Auenland im Singlespeed

Triste Wochen liegen hinter uns. Von Corona befallen. Krank in Quarantäne, drinnen und trostlos. Wir atmen flach und schlucken Vitamine. Schneeregen schlägt an die Scheiben. Während der ersten Pandemiewelle blickte ich aus dem Fenster, nun schaue ich zurück in den Sommer. Viele Winter und viele Sommer sah ich kommen und gehen. Geduld nur, Geduld! sagt Tomte Tummetott und beschwört in Schneenächten die Erinnerungsbilder heller Sommertage.

Bilder wie das von einem frühen Sonntagmorgen im August. Wir ziehen die Haustür zu und stehen auf dem Bürgersteig. Zwei Frauen, drei Mädchen. Wir sind keine trainierten Radlerinnen, aber guter Dinge und bereit, die nächsten Tage einen der großen Radwanderwege Deutschlands zu befahren: den Elberadweg von Hamburg Richtung Dresden. Ein Selfie und es geht los. Und eines sei jetzt schon verraten: Mehr Ausschilderung und Tourismusmarketing ist auf den 200 Kilometern bis Wittenberge, die wir uns vorgenommen haben, kaum vorstellbar. Sich zu verfahren, erfordert ein Maß an Ignoranz, das außer uns offenkundig kaum jemand aufbringt. Man muss während des Radelns viel reden und an andere Sachen denken, um den Pfad mit dem blau geschwungenen stilisierten Signet zu verfehlen. Es geht aber.

Mein normales Stadtrad, die Landkarte im Einkaufskorb, die alte Picknickdecke und eine Regenjacke aus den achtziger Jahren – die Ausrüstung hat kein Vermögen gekostet. Dazu eine gute Hose für abends, zwei Bücher, die türkisfarbene Reparaturdose und ein Ladegerät. Der Moment, wenn wir feststellen, dass wir fünf Apple-Ladegräte, aber keine Luftpumpe für französische Ventile dabeihaben, liegt noch vor uns.
Die alltägliche Innenstadtstrecke fühlt sich heute wichtig an, denn der Weg vorbei an der Alster und den Deichtorhallen ist jetzt die erste Etappe einer Reise. Auch wir selbst fühlen uns erfüllt von herrlicher Bedeutsamkeit, die uns die wenigen Passanten eigentlich ansehen müssten. So wie Frischverliebte meinen, jeder müsse ihnen die außerordentliche Gefühlsbewegung vom Gesicht ablesen, wenn sie nur über den Bürgersteig gehen.

Wie viele Male bin ich schon entlang der Elbe nach Entenwerder gefahren? Aber erst mit dem Blick der Reisenden sehe ich auf einmal das Bild einer sich in den letzten Jahren neu erfindenden Stadt: die eitlen Fassaden im Überseequartier, umgewidmete Lagerhallen. Hammerbrooklyn, Baakenpark, die gmp-Halte Elbbrücken, Hafenbecken, das Industriegrau und Containerblau der Veddel, Hausboote, dazwischen ein paar Brückenköpfe und Kioske. Avancierte Landschaftsgestaltung, mutige Linien, architektonische Gesellenstücke, Wasser und Licht, die schiere Größe der Entwicklungsflächen – all das strahlt eine enorme Energie aus, geradezu eine Zukunftsverliebtheit. 

Keine Viertelstunde später sind Himmel und Deich die Hauptmotive im Bild. Das Licht wird heller über den historischen Wasserbecken von Kaltehofe, Birkenblätter glitzern. Über die Tatenberger Schleuse radeln wir ins Spadenland. Buchen entlang der Wirtschaftswege, Entwässerungsgräben, geduckte Reetdächer. Noch keine zwanzig Kilometer geradelt und ich bin schon verliebt in diese sonnige Kulturlandschaft. Es fühlt sich an wie ein Tag in den siebziger Jahren, als wir mit den Bonanza-Rädern über die Feldwege hinter der Siedlung fuhren, Schmetterlinge fingen und mit den Fruchtdingern der Färber-Erle Regenrohre bauten. 

Die Kinder stellen sachlich fest, dass wir krass die langsamsten Radler sind. Die überlegene Konkurrenz: hochgerüstete Sportmänner auf tollen Rennrädern, mit Helmen und Brillen und Schuhen, dass du staunst. Und ältere Herrschaften auf leistungsstarken Elektrorädern, die unsere Nicht-Ausrüstung ganz hamburgisch mit der Augenbraue kommentieren.
Tatsache ist aber, dass wir gut klarkommen. Wir sind nicht in den Alpen.

Mit jedem Kilometer jedoch, den wir in den nächsten Tagen fahren, wird es einsamer und ruhiger um uns. Wir hatten befürchtet, in diesem Corona-Sommer sei es voll an der Elbe. Aber nichts da: Leer, weit und grünblau empfangen uns die Elbtalauen. Wir radeln bei sanftem Rückenwind unter einem strahlenden Sommerwolkenhimmel auf den Deichen. Schwarzpappeln, Graureiher und Weißstörche, Libellen, Biber, Kiebitze, Seerosen. Irgend etwas haben wir richtig gemacht im letzten Leben, um das zu verdienen.

