenster zur Welt« AutorInnen zur Weltbetrachtung ein – in Zeiten der beschränkten Bewegung eben aus dem Fenster. Mich hat die Einladung bislang nicht erreicht, aber ich möchte präpariert sein für den Anruf aus Frankfurt.

Viele Menschen sitzen jetzt in Videokonferenzen, treffen sich in Clouds, chatten und mailen. Ich nicht. Niemand vermisst mich da draußen, niemand ruft an. In diesen Tagen besinnen sich Teams auf ihre kreative Stärke und setzen neue Kommunikationsprozesse auf. Ich gehöre zu keinem Team. Vor der Pandemie hatte ich Jobs. Mit etwas Glück – oder was immer es dafür brauchen wird – werde ich nach der Pandemie auch wieder Jobs haben. Solange aber schaue ich über den Schreibtisch hinweg aus dem Fenster und sehe die Häuserfassaden auf der anderen Straßenseite. Eine typisch städtische Situation, nur auf welcher Seite in dem Theater die Bühne ist und wo die Zuschauer sitzen, das ist nicht entschieden.

Ich sehe Altbauten der Jahrhundertwende, Balkone, dahinter großzügige Wohnungen, Schiebetüren zwischen Ess- und Wohnzimmer. Seit vielen Jahren schon ist dies mein Blick und abends, wenn die Zimmerbeleuchtungen eingeschaltet sind und ich hinüberschaue, was ich im Grunde nicht allzu oft tue, sehe ich manchmal Menschen an der gleichen Stelle in verschiedenen Stockwerken Schiebetüren schieben.
Auf drei Balkonen übereinander sitzen jetzt drei Kreative in der Sonne. Wie in einem Bühnenbild. Als hätten sie sich abgesprochen mit ihren Utensilien: biologische Limoflaschen und MacBooks, Bose-Kopfhörer, Wollkäppis. Ab & an taucht ein Kind auf und wird gedankenverloren über den Kopf gestreichelt. Diese Menschen signalisieren Wohlbefinden. Sie zeigen Zustimmung und behände Anpassung an die neue Situation. Ich höre sie förmlich über die ungewohnt stille Straße hinweg Remote sagen, auf Sicht fahren und skalierbar. Dabei haben sie keinen Spott verdient. Sie führen einfach nur das Leben, das sie gewohnt sind, unter leicht veränderten Vorzeichen fort, mit neu entdeckter staatsbürgerlicher Emphase bereit, ihren Teil zum Social Distancing beizutragen. Sie schalten neuerdings um acht Uhr die Tagesschau an und sitzen gemeinsam mit ihren Lebenspartnern vor dem Fernseher. Sich ihrer selbst in gewisser Weise gravitätisch bewusst wie sonst nur beim Mittagessen am ersten Weihnachtsfeiertag. Ich weiß das, weil an Weihnachten in meinem Blick aus dem Fenster neben- und übereinander vier große glückliche Familien versammelt sind, die mit großer Sorgfalt das Stück »Erster Feiertag« aufführen. Sie essen nicht nur, sie generieren Bedeutung, sie tragen nicht nur ihre Jacketts bei Tisch, sie erfüllen ein Ritual, von dem sie sich wünschen, es möge sie erfüllen.

Kurz vor neun Uhr abends erwacht neuerdings Unruhe in den Wohnungen: Menschen stehen auf, rufen in die hinteren Zimmer, es wird hin- und hergegangen, aufgeregtes Gelächter. Eine Minute vor der vollen Stunde treten sie in Familienstärke oder paarweise auf ihre Balkone, lachen die Nachbarn in gespannter Erwartung schon einmal an. Und beginnen genau um Neune – den Widerschein der Displays im Gesicht – zu klatschen. Sie sagen, so hörte ich, es ginge um Krankenschwestern und Kassiererinnen. Anerkennung wollten sie spenden. Das sei schon wirklich toll, was die leisteten. Ich betrachte ihre strahlenden Gesichter und Pein beschreibt das Gefühl, welches mich anfällt. Was sie da beklatschen, sind sie selbst, ihre irgendwie prickelnde Teilhabe an der Welt der sozialen Medien. Sie geben ihrer Sehnsucht nach Ritualen nach, wie geliehen, geklaut, kopiert oder leer sie auch sein mögen. Dagegen ist nichts einzuwenden, es mag ein wohltuender, tröstlicher Akt sein, sich seiner selbst und der vertrauten Gemeinschaft zu versichern. Doch niemand auf diesen Balkonen hat sich je einen Deut um eine Kassiererin bei Penny geschert und wird es auch in Zukunft nicht tun. Keiner hätte Lust, den Stundenlohn seiner Putzfrau zu erhöhen. Keiner wird den Geigenlehrer der Tochter ab Mai sozialversicherungspflichtig beschäftigen. Warum auch. Was hätte das mit Viren zu tun?
Vermutlich wird die Welt nach der Pandemie doch keine andere sein als zuvor.

Heute spiegeln die Fenster drüben im Märzlicht die Fenster meiner Häuserseite. Wenn ich genau hinschaue, erkenne ich in der Reflexion auf der anderen Straßenseite das Wohnzimmer der Nachbarn unter mir. Der ältere Herr tritt in die Pedale seines Trimmrads. Das hat er schon vor dem Virus gemacht. Seit seiner Verrentung sieht man ihn kaum noch auf der Straße. Ist seine Nutzlosigkeit die gleiche wie meine? Oder bewegt er sich in echter Freiheit, weil er die Welt entlohnter Nützlichkeit hinter sich gelassen hat? Weiß er auch nicht mehr, welcher Wochentag heute ist?

