Mein Fenster zur Welt. Tag 8

Sonntag in der Kontaktsperre.
Steht die Zeit seit einer Woche still oder rinnt sie in einem geheimen Abflussrohr einfach weg? Hat sie sich zusammen mit der Ordnung der Tage auf die Ersatzbank am Spielfeldrand gesetzt? Am leeren Schreibtisch, den Blick auf der gegenüberliegenden Häuserreihe, spüre ich, dass mit jedem Tag der Krise etwas von der Unruhe schwindet, die mich lähmte und zugleich unter Hochspannung hielt. Das Hündchen Angst scharwenzelt natürlich noch herum, aber ich lasse es nicht auf den Schoß springen.
Gewohnheitstierchen sind wir, meine Kinder und ich: gewöhnen uns an die Folge der Sonnentage, lassen uns in Ungewissheit treiben, schwimmen mit dem Strom leiser Stunden. Dabei gibt es doch einen Zeiger, an dem ich mich festhalten kann. Direkt vor meinen Augen hängt er unbewegt: 1901. Vier goldene Ziffern markieren das Jahr, in dem das Haus gegenüber – wie fast alle Häuser hier – gebaut wurde. Wie oft habe ich diese Zahl schon gesehen und erst jetzt finde ich die Zeit, eine Vorstellung davon entstehen zu lassen, wo die Geschichte, die seitdem um die Ecken geflitzt ist und keineswegs verschwunden, geblieben ist.
Schaut man aufmerksam, sieht man an den Fassaden noch an manchen Stellen die Befestigungen für die Oberleitung der Straßenbahn, die vor 120 Jahren hier durchfuhr, und die boomende Wohngegend mit der Innenstadt verband. Eine Postkarte von 1901 zeigt ausladende Stoffmarkisen vor den Ladengeschäften und die Balkone sind abgehängt mit hellen Leinenstoffen, wie sie heute in Beirut oder Istanbul die Hitze aus den Wohnungen fernhalten. In Istanbul war 1901 wieder die Pest ausgebrochen, die Stadt unter Quarantäne gestellt und im Hamburger Hafen wurden keine Waren aus Odessa und Istanbul gelöscht, weil mit der Ladung Ratten an Land kamen. Im Oktober feierte das politische Berlin mit großem Pomp den 80. Geburtstag von Rudolf Virchow.
Vermutlich beides keine Themen für die Leute hier an der Ecke. Auf Postkarten ist ein Schutzmann zu sehen, mitten auf der Kreuzung steht er behäbig, eine breiten Ledergurt um die Leibmitte. Kleine Mädchen tragen Schürzen über ihren Kleidern, die Männer Zylinder oder modische helle Basthüte mit schwarzen Bändern. Ein einzelnes Automobil parkt, Fuhrwerke scheinen noch zum Straßenbild zu gehören, eine Kutsche kreuzt verschwommen. Frauen flanieren in langen Kleidern und durchaus extravaganten Hüten über die baumbestandenen Trottoirs. Beschaulich, bürgerlich, ruhig.
Wo beim Gemüsetürken heute das Viertel sich mit biologischem Koriander, raren Gewürzmischungen und Flugmangos eindeckt, war 1901 ein Kolonialwarenladen – gewiss eine angenehme Selbstverständlichkeit in der Kolonialmetropole des deutschen Kaiserreichs. Die Dienstmädchen sprangen eben runter und holten Kaffee, Zimt, Kakao oder Palmöl. Im gleichen Jahr erließ Reichskanzler Bernhard von Bülow eine Verordnung, nach der jeder Haussklave in Deutsch-Ostafrika, wenn er kein Sklave mehr sein wollte, eine Abfindung zahlen musste, deren Höhe von der Verwaltung festgesetzt wurde. Damals lebte höchstwahrscheinlich kein dunkelhäutiger Mensch in den Häusern hier. Bei Hagenbeck, wo die Straßenbahn auch hielt, waren gerade die Völkerschauen aus Kamerun sehr beliebt. Heute lebt auch kein dunkelhäutiger Mensch in der Straße. Nur in der Küche des Sushi-Restaurants unten steht tagsüber einer, der spült.

Die lange Weile der Quarantäne ist inzwischen so ausgedehnt und luftig, dass meine Kinder freiwillig Sätze aus dem »Karneval der Tiere« spielen, während der Käsekuchen abkühlt. Hörte und fühlte sich 1901 ein Sonntagnachmittag in dieser Straße genauso an? Und wo zwischen Treppenhäusern und Balkonen sind die systemunabhängigen Verhaltensanweisungen für einen stillen Nachmittag abgelegt? Camille Saint-Saëns erhielt 1901 den preußischen Orden Pour Le mérite für Wissenschaften und Künste. Sicher haben die Musiklehrer anschließend noch intensiver französische Spätromantik an den Flügeln unterrichtet, die überall in den Wohnzimmern auf Eichenparkett stehen. Saint-Saëns, lese ich gerade, verließ seine Ehefrau, indem er einen Zettel auf den Küchentisch legte, auf dem stand »Ich bin weg.« Das hat eine Nachbarin neulich mit ihrem Ehemann genauso gemacht. Der Vorfall hat sich in der engen Vorstadt schnell herumgesprochen, hätte es bei den »Buddenbrooks« geheißen, die 1901 bei Samuel Fischer erschienen sind. Vor der Eisdiele hält gerade der Fahrradkurier aus der Buchhandlung. Ich weiß, was er mir bringt: »Spiegel und Licht« von Hilary Mantel.
Hoffentlich ruft die FAZ-Redaktion nicht morgen schon an und will einen Text. Ich brauche jetzt Zeit.

FRAUENBIOGRAFIEN – Hamburg-App

Wo man eben so hinschaut beim Flanieren in der Stadt: in Schaufenster, auf Fassaden und Zebrastreifen, in Toreinfahrten und auf Straßenschilder. Manches Schöne und wohl auch einiges Interessantes sieht man auf diese Weise, aber vieles bleibt unsichtbar. Ein ganz besonderes Guckloch und eine mitreißende Tiefenbohrung in die Hamburger Geschichte bietet eine App, erschienen dieses Jahr zum 100jährigen Jubiläum des Frauenwahlrechts: Frauenbiografien.
Frauen sind im kollektiven Gedächtnis unterrepräsentiert, Straßennamen und Denkmäler gelten zum allergrößten Teil Männern. Die Arbeit von Frauen fand lange und findet immer noch wenig Anerkennung, weibliche Lebensleistungen haben keinen Ort im kollektiven Gedächtnis.
In der Datenbank, die hinter der App liegt, sind Lebensläufe, die Arbeit und Bedeutung von verstorbenen Hamburgerinnen gesammelt & aufgearbeitet. Keineswegs nur prominente Autorinnen, Unternehmerinnen oder Journalistinnen, auch unbekannte Frauen sind da zu finden, die in ihrem Lebensumfeld Spuren hinterlassen haben, die Kunst gemacht oder im Stillen gearbeitet haben. Daneben stehen ausführliche Texte zu Einrichtungen oder Orten, die für Frauen von Bedeutung waren oder sind. Man kann direkt nach Namen suchen, nach Straßen oder einfach in einem geografischen Radius.

Grafisch ist die App so schlicht, dass es beinahe weh tut – wahrscheinlich gab es nicht genug Geld. Nicht egal, aber trotzdem: Die Ergebnisse sind großartig: ausführlich, genau recherchiert, mit Querverweisen, und wer mag, lässt sich auf wissenschaftlich fundierte Hintergründe ein. Für Nutzer*innen, die gerade nur Lust auf ein Appetithäppchen haben, gibt einen kurzen Einführungstext zum Eintrag und die Option, in einer bestimmten Straße weiterzusuchen oder sich die Route anzeigen zu lassen.

Ich tippe auf Umkreissuche. Im Kattrepel bekomme ich 400 Einträge in einem Radius von zweieinhalb Kilometern und erfahre, dass genau hier im Kattrepel um das Jahr 1428 in kleinen Butzelbuden Prostituierte arbeiteten und die Stadt daran tüchtig verdiente. 60 Jahre später wurde das Gewerbe verboten und doch geduldet, allerdings zwang man die Frauen eine Haube mit einem aufgenähten gelben Band zu tragen. Doppelmoral und Stigmatisierung sind mitten in der Hamburger Innenstadt offenbar zuhause: Der Gerhart-Hauptmann-Platz hieß früher Pferdemarkt, Giebelhäuser umstanden den gepflasterten Platz, wo 1732 ein Pranger aufgestellt wurde, an dem »treulose Ehefrauen und liederliche Weiber« mit einem Namensschild ins Halseisen eingeschlossen und öffentlich zur Schau gestellt wurden. Männer mussten für Ehebruch lediglich diskret eine Geldstrafe zahlen. Am Gerhart-Hauptmann-Platz lebte auch Ernestine Hoffmann, die als junge Frau ab 1779 eine der ersten deutschsprachigen Frauenzeitschriften Für Hamburgs Töchter herausgab. Auf ihren gesellschaftlichen Ruf bedacht, veröffentlichte sie unter einem männlichen Pseudonym. Ich sitze auf der umtosten Bushalte, lese über den Postvertrieb der Oktavhefte, über Herausgeberfiktion, Tugenddiskurs, Weiblichkeitsideale und die Konstruktion von Geschlechtersphären. Wenn ich aufschaue und die Schaufensterpuppen der Bekleidungsgeschäfte betrachte, die mir zeigen, wie ich mein Selbstbild mir vorstellen soll, ist diese Vergangenheit nicht vergangen. Ein paar Schritte weiter, im Jacobikirchhof eröffnete 1798 Dorothea Encke die Enckesche Winkelschule – bekannt sind diese Einrichtungen auch unter dem Namen Klippschulen, was nichts anderes als privat organisierte, behördlich nicht anerkannte Schulen waren. Die siebzehnjährige Dorothea und ihre Geschwister waren Waisen, sie musste mit dem Unterricht für die jüngeren Kinder sorgen. Die Enckesche Winkelschule genoss wohl über Jahrzehnte einen ausgezeichneten Ruf, und die Schulleiterin war, als sie mit 68 Jahren in Rente ging, ohne finanzielle Sorgen.