Wir Erwachsene werden wachsweich vor lauter Naturschönheit und Biosphärenreservat und lassen es geschehen, dass das Elend der Welt von uns abfällt. Einfach so.
Der Fluss ist breit, auf einschüchternde Art selbstbewusst, trägt Grenzen, Länder und Geschichte mit sich herum und vergisst sie auch wieder auf dem Weg. Mit jeder Pedalrunde lösen wir uns in diesem stillen Panorama auf. Die Kinder finden es irgendwie okay, aber sie singen. Beim Fahren, zweistimmig, den ganzen Tag. Baden in der Elbe, lungern auf Wiesen und kauen Halme, als hätten sie französische Filme gesehen.

In Geesthacht ist es Zeit für ein anständiges Picknick am Wasser. Stoffservietten. Wir haben Stoffservietten dabei. Das freut mich, denn ich bevorzuge Stoffservietten. Die Kinder fragen nach ihren Serviettenringen. Auch wenn das ehemalige Gelände der Menzer-Werft in eine kollektive Freizeitanstalt umgewandelt, gnadenlos beschildert und hübsch gestaltet wurde, vergessen wir nicht, dass der frühere Reichtum dieses hässlichen Städtchens sich Alfred Nobel verdankt, der 1866 auf der Krümmelschen Anhöhe eine Nitroglyzerinfabrik eröffnete, die mit Zwangsarbeitern und der Rüstungsproduktion für zwei Weltkriege einen Riesenhaufen Geld verdiente und zur Pulverkammer Deutschlands expandierte. Justament auf dem Krümmeler Fabrikgelände entwickelten in den fünfziger Jahren Physiker, die schon für das Atomwaffen-programm der Nazis gearbeitet hatten, das nuklear angetriebene Frachtschiff »Otto Hahn«. Hier wurden dann auch zwei Forschungsreaktoren gebaut und 1984 ging das AKW Krümmel ans Netz.
Und weil die KPD in der Weimarer Republik stärkste Partei in Geesthacht war und sich die Kommunisten in einer legendären Schlacht mit den Sozialdemokraten prügelten, bringen wir den Kindern auf der kurzen Strecke zum AKW den Schlachtruf Wer hat uns verraten? Die Sozialdemokraten! bei, den sie brüllen, während wir auf der Höhe der Kühltürme über einen geschotterten Wohnmobilstellplatz schieben, auf dem Menschen offenkundig ihren Urlaub verbringen. Sie machen Urlaub auf dem Schotterplatz zwischen AKW und Fluss. Grillen, hängen Wäsche auf und stehen rum. Wir brüllen Die Sozialdemokraten! und radeln weiter.

Die Luft dafür haben wir am Hohen Elbufer bis Lauenburg nicht mehr. Quasi gebirgiges Biosphärenreservat. Anhöhen, Steigungen und welliges Gelände inmitten von lichten Eichen- und Buchenwäldern, die Elbe flimmert zwischen den Stämmen hindurch. Beinahe glaubt man sich in echter Natur, bis eine superkomfortable hölzerne Liegebank des Elberadweg-Tourismo-Büros am Viewpoint uns von diesem Irrglauben befreit. Wir haben uns trotzdem drauf gesetzt.

In Lauenburg fahren wir an der alten Streichholzfabrik vorbei und schieben ins Städtchen, wo wir vor poliertem Kopfsteinpflaster und historischen Fachwerkgebäuden ein bisschen ermatten. Aber wir haben es schön in der Pensione, sind weit weg vom richtigen Leben, schauen von der Terrasse aufs Wasser, flanieren über die Hauptstraße der mittelalterlichen Unterstadt, essen Fisch, steigen über die Treppenstufen in die Oberstadt und erfreuen uns im stillen Fürstengarten an dem Wort askanisch. Ja, wir sind vorbildliche Reisende.

Richtig begeistert aber sind wir am nächsten Morgen vom Elbschifffahrtsmuseum (ein Wort). Weil wir die einzigen Besucher sind, dürfen wir die Masken absetzen, was Berliner und Hamburger Kinder befremdet, aber ein Hochgefühl von Freiheit erzeugt. Im Museum erfahre ich Dinge, von denen ich nichts, rein gar nichts wusste. Die Elbe etwa war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts komplett industrialisiert und irre laut. Über 740 Kilometer hinweg lag eine Eisenkette am Grund des Flusses verankert. Kettendampfer fuhren mit ihren Schleppzügen, in denen zehn Schiffe mit bis zu dreitausend Tonnen Fracht hängen konnten, unter ohrenbetäubendem Lärm den Fluss hinauf. Als die KPDler vor der Werft in Geesthacht demonstrierten, haben sie ihr eigenes Wort nicht verstanden, so laut rasselten die Kettendampfer.


Wir schwingen uns auf den Sattel, radeln, verfahren uns (!), gurken um Deiche, während die Elbe Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg trennt und touchiert, als wäre nichts gewesen. Dabei gibt es keinen Augenblick lang einen Zweifel darüber, ob Osten oder Westen. Nach der Wende haben Hamburger und Berliner leerstehende Höfe im Osten gekauft, Fachwerk und alte Gemäuer saniert, ökologisch korrekt renoviert. Cosmea wippen über Holzzäunen, Störche nisten über Reet. Im Grenzgebiet der DDR wurden weder Investitionen getätigt noch Infrastruktur modernisiert. Hier sieht es heute hinreißend malerisch aus. Wie von der zarten Hand einer Landlust-Redakteurin arrangiert, stehen die Jungen im Storchennest. 