FRAUENBIOGRAFIEN – Hamburg-App

Wo man eben so hinschaut beim Flanieren in der Stadt: in Schaufenster, auf Fassaden und Zebrastreifen, in Toreinfahrten und auf Straßenschilder. Manches Schöne und wohl auch einiges Interessantes sieht man auf diese Weise, aber vieles bleibt unsichtbar. Ein ganz besonderes Guckloch und eine mitreißende Tiefenbohrung in die Hamburger Geschichte bietet eine App, erschienen dieses Jahr zum 100jährigen Jubiläum des Frauenwahlrechts: Frauenbiografien.
Frauen sind im kollektiven Gedächtnis unterrepräsentiert, Straßennamen und Denkmäler gelten zum allergrößten Teil Männern. Die Arbeit von Frauen fand lange und findet immer noch wenig Anerkennung, weibliche Lebensleistungen haben keinen Ort im kollektiven Gedächtnis.
In der Datenbank, die hinter der App liegt, sind Lebensläufe, die Arbeit und Bedeutung von verstorbenen Hamburgerinnen gesammelt & aufgearbeitet. Keineswegs nur prominente Autorinnen, Unternehmerinnen oder Journalistinnen, auch unbekannte Frauen sind da zu finden, die in ihrem Lebensumfeld Spuren hinterlassen haben, die Kunst gemacht oder im Stillen gearbeitet haben. Daneben stehen ausführliche Texte zu Einrichtungen oder Orten, die für Frauen von Bedeutung waren oder sind. Man kann direkt nach Namen suchen, nach Straßen oder einfach in einem geografischen Radius.

Grafisch ist die App so schlicht, dass es beinahe weh tut – wahrscheinlich gab es nicht genug Geld. Nicht egal, aber trotzdem: Die Ergebnisse sind großartig: ausführlich, genau recherchiert, mit Querverweisen, und wer mag, lässt sich auf wissenschaftlich fundierte Hintergründe ein. Für Nutzer*innen, die gerade nur Lust auf ein Appetithäppchen haben, gibt einen kurzen Einführungstext zum Eintrag und die Option, in einer bestimmten Straße weiterzusuchen oder sich die Route anzeigen zu lassen.

Ich tippe auf Umkreissuche. Im Kattrepel bekomme ich 400 Einträge in einem Radius von zweieinhalb Kilometern und erfahre, dass genau hier im Kattrepel um das Jahr 1428 in kleinen Butzelbuden Prostituierte arbeiteten und die Stadt daran tüchtig verdiente. 60 Jahre später wurde das Gewerbe verboten und doch geduldet, allerdings zwang man die Frauen eine Haube mit einem aufgenähten gelben Band zu tragen. Doppelmoral und Stigmatisierung sind mitten in der Hamburger Innenstadt offenbar zuhause: Der Gerhart-Hauptmann-Platz hieß früher Pferdemarkt, Giebelhäuser umstanden den gepflasterten Platz, wo 1732 ein Pranger aufgestellt wurde, an dem »treulose Ehefrauen und liederliche Weiber« mit einem Namensschild ins Halseisen eingeschlossen und öffentlich zur Schau gestellt wurden. Männer mussten für Ehebruch lediglich diskret eine Geldstrafe zahlen. Am Gerhart-Hauptmann-Platz lebte auch Ernestine Hoffmann, die als junge Frau ab 1779 eine der ersten deutschsprachigen Frauenzeitschriften Für Hamburgs Töchter herausgab. Auf ihren gesellschaftlichen Ruf bedacht, veröffentlichte sie unter einem männlichen Pseudonym. Ich sitze auf der umtosten Bushalte, lese über den Postvertrieb der Oktavhefte, über Herausgeberfiktion, Tugenddiskurs, Weiblichkeitsideale und die Konstruktion von Geschlechtersphären. Wenn ich aufschaue und die Schaufensterpuppen der Bekleidungsgeschäfte betrachte, die mir zeigen, wie ich mein Selbstbild mir vorstellen soll, ist diese Vergangenheit nicht vergangen. Ein paar Schritte weiter, im Jacobikirchhof eröffnete 1798 Dorothea Encke die Enckesche Winkelschule – bekannt sind diese Einrichtungen auch unter dem Namen Klippschulen, was nichts anderes als privat organisierte, behördlich nicht anerkannte Schulen waren. Die siebzehnjährige Dorothea und ihre Geschwister waren Waisen, sie musste mit dem Unterricht für die jüngeren Kinder sorgen. Die Enckesche Winkelschule genoss wohl über Jahrzehnte einen ausgezeichneten Ruf, und die Schulleiterin war, als sie mit 68 Jahren in Rente ging, ohne finanzielle Sorgen.

In Metern bin ich nicht weit gekommen an diesem Nachmittag. An historischem Wissen, an Geschichten, die hier auf den Straßen rumlungern und in unsere Gegenwart hineinreichen, an Frauenbiografien und Erinnerungsorten bin ich reich. Ein paar kleine Löcher weniger im Erinnerungsnetz.

Die Idee für die Frauenbiografien stammt von Dr. Rita Bake. Die Sozialhistorikerin lehrte in der Frauenforschung der Uni Hamburg, war bis 2017 stellvertretende Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und gründete den Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Sie ist auch verantwortlich für die Datenbank Hamburger Frauenbiografien.

Das Foto oben übrigens zeigt Elvira Unglaube, die erste Elvira Unglaube.
Sie trat zusammen mit ihrem Ehemann auf Volksfesten in einer spektakulären Show auf: kopfüber an einer Strickleiter unter einem Gasballon durch die Luft schwebend. Das ging lange gut, bis sie bei einem Gewittersturm tödlich verunglückte. Die zweite Ehefrau von Paul Unglaube hieß ebenfalls Elvira – es ist nicht zu glauben! – und trat die Nachfolge am Ballon an. Mit riesigen Erfolgen. Der Ballon wurde bei den Bombenangriffen 1943 vernichtet. Elvira die Zweite überlebte den Krieg und zog irgendwo nach Schleswig-Holstein.