In Metern bin ich nicht weit gekommen an diesem Nachmittag. An historischem Wissen, an Geschichten, die hier auf den Straßen rumlungern und in unsere Gegenwart hineinreichen, an Frauenbiografien und Erinnerungsorten bin ich reich. Ein paar kleine Löcher weniger im Erinnerungsnetz.

Die Idee für die Frauenbiografien stammt von Dr. Rita Bake. Die Sozialhistorikerin lehrte in der Frauenforschung der Uni Hamburg, war bis 2017 stellvertretende Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und gründete den Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Sie ist auch verantwortlich für die Datenbank Hamburger Frauenbiografien.

Das Foto oben übrigens zeigt Elvira Unglaube, die erste Elvira Unglaube.
Sie trat zusammen mit ihrem Ehemann auf Volksfesten in einer spektakulären Show auf: kopfüber an einer Strickleiter unter einem Gasballon durch die Luft schwebend. Das ging lange gut, bis sie bei einem Gewittersturm tödlich verunglückte. Die zweite Ehefrau von Paul Unglaube hieß ebenfalls Elvira – es ist nicht zu glauben! – und trat die Nachfolge am Ballon an. Mit riesigen Erfolgen. Der Ballon wurde bei den Bombenangriffen 1943 vernichtet. Elvira die Zweite überlebte den Krieg und zog irgendwo nach Schleswig-Holstein.

Für iOS und Android. Kostenfrei.

Glückstadt, Stadtgedächtnis, Gedächtnislücke

In niederländischer Festungsmanier ließ der Dänenkönig Christian IV. Glückstadt an der Unterelbe errichten. Die Göttin Fortuna bekam die Stadt ins Wappen gesetzt und einen sechseckigen Grundriss, uneinnehmbar. Anfang des 17. Jahrhunderts war Hamburg durch den Handel mit den Kolonialmächten stark geworden, und Dänemark wollte neben Altona ein zweites politisches und wirtschaftliches Gegenwicht etablieren.
Die Dänengeschichte findet man heute auf jedem Schild. Brötchen, Heringe, Straßennamen – mit dem dänischen Pfund wird gewuchert. Warum auch nicht, ist kein Unheil übers Land gekommen aus Kopenhagen.

Einmal um die eigene Achse gedreht auf dem kopfsteingepflasterten Marktplatz und fertig ist das Panoramabild einer am Reißbrett entworfenen radialen Fürstenstadt. Sieben Straßen laufen sternförmig auf den Platz zu. Es ist friedlich in Glückstadt an diesem Samstagmittag. Adelshöfe, satte Palais und von Hamburgern sanierte Fischerhäuschen liegen mehr, als dass sie stehen, am Hafen. Die Elbe ist hier ein breiter Strom, der den Geruch nach Meer mitbringt, das Licht küstenhell.

Ich müsste eigentlich keinen Ausflug nach Glückstadt machen. Ich kenne Glückstadt. Habe vor langer Zeit für zwei Jahre hier gewohnt, in der Buchhandlung am Fleth gekauft, am Sperrwerk übers Wasser geschaut, habe im Fortuna-Bad gelegen und bin mit dem dunkelblauen Fiat hinter der Bahnschranke auf den Edeka-Parkplatz an der Christian-IV-Straße gebrettert.
In Hamburg fahre ich dieses Jahr oft an den Jubiläumstransparenten vorbei: 100 Jahre Universität. Da stelle ich mir vor, wie ein paar Professoren an einem herrlichen Tag im Jahr 1919 frohgemut auf ein repräsentatives leerstehendes Gebäude deuten und mit dem Lehrbetrieb loslegen. Aber wie bei jeder Geschichte gibt es auch hier eine, die schon vorausgegangen ist, und die Vorgeschichte für die Universität beginnt mit dem Hamburgischen Kolonialinstitut.

(c) bundesarchiv_bild_146-2007-0001_hamburg_kochkurs_am_kolonial-institut.jpg

In Hamburg, Kapitale des deutschen Kolonialismus, gab es Anfang des 20. Jahrhunderts Geld, Interesse und eine einflussreiche Lobby für die Einrichtung eines akademischen Instituts, das zunächst nur angehende Kolonialbeamte auf ihre Auslandstätigkeit vorbereiten sollte. 1911 gegründet und aus Stiftungen von Reedern bezahlt, die ihren Reichtum dem Kolonialhandel verdankten, wuchsen die Institute rasch: Ethnologie, Sprachwissenschaften, Sprachen und Geschichte Ostasiens, des Orients, afrikanische Sprachen, Geschichte und Kultur Indiens kamen hinzu. 1918 hatte es ein Ende mit dem deutschen Kolonialwesen, vom Kolonialinstitut blieben die renommierten wissenschaftlichen Fakultäten übrig, aus denen 1919 die Universität Hamburg hervorgehen konnte. Während ich – beschäftigt mit dieser Vorgeschichte – auf der Internetseite des Sonderforschungsbereiches Manuskriptkulturen in Asien, Afrika und Europa lande und Abbildungen komplexer mehrsprachiger Manuskripte betrachte, fällt mir aus dem Gedächtnis ein Bild zu: eine Pappe mit chinesischen Schriftzeichen hinter einem staubigen Fenster am Fleth, kurz vor dem Fortuna-Schwimmbadeingang. Als ich in Glückstadt wohnte, blieb ich kein einziges Mal dort stehen, obwohl ich oft vorbeiging. Keine Augen damals, keinen Blick.

Um Bewohner für seine neue Stadt zu werben, erlässt König Christian ein Toleranzedikt, verspricht Steuerfreiheit und spendiert Baugrundstücke. Die ersten, die kommen, sind aus Portugal vertriebene sephardische Juden – Kaufleute, Münzmeister und Gelehrte, die das Wirtschaftsleben ankurbeln. Die Belagerung Wallensteins übersteht die junge Festungsstadt, nun braucht Christian, um seinen Einfluss an der Elbe zu festigen, Gedrucktes. Polizeiverordnungen, Gesetzesbücher, Patente und Plakate mussten her. 1632 verleiht der König dem Drucker Andreas Koch das Privileg, eine Druckerei in Glückstadt zu führen. Diesen Betrieb übernimmt 1775 die Familie Augustin, für weitere 200 Jahre bleibt er im Familienbesitz. 1905 geht die Leitung des Unternehmens an Heinrich Wilhelm Augustin über, einen ausgezeichneten Schriftsetzer. Er beginnt früh damit, fremdsprachige Schriftzeichen zu sammeln. Weniger aus kulturellem Interesse denn aus Geschäftssinn. Er akquiriert und bekommt Aufträge vom Hamburgischen Kolonialinstitut – wissenschaftliche Abhandlungen zur Linguistik afrikanischer Sprachen. Über hundert Schriften von Mandschu, Äthiopisch, ägyptische Hieroglyphen, Assyrisch, Koptisch, Keilschrift, Arabisch, Sanskrit bis Persisch oder Tatarisch kann die Druckerei Anfang der dreißiger Jahre setzen. Aufträge für komplizierte mehrsprachige Bücher und Texte in exotischen Sprachen kommen aus der ganzen Welt, denn keine andere Druckerei ist in der Lage, fehlerfrei und in dieser Qualität zu drucken. Später werden das mehrbändige assyrische Wörterbuch der Universität Chicago oder die Abhandlungen des Deutschen Archäologischen Instituts Kairo in Glückstadt gedruckt. Als Augustin 1912 die Anfrage bekommt, ein Werk über Ackerbau und Seidengewinnung in China zu setzen, besorgt er sich aus Shanghai 7.200 chinesische Schriftzeichen und erweitert den Bestand 1926 noch einmal um 12.000 Zeichen. Augustin erfindet den Chinesischen Zirkel, ein Möbel, das er wie alles Mobiliar der Druckerei im Hinterhof von seinen Tischlern bauen lässt und das es den Druckern ermöglicht, auf die über 20.000 Zeichen zuzugreifen, ohne ständig Schubladen aufzuziehen oder an Regalen entlang gehen zu müssen. Die bis auf etwa 1,50 Meter Höhe aufeinander gestapelten Setzkästen bilden die sieben Segmente eines Achtecks, durch das freie achte betritt der Setzer diesen magischen Raum und braucht sich nur noch um die eigene Achse zu drehen und zu bücken. Die Setzer prägen sich einzelne Zeichen im Manuskript als Bild ein, zerlegen es in grafische Elemente und finden das richtige anhand eines komplizierten Auffindesystem aus Zahlen und Zuordnungen. Etwa zwei Minuten braucht ein »Augustiner« für ein Zeichen.