Ein Museum können wir noch. Wir nehmen den Abzweig nach Boizenburg. Meine Vermutung: Jemand hat Boizenburg erfunden, damit es ein Städtchen wie Boizenburg gibt. Niedliche Fachwerkhäuser, huckelige Gassen im Mittagslicht, von Linden gesäumte Wege, kunstvolle Fliesenbilder an Häuserfronten, Wassergräben, über die sich Brückchen spannen, und ein hinreißend elegantes barockes Fachwerk-Rathaus auf einem weiten Marktplatz. Am Vormittag muss eine Neutronenbombe über Boizenburg explodiert sein. Kein Leben, nirgendwo. Am Fliesenmuseum stehen wir vor geschlossener Tür. Montag. Historismus, Jugendstil, Art Nouveau und frühindustrielle Fliesen sind der Schwerpunkt der Sammlung, die ich wirklich gerne gesehen hätte. Vor Enttäuschung vergesse ich, dass Boizenburg mit der Regionalbahn eine Dreiviertelstunde von Hamburg entfernt liegt. Diese Idylle muss Lichtjahre vom normalen Leben entfernt sein.

Weil wir Zimmer in einer Pensione in Neu-Darchau gebucht haben, setzen wir am Nachmittag mit der Fähre über. Beschwingt von all der übsch’eit hatte ich fast vergessen, wie das Niedersächsische ist, wie albtraumhaft westdeutsche Provinz in Wahrheit war. Der Ort ist ein Psychopathen-Setting aus Backstein-Bungalows, Schildern, Jägerzäunen, Ausfallstraße und Sparkassen-Brutalismus. Ein Stelldichein der siebziger Jahre-Bedrückung. Wir kochen Nudeln und Pesto in der Küche der Unterkunft, die sehr sauber ist. 

Am nächsten Morgen bringt uns die Fähre zurück ans andere Ufer. Wir haben Gegenwind und die Stimmung ist leicht angespannt. Dömitz soll es rausreißen. Bis da hin müssen wir es schaffen. Bei jeder Flussbiegung erhoffen wir aus der Führungsgruppe den Ruf Aqaba!, doch es zieht sich. Die Kinder hassen inzwischen jede Schattierung von Grün. Endlich erheben sich die Mauern der fünfeckigen Festung über der Elbe wie das osmanische Fort über der Wüste Nefal. Lustlos schlappen wir durch das Gemäuer. Wehrarchitektur der Renaissance steht bei keiner von uns weit oben auf der Liste. Vielanker Fassbrause aber sehr wohl und die Brauerei ist in Dömitz zuhause. Gerettet.
Der Wind streicht durch Silberweiden und bewegt das Schilfgras in den Feuchtwiesen, rauscht durch Eichenkronen und weht wieder aus einer guten Richtung, während wir unter einem hohen Himmel durchs Brandenburgische rollen. Gaarz und Barz, die Besandten und Unbesandten sind keine verfeindeten Brüderpaare, sondern Dörfer hinterm Deich. Rotmilane fliegen ufernah Kapriolen, aber Seeadler lassen sich nicht blicken. In Lenzen wollen wir übernachten.

In Lauenburg war jeder Stein poliert, in Lenzen gedulden sich die Steine. Bescheiden und anrührend ernsthaft empfängt uns das Städtchen. Lunkini lautete der Name der slawischen Burg, heute schickes Bio-Hotel und Ausstellungsort. Ein Barockgarten schließt sich an, der gerade im rechten Maß vernachlässigt wirkt. Die Burgmauern sind gesäumt von üppigen Lavendelsträuchern, ein Landschaftspark geht in die Elbauen über. Im Stadtmuseum betrachten wir historische Fundstücke mit dem orientierungslosen, unstrukturierten Interesse von Reisenden, die einfach nichts Besseres zu tun haben als sich über die Geschichte eines kleinen Ortes zu informieren. Über Slawen und Wenden lesen wir, über Ackerbau, über Poststationen und Sperrzonen hinter der Grenze. Auf einem Schildchen steht, dass es im Jahr 1801 in Lenzen 45 Schuster und Pantoffelmacher gab. Wo fährt man heutzutage hin, wenn man Pantoffel braucht? Wer braucht hier Pantoffeln? Es gibt nicht mal mehr einen Bäcker. Einen Fahrradladen schon, den hätten wir dringend gebraucht, der hat aber geschlossen.

Aber den Rudower See gibt es, das Restaurant Haus am See mit Bratkartoffeln auf der Terrasse und eine Badestelle mit Steg. Blau türmt sich auf Blau. Am nächsten Morgen ganz früh springen wir rein – frierend, jubilierend, allein an diesem glatten glitzernden Dunkelblau, das ans Rudower Moor grenzt. Wir wissen noch von gestern, vom historischen Zinnfigurendiorama, dass bei der Schlacht bei Lenzen der deutsche König Heinrich I. vor gut tausend Jahren mit seiner übermächtigen Reiterei das Heer der Slawen in die Moore und in den See trieb. 200.000 Tote sollen es gewesen sein. Wie lange bleiben Leichen im Moor frisch? War das an meinem Fuß gerade ein Aal oder ein Slawenarm? Voll fies, mit den Pferden auf die Slawen. Die armen Pferde.