Für iOS und Android. Kostenfrei.

Glückstadt, Stadtgedächtnis, Gedächtnislücke

In niederländischer Festungsmanier ließ der Dänenkönig Christian IV. Glückstadt an der Unterelbe errichten. Die Göttin Fortuna bekam die Stadt ins Wappen gesetzt und einen sechseckigen Grundriss, uneinnehmbar. Anfang des 17. Jahrhunderts war Hamburg durch den Handel mit den Kolonialmächten stark geworden, und Dänemark wollte neben Altona ein zweites politisches und wirtschaftliches Gegenwicht etablieren.
Die Dänengeschichte findet man heute auf jedem Schild. Brötchen, Heringe, Straßennamen – mit dem dänischen Pfund wird gewuchert. Warum auch nicht, ist kein Unheil übers Land gekommen aus Kopenhagen.

Einmal um die eigene Achse gedreht auf dem kopfsteingepflasterten Marktplatz und fertig ist das Panoramabild einer am Reißbrett entworfenen radialen Fürstenstadt. Sieben Straßen laufen sternförmig auf den Platz zu. Es ist friedlich in Glückstadt an diesem Samstagmittag. Adelshöfe, satte Palais und von Hamburgern sanierte Fischerhäuschen liegen mehr, als dass sie stehen, am Hafen. Die Elbe ist hier ein breiter Strom, der den Geruch nach Meer mitbringt, das Licht küstenhell.

Ich müsste eigentlich keinen Ausflug nach Glückstadt machen. Ich kenne Glückstadt. Habe vor langer Zeit für zwei Jahre hier gewohnt, in der Buchhandlung am Fleth gekauft, am Sperrwerk übers Wasser geschaut, habe im Fortuna-Bad gelegen und bin mit dem dunkelblauen Fiat hinter der Bahnschranke auf den Edeka-Parkplatz an der Christian-IV-Straße gebrettert.
In Hamburg fahre ich dieses Jahr oft an den Jubiläumstransparenten vorbei: 100 Jahre Universität. Da stelle ich mir vor, wie ein paar Professoren an einem herrlichen Tag im Jahr 1919 frohgemut auf ein repräsentatives leerstehendes Gebäude deuten und mit dem Lehrbetrieb loslegen. Aber wie bei jeder Geschichte gibt es auch hier eine, die schon vorausgegangen ist, und die Vorgeschichte für die Universität beginnt mit dem Hamburgischen Kolonialinstitut.

(c) bundesarchiv_bild_146-2007-0001_hamburg_kochkurs_am_kolonial-institut.jpg

In Hamburg, Kapitale des deutschen Kolonialismus, gab es Anfang des 20. Jahrhunderts Geld, Interesse und eine einflussreiche Lobby für die Einrichtung eines akademischen Instituts, das zunächst nur angehende Kolonialbeamte auf ihre Auslandstätigkeit vorbereiten sollte. 1911 gegründet und aus Stiftungen von Reedern bezahlt, die ihren Reichtum dem Kolonialhandel verdankten, wuchsen die Institute rasch: Ethnologie, Sprachwissenschaften, Sprachen und Geschichte Ostasiens, des Orients, afrikanische Sprachen, Geschichte und Kultur Indiens kamen hinzu. 1918 hatte es ein Ende mit dem deutschen Kolonialwesen, vom Kolonialinstitut blieben die renommierten wissenschaftlichen Fakultäten übrig, aus denen 1919 die Universität Hamburg hervorgehen konnte. Während ich – beschäftigt mit dieser Vorgeschichte – auf der Internetseite des Sonderforschungsbereiches Manuskriptkulturen in Asien, Afrika und Europa lande und Abbildungen komplexer mehrsprachiger Manuskripte betrachte, fällt mir aus dem Gedächtnis ein Bild zu: eine Pappe mit chinesischen Schriftzeichen hinter einem staubigen Fenster am Fleth, kurz vor dem Fortuna-Schwimmbadeingang. Als ich in Glückstadt wohnte, blieb ich kein einziges Mal dort stehen, obwohl ich oft vorbeiging. Keine Augen damals, keinen Blick.

Um Bewohner für seine neue Stadt zu werben, erlässt König Christian ein Toleranzedikt, verspricht Steuerfreiheit und spendiert Baugrundstücke. Die ersten, die kommen, sind aus Portugal vertriebene sephardische Juden – Kaufleute, Münzmeister und Gelehrte, die das Wirtschaftsleben ankurbeln. Die Belagerung Wallensteins übersteht die junge Festungsstadt, nun braucht Christian, um seinen Einfluss an der Elbe zu festigen, Gedrucktes. Polizeiverordnungen, Gesetzesbücher, Patente und Plakate mussten her. 1632 verleiht der König dem Drucker Andreas Koch das Privileg, eine Druckerei in Glückstadt zu führen. Diesen Betrieb übernimmt 1775 die Familie Augustin, für weitere 200 Jahre bleibt er im Familienbesitz. 1905 geht die Leitung des Unternehmens an Heinrich Wilhelm Augustin über, einen ausgezeichneten Schriftsetzer. Er beginnt früh damit, fremdsprachige Schriftzeichen zu sammeln. Weniger aus kulturellem Interesse denn aus Geschäftssinn. Er akquiriert und bekommt Aufträge vom Hamburgischen Kolonialinstitut – wissenschaftliche Abhandlungen zur Linguistik afrikanischer Sprachen. Über hundert Schriften von Mandschu, Äthiopisch, ägyptische Hieroglyphen, Assyrisch, Koptisch, Keilschrift, Arabisch, Sanskrit bis Persisch oder Tatarisch kann die Druckerei Anfang der dreißiger Jahre setzen. Aufträge für komplizierte mehrsprachige Bücher und Texte in exotischen Sprachen kommen aus der ganzen Welt, denn keine andere Druckerei ist in der Lage, fehlerfrei und in dieser Qualität zu drucken. Später werden das mehrbändige assyrische Wörterbuch der Universität Chicago oder die Abhandlungen des Deutschen Archäologischen Instituts Kairo in Glückstadt gedruckt. Als Augustin 1912 die Anfrage bekommt, ein Werk über Ackerbau und Seidengewinnung in China zu setzen, besorgt er sich aus Shanghai 7.200 chinesische Schriftzeichen und erweitert den Bestand 1926 noch einmal um 12.000 Zeichen. Augustin erfindet den Chinesischen Zirkel, ein Möbel, das er wie alles Mobiliar der Druckerei im Hinterhof von seinen Tischlern bauen lässt und das es den Druckern ermöglicht, auf die über 20.000 Zeichen zuzugreifen, ohne ständig Schubladen aufzuziehen oder an Regalen entlang gehen zu müssen. Die bis auf etwa 1,50 Meter Höhe aufeinander gestapelten Setzkästen bilden die sieben Segmente eines Achtecks, durch das freie achte betritt der Setzer diesen magischen Raum und braucht sich nur noch um die eigene Achse zu drehen und zu bücken. Die Setzer prägen sich einzelne Zeichen im Manuskript als Bild ein, zerlegen es in grafische Elemente und finden das richtige anhand eines komplizierten Auffindesystem aus Zahlen und Zuordnungen. Etwa zwei Minuten braucht ein »Augustiner« für ein Zeichen.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