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An diesem Samstagmittag kehrt ein Mann den Hof neben dem Haus Am Fleth 36. Ich spreche freundlich vor, und als hätte er nur auf diese Frage, als hätte er schon lange auf einen Besucher gewartet, steht der Besen innert Sekunden an der Wand und ich bekomme eine hervorragende Führung durch die stillgelegte Fremdsprachendruckerei Augustin. Zwei Stunden lang gehen wir von Maschine zu Setzkasten, von Tisch zu Schubladenschrank, von der Gießerei zu den Matritzen, von den Monotype-Maschinen in die Bibliothek mit verglasten Bücherschränken für tausende Bände. Hellgrün blättert die Farbe von den Wänden, Putz bröckelt, der Fußboden wellt sich. Und doch sieht es aus, als wären die Drucker nur eben zum Mittagessen gegangen. Ein Kasten mit hunderten von Gevierten steht da, eine Schublade halb geöffnet mit armenischen Schnörkeln. Akzente, Spatien aller Couleurs, hebräische Vokalzeichen. Sonnenlicht flutet den großen Raum, eine Zeitkapsel, das aus der Zeit gefallenes Gedächtnis der universalistischen Schriftkultur und eine wirklich einzigartige Erinnerung an die Kunst des Buchdrucks. Ein Schatz liegt in dem Backsteinhaus, das Material vielstimmigen Denkens und Sprechens.

Wie hypnotisiert trete ich auf die Straße. Ich war seit langer Zeit die erste Besucherin. Vor fast zehn Jahren holte eine Ausstellung des Detlefsen-Museums den Chinesischen Zirkel aus dem Vergessen, fotografierte Candida Höfer die Maschinen als Objekte einer abgeschlossenen Vergangenheit, ein Film widmete sich dem Gedächtnisort. Heute denken die Besitzer daran, aus der Druckerei ein Event-Hotel zu machen, denn das Erbe lastet schwer und teuer auf der Familie. Nach der kurzen Renaissance versank die Druckerei wieder im Dornröschenschlaf. Zum hundertjährigen Jubiläum der Universität wäre es doch ein Projekt, wenn Studierende die Bibliothek anständig archivierten oder angehende Kulturmanager eine Fundraising-Kampagne erarbeiteten, um das Material zu erschließen und konservatorisch aufzubereiten.

Das hübsche Glückstadt hat viele und noch mehr Gründe, des Heinrich Augustin zu gedenken. Um den Betrieb in Kriegszeiten über Wasser zu halten, sicherte er sich exklusiv alle Druckaufträge der Kriegsmarine – genug, um seine Angestellten weiter zu beschäftigen. Er zweigte heimlich Papier ab und druckte 1945 auf diesen gehorteten Papierbeständen der Marine als Erstes eine Goethe-Ausgabe. Im Nationalsozialismus war der Drucker deutschnational gesinnt, doch viel zu sehr in der Vielzahl der Kulturen beheimatet, um Antisemit zu sein. Jimmy Ernst, Sohn des Malers Max Ernst und der Publizistin Lou Straus, konnte bei Augustin ab 1935 eine Lehre als Schriftsetzer machen und unter dem Schutz des Hauses im zunehmend antisemitischen Glückstadt leben. Augustins Sohn, Johannes Jakob war homosexuell. Sein Vater half ihm 1936 nach New York zu emigrieren, wo er eine Verlagsabteilung aufbaute und universitäre Kontakte knüpfte. In Glückstadt wurden in den vierziger Jahren mithin gleichzeitig Aufträge der Kriegsmarine und die neuesten Arbeiten US-amerikanischer Ethnologen und Anthropologen gedruckt.

Wie abenteuerlich das Leben der Glückstäder Portugiesin Sara da Silva auch gewesen sein mag, am 8. April 1651 hat sie diese Erde in der Hoffnung auf ein besseres Leben verlassen. Ihr Grabstein liegt auf dem jüdischen Friedhof, der an der Pentzstraße nur schwer zu finden ist. 1941 ließ der Bürgermeister Wilhelm Vogt alle 164 Grabsteine wegtragen und auf der Kegelbahn der Gaststätte Hoffnung stapeln. Steinmetze durften sich am Material bedienen. Über den Gräbern, auf dem Friedhofgelände, richtete man eine Bezirksabgabestelle für Obst und Gemüse ein. 1945 befahl der britische Colonel Goldberg, die übrig gebliebenen einhundert Grabsteine wieder auf dem Friedhof abzulegen. Die Schändung des Friedhofes bekam Jimmy Ernst nicht mehr mit. Drei Jahre zuvor hatte Heinrich Augustin ihm ein Visum für die USA besorgt und er war wie Johannes Augustin nach New York emigriert, wo er später Maler wurde.

Vom Friedhof schlendere ich noch zum Binnenhafen und esse mit Blick aufs Wasser ein ausgezeichnetes Matjesbrötchen. Ein Gimel aus dem phönizischen Alphabet liegt schwarz und miniklein in meiner Hand.

 

lückstadt.

Abteilung T – Ein Ausflug in die Frankfurter Römerstadt

Römerstadt ca. 1930 (c) Grünflächenamt Frankfurt

Stichiges Licht, Nachmittagsschwüle an der Nidda – eine schattige Wirtschaft und ein kühles Getränk wären jetzt gerade recht. Doch wie Rudyard Kipling schon sagt: Ein Garten entsteht nicht dadurch, dass man im Schatten sitzt.
In praller Sonne also auf Parzelle 16 erläutert Katharina Rohloff das Konzept dieses Kleingartens. Das macht sie so einnehmend und durchdrungen von den Ideen, die der Gartengestaltung zugrunde liegen, dass wir das Wetter Wetter sein lassen und ganz Ohr sind.

Der Garten ist die zweite Station unseres Rundgangs. Zuvor waren wir im mayhaus, dem schmalen Reihenhaus, in dem Besucher das historische Wohnambiente des Neuen Bauens mit allen Details originalgetreu rekonstruiert sehen können: die Frankfurter Küche der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, die blauen Fensterrahmen, der Linoleum-Boden, Mö­blie­rung und Ein­bau­ten des Ar­chi­tek­ten Franz Schus­ter, die die klaren Proportionen und Luftigkeit der Räume aufnehmen und verstärken, die Türklinken von Ferdinand Kramer sowie die hellen, zart gerasterten Bauhaus-Tapeten, deren Entwicklung Hans Leis­ti­kow begleitete, der für die gra­phi­schen Be­lan­ge des Hoch­bau­am­tes ver­ant­wort­lich war. Während wir durch die Räume gehen, schärfen sich unsere Blicke. Gestaltung und Farben gewinnen an Kraft in Beziehung auf ihre Funktionalität. Die Klarheit der einzelnen Elemente ergibt mehr als ihre Summe: Hier herrscht menschliches Maß, bescheiden wirkt die Reduktion auf das Notwendige und zugleich zeigt sich eine form- und selbstbewusste Haltung, die die grundlegenden Fragen einer sozialen Utopie stellt: Wie will ich leben? Wie will ich wohnen? Die Gestaltung entwirft den neuen Menschen in einer demokratischen Gesellschaft – in seinen Grundbedürfnissen, in seinem Alltag, in seinen Abläufen.
Auf jede unserer Fragen versorgt uns der ehrenamtliche Mitarbeiter des Hauses so mitreißend und kenntnisreich mit Informationen, dass seine Konzentration unsere Wahrnehmung beflügelt. Als ob das gestalterische Reformprojekt noch immer Funken in den Gehirnen schlägt.
Die heutige Sehnsucht nach customized Dingen, individualisierter Ware und Einzelanfertigung ist ohnehin trübe. Lässt man sie aber gedanklich auf die Objekte und Architektur der May-Siedlung treffen, werden diese Selbstprothesen nervöser Konsumenten mickriger denn je. Schmissig und ganz schön apodiktisch hielt Ferdinand Kramer seinen Kritikern entgegen:

Es ist ein reaktionäres Märchen, das Formproblem der Typisierung als reinen Schematismus und als Verarmung zu bezeichnen, wobei jede persönliche Note von vornherein ausgeschlossen wäre. (…) Jede Zeit, der wir einen Stil zusprechen, war im Grunde einfach. Sie baute aus den Elementen auf, die ihr zur Verfügung standen und war daher im Grunde in allen ihren Lebensäußerungen einheitlich. Sie wahrte das Gesicht, weil sie sich beschränkte. Sie experimentierte nicht in tausend Stilen und Lebensformen. Die Anarchie der freien Willkür ist dagegen ohne Zeitgepräge. Möbel und Geräte, die nur einer Person entsprechen, gibt es nicht! (F. Kramer, Individuelle oder typisierte Möbel? In: Das Neue Frankfurt, Heft 1/1928, Seite 10)