Es gibt noch Kaffee und Kakao im Haus am See, dann fahren wir trödelnd los. Die nassen Badeanzüge sind unsere Fuchsschwänze am Korb. Die Handgriffe, mit denen das Gepäck verstaut werden muss, sitzen. Der Hinternschmerz lässt nach den ersten hundert Metern nach. Im Grunde könnten wir ewig durch diesen Elbauen fahren und uns von Rentnern überholen lassen, aber es ist unser letzter Tag. In Wittenberge werden wir mit Sack und Pack und Rad in den Zug steigen.
Vier Tage lang ist mir nicht aufgefallen, dass das blaue Signet des Elbradweges auch zwei Worte einschließt: Labe und Elbe. Labe ist der tschechische Name der Elbe. Das lese ich dann endlich auf einer Bank, wo wir die Beine ausstrecken und vespern, im laminierten Tourenbuch.

Wittenberge baut an seiner Uferstraße. Wir schieben durch Bauzäune, aufgerissenen Asphalt und viel Nichts. Biegen von der Elbe ab und fahren ins Zentrum, das aus einem Kreisel besteht. Seit der Wende hat die Stadt alle großen Betriebe verloren. Geschlossen wurde 1991 das Nähmaschinenwerk Veritas, 1903 als Singer-Werk gegründet und einer der größten Arbeitgeber der Region. Auch das Zellstoffwerk und die Ölmühle wurden abgewickelt, aus dem riesigen Reichsbahnausbesserungswerk wurde zwar das Instandhaltungswerk der Deutschen Bahn, das hat den Bevölkerungsschwund aber nicht aufhalten können. Heute leben in Wittenberge 16.000 Menschen, so viele wie im Jahr 1900.
Leerstand, Plattenbauten, Ein-Euro-Läden und Dönerbuden. Anderthalb Stunden bis zur Abfahrt des Zugs. Wir parken die Räder vor dem Festspielhaus am Paul Lincke-Platz und gehen Eis essen.

Wo habe ich es gelesen? Irgendwo stand, Walter Gropius habe in Wittenberge eine Siedlung gebaut. Die Frau im Tourismo-Büro drückt mir einen lausig schwarz-weiß kopierten Zettel in die Hand. Mehr ham wir nicht.
Die Kinder sind müde und der Weg ist weit. Ich rase und radele allein die Ausfallstraße bergauf zum Kastanienplatz. Die Uhr im Blick, den Stadtplan in einer Hand. Die Landgesellschaft Eigene Scholle vergab 44 Parzellen in dieser Wohnkolonie an Beschäftigte der Singer Nähmaschinenfabrik und der Eisenbahnreparaturwerkstätten mit dem Ziel, zur Sesshaftigkeit der deutschen Arbeiterschaft beizutragen, und beauftragte 1912 das Büro Walter Gropius mit der Planung und Bauleitung. Die Siedlungshäuser wurden 1914 in Ziegelbauweise mit Sparrendächern erbaut. Stall, Tenne, ein Außen-Abort, ein Hof mit Pumpbrunnen und Garten gehörten zu jedem Grundstück der Gartenstadt. Selbstversorgung war ein zentraler Aspekt des Konzepts.


Ich biege außer Atem und leicht verschwitzt in den Lindenweg ein, cruise über den Kastanienplatz und wieder rechts in den Ahornweg. Zeit zum Absteigen ist nicht.
Die Stadt Wittenberge hat es offenbar versäumt, die Siedlung unter Denkmalschutz zu stellen. Jeder Eigentümer hat gebastelt und ausgebaut, gestrichen und seine alte Markise drangehängt. Und am Ende ist es vielleicht das Beste, was passieren konnte.

Vergessen vom Tourismusmarketing, stehen die architektonischen Gesellenstücke dieses Projektes einfach in der Gegend rum und lassen die Zeit durch die mutigen Linien hindurchfließen. Niemand auf der Straße. Der Bodenbelag sieht nach DDR aus. Vielleicht gab es hier am Vormittag auch eine Neutronenbombenexplosion.
Benutzt, bewohnt und vernachlässigt, aber dennoch konzentriert wie in einer Ampulle, bewahrt die klare Architektur die enorme Energie, die sie damals ausmachte, die Zukunftsverliebtheit und Vision einer neuen Stadt, in der Materialität, Rationalität und die Bedürfnisse der Bewohner zählen.

Eine Zeitkapsel mit paar Schadstellen, durch die Licht und Wasser und Hemdsärmeligkeit eindringt. Die durch einige politische Systeme und ein Jahrhundert gerollt ist und mir heute vor die Füße. Ich rolle zum Bahnhof mit dem Hochgefühl einer Entdeckerin.

Geduld nur, Geduld! Es wird wieder Sommer und dann steigen wir in Wittenberge aus dem Zug und radeln nach Magdeburg.