An diesem Samstagmittag kehrt ein Mann den Hof neben dem Haus Am Fleth 36. Ich spreche freundlich vor, und als hätte er nur auf diese Frage, als hätte er schon lange auf einen Besucher gewartet, steht der Besen innert Sekunden an der Wand und ich bekomme eine hervorragende Führung durch die stillgelegte Fremdsprachendruckerei Augustin. Zwei Stunden lang gehen wir von Maschine zu Setzkasten, von Tisch zu Schubladenschrank, von der Gießerei zu den Matritzen, von den Monotype-Maschinen in die Bibliothek mit verglasten Bücherschränken für tausende Bände. Hellgrün blättert die Farbe von den Wänden, Putz bröckelt, der Fußboden wellt sich. Und doch sieht es aus, als wären die Drucker nur eben zum Mittagessen gegangen. Ein Kasten mit hunderten von Gevierten steht da, eine Schublade halb geöffnet mit armenischen Schnörkeln. Akzente, Spatien aller Couleurs, hebräische Vokalzeichen. Sonnenlicht flutet den großen Raum, eine Zeitkapsel, das aus der Zeit gefallenes Gedächtnis der universalistischen Schriftkultur und eine wirklich einzigartige Erinnerung an die Kunst des Buchdrucks. Ein Schatz liegt in dem Backsteinhaus, das Material vielstimmigen Denkens und Sprechens.

Wie hypnotisiert trete ich auf die Straße. Ich war seit langer Zeit die erste Besucherin. Vor fast zehn Jahren holte eine Ausstellung des Detlefsen-Museums den Chinesischen Zirkel aus dem Vergessen, fotografierte Candida Höfer die Maschinen als Objekte einer abgeschlossenen Vergangenheit, ein Film widmete sich dem Gedächtnisort. Heute denken die Besitzer daran, aus der Druckerei ein Event-Hotel zu machen, denn das Erbe lastet schwer und teuer auf der Familie. Nach der kurzen Renaissance versank die Druckerei wieder im Dornröschenschlaf. Zum hundertjährigen Jubiläum der Universität wäre es doch ein Projekt, wenn Studierende die Bibliothek anständig archivierten oder angehende Kulturmanager eine Fundraising-Kampagne erarbeiteten, um das Material zu erschließen und konservatorisch aufzubereiten.

Das hübsche Glückstadt hat viele und noch mehr Gründe, des Heinrich Augustin zu gedenken. Um den Betrieb in Kriegszeiten über Wasser zu halten, sicherte er sich exklusiv alle Druckaufträge der Kriegsmarine – genug, um seine Angestellten weiter zu beschäftigen. Er zweigte heimlich Papier ab und druckte 1945 auf diesen gehorteten Papierbeständen der Marine als Erstes eine Goethe-Ausgabe. Im Nationalsozialismus war der Drucker deutschnational gesinnt, doch viel zu sehr in der Vielzahl der Kulturen beheimatet, um Antisemit zu sein. Jimmy Ernst, Sohn des Malers Max Ernst und der Publizistin Lou Straus, konnte bei Augustin ab 1935 eine Lehre als Schriftsetzer machen und unter dem Schutz des Hauses im zunehmend antisemitischen Glückstadt leben. Augustins Sohn, Johannes Jakob war homosexuell. Sein Vater half ihm 1936 nach New York zu emigrieren, wo er eine Verlagsabteilung aufbaute und universitäre Kontakte knüpfte. In Glückstadt wurden in den vierziger Jahren mithin gleichzeitig Aufträge der Kriegsmarine und die neuesten Arbeiten US-amerikanischer Ethnologen und Anthropologen gedruckt.

Wie abenteuerlich das Leben der Glückstäder Portugiesin Sara da Silva auch gewesen sein mag, am 8. April 1651 hat sie diese Erde in der Hoffnung auf ein besseres Leben verlassen. Ihr Grabstein liegt auf dem jüdischen Friedhof, der an der Pentzstraße nur schwer zu finden ist. 1941 ließ der Bürgermeister Wilhelm Vogt alle 164 Grabsteine wegtragen und auf der Kegelbahn der Gaststätte Hoffnung stapeln. Steinmetze durften sich am Material bedienen. Über den Gräbern, auf dem Friedhofgelände, richtete man eine Bezirksabgabestelle für Obst und Gemüse ein. 1945 befahl der britische Colonel Goldberg, die übrig gebliebenen einhundert Grabsteine wieder auf dem Friedhof abzulegen. Die Schändung des Friedhofes bekam Jimmy Ernst nicht mehr mit. Drei Jahre zuvor hatte Heinrich Augustin ihm ein Visum für die USA besorgt und er war wie Johannes Augustin nach New York emigriert, wo er später Maler wurde.