Türschild Plankammer (c): siehe unten /1

Der Frankfurter Stadtbaurat Ernst May muss ein charismatischer Mann gewesen sein, ein Manager und Macher, Architekt und Stadtplaner, der Ämter wie Kompetenzen auf sich versammelte, um seine Ideen umzusetzen. Und er holte Mitte der zwanziger Jahre gute Leute nach Frankfurt, die mit ihm zusammen am Konzept des Neuen Frankfurt arbeiteten, und bildete Netzwerke mit der Kunstgewerbeschule und dem Grünflächenamt. Damals herrschte in Frankfurt krasse Wohnungsnot. May hatte als Student in England Gartenstädte kennengelernt und unternahm nun einen großen Schritt. Er begründete ein Bauprogramm, das Frankfurt ästhetisch und kulturell nach klaren Idealen formen sollte und schließlich internationale Ausstrahlung entwickelte. Sein Verständnis von Wohnungsbau umfasste alle Aspekte eines menschenwürdigen Umfelds. Statt Verdichtung oder Stadtrandbebauung ließ er von seinem Team aus über 50 Architekten, Designern und Gestaltern der Avantgarde – darunter auch Martin Elsässer, Walter Gropius und Mart Stam – Siedlungen im Grünen entwerfen. May verstand auch, dass er seine sozialen Utopien in die Öffentlichkeit tragen und Politiker überzeugen musste, und gründete 1926 die Zeitschrift »Das Neue Frankfurt«, layoutet von Willi Baumeister. Hier erklärten Architekten und Gestalter ihre Ideen und lieferten alltagstaugliche Anleitungen für das Wohnen in den Siedlungshäusern. Gartenbaudirektor Max Bromme und Leberecht Migge erarbeiten das Konzept für die Nutzgärten der neuen Siedlungen.
Der damalige Oberbürgermeister Ludwig Landmann ebnete den Weg für diese einmalige Konstellation: Er sorgte dafür, dass May sich seine MitstreiterInnen aussuchen durfte, denn Landmann hatte verstanden, dass Menschen, die in beengten, lichtlosen Wohnungen ohne Sanitäreinrichtungen leben, nicht für die junge Demokratie arbeiten können.

Eine kurze Sekunde stelle ich mir vor, wie heute der SPD-Dezernent für Planen und Wohnen, der CDU-Mann vom Dezernat für Bau, Immobilien und Reformprojekte, dazu die Grüne Dezernentin  für Umwelt und Frauen, Grünflächenamt und Palmengarten sich gemeinsam eine gestalterische Aufgabe stellen. Ach, natürlich sitzt auch der Mann vom Amt für Bau und Immobilien am Tisch, dessen Amt – früher das Hochbauamt – seine Aufgaben mit übergreifenden Portfolio- und Flächenmanagement … notwendigen Optimierungsmaßnahmen … wirtschaftlich-administrativer Steuerung der betreuten Immobilien definiert.

Frankfurter Küche (c): siehe unten /2

Um die enormen Kosten für Bau und Ausstattung der Siedlungshäuser zu senken, setzte May auf serielle Herstellung. Standardisierung begriff er als Voraussetzung für soziale Veränderung. Dafür gründete er die städtische Abteilung T, zuständig für Normierung und Typisierung. Margarete Schütte-Lihotzky rationalisierte die Arbeitsschritte in der Küche und entwarf passgenaue Einbaumöbel. Sie entwickelte die Küche aus den Prinzipien und der Struktur einer Mitropa-Speisewagenküche zur reinen Arbeitsküche. Ihre Frankfurter Küche ist längst zum Signum des Neuen Wohnens geworden und noch heute sollten wir ihr bei jedem Umzug auf Knien danken, dass wir Küchengeräte und Einbauschränke nicht einpacken und mitschleppen müssen. Sie selbst schrieb Anleitungen für das Arbeiten in der neuen Küche, für Handbewegungen und Abläufe und führte in Seminaren vor, wie es gehen kann, das neue Leben, in dem Arbeit und Kochen nach ökonomischen Grundsätzen organisiert sind, damit Zeit bleibt für die wichtigen Dinge.

Bewirtschaftungsplan für Pachtgärten

270 Quadratmeter haben die Pachtgärten, die ursprünglich für die Bewohner der Mehrfamilienhäuser in der Römersiedlung gedacht waren. Liegestuhl oder Riesentrampolin gibt es auf Parzelle 16 nicht. Auch keine naturnahen Beete im Bauerngartenstil oder romantische Kletterpflanzen. Dem Landschaftsarchitekten Leberecht Migge aus Worspwede saß noch die Hungererfahrung des I. Weltkriegs in den Knochen, als er für May den Bewirtschaftungsplan ausarbeitete. Er war ein Verfechter der Selbstversorgung und übertrug das Prinzip der Dreifelderwirtschaft streng auf den Kleingarten. Vier Personen sollte der Ertrag übers Jahr ernähren können. Auf Einverständnis und Konsens ihrer neuen Menschen haben  die Reformplaner nicht unbedingt gesetzt. Ein Hauch von Verordnungswahn weht über der Petersilie. Bis ins Kleinste gehen die Anweisungen.

Katharina Rohloff bewirtschaftet ihn mit anderen Unterstützern seit einigen Jahren für die May-Gesellschaft nach den Originalplänen: schnurgerade Beete, akkurat gezogene Beerensträucher, steinerne Einfassungen, Gemüse, Gemüse, Gemüse und eine Pfingstrose, die allerdings auch eine wichtige Aufgabe hat: Bienen anlocken. Bei Samen Andreas forscht die ehrenamtliche Gärtnerin in alten Büchern nach historischen Sorten wie der Sieglinde-Kartoffel und der Mieze-Schindler-Erdbeere. In Überschwang der Konzepte, erzählt sie, gab es in zwanziger Jahren sogar eine Kartoffelsorte mit dem Namen Voran! 

Konsequent sparsam und klein steht die Gartenhütte Typ 2 von Margarete Schütte-Lihotzky mitten im Garten. Eisern demokratisch, lustig grün.

Gartenlaube Typ 2 auf Parzelle 16

Und unsere dritte und letzte Station an diesem Pfingstsonntag? Ein schattiger Platz im Ginnheimer Wirtshaus am Niddaufer. Ein kühles Getränk, eine freundliche Bedienung und gute Stimmung bei den Frankfurtern auf den langen Holzbänken.

/1 Abbildung aus der Zeitschrift ‚Das neue Frankfurt‘ 3/1926-1927, Seite 64; Bildrechte abgelaufen
/2 Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky. Abbildung aus der Zeitschrift ‚Das neue Frankfurt‘ 5/1926-1927; Bildrechte abgelaufen

 

Spinnen, Seide, Stahl. Arbeit und Kunst in Brandenburg an der Havel

Vom Berliner Hauptbahnhof fährt die Bahn in einer Stunde nach Brandenburg. Jollen und Bootsstege vor dem Zugfenster. Wir reisen ins Havelland. Für ein Wochenende wollen wir eine Stadt erkunden, von der wir so gut wie nichts wissen. Ribbeck und seinen Birnbaum können wir noch, dann sind wir da.

Von der Straßenbahnhaltestelle an der Luckenberger Brücke aus sind es ungefähr zweihundert Meter. Ein Parkplatz linkerhand mit Supermarkt, Discounter und Drogerie. Alte hocken auf ihren Rollatoren vor einem Imbisswagen. Wenige Schritte weiter wissen wir, wo diese zerrupften Raben sich zum Schlafen hinschieben. Im langgestreckten Ziegelbau an der Neuendorfer Straße ist ein Seniorenheim der AWO untergebracht. Mitten in einem Gewerbepark liegt unsere Ferienwohnung also, doch bevor sich eine komische Vorahnung ausbreitet, stehen wir vor dem denkmalgeschützten Gebäude mit Tonnengewölbe. Hier haben Kennerschaft und Handwerk aus einer Industrieruine, der einstigen Färberhalle einer Kammgarnspinnerei, eine Architektur-Preziose gemacht. Über zehn Jahre lang war das Gebäude ein lost place, nun glänzt es umsichtig saniert und ausgebaut. Wir finden uns wieder in einer Wohnung mit Natursteinböden und bodentiefen Fenstern, einem Mezzanin aus Sichtbeton und modernen Möbeln. Jedes Detail stimmt.
Irgendwie noch schöner wird es, als wir durch den Garten gehen und die Liegestühle auf dem hölzernen Bootssteg aufklappen. Havelwellen glitzern. Ruderinnen ziehen in langen Schlägen durch. Es ist mild und leise am Wasser in Brandenburg.

Leise war es in dem Quartier bestimmt nicht mehr, nachdem Alfred und Emil Kummerlé 1879 ihre Kammgarnspinnerei errichtet hatten. Kummerlé-Garne waren von ausgezeichneter Qualität und schon bald exportierte die Fabrik in die ganze Welt. Man brauchte Ende des 19. Jahrhunderts zum Spinnen von Wollgarnen enorm große Ringspinnmaschinen und Selfaktoren, die Maschinen liefen rund um die Uhr. Die Shedhallen der Wollwäscherei, Kämmerei, Färberei, Haspelei, Packerei und Wollspinnerei, die Gebäude für Produktion und Lager nahmen das beträchtliche Areal zwischen Neuendorfer Straße und der Havel ein. Wo jetzt die armen Alten wohnen, wurde Rohwolle gewaschen. Die Arbeit an den Ringspinnmaschinen war anstrengend. In den Hallen war es laut und heiß. Nach dem Gesetz hatten die Frauen, die bei Kummerlé und anderswo arbeiteten, unverheiratet zu sein – ungelernt waren sie sowieso und blieben es auch. Es hieß damals, in die Spinne geht man zuletzt, so übel waren die Bedingungen und so schlecht wahrscheinlich die Bezahlung.