Gästehaus von Herzen / Lauenburg
von-herzen.de
Hostel Auszeit an der Elbe / Neu-Darchau
auszeitanderelbe.de
Pension Bartoschewitz / Lenzen
038792 / 73 78

Dreißigtausend

Neuruppin, Geesthacht, Weil am Rhein, Friedberg, Emmerich, Güstrow – alles Gemeinden in Deutschland mit etwa 30.000 Einwohnern. Ganz schön viele Leute. Bäcker, Medienkaufleute, Wasserwerker, Apotheker. Ins Fußballstadion von Leverkusen würden sie gerade so reinpassen, wenn sie ihre Babys auf den Schoß nehmen.
30.000 Spuren gibt es in dem Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach. 30.000 Spuren von Männern, die Kinderpornografie konsumieren und im Netz teilen, die sich in Foren über Praktiken austauschen, sich gegenseitig bestärken, die Kinder in aufgeräumten Hobbykellern missbrauchen und foltern, in schön eingerichteten Schlafzimmern vergewaltigen und schänden, die technisch versiert sind und über Equipment für Filmschnitt und Datenspeicherung verfügen, die Kinder unter Druck setzen, in einer ordentlichen Gartenlaube ihrer Freiheit berauben und ihre körperliche Selbstbestimmung missachten. Es ist eine grauenvolle Zahl. Sie ist furchtbar und bedrückend, aber eines ist sie nicht: überraschend.

Es gibt in Deutschland keine offizielle Dunkelziffererhebung, aber die statistisch relativ sichere Größe von einem bis zwei Missbrauchsopfern pro Schulklasse. In der Konfirmandinnengruppe auf dem Foto ist also im Schnitt eine Jugendliche, deren Vater, Stiefvater, Onkel, Nachbar, Freund der Familie oder Trainer ihr unter den hübschen blauen Rock gegriffen hat. Zwei Drittel der Täter gehören der Familie oder dem nahen Umfeld an. Missbrauch geschah und geschieht unter den Augen des schlafenden Staates, inmitten einer Gesellschaft, die sich mit so grässlichen Dingen wie Missbrauch nicht beschäftigen will, unter den Augen von wissenden Familien, die den sozialen Zusammenbruch mehr fürchten als jahrelang fortgesetzte Vergewaltigung.

Den Leitartikel Es ist an der Zeit zum Thema Kindesmissbrauch und Strafverfolgung schrieb gestern in der FAZ Reinhard Müller. Er kritisiert die Forderung der Grünen nach Stärkung der Jugendämter und Ermittlungsbehörden als reine Ersatzhandlung. Kern des Problems sei es hingegen, dass Ermittler nicht an relevante Daten kämen. Seiner Einschätzung nach sollte die Vorratsdatenspeicherung neu diskutiert werden. „Alle Instrumente nutzen  – das klingt gut. Ist aber offenbar nicht so gemeint. Hier wirkt wohl eine lange gewachsene Abstumpfung gegenüber Gewalt an Kindern in vermeintlich fortschrittlichen Milieus nach, die nur nicht Gewalt genannt und erst recht nicht verfolgt wurde.“

Das muss man erst mal schreiben. Ich nehme an, der Autor bezieht sich mit seinem starken Tobak auf die Debatte um Legalisierung vermeintlich einvernehmlicher pädophiler Beziehungen im Grünen Parteiprogramm der achtziger Jahre. Es ist aber egal, an welche moralische Verfehlung oder Straftat er denkt. Wie selbstgewiss und blind zugleich muss jemand sein, um mit dem Finger auf ein Milieu zu deuten, welches ihm billig genug scheint, um mit dem Besteck politischer Instrumentalisierung zu klappern. Solche Leitartikel sind Teil des Problems. Sie sind Teil des Problems, weil unerhörte Gewalt – oder deren Tolerierung – reflexhaft einer anderen Gruppe, immer dem anderen Milieu, dem fremden oder schwachen oder kranken Rand zugewiesen wird. Gewalt gegenüber Kindern geschieht doch nicht in der CDU oder der SPD oder im Gesangsverein und wird – solange niemand darüber berichtet – nicht jahrzehntelang in der katholischen Kirche ausgeübt und gedeckt, auch nicht in der Odenwaldschule und nicht in der Canisius-Schule, solange keine Journalisten herumschnüffeln. Es passiert nicht bei meinen netten Nachbarn und nicht in meiner intakten Familie – nur bei den anderen. Die anderen sind abgestumpft, vermeintlich fortschrittlich oder sozial schwach. Unsereins hat von sowas noch nie was gewusst. Da muss der Staat dringend was machen.

Das häufigste Bedürfnis für sexuellen Missbrauch ist die Ausübung von Macht. Täter leben ihre Gewaltphantasien an Kindern aus. Nur ein kleiner Kreis der Täter gehört zur Gruppe der Pädophilen (aus den FAQs von Dunkelziffer e.V.). Es geht um die Lust an der Ausübung von Macht, um Machtmissbrauch – und zwar in allen Milieus. Zum sexuellen Missbrauch in der Familie gehören in der Regel drei: der Täter, das Opfer und das schützende Umfeld. Das Umfeld schützt dabei nicht das Kind, sondern die Tat. Jeder von uns identifiziert sich lieber mit dem Mächtigen als mit dem Opfer, wir bringen uns auf die sichere Seite. Angst vor Gewalt lähmt. Angst vor dem sozialen Aus ist real, wenn ich kein eigenes Einkommen und keine soziale Unterstützung habe. Scham und Furcht sind übermächtig. Der Hamburger Anwalt für Familienrecht Rudolf von Bracken zum Kindesmissbrauch: „Täter sind organisiert, sozial blendend eingestellt, können sich darstellen, wirken vernünftig, rational, sind beruflich häufig erfolgreich.“ Wem wird auf einer Polizeidienststelle oder im Jugendamt oder in der Schule eher geglaubt: dem alerten, sprachgewandten Vater oder einer aufgelösten, schwachen, gar weinenden Person?