Vom Friedhof schlendere ich noch zum Binnenhafen und esse mit Blick aufs Wasser ein ausgezeichnetes Matjesbrötchen. Ein Gimel aus dem phönizischen Alphabet liegt schwarz und miniklein in meiner Hand.

 

lückstadt.

Flanieren in Hamburg – die »Bibliothek der Dinge«

In den Bücherhallen am Hühnerposten steht neuerdings eine Glasvitrine, gleich hinter der Drehtür ein paar Schritte nach links. Ein hohes Möbel, vollgestellt mit Gegenständen, die Türen mit Schlössern verriegelt. Ich betrachte aus gebührender Entfernung die auf Augenhöhe ausgestellte Actionkamera.
Herr Baudrillard ist sofort hellwach und schaut mir über die Schulter. Bei Konsumgütern kann er richtig streng werden. Dinge sind doch nur Wunschmaschinen, sagt er. Ware und Wunsch sind untrennbar miteinander verknüpft, sagt er. Ein Ding ist nicht nur ein Ding; es ist ein Zeichen für etwas: Eine Bohrmaschine steht für Potenz, eine Actionkamera verspricht mannhafte Dynamik, flüstert er mir ins Ohr. Gefangen in dieser Scheinwelt, wünschst du dir sehnlichst Potenz und kaufst also den Sportwagen. Doch das Auto erfüllt deinen Wunsch nicht. Es ist dein Wunsch und deshalb hältst du es heilig, dieses magische Ding. Und nächstes Jahr kaufst du das nächste.
Das war schon 1968 nicht falsch. Aber warum präsentiert eine öffentliche Bücherei Dinge wie Preziosen im bürgerlichsten aller Möbelstücke, der Vitrine? Ich schiebe Herrn Baudrillard sanft beiseite, damit ich besser sehen kann und lese:
Bibliothek der Dinge.
Alle Dinge hier sind gegen eine Gebühr von 1 € für vier Wochen ausleihbar. Die Liste umfasst:
Actionkamera
Bluetooth-Lautsprecher
Controller
Hängematte
Heimwerkerset
Laminiergerät
Nähmaschine
Skateboard
Smartphone-Objektive
Polaroidkamera
Slackline
Strickset
Teleskop
Ukulele
Zeichentablet

Es gibt in der Hamburger Innenstadt, wo jeder Bürgersteigzentimeter Umsatz bringen muss, also einen Ort, der die Scheinwelt des Konsums zertrümmert. Hier ist die Fluchttür eingebaut. Wunsch und Ware gehen in dieser Büchereiecke getrennte Wege. Diese Dinge in der Vitrine kann man vielleicht gebrauchen, aber man muss sie nicht besitzen. Es ist ein Inventar begehrenswerter und zugleich überflüssiger Dinge. Einige Dinge auf der Liste erinnern mich an Wünsche, die man selbst vergessen hat, weil sie einfach nicht in Erfüllung gehen wollten. Dinge sind hier versammelt, von denen sich Gebrauch machen lässt. Hier liegt keine Ware, die eine Werbeidee transportiert. Die Dinge sind zum Benutzen da, nicht zum Vorführen. Man kann mit ihnen arbeiten, etwas machen, bewegen und schaffen, analog wie digital. Leihweise werden Dinge auch nicht gleich bedeutungsschwer und legen einen fest, wo man doch nur kurz etwas ausprobieren wollte. Die Liste erzählt auch etwas über uns: Was wir uns nicht leisten können, wovon wir träumen, welche Bedürfnisse wir haben und was wir uns nicht zutrauen.

(c) Eberhard Kirchhoff

Ukulele.
Allein für den klingenden Namen hat sie es verdient, in die Bibliothek aufgenommen zu werden. Und was für eine besonnene Entscheidung. Vielleicht möchte jemand schon ganz lange einmal ein Lied auf einer Ukulele spielen. In seinem Zimmer die Saiten schlagen, versunken im amateurhaften Tun.

(c) Eberhard Kirchhoff

Den Bibliotheksmenschen, die das Heimwerkerset aufgenommen haben, gebührt Ehre. Dieses Ding will nun niemand wirklich besitzen, denn wie oft im Jahr kommt etwa ein Kreuzschlitzschraubenzieher tatsächlich zum Zuge? Denken wir einen Schritt weiter, gibt es pro Wohnblock bald nur noch ein Heimwerkerset. Man könnte es im Kiosk hinterlegen.

(Ich weiß, dass ich nur wenig über die Sehnsüchte der Männer weiß. Ich kann den Impact einer Bohrmaschine höchstens imaginieren: Ich nenne eine Nähmaschine mein eigen. Wenn es etwas zu nähen gibt, hole ich sie hervor und nähe. Teilte ich nun eine Nähmaschine mit meinen Nachbarn, müsste ich sie erst holen. Ich spüre dieser Vorstellung nach, erfühle das finstere Szenario einer Allmende-Nähmaschine  – und nichts. Weder meine Libido noch mein Ego noch mein Selbstgefühl reagieren in irgendeiner Weise. Ich weiß wirklich wenig über Männer und ihre Sehnsüchte, obwohl ich einen Haufen über Züge in Tunnels, Zigarren und weiße Krankenschwestern gelesen habe.)