Während ich kühlen Weißwein aus dem Supermarkt nebenan schlürfe, betrachte ich das aufragende quadratische Gerüst aus Stangen vor unserem Loftfenster, welches, das vermute ich jedenfalls, einmal den Färberturm gebildet hat, und versuche mir vorzustellen, wie ein Arbeitstag hier in den frühen zwanziger Jahren ausgesehen haben mag. Ein Schwarzweißfoto in einem Buch zur Industriegeschichte zeigt Arbeiterinnen aus dieser Zeit beim Rupfen gewaschener Wolle. Zwischen riesigen Bergen sitzen sie. Monoton arbeitend. Ob es ihnen erlaubt war zu reden?
Gertrud Piter war eine von ihnen. Ihre Eltern konnten für ihre sieben Kinder keine Ausbildung bezahlen, schon früh mussten die zum Lebensunterhalt beitragen. In Brandenburg arbeitete Gertrud zuerst in einer Zigarrenfabrik, dann bei den Corona-Fahrradwerken und später bei Kummerlé. Eine junge Frau mit Courage, sie trat in die Gewerkschaft ein und schloss sich der KPD an. Wahrscheinlich wurde sie bei Kummerlé gefeuert, nachdem sie 1924 bei der Stadtverordnetenwahl kandidierte und als einzige Frau der kommunistischen Fraktion ins Stadtparlament einzog. Danach fand sie wieder eine Anstellung in der Lineol-Figurenfabrik von Oskar Wiederholz, der sie gleich am 31. Januar 1933 rauswarf. Am 22. September 1933 starb sie nach Verhören, Folterungen und Vergewaltigung im KZ Brandenburg, im ehemaligen Zuchthaus Görden. Zur Gedenkstätte am Nicolaiplatz ist es nur ein kurzer Spaziergang durch die gepflegten Uferanlagen. Deckchairs, bunte Blumenrabatten, Bootsanlegestellen. Es ist wirklich so hübsch wie in einer Bundesgartenschau.

(c) privat

Ein Slawendorf-Freilichtmuseum könnten wir im Park besichtigen. Eigentlich sollten wir das tun, ist das doch das Christentum im nachgiebigen Sand der Mark eine relativ junge und zudem sehr flüchtige Erscheinung. Erst 948 n. Chr. wurden im Heidenland zwei Bistümer gegründet. Doch die Slawen vertrieben die Christen wieder. Der Germane Albrecht der Bär – was ein hervorragender Germanenname ist – gliederte Brandenburg 1157 endlich dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation an und christianisierte die Leute, tausend Jahre später als am Rhein. Nachhaltig gelungen ist das Projekt nicht: Weniger Kirchenmitglieder als in Brandenburg gibt es heute nirgendwo in Deutschland.

Über die Jahrtausendbrücke und am Historischen Hafen vorbei, gelangen wir auf die Dominsel und spazieren durch Schrebergärten zum Dom St. Peter und Paul. Wie aus der Zeit gefallen liegt das strenge Ensemble aus Dom, Klausur und Kurien zwischen dem Beetzsee und der Havel. Die Ruhe im Domhof ist von der Art, die man Stille nennen möchte. In sich gekehrt, abgewendet vom städtischen Geschehen.

(c) privat

Durch das hohe dreischiffige Langhaus, weiß und ochsenblutrot gestrichen, gehen wir auf den Lehniner Altar auf dem Hohen Chor zu. Seit 1518 steht die hölzerne Strahlenkranzmadonna mit dem Kind auf der Mondsichel im Zentrum des Altars, von zartem Teint, überiridischer Gelassenheit und katholisch bis in die kleinste Falte ihres blauen Mantels. Offenbar aber auch schon Mitte des 16. Jahrhunderts so wertvoll, dass es klüger war, die Figur irgendwie protestantisch zu deuten und weiterhin zu nutzen, als sie zu zerschlagen.

Die Heilige Ursula auf dem rechten Altarflügel erkenne ich natürlich an ihren Pfeilen. Neun Jahre Ursulinengymnasium haben Heiligenlebensläufe, Kurztitel päpstlicher Enzyklika und ikonographische Bedeutungsfitzel in meinem Gedächtnis verknäult. Bildung für Mädchen war das Ziel der Ursula von Medici und dass wir neben den wichtigen Dingen auch Handarbeit lernen mussten, hatte mit Demut als Tugend zu tun und mit dem unwahrscheinlichen Fall, man bekäme irgendwann im Leben kein gutes Personal. Ich habe Handarbeiten gehasst. Aus Ungeduld, aus jugendlicher Arroganz, aber auch ganz befangen in einer wirkungsmächtigen Tradition der Ignoranz, die ich an diesem Tag im Brandenburger Dommuseum allmählich zu begreifen beginne. Im Mittelalter zählten die textilen Künste noch zu den artes mechanicae so wie Bildhauerei, Architektur und Bekleidungshandwerk. Wann die Wertschätzung für eine Kunstform der Abwertung als weiblich-überflüssige Beschäftigung wich, weiß ich nicht genau. Frühes 19. Jahrhunderts schätze ich.

Gewiss hätte ich mich nie aus freien Stücken mit einem alten weißen Stickbild befasst, wäre ich nicht im Halbdunkel des Dommuseums quasi vor dieses Kunstwerk gestolpert, dessen seidiger Glanz und innige Schönheit mich augenblicklich gefangen nehmen. Das Wort vestis, Gewand, trägt das Wertvolle mittelalterlicher liturgischer Gewänder, die zum Gesamtkunstwerk Gottesdienst gehörten, in sich: Die Investition und gut betucht erinnern daran.
Das Brandenburger Hungertuch von 1290, neun Quadratmeter groß, ist das Prachtstück im Dommuseum. Die Prämonstratenser-Domherren verdeckten in der Fastenzeit damit den Hauptaltar. Die Gläubigen verzichten als Akt der Demut in der Fastenzeit darauf, Gott im Sakrament zu schauen. Sie nagen am Hungertuch.



Die weiße, in großen Rundbildern gefertigte Leinenstickerei zeigt die Lebensgeschichte Christi von der Verkündigung bis zum Weltgericht. Wie bei Glasmalereien auch verläuft die Bildreihenfolge von unten links nach oben rechts. Das zentrale Motiv ist die Kreuzigung, umrahmt von Propheten. Über die Jahrhunderte sind die Konturen der Motive verblasst, weiße Seidenstickerei liegt auf weißem Leinen – eine schlichte Arbeit mag man meinen. Die Strenge aber der Weißstickerei wird aufgelöst durch lebhafte Musterungen, durch die Verwendung von Seide und geometrische Flächengestaltung. Einzelne Motive sind auf Durchsicht gearbeitet, so dass der natürliche Lichteinfall im Dom durchbrochen gearbeitete Bildteile zum Leuchten bringt oder flache Reliefs reflektierend strahlen lässt. Ikonografisch bedeutende Motive werden so zeichenhaft hervorgehoben – auf einmal wird Licht sichtbar und erzeugt zugleich Bedeutung. Sei es metaphorisch auf einem Strahlenkranz, sei es als tatsächliches Leuchten von Oberflächen wie von einem Dolch oder einer polierten Säule.

Die Schwestern haben Ende des 13. Jahrhunderts einen langen Arbeitstag. Sticken und Weben bestimmen den Klosteralltag. Der Bildervorrat, nach dem sie arbeiten, ist knapp bemessen. Im Kloster gibt es eben nur eine bestimmte Anzahl von Wandbildern, illustrierten Büchern, Psalterien und Evangeliaren. Also liegt das Augenmerk auf der möglichst kunstvollen Ausführung der Stickerei. Ein Meister trägt die Vorzeichnung auf, für die Feinheiten sind die künstlerischen Leiterinnen der Werkstatt verantwortlich. Sie konzipieren auch das gemeinschaftliche Vorgehen. Die Ordensschwestern arbeiten gemeinsam, besprechen sich und stimmen die Verfahren ab, doch stickt je eine Nonne eigenständig ein einzelnes Rundbild. Zuerst füllen sie die Konturen aus, dann die Flächen mit Plattstichstrukturen. Das Fastentuch ist eines der frühesten Beispiele für Hexenstich und versetzten Flachstich, für Stiel-, Schling- und Knopflochstich und den Kettenstich. Die Frauen sind erfahren und hervorragend ausgebildet. Nirgendwo findet sich eine Verbesserung oder gar der Abbruch einer Sticklinie. Unverwechselbar die Handschrift jeder Einzelnen, die ihr Können alle aus verschiedenen Klosterwerkstätten an diesen Ort mitgebracht haben.