Unter den möglichen politischen Instrumenten kann ich keine einzige Ersatzhandlung sehen: Wir können und müssen vielleicht über Vorratsdatenspeicherung sprechen, aber es ist doch längst zu spät, wenn die Bilder im Netz sind. Es ist eine politische Entscheidung, wie Jugendämter ausgestattet sind, welche Kompetenzen und Möglichkeiten sie haben. Auch darüber müssen wir neu verhandeln, denn jede Institution, auch das Jugendamt, bildet Gesellschaft ab und handelt in deren Auftrag. Ebenso gehören die Ermittlungsbehörden gestärkt und in jeder Hinsicht gut ausgestattet. Bisher ist Kindesmissbrauch in Deutschland kein Verbrechen wie Raub oder Meineid, sondern nur ein Vergehen so wie Diebstahl oder Körperverletzung. Das Strafrecht muss angesichts der Ermittlungsergebnisse revidiert werden und wird es wohl auch. Öffentlichkeit und Berichterstattung holen Betroffene aus der Isolation und Scham. Wir können Kinder in ihrem Selbstbewusstsein stärken, Präventionsprogramme an Schulen auflegen und ErzieherInnen sensibilisieren.

All das zusammen genommen bleibt aber eine einzige große Ersatzhandlung, wenn wir nicht anerkennen, dass Macht uns korrumpiert und sozialer Status blendet. Wirklich schützen können wir Kinder nur, wenn wir selbst keine Angst haben und sprechen.

Mein Fenster zur Welt. Tag 18

Kreativität liege nicht nicht auf dem Marktplatz, stand am Samstag in der Zeitung. Fehlende Zerstreuung habe also auch etwas Gutes. Oha, denke ich und blicke aus meinem Fenster zur Welt. Es braucht eine Corona-Krise, damit ein Leitartikler auf die Idee kommt, Konzentration und einsame Beharrlichkeit seien Voraussetzungen für kreatives Tun.
Mit den warmen Apriltagen beginnt das dreizehnte Frühjahr, das ich durch dieses Fenster sich entfalten sehen kann. Zum ersten Mal in all den Jahren sehe ich Eltern mit ihren Kindern auf dem Bürgersteig abhängen. Mit Kreide malen, Laufrad üben. Auf Treppenstufen sitzen. Gummibärchen futtern. Erst seit die Spielplätze als umzäuntes Freizeitvergnügen gesperrt sind und die Cafés geschlossen, wo Aufenthalt an Konsum gekoppelt ist, wird der städtische Raum als ein Ort wiederentdeckt, an dem man leben kann – nicht nur eilig nutzen, sondern eben auch einfach sein. Statt des Autolärms auf der Fahrbahn herrscht Lebhaftigkeit auf dem Trottoir. Gilt das schon als gute Nachricht unter den vielen schlechten?

Der dreizehnte Frühling in dieser Wohnung und der zwölfte, seit ich alleinerziehend bin. Rückblickend könnte man sagen, dass jede Woche, jeder Monat, all die Jahre mit kleinen Kindern zuhause im Grunde eine ausgezeichnete Vorbereitung auf eine Pandemie waren. Und obendrein: häusliche Konzentration – check. Einsame Beharrlichkeit – check. Beides mag jene Kreativität fördern, die gerade von vielen neu entdeckt und gefeiert wird. Ich kann allerdings aus langjähriger Kontaktsperre heraus berichten, dass dies nur die halbe Wahrheit ist. Die andere heißt Mammon. Es braucht Penunze, um ein Eis zu essen, Knete zum Besänftigen der Albträume, Piepen für die Krankenversicherung, Kies für Strom, Bimbes für die Musikschule. Wer Angst hat, ist nicht kreativ. Dies nur als freundliche Ergänzung zu dem schönen Leitartikel, weil ich gerade dafür Zeit habe und natürlich für »Mein Fenster zur Welt«, den Text, den die FAZ bestimmt noch vor Ostern anfragen wird:

Die Platane vor meinem Fenster beginnt auszutreiben. Selbst wenige Tage bevor das junge Grün hervorbricht, gelingt es mir nicht recht – wie in jedem Jahr übrigens – mir vorzustellen, wie die Bäume belaubt aussehen werden. Kaum sind die Kronen aber dicht und frischgrün, kann ich mich nicht daran erinnern, wie die nackigen schwarzen Astgerippe aussahen. Eine merkwürdige kleine Amnesie, die aber niemandem schadet.
Nun knospen im April vor allen Häusern die Bäume. Der Virus macht keine Unterschiede. Die kollektive Vereinzelung erzeugt ein für viele Menschen stärkendes Wir-Gefühl. Tröstender Konsens, pandemischer Gleichklang. Aber dieses wohlige Gleichheitsgetue – together we care und so weiter, was sich dieser Tage ausbreitet, erscheint mir als befremdliche Amnesie. Dabei ist es so offensichtlich, dass man es kaum noch hinschreiben mag: Die Krise verstärkt Ungleichheit. Die Bundesregierung hat beachtliche Soforthilfen auf den Weg gebracht, keine Frage. Obendrein war die Welt schon ungerecht und die soziale Schere sperrangelweit geöffnet, bevor die Pandemie ausbrach. Doch diese Verschärfung der Unterschiede entspringt keinem quasi schicksalhaften Marktgeschehen. Das sind Entscheidungen und sie sind schwer auszuhalten.
Ich schaue auf den zart knospenden Baum, dessen Zweige sich im morgendlichen Frühlingswind wiegen. Im Nebenzimmer videotelefoniert das große Kind mit seiner Lerngruppe über dreihebige Jamben. Es schreibt in zwei Wochen Abitur. Es verfügt über einen Laptop, ein Smartphone und einen Drucker, es wird von seinen Lehrern unterstützt, bekommt Feedback und zur Not bringt ein Fahrradkurier das fehlende Buch. Was machen jetzt eigentlich Kinder mit zwei oder drei Geschwistern in einem Zimmer, ohne Computer, ohne elterlichen Support und in einer Familie, wo das Geld nicht mal fürs Essen langt? Wo das Beste, was Sozialarbeiter gerade tun können, darin besteht, beim Whatsappen mit ihren Schützlingen den Bildhintergrund auf Anzeichen von Verwahrlosung und Gewalt hin zu betrachten. Ich denke an den Automobilkonzern BMW, der angekündigt hat, 2020 eine Dividende von 1,64 Milliarden an seine Aktionäre auszuschütten. Gleichzeitig hat das Unternehmen Kurzarbeitergeld beantragt, was eine Staatshilfe ist, die aus Steuergeldern finanziert wird. Ich denke daran, dass zehntausende polnische Erntehelfer auf deutsche Spargelfelder eingeflogen werden. In der gleichen Gegenwart gibt Innenminister Seehofer bekannt, dass Deutschland „nach zähem Ringen sehr zeitnah 50 unbegleitete erkrankte Kinder aus griechischen Flüchtlingslagern aufnimmt“. Fünfzig.
Formen der Lyrik ist ein Thema beim Deutschabitur. Jeden Morgen bekommt das Kind ein Day’s poem of today neben den Frühstücksteller gelegt, heute von Saigyō.

Daß sie an die Welt,
die so unbeständig ist,
nicht gefesselt sei’n,
bläst der gütige Frühlingswind
alle Kirschblüten fort.

Abenteuer Kreuzfahrtschiff

Kreuzfahrten liegen im Trend. Alle kreuzen im Mittelmeer, durch die Ostsee und zu den Perlen der Karibik.
Wir haben einen Tag lang ein Kreuzfahrtschiff im Hamburger Hafen erkundet. Das Logbuch eines Abenteuers.

»You like, ya?« Zögerlich öffnet das Kind die exotische Frucht. »Yes, you try please.« Die Kellner strahlen, nicken aufmunternd. Rambutan ist eine der häufigsten Obstsorten im Malaiischen Archipel. Deutsch sprechen sie nicht, die jungen Asiaten im Service und ihr Englischvorrat ist mit der nächsten Frage ausgeschöpft: »Red wine, weit wine?« Hurtig räumen sie leer gegessene Teller ab, flitzen, richten, lächeln, apportieren, gut gelaunt und unglaublich schnell.

Am frühen Vormittag sind wir an Bord des Schiffes am Kreuzfahrtterminal in Hamburg gegangen. Für ein paar Stunden  gehören wir dazu, zur Welt der Kreuzfahrer, zu den Familien, die in einer grauen Abfertigungshalle sich lange geduldet haben, um in den Bauch des Giganten befördert zu werden. Wir werden allerdings die Meere nicht befahren, wir folgen keiner Sehnsucht. Wir erkunden einen Tag lang ein Schiff am Pier. Um den Hals hängt die Bordkarte, das Sesamöffnedich für eine Reisewelt. Gewiss hatte ich Vorurteile. Mich zog nichts auf Kreuzfahrtschiffe, doch bitte: Soll jeder nach seiner Fasson froh werden dürfen. Meine Ablehnung war diffus, beschränkte sich auf eine grundsätzliche Abneigung gegen viele Menschen an einem Ort und allgemeine ästhetische Erwägungen. Doch nun gehe ich – gewissermaßen durch einen glücklichen Zufall – mit meinen beiden Kindern durch den gläsernen Finger auf eine Hochhausfassade zu, die an Ostberliner Riegelbebauung erinnert, und bin irgendwie gespannt. Ich mache schließlich etwas, was ich noch nie gemacht habe. Ein Abenteuer liegt vor mir, ich bin bereit. »Reden Sie sich einfach ein, Sie würden bleiben«, steht in Versalien auf meiner Bordkarte, die ich zusätzlich zum Band gut festhalte, denn sie ist das Pfand für meinen Reisepass, den ein asiatischer Uniformierter einbehalten hat. Ich folge in den nächsten Stunden diesem Vorschlag und stelle mir vor, wie es wäre an diesem Ort zu bleiben.

Neben der Rambutan hat das Kind begeistert eine ganze Reihe exotischer Früchte an den Buffets gejagt. Das andere Kind ertränkt auf seinem Teller cremefarbene Sachen in brauner Soße. Während wir in dem Restaurantbereich zu Mittag essen, umspült uns der Lärm Hunderter Menschen, die unentwegt in Bewegung sind. Künstliche Säulen, Natur suggerierende Dekorationselemente aus Plastik und farbige Raumteiler springen uns an. Kunstlicht schiebt das diffuse Tageslicht an den Bildrand. Menschenschlangen ziehen an Platten vorbei. Eine Überfülle an Fisch, Gemüse, Fleisch, Salaten, Süßspeisen. Wein und Bier seien bei Tisch inbegriffen, wurde uns gesagt. In anderen Bordrestaurants geht der Alkohol extra, deshalb bleiben sie hier lange sitzen und betrinken sich ausgiebig umsonst, die Menschen, die an Land normale Nachbarn sind, weiße Familien, ältere Paare.