Berührt hat mich das Teleskop. Ein so ernsthafter, schwarzer und wichtiger Gegenstand wissenschaftlichen Erkennens und genauer Beobachtung. Objekt großer Träume und Forschersehnsüchte. Ich hätte als Kind gern ein Teleskop gehabt. Aber nicht nur die Sterne, auch ein Teleskop lagen außerhalb unserer Reichweite. Nun können in Hamburg diejenigen, die für ihr Leben gern Sterne beobachten und sich kein Teleskop leisten können, fast eine Mondphase lang ins All schauen. Und alle, die vergessen haben, dass man den Himmel beobachten kann, sind an das forschende Staunen erinnert.

(c) Eberhard Kirchhoff

Vier Wochen lang gehörte die Slackline zu unserem Haushalt. 27 Tage lag das Ding an der Garderobe. Mit jedem Tag wurde es unangenehmer, daran vorbeizugehen. Man verspürt ja eine gewisse Verpflichtung: nämlich das Ding in der gegebenen Frist auch zu nutzen, denn für die, die darauf warten, ist es kostbar und begehrenswert. Am letzten Nachmittag schließlich erwogen wir in den Park zu gehen. Dann regnete es. Das Sportding war zu schwierig und zu schwer für uns, eine Last, keine luftige Balance. Erleichtert brachte ich es zurück auf seinen Platz in der Bibliothek. Wir sind so eine Familie nicht, die gemeinsam fröhlich im Park sportelt. Der heimliche Wunsch danach bleibt bei mir, die Ware geht zurück.
Wie schwer muss es dagegen sein, die Bluetooth-Lautsprecher wieder zurückzugeben, wenn man die Erfahrung mochte. Wer Musik liebt und angewiesen ist auf das Scheppern des Handys, wird auf einmal den Mangel schmerzlich verspüren. Aber einen Monat lang war Klang in der Bude. Wofür man einen Controller braucht, kann ich nicht ermessen. Mir schwante die ganze Zeit schon, dass die Welt laufend komplexer wird. Aber jemand wird sich mit dem Ding hoffentlich einen schönen Nachmittag machen oder ein Wasserspiel kontrollieren oder seinen Gaszähler oder endlich Kontrolle über sein Leben gewinnen. Für vier Wochen.

Was ich noch gern aufgenommen wüsste:
Fleischwolf
Tennisschläger
Kofferplattenspieler
Vertikutierer

 

Illustrationen: (c) Eberhard Kirchhoff

Abenteuer Kreuzfahrtschiff

Kreuzfahrten liegen im Trend. Alle kreuzen im Mittelmeer, durch die Ostsee und zu den Perlen der Karibik.
Wir haben einen Tag lang ein Kreuzfahrtschiff im Hamburger Hafen erkundet. Das Logbuch eines Abenteuers.

»You like, ya?« Zögerlich öffnet das Kind die exotische Frucht. »Yes, you try please.« Die Kellner strahlen, nicken aufmunternd. Rambutan ist eine der häufigsten Obstsorten im Malaiischen Archipel. Deutsch sprechen sie nicht, die jungen Asiaten im Service und ihr Englischvorrat ist mit der nächsten Frage ausgeschöpft: »Red wine, weit wine?« Hurtig räumen sie leer gegessene Teller ab, flitzen, richten, lächeln, apportieren, gut gelaunt und unglaublich schnell.

Am frühen Vormittag sind wir an Bord des Schiffes am Kreuzfahrtterminal in Hamburg gegangen. Für ein paar Stunden  gehören wir dazu, zur Welt der Kreuzfahrer, zu den Familien, die in einer grauen Abfertigungshalle sich lange geduldet haben, um in den Bauch des Giganten befördert zu werden. Wir werden allerdings die Meere nicht befahren, wir folgen keiner Sehnsucht. Wir erkunden einen Tag lang ein Schiff am Pier. Um den Hals hängt die Bordkarte, das Sesamöffnedich für eine Reisewelt. Gewiss hatte ich Vorurteile. Mich zog nichts auf Kreuzfahrtschiffe, doch bitte: Soll jeder nach seiner Fasson froh werden dürfen. Meine Ablehnung war diffus, beschränkte sich auf eine grundsätzliche Abneigung gegen viele Menschen an einem Ort und allgemeine ästhetische Erwägungen. Doch nun gehe ich – gewissermaßen durch einen glücklichen Zufall – mit meinen beiden Kindern durch den gläsernen Finger auf eine Hochhausfassade zu, die an Ostberliner Riegelbebauung erinnert, und bin irgendwie gespannt. Ich mache schließlich etwas, was ich noch nie gemacht habe. Ein Abenteuer liegt vor mir, ich bin bereit. »Reden Sie sich einfach ein, Sie würden bleiben«, steht in Versalien auf meiner Bordkarte, die ich zusätzlich zum Band gut festhalte, denn sie ist das Pfand für meinen Reisepass, den ein asiatischer Uniformierter einbehalten hat. Ich folge in den nächsten Stunden diesem Vorschlag und stelle mir vor, wie es wäre an diesem Ort zu bleiben.

Neben der Rambutan hat das Kind begeistert eine ganze Reihe exotischer Früchte an den Buffets gejagt. Das andere Kind ertränkt auf seinem Teller cremefarbene Sachen in brauner Soße. Während wir in dem Restaurantbereich zu Mittag essen, umspült uns der Lärm Hunderter Menschen, die unentwegt in Bewegung sind. Künstliche Säulen, Natur suggerierende Dekorationselemente aus Plastik und farbige Raumteiler springen uns an. Kunstlicht schiebt das diffuse Tageslicht an den Bildrand. Menschenschlangen ziehen an Platten vorbei. Eine Überfülle an Fisch, Gemüse, Fleisch, Salaten, Süßspeisen. Wein und Bier seien bei Tisch inbegriffen, wurde uns gesagt. In anderen Bordrestaurants geht der Alkohol extra, deshalb bleiben sie hier lange sitzen und betrinken sich ausgiebig umsonst, die Menschen, die an Land normale Nachbarn sind, weiße Familien, ältere Paare.