Christentum wie Infrastruktur waren so kurz nach dem Sieg von Albrecht dem Bären noch etwas schwachbrüstig. Er musste zeigen, dass es sich lohnte unter seiner Flagge zu segeln. Also startete er ein Ansiedlungsprogramm, ließ Wälder roden und Sümpfe trocken legen. Einwanderer kamen in die Mark und brachten neue Handwerkstechniken mit. Aus den westlich gelegenen Klöstern wurden Nonnen in die mittelmärkischen Neugründungen beordert. Details des Fastentuchs verweisen auf Herstellungstraditionen aus Hildesheim, Magdeburg, Donaueschingen und München hin. Erst das Zusammentreffen von Meisterinnen aus verschiedenen Regionen führte zu dieser unvergleichlich reichen Arbeit. Sie entwickelten grafische Feinzeichnungen weiter, versuchten individuelle Ausdrucksformen und vollführten eine Bildsprache, die von mystischer Religiosität getragen ist. Offenkundig hatten sie auch Witz und eine bildliche Imagination, die uns 730 Jahre später noch erreicht. In dem Bild, das die Himmelfahrt Jesu darstellt, baumeln – abgeschnitten vom oberen Bildrand – Rocksaum und darunter nackte Füße am Himmel. Die Figur schießt augenscheinlich noch raketenartig nach oben. Den letzten Zipfel hat die Stickerin gerade noch erwischt bei der schnittigen Himmelfahrt. Unten im Sand aber sind die Fußabdrücke des Herrn zu sehen, als er ganz menschlich rumstand.
Kein Wort im Museum über die Frauen, ihre Arbeitsweise, ihre kreative Handschrift.

In Bibliotheken finde ich später Beschreibungen und historische Aufrisse. Vor allem die Bibliothek des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg ist eine Fundgrube. Ein Titel, den ich anfordere, liegt gerade bei einer Kuratorin auf dem Schreibtisch, die freundlicherweise eigens aus ihrem Büro kommt, um mir das Buch über Textilgestalterinnen im frühen 20. Jahrhundert zu leihen. Sie arbeitet an der Ausstellung Gegen die Unsichtbarkeit. Designerinnen der deutschen Werkstätten Hellerau 1898 – 1938. Wenn ich meine Brandenburger Fragen auf der Zeitachse Richtung Gegenwart verlängere, schneiden Werkbund und Lette-Verein den Gedankenstrom.
Auch unverheiratete bürgerliche Frauen hatten um die letzte Jahrhundertwende kaum Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Der akute Arbeitskräftemangel lockerte die Steine, in die das Familienbild gemeißelt war. 1910 waren über eine Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen in der Textilindustrie beschäftigt. Mehr sogar noch in der Metallindustrie: 1,25

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Millionen Menschen schufteten in Stahlwerken und Eisenhütten. Human Ressources bildeten den Schlüssel für steigende Produktivität. Selbst im autoritären Klima der Kaiserzeit war es da auf einmal denkbar, dass Frauen arbeiteten. Der Lette-Verein entwickelte sich unter der Leitung der frauenemanzipatorischen Reformerin Anna Lette zu einer Bildungseinrichtung für Frauen, die dort in Fotografie, Zeichnen und Kunststickerei ausgebildet wurden. Der Lette-Verein erfand den Beruf der Medizinisch-Technischen Assistenz und die Ausbildung zum Metallurgen.

Klare, helle Luft, als wir aus dem Dommuseum ins Freie treten. In der Wilhelmsdorfer Straße leihen wir uns Räder und radeln, versehen mit detaillierten Routenempfehlungen, los. Die Überfahrt mit der Havelfähre Neuendorf ist so rundum idyllisch und perfekt, dass ich schon beinahe beschlossen hatte, sie nicht zu erwähnen. Am Seil läuft das kleine Fährschiff über einen stillen Seitenarm der Havel. Erinnerung an Kindheitsglück, intakte Natur. Erkennbarer Pendelverkehr durch Kinder, die das Maß einer einmaligen Fährdienstleistung übersteigen (als Spaßfaktor), ist durch das Fährpersonal auszuschließen, warnt die Betreibergesellschaft. Die Fährfrau in ihrem blauen Blaumann ist so breitschultrig, so gelassen und selbstbewusst, dass kein Kind ever auf den Gedanken kommen wird, mit ihr irgendeinen Spaßfaktor zu vervielfachen.
Durch Wiesen wie früher, durch sonnigen Auenwald und erfreut von Seeblicken radeln wir am Westufer des Plauer Sees entlang: Schloss, Fontaneweg, englischer Landschaftspark, Kiefern im märkischen Sand, Hausboote, Seerestaurant, Industriegeschichte in Kirchmöser. Es ist alles so wie gedacht, wenn nicht sogar eine Spur leerer und verwunschener. So viel Hübschheit erschöpft. Als wir den Silokanal erreichen, sind wir eigentlich bereit für ein Nachmittagsschläfchen. Aber an der Halle des Stahl- und Walzwerks Brandenburg dort drüben kommen wir nicht vorbei.

Bild 1 (c) siehe unten

Wie ein hart gelandetes UFO steht die Maschinenhalle am Kanalufer. Rostige Kaikräne, verzogene Schienen und rissiger Asphalt berichten von jahrzehntelangem Verfall. Alles in dieser Halle ist so unerhört überdimensioniert, dass ich mich auf der Stelle wie ein Kind fühle, das staunend vor so viel Können und Größe steht. Die Frauen, die uns in die kleine Ausstellung zur Werksgeschichte einweisen, erzählen, dass sie bis zur Schließung 1993 hier gearbeitet haben. Sie strahlen eine Ernsthaftigkeit aus, die ansteckend ist. Das hier mag nun ein technisches Denkmal sein, aber es ist immer noch ihr Betrieb.
Es riecht intensiv nach Eisen, Rost, metallischen Gegenständen, Maschinenöl und Feueröfen. Nicht unangenehm. Eher trocken, funktional. Nach Dingen, Bewegung, Funken, Mechanik. Braun glänzt in allen Mattierungen, rostiges Rot, gedecktes Grau, staubiges Mauve, verwischte Schwarzschattierungen, müdes Beige, leuchtendes Blau dazwischen. Als beträte man ein Bild, losgelöst von den ursprünglichen Funktionen, vom Schmutz und Lärm und Tun.

Im Stahl- und Walzwerk Brandenburg wurde in zwölf Siemens-Martin-Öfen Stahl geschmolzen, der größte Rohstahlproduzent der DDR mit mehr als 10.000 Beschäftigten. Knapp ein Drittel davon Frauen. Wenn ich in der schwarzweiß gedruckten Dokumentation zur Dauerausstellung lese, dass die Metallurgie in der DDR von allen Industriezweigen den höchsten Anteil an Schichtarbeitern hatte, 64% der Beschäftigten dreischichtig arbeiteten und 38% zweischichtig, dann scheue ich ehrlich davor zurück, mir den Alltag der Frauen vorzustellen – eingereiht in den Arbeitsprozess und weiterhin zuständig für die Familie. Dreischichtbetrieb multipliziert mit Doppelbelastung. Selbst 900 Krippen-, Kindergarten- und Hortplätze, eigene Ferienheime, der Sportverein BSG Stahl Brandenburg, ein Kulturhaus und die Betriebszeitung Roter Stahl erleichtern diese gewaltige Arbeitslast nicht. Sie verengen eher die Lebenswelt, denn Arbeit wie Freizeit wie Kinderbetreuung finden innerhalb des Werks statt. Das Werk ist das Leben, die Kolleginnen eine zweite Familie.

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Das Werk, das der saarländische Stahlbaron Rudolf Weber mit erfahrenen Stahlarbeitern aus seiner Heimat 1914 ans Laufen brachte, übernahm Friedrich Flick 1929, wandelte es in einen Rüstungsbetrieb um und beutete für die Panzerproduktion tausende Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter aus. 1917 inserierte Weber im Brandenburger Anzeiger. Er suchte kräftige Frauen für Kriegsarbeit. Wieder aus Mangel an Arbeitskräften mussten Frauen dann von 1945 bis 1947 schwerste körperliche Arbeit bei der Totaldemontage und Verschickung des gesamten Werks übernehmen – eine Reparationszahlung an die Sowjetunion. 
1950 kam der Neustart der VEB Stahl- und Walzwerks Brandenburg mit tüchtigen Hausfrauenbrigaden für ungelernte Tätigkeiten und dem Wanderwimpel für die Siegerin im Quartalswettbewerb. Auf einem Foto aus dem Bundesarchiv ist Frau Elisabeth Däubert zu sehen. Vor ihr auf dem Tisch ein beknackter, billiger Wimpel mit der Aufschrift Beste Locherin. Beste Locherin. Lochkartenlocherinnen lochen nach Vorgaben Lochkarten. Den ganzen Tag. Das Foto zeigt sie im Kreis ihrer Locherinnen-Kolleginnen, alle lächelnd wie brave Roboterchen.

Auf unserem eleganten Bootssteg an der Havel, mit Oliven und Weißwein und Abendsonne, beschleicht mich ein Anflug von Schwermut. Am anderen Ufer blaut die Fahne des F.C. Stahl Brandenburg am Mast der Laubenpieper. So viel Kunst, so viel Arbeit. So wenig Veränderung in manchen Dingen.