Während in der Halle, in die eine kleine gotische Kathedrale passen würde ohne zu stören, ein High-Tech-Laser-Show abgespielt wird, bekommen alle Popcorn und sämigen Fruchtsaft. Draußen scheint hell die Sonne, die gegitterten Fensterflächen jedoch sind von Rollos abgeschirmt. Farbige Lichtkegel sausen um Kurven, Rosa leuchtet es im Fahrstuhl, Blau in den Gängen, Lila über den Reihen blinkender Glückspielautomaten. Popmusik mit hochfrequenten bpm läuft in allen Public spaces. Unentrinnbar. Wir sind noch keine Stunde an Bord und die Außenwelt ist verschwunden. Mein Zeitgefühl verblasst. Über dem überwölbten Pool-Pantheon liegt ewiger Sommer, in der Cocktailbar endet die Nacht niemals. Die Kinderclubs haben Tageslichtlampen und bunte Wände, ganztägige Betreuung für Kinder ab sechs Monaten. Zuhause nehmen sich Eltern eine Woche Urlaub, um die Kinder in der Kita einzugewöhnen, an Bord nimmt man ihnen die Betreuung der Kinder für eine Woche ab.

Während meine Kinder hingerissen futtern, alles anfassen, sich in Lounge-Chairs werfen und nice! brüllen, frage ich mich, was Erwachsene wohl während eines Seetages an Bord tun. Und wo. Auf diesem riesigen Schiff gibt es in Wahrheit keinen Platz. Ein schmaler Umlauf zieht sich auf dem obersten Deck um das Vorschiff. Spazieren verbietet sich gleichwohl, denn Minigolfbereiche und markierte Joggingstrecken besetzen den knappen Raum. Der Wellnessbereich verfügt über eine Außenterrasse, auf dem stehen aber Plastikwhirlpools, Sonnenschirme und Dinge herum. Irgendwann dämmert mir, dass die Frage falsch ist. In dieser Welt der Spa- und Barbereiche wird die Last des Erwachsenseins von einem genommen. Dieser monströs große Raum ist eine perfekt entworfene Infantilisierungsmaschine, konsequent der radikalen Bedürfnisbefriedigung verschrieben. Hier in dieser schwimmenden Zwischenwelt darf ich enthemmt konsumieren, verantwortungsfrei und selig gegenwärtig sein. Noch bevor ein Bedürfnis einen Namen hat, wird es von der Befriedigung eliminiert. Immerzu füllt Weiches den Mund, ohne Unterlass fließt Alkohol, irre farbige Dekorationen bombardieren die Sinne, Raummöblierungen verstellen den Blick, bis nichts anderes mehr Kontur hat als der nächste Drink.

Sich voll laufen zu lassen ist eine quasi natürliche Fortführung des Kreuzfahrtkonzeptes für Familienschiffe. Später lese ich, dass sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen zu den häufigsten Delikten auf Kreuzfahrtschiffen gehören – geschuldet dem hohen Alkoholkonsum.
Von Ängsten entstellt wälzen sich im dritten Höllenkreis die Schattenleiber jener Toten, die der Gier verfallen sind.

Restlos ist die Natur also nicht gebannt. Auf dem ganzen Schiff sind an Treppenaufgängen, in Fluren, in Nischen und vor dem nächsten Irgendwas-Bereich Desinfektionsspender angebracht. Brühe auf die Finger spritzen, wedeln, weitergehen. Was gegen Noroviren und Bazillen in Stellung gebracht wird, erinnert an die Welt da draußen, in der grässliche Bakterien und erwachsene Unternehmer hausen. Die indonesischen Kellner verdienen rund 700 Euro monatlich. Bei einem Stundenlohn von etwa 2,40 Euro müssen sie dafür ungefähr 300 Stunden schuften, sieben Tage die Woche, elf Monate im Jahr. Das Schiff fährt – wenn es denn fährt – unter italienischer Flagge. Italienisches Recht ermöglicht den sogenannten Lohnsteuereinbehalt, das heißt, die Lohnsteuer wird dem Arbeitnehmer abgezogen, doch nicht dem Staat abgeführt. Die Reederei behält den Betrag und zahlt nur den Nettolohn aus. Der Mutterkonzern der Flotte hat seinen Sitz offiziell in Panama und zahlte im Jahr 2015 bei einem Umsatz von 15 Millarden US-Dollar einen Steuersatz in Höhe von 2,3 Prozent.

Als ich diese Zahlen zuhause am Schreibtisch nachlese, sind wir schon durch die Hafenanlagen und den Alten Elbtunnel in die Stadt geradelt. Auch die Familienabstimmung über eine Kreuzfahrt liegt hinter uns. Die Abenteurer für einen Tag blickten dabei über den grauen breiten Fluss auf seinem Weg zur Nordsee.

Katzenjammer im Koffer

Ganze Zeitschriften widmen sich dem Thema »Reisen mit Kindern«. Überall warten einzigartige Momente darauf von wunderbaren Menschen