Während in der Halle, in die eine kleine gotische Kathedrale passen würde ohne zu stören, ein High-Tech-Laser-Show abgespielt wird, bekommen alle Popcorn und sämigen Fruchtsaft. Draußen scheint hell die Sonne, die gegitterten Fensterflächen jedoch sind von Rollos abgeschirmt. Farbige Lichtkegel sausen um Kurven, Rosa leuchtet es im Fahrstuhl, Blau in den Gängen, Lila über den Reihen blinkender Glückspielautomaten. Popmusik mit hochfrequenten bpm läuft in allen Public spaces. Unentrinnbar. Wir sind noch keine Stunde an Bord und die Außenwelt ist verschwunden. Mein Zeitgefühl verblasst. Über dem überwölbten Pool-Pantheon liegt ewiger Sommer, in der Cocktailbar endet die Nacht niemals. Die Kinderclubs haben Tageslichtlampen und bunte Wände, ganztägige Betreuung für Kinder ab sechs Monaten. Zuhause nehmen sich Eltern eine Woche Urlaub, um die Kinder in der Kita einzugewöhnen, an Bord nimmt man ihnen die Betreuung der Kinder für eine Woche ab.

Während meine Kinder hingerissen futtern, alles anfassen, sich in Lounge-Chairs werfen und nice! brüllen, frage ich mich, was Erwachsene wohl während eines Seetages an Bord tun. Und wo. Auf diesem riesigen Schiff gibt es in Wahrheit keinen Platz. Ein schmaler Umlauf zieht sich auf dem obersten Deck um das Vorschiff. Spazieren verbietet sich gleichwohl, denn Minigolfbereiche und markierte Joggingstrecken besetzen den knappen Raum. Der Wellnessbereich verfügt über eine Außenterrasse, auf dem stehen aber Plastikwhirlpools, Sonnenschirme und Dinge herum. Irgendwann dämmert mir, dass die Frage falsch ist. In dieser Welt der Spa- und Barbereiche wird die Last des Erwachsenseins von einem genommen. Dieser monströs große Raum ist eine perfekt entworfene Infantilisierungsmaschine, konsequent der radikalen Bedürfnisbefriedigung verschrieben. Hier in dieser schwimmenden Zwischenwelt darf ich enthemmt konsumieren, verantwortungsfrei und selig gegenwärtig sein. Noch bevor ein Bedürfnis einen Namen hat, wird es von der Befriedigung eliminiert. Immerzu füllt Weiches den Mund, ohne Unterlass fließt Alkohol, irre farbige Dekorationen bombardieren die Sinne, Raummöblierungen verstellen den Blick, bis nichts anderes mehr Kontur hat als der nächste Drink.

Sich voll laufen zu lassen ist eine quasi natürliche Fortführung des Kreuzfahrtkonzeptes für Familienschiffe. Später lese ich, dass sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen zu den häufigsten Delikten auf Kreuzfahrtschiffen gehören – geschuldet dem hohen Alkoholkonsum.
Von Ängsten entstellt wälzen sich im dritten Höllenkreis die Schattenleiber jener Toten, die der Gier verfallen sind.

Restlos ist die Natur also nicht gebannt. Auf dem ganzen Schiff sind an Treppenaufgängen, in Fluren, in Nischen und vor dem nächsten Irgendwas-Bereich Desinfektionsspender angebracht. Brühe auf die Finger spritzen, wedeln, weitergehen. Was gegen Noroviren und Bazillen in Stellung gebracht wird, erinnert an die Welt da draußen, in der grässliche Bakterien und erwachsene Unternehmer hausen. Die indonesischen Kellner verdienen rund 700 Euro monatlich. Bei einem Stundenlohn von etwa 2,40 Euro müssen sie dafür ungefähr 300 Stunden schuften, sieben Tage die Woche, elf Monate im Jahr. Das Schiff fährt – wenn es denn fährt – unter italienischer Flagge. Italienisches Recht ermöglicht den sogenannten Lohnsteuereinbehalt, das heißt, die Lohnsteuer wird dem Arbeitnehmer abgezogen, doch nicht dem Staat abgeführt. Die Reederei behält den Betrag und zahlt nur den Nettolohn aus. Der Mutterkonzern der Flotte hat seinen Sitz offiziell in Panama und zahlte im Jahr 2015 bei einem Umsatz von 15 Millarden US-Dollar einen Steuersatz in Höhe von 2,3 Prozent.

Als ich diese Zahlen zuhause am Schreibtisch nachlese, sind wir schon durch die Hafenanlagen und den Alten Elbtunnel in die Stadt geradelt. Auch die Familienabstimmung über eine Kreuzfahrt liegt hinter uns. Die Abenteurer für einen Tag blickten dabei über den grauen breiten Fluss auf seinem Weg zur Nordsee.

Feministische Avantgarde in Hamburg: radikal, international und aktuell

Annegret Soltau Selbst, 1975 S/W-Photographie auf Barytpapier © Annegret Soltau / VG Bild-Kunst, Bonn 2015 / SAMMLUNG VERBUND, Wien Photo: Heide Kratz
Annegret Soltau
Selbst, 1975
S/W-Photographie auf Barytpapier
© Annegret Soltau / VG Bild-Kunst,
Bonn 2015 / SAMMLUNG VERBUND, Wien
Photo: Heide Kratz

Eine umwerfend gute, intelligente und berührende Ausstellung ist seit gestern in Hamburg zu sehen: Feministische Avantgarde. Kunst der 1970er Jahre aus der Sammlung Verbund, Wien, kuratiert von Dr. Gabriele Schor.

Die Ausstellung zeigt Arbeiten von mehr als 30 Künstlerinnen, eine Retrospektive über die Anfänge der internationalen feministischen Kunstbewegung.
Was präsentiert wird, ist in vielen Hinsichten bemerkenswert:
Wenn man diese Arbeiten beieinander sieht, ist das Spektrum dessen, was die europäischen (und einige amerikanische) Künstlerinnen schon in den 1970er Jahren gezeigt und erarbeitet haben, nahezu unglaublich und von einer ästhetischen Bildkraft, die wenig eingebüßt hat über 40 Jahre. Die Verschnürung des eigenen Gesichts von Annegret Soltau als Akt, als Zeichen, als Widerstand und als Bild zitiert Madonna auf ihrem neuen Plattencover.

Ich bin Laie, aber mir scheint doch, dass die kuratorische Leistung stupend ist. Über zehn Jahre hat das Team aus Wien in Archiven und Nachlässen gesucht, Material auf Dachböden gefunden und recherchiert, bis sie auch Flugblätter und Ankündigungszettel für Performances und die lustigen Frauenspaziergänge in die Pornoläden einer Stadt zusammen getragen haben. Der reguläre Kunstbetrieb und -markt hat kein Archiv aufgebaut und keinen Wert für diese Kunst erzeugt.

Die Hängung hätte in die Hose gehen können, ist aber stattdessen einnehmend und überzeugend gelungen, bildet formale, manchmal thematische Klammern und gibt der einzelnen Künstlerin Raum.

Die Künstlerinnen haben kein Kollektiv gebildet, keine Gruppe gegründet, und doch in diesem Jahrzehnt zeitgleich und zum ersten Mal in der Kunstgeschichte ein neues Bild der Frau(en) geschaffen. Sie haben nicht nur ähnliche Themen aufgegriffen, sondern auch ähnliche Strategien benutzt. Bestimmt nicht verwunderlich, dass viele der Künstlerinnen Performance, Film, Fotografie und Video einsetzten: Neue Medien und Techniken, die unbelastet von Traditionen in der Kunstgeschichte zur Verfügung standen.
Sie wurden laut und sichtbar, haben die herrschende Ikonographie des Weiblichen zerlegt, den Kunstbetreib frontal angegriffen, eine männliche Wirklichkeit aufgebrochen, Identität und Rollenzuweisung neu geschrieben, weibliche Sexualität thematisiert und den eigenen Körper zum Material der Kunst gemacht.

Ana Mendieta, Untitled (Glass on Body Imprints), 1972/1997 C-Print © The Estate Ana Mendieta / Courtesy of Galerie Lelong, New York / SAMMLUNG VERBUND, Wien
Ana Mendieta, Untitled (Glass on Body Imprints), 1972/1997
C-Print © The Estate Ana Mendieta / Courtesy of
Galerie Lelong, New York / SAMMLUNG
VERBUND, Wien

Den schweren Katalog habe ich aufs Sofa fallen lassen neben eine aufgeschlagene Frauenzeitschrift (warum die da lag, ist eine andere Geschichte). Die erfolgreiche Schauspielerin Jasmin Gerat wird darin als selbstbewusste, moderne Frau portraitiert. Sie berichtet, der Kurzhaarschnitt, den sie neuerdings trägt, zöge zwar die Aufmerksamkeit von weniger Männern an als vor dem Friseurbesuch, dafür aber ernte sie die Blicke intelligenterer Männer. Ein Foto zeigt sie mit nach innen gedrehten Fußspitzen, wackelig und schier unfähig, sich auf eigenen Füßen zu halten, in der  Pose einer kokettierenden Vierzehnjährigen. Auf dem zweiten Bild beißt sie sich in klischierter Anzüglichkeit auf die Unterlippe, als hätte sie komplett den Verstand verloren und warte nur darauf, vom Ersten, der vorbeikommt, abgeschleppt und ins nächste Reihenhaus gestellt zu werden.
In dieser Welt der Frauenbilder leben wir, einer lückenlos wirksamen Bilderwelt der Imagekampagnen, Rollenzuschreibungen und Körpernormierung. Die Maschinerie reicht in jeden Winkel. Das Persönliche ist dabei zum vermeintlichen Schonraum geworden. Im privaten Raum soll die Konstruktion der Weiblichkeit nicht gelten, hier ist das Hola der Marktsemiotik: hübsch gestaltet, mit kuscheliger Partnerschaft und veganen Kochbüchern. Die Klamotten, die App zum Appnehmen, Teilzeitjob, Fitnessstudio, Steuerklasse, Spaß am Einkochen und Fastenurlaub – alles hochindividuelle, private Lebens- und Kaufentscheidungen.
Die Arbeiten der Künsterinnen aus den 1970er Jahren wirken in unsere Gegenwart hinein wie ein elektrisierender Schlag: Es geht auch anders. Es ging schon mal anders. Das Persönliche ist politisch.
Ich setze nicht die avantgardistische Kunstpraxis mit dem Bilderwahnsinn des Marktes gleich, aber ich habe das Gefühl, dass ich die Energie und befreiende Kraft, die von diesen Künstlerinnen und ihren Arbeiten ausgehen, in meiner Gegenwart nicht mehr leicht wiederfinde.
Selbstbewusstsein, Ironie, Aggression, politische und künstlerische Handlungsfähigkeit, Zartheit, Hartnäckigkeit und Witz, Freiheit und Autonomie begegnen mir in diesen Arbeiten. Einige wenige wie Cindy Sherman, Valie Export oder Orlan sind erfolgreich geworden, die große Zahl aber der Künstlerinnen ist in Hamburg zum ersten Mal zu entdecken. Die Radikalität, die sie eint, und die je eigene Qualität der Kunstwerke sind wunderbar.

Dass die Kunst von Pionierinnen der Frauenbewegung so aufrüttelnd und impulsgebend in die Gegenwart einschlägt und wie ein Gruß in die Zukunft uns erreicht, ist schon ein großer Moment.
Hauptbahnhof aussteigen, rüber schlappen – ganz leicht.