Ein Foto rettet mich. Qualifizierung bei Freunden heißt es. Den  jungen kubanischen Arbeitern fällt es noch nicht leicht, sich den Arbeits- und Lebensgewohnheiten anzupassen, die unter anderem auch klimabedingt zuhause anders sind.
Was für ein Spaß wäre das rauszufinden, was siebzig langhaarige Kubaner in Brandenburg so angestellt haben.

Bild 2 (c) siehe unten

Ferienlofts havelblau, Übernachtung ab 105 € | http://www.havelblau.de
Dommuseum Brandenburg, Burghof 10, Mo – Sa 10  – 17 Uhr | So 12  – 17 Uhr
Fahrradvermietung Fillipi, Wilhelmsdorfer Straße
Industriemuseum Brandenburg, August-Sonntag-Straße 5, Di – So, 10-17 Uhr

Bild 1: (c) Stiftung Haus der Geschichte; EB-Nr. 1995/11/1596. Urheber R. Barnick GmbH, Berlin, Zentralkomitee der SED
Bild 2: (c) Kubaner im Stahlwerk 1980 Bundesarchiv , Bild 183-69945-0002 / Martin / CC-BY-SA-3.0, via Wikimedia Commons

Ausfahrt in den Odenwald

Der  Wurstigkeit dieser Tage überdrüssig wollen wir an diesem Wochenende eine Auszeit nehmen. Aber wir sind wählerisch. Eine bescheidene und doch aparte Gegend soll es sein, eine Region ohne Städtemarketing und ohne Instagram-Account. Das Unscheinbarste, was wir im Schulatlas in erreichbarem Radius finden, ist ein Dreiländereck. Graue Buchenstämme stehen in den Himmel, wo Hessen, Bayern und Baden-Württemberg aneinandergeraten. Nach seinen Legenden und Oden wurde dieser große, stille, hügelige Wald benannt, und natürlich sind wir neugierig, was uns bevorstehen, was uns unter die Füße und vor die Augen kommen mag. Dass der Legendenstrudel seltene Dinge und echte Demokraten anzieht, das haben wir nicht erwartet.

Ein nahezu endloser Spätsommer geht seinem Ende zu. Das Waldlicht hat einen warmen Ton angenommen, und die Luft zeichnet die Konturen schon etwas schärfer. Orange und Rot frischen erschöpftes Grün auf. Amorbach liegt hier, Walldürn mit dem Blutwunder, Mudau und Mosbach. Wanderer gehen zwischen Bäumen einher und zur Hauptwallfahrtszeit pilgern Katholiken über Lichtungen. Unser Ziel am Abend ist das Städtchen Buchen, welches wir nicht für seine angenehme Normalität ausgesucht haben, die uns gleichwohl auf sympathische Weise umfängt. Eigens für das Hotel Prinz Carl sind wir angereist. Gelb und ganz historisch-gediegen hockt es am Bürgersteig, benachbart von Fachwerkhäusern, dem Stadttor und einer munteren apokalyptischen Mariensäule. Der freundliche Empfang im Hotel wischt eine kleine Angespanntheit nicht weg, denn auch solch einnehmende Zuvorkommenheit war nicht unser ursprüngliches Motiv für die Hotelauswahl. Doch scheint alles in guter Ordnung, mit dem Schlüssel zu einem Egon Eiermann-Zimmer in der Hand biegen wir wenige Minuten später aus der trutzigen Landdiele ins lichte, heitere Treppenhaus des Anbaus.

Das Zimmer gibt mir unmittelbar ein Gefühl dafür, was in der richtigen Welt da draußen sonst fehlt: Vereinfachung, elegante Proportionen, Linienführung, funktionale Klarheit und Handwerkskunst. Mein Blick streift über filigrane Möbel aus Douglasienholz, transparente Jalousien, klug konzipierte Einbauten, im Detail präzise und dabei von warmer Helligkeit. Man spürt an diesen Klinken und Schranktüren die Verbundenheit des Gestaltenden mit der Idee des Werkbundes. Die Dinge schlagen unvermutet eine Brücke in die frühen zwanziger Jahre, nach Weimar. Ich sitze auf dem Bett und fühle mich in eine bessere Variante der Gegenwart katapultiert. Mitte der sechziger Jahre plante Eiermann diesen Anbau und entwarf auch die Möbel. Ihm ging es immer um Präzision und Logik. Das klingt nach abstrakten, ja unterkühlten Arbeiten, doch seine Möbel und Häuser strahlen eine Leichtigkeit und Transparenz aus, die im analytischen Denken wurzeln, und die Genauigkeit der großen Geste vorziehen. Kein Wunder, dass seine gestalterische Position aus internationaler Perspektive in Einklang gebracht wurde mit dem politischen Impetus der jungen Bundesrepublik. Aber mehr noch, als dass dieses Wissen mich bewegt, ist es ein Hochgefühl der Stimmigkeit, das mich erfasst. Was für ein hinreißende Erinnerung daran, was Kunst und Demokratie können, ist dieses Hotelzimmer. Und auf einmal erinnere ich mich auch daran, welcher Moment mich auf immer fürs Monumentale verdorben hat: Ich war ein Kind, Anfang der siebziger Jahre, als mein Vater im schmalen Anzug mich in sein neues Büro mitnahm. Im Renault 5 fuhren wir nach Frankfurt-Niederrad. Im Olivetti-Hochhaus, das auf einem weißen Bein stand, durfte ich mich im schwarzen geschwungenen Bürostuhl drehen und die Sonnensegel vor der Skelettfassade einstellen. Aus luftiger, schattiger Höhe sah ich auf die klotzige Bürostadt und wusste ab da, wie sich Denken und Arbeiten richtig anfühlt.

Die Geschichte des Hotels reicht ins 16. Jahrhundert zurück. Das lässt sich in der prächtigsten und ausführlichsten Chronik nachlesen, die je in einem Hotelzimmer auslag. Den Namen hat Prinz Karl II. August Pfalzgraf bei Rhein und Herzog von Pfalz-Zweibrücken gegeben, dessen K sich unterwegs in ein vornehmeres, womöglich französisches C verwandelte. Eine äußerst zwielichtige Figur, so viel ist gewiss. Ein despotischer, finsterer Verschwender, ein tyrannischer Zukurzgekommener. »Hundskarl« wurde er geschimpft, weil er teure Jagden veranstaltete, gründlich gehasst von seinen Zeitgenossen wie auch später von badischen Demokraten. Den filigranen Eiermann-Schreibtisch und eine seiner frühen Zeichnungen des Stadtturms im Blick, frage ich mich, warum das Hotel bloß diesen Namen trägt. Die Bilder könnten es gewesen sein, beschließe ich endlich und greife nach dem Strohhalm, den Wikipedia mir reicht, denn es ist gleich Zeit zum Abendessen: Im Prunkschloss des fiesen Carl/Karl baute der Maler Johann Christian Mannlich für ihn eine ausgezeichnete Gemäldesammlung auf, die später einen der Grundstöcke der Münchener Pinakothek bildete.

Wir finden uns im Restaurant des Prinzen Carl ein. Eine alte Gaststube mit schönen Proportionen. In gehörigem Abstand zueinander stehen wenige Tische im Raum und wir dürfen uns an einer handwerklich erstklassigen Küche erfreuen, die das herrliche Versprechen der wohlklingenden Worte auf der Speisekarte wie Kapaun, Bubenspitzle, Kohlrabi-Carpaccio und geselchte Schweinebäckle zu unserer Freude geschmacklich einlöst.

Während ich am nächsten Morgen vom Parkplatz aus die Gliederung der Fassade betrachte, die vorgehängte Struktur aus Holz, die die Außenwand in einen Zwischenraum verwandelt, fällt mir auf, dass das hölzerne Stangenwerk schon ein bisschen abgewatzt ausschaut. Bauhäusliche Musealisierung ist nicht das Problem des Prinzen Carl. Aber wie kam es eigentlich, dass der in den sechziger Jahren berühmte Architekt, der prestigeträchtige Bauaufträge bearbeitete, diese kleine Chose angenommen hat? Wie geht die Geschichte von Eiermann und Buchen? Zwei Kapitel hat diese Beziehung, eines, das Hotelkapitel, handelt von herzlicher Dankbarkeit, das andere von Not, von kreativer Energie und unbeirrbaren ästhetischen Positionen.

Egon Eiermann hatte 1942 sein Architekturbüro von Berlin nach Beelitz verlegt und dort nach den Bombardierungen Großberlins ein Ausweichkrankenhaus für die Beelitzer Heilstätten erbaut. Im April 1945 besetzte die sowjetische Armee Beelitz-Heilstätten, in den Kämpfen brannte das Büro aus. Ich stelle mir vor, wie der Architekt, der vor und auch während des Krieges Gewerbebauten entworfen hatte, ohne Dach und Arbeit im Brandenburgischen steht und sich etwas einfallen lassen muss. Er geht los, flieht zu Fuß nach Buchen im Odenwald, in die Geburtsstadt seines Vaters. Die alten Verbindungen halten: Er findet Unterschlupf in einem Zimmerchen unter dem Zwiebeldach des Stadtturms und beginnt wieder zu arbeiten. Die Hoteliers des Prinzen Carl beluden den Korb, den der Sohn der alteingesessenen Buchener Familie mittags an einem langen Seil hinunterließ, mit Essen aus dem Hotelrestaurant. So steht diese Rapunzel-Geschichte jedenfalls in der Hotelchronik geschrieben. Ich blicke an dem mittelalterlichen Turm mit der achteckigen Dachkonstruktion hoch und glaube sie nicht. Das ist zu hoch und zu wackelig, selbst für patente Architekten und zupackende Dienstmädchen.

Heinrich Magnani war seit 1935 Pfarrer in Hettingen, der kleinen Nachbargemeinde von Buchen. Auf alten Fotos sieht man einen kompakten Menschen mit einem klaren, freundlichen Gesicht. Der Verhaftung durch die Gestapo war er 1943 nur knapp entkommen. Sein Verständnis von Seelsorge umfasste soziale wie caritative Aspekte und war von zupackendem Pragmatismus. 1945 gründete er die Notgemeinschaft Hettingen, um die Ostflüchtlinge mit dem Nötigsten zu versorgen und die Bevölkerung zur Mitarbeit zu mobilisieren. Magnani bat Eiermann um einen Entwurf für die Siedlungshäuser. Um den Bau zu finanzieren, gründete der Pfarrer das genossenschaftlich organisierte Siedlungswerk Hettingen, für das man Anteilsscheine zeichnen konnte. Das taten Buchener Bürger, die katholische Kirche, Egon Eiermanns Schwester, die in die USA ausgewandert war und das Projekt ihres Bruders unterstützte, sowie die Flüchtlinge selbst, die den Betrag in Arbeitsstunden ableisten konnten.

Glücksfall, Zufall – aus der wirtschaftlichen und sozialen Notsituation entstand durch die Zusammenarbeit von Magnani und Eiermann ein Entwurf von großer kultureller Bedeutung. Man muss den Vergleich mit der tristen, sparsamen Einfalls- und Lieblosigkeit der Container-Unterkünfte heute gar nicht bemühen, um in Hettingen zu erkennen, was für eine grundlegend neue architektonische und soziale Lösung Eiermann in der krassen Mangelsituation von 1946 erdachte. Er arbeitete mit einer Programmatik, die der Moderne verpflichtet war, die soziale Integration und Mitverantwortung als ästhetische Aufgabe begriff, die auf nachhaltige Wertbeständigkeit und urbane architektonische Qualität setzte und sie an die Würde des Menschen band.

»Der Bedarf ist so ungeheuer, dass kein neues Gebäude für Jahrzehnte frei sein wird. Darin liegt eine große Verantwortung der Menschheit gegenüber, die ein Heim, aber keine Baracke, keine Kaserne und keine Hundehütte haben soll, wenn der Wert demokratischer Staatsform, das Lebensrecht und die Erhaltung des Individuums neu geschaffen und bewahrt werden soll.« (Egon Eiermann: »Vortrag über die Planung von Wohnhäusern, gehalten bei der Caritas-Tagung der Diozöse Freiburg in Hettingen am 23.5.46« Abschrift aus dem Nachlass Eiermanns)

Schon ein Jahr später wurde Egon Eiermann als Professor an die Technische Hochschule Karlsruhe berufen, wo er bis zu seinem Tod 1970 lehrte und als freier Architekt arbeitete. Berühmt und emblematisch für die transparente Moderne der jungen Demokratie wurden die Firmenzentrale von Neckermann und die Olivetti-Hochhäuser in Frankfurt, das Kanzleigebäude der Deutschen Botschaft in Washington, das Abgeordneten-Hochhaus des Bundestages in Bonn, die Deutsche Pavillongruppe zur Weltausstellung in Brüssel, die IBM-Hauptverwaltung in Stuttgart sowie der Neubau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Beigesetzt ist Egon Eiermann im Grab seiner Großeltern auf dem Buchener Friedhof, doch das haben wir ausgelassen.

Samstagvormittag im Städtchen, die Fassaden leuchten, als wären sie in Florenz aufgewacht. Ein dezentes Schild lädt zum Stadtmauerrundweg ein. Gepflegt und irgendwie sympathisch in seiner Solidität aus Fachwerk, Schmiedeeisen und Hoflinde ist das Anwesen der ehemaligen Amtskellerei, an der wir vorbeikommen. Amtskeller trieben im 18. Jahrhundert für die Kurmainzischen Fürsten Geld- und Naturalabgaben ein. Der Vater des Komponisten Joseph Martin Kraus, des »Odenwälder Mozart«, hatte diese Position in Buchen inne, ähnlich wohl einem Landrat.

1777 hielt sich Mozart in Mannheim auf, gab den Kindern des Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz Musikunterricht, glänzte mit Konzerten und nörgelte in seinen Briefen nach Salzburg Ende November über die stimmliche Leistung der beiden alten, etwas gerupften Kastraten der Sängerriege. Insgesamt jedoch waren Monsieur erfreut über die Qualität der exzellenten Musiker. Da hatte der junge Kraus das Musikseminar der Stadt schon verlassen und war nach Göttingen gegangen.
Ein übler Verleumdungsprozess trieb die Familie Kraus von 1775 an fast in den finanziellen Ruin und definitiv ins soziale Abseits. Der Amtskeller wurde denunziert, vom Dienst suspendiert, man beschuldigte ihn der Bestechlichkeit und Untreue, der Sohn musste sein Jurastudium unterbrechen und für ein Jahr nach Buchen zurückkehren. Die Verfahren gegen seinen Vater wurden später eingestellt, aber da war es um Joseph Martin Krausens Obrigkeitstreue und seinen Glauben in die Rechtsprechung schon geschehen. Er verfasst einen »flammenden Protest gegen mißbrauchte Fürstenmacht«, will dem Mainzer Kurfürsten nicht mehr dienen. Ende November 1777 schreibt er an seine Eltern, ehe er einem Despoten die Füße lecken müsse, wolle er lieber darben. Er bricht das Jurastudium ab und widmet sich fürderhin in Schweden sehr erfolgreich dem Komponieren.

Da heute weder Mittwoch noch Sonntag ist, bleiben Museum und schmiedeeisernes Tor vor dem kopfsteingepflasterten Hof, auf dem Joseph als junger Mensch hochbegabt herumlungerte, geschlossen. Dass Götz von Berlichingen auf eben diesem Hof 1525 die Führung des Hellen Lichten Haufens im Bauernkrieg übernahm, lerne ich vom Schild am Zaun. Der Helle Lichte Haufen, das waren fast 12.000 Bauern, die gegen die Bischöfe von Mainz und die Kurfürsten der Pfalz zogen und sich gegen Armut, Zölle, Zinsen, Steuern, Großzehnt, Leibeigenschaft und Frondienst erhoben.

Nach Göttingen war Joseph Martin Kraus gegangen. Der junge Mann war ja schon von Buchen nach Mannheim gegangen, um dort eine ordentliche Schulausbildung  und Musikunterricht zu bekommen. Zu Fuß? frage ich mich, als wir ins Auto steigen und über gewundene Straßen und durch schattige Kurven Richtung Neckartal fahren. Von Buchen nach Mannheim sind es 83 Kilometer. Herr Campe erfand in seinem famosen Wörterbuch für die französische »Chaussee« ein neues Wort: Kunststraße. Die Kunststraßen im Badischen zählten neben den hessischen und kurpfälzischen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu den besten des Landes. Die Fürsten von Leiningen ließen die Chaussee von Mosbach nach Buchen als Haupt-Commerzial- und Poststraße ausbauen, während Goethe noch den riesigen Erfolg seines Götz von Berlichingen genoss und den lamentablen Zustand der Straßen rund um Weimar beklagte, die kein Fortkommen erlaubten und die Beförderung der Post nahezu unerträglich verzögerten. Tief gefurchte, schlammige Wege statt befestigter Schotterstraßen. Seit 1776 im Staatsdienst und Direktor des Wegebaus, kümmerte sich der Geheime Legationsrat Goethe nun um die Infrastruktur im Sächsischen. Der junge Kraus wurde wohl ordentlich durchgerüttelt in der Postkutsche der Thurn und Taxis, schaffte die Strecke auf anständiger Kunststraße aber in zwei Tagen.

Wir sind in einer Stunde im hellen Mannheim und parken am Friedrichsplatz vor der neuen Kunsthalle. Metallgewebe umschließt ein quaderförmiges Ensemble von Kuben und Baukörpern. Wir wundern uns nicht, als Erstes Eduard Manets »Die Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko« zu sehen, die malerische Auslöschung des Pathos schlechthin. Doch da die Rheinebene zu einer ganz anderen Legendenabteilung gehört, endet die Ausfahrt in den Odenwald im Museumsfoyer, wo Alicja Kwades Stein-Uhr-Pendel seinen eigenen geheimnisvollen Rhythmus erschafft.

Hotel Prinz Carl, Buchen
http://www.prinz-carl.de | T. 06281 52690 | DZ ab 90 Euro

Bildnachweis:
Die Aufnahmen des Magnani-Eiermann-Siedlungshauses hat mir mit großzügiger Freundlichkeit der Architekturfotograf Moritz Bernoully zur Verwendung überlassen.
(c) Moritz Bernoulli http://www.moritzbernoully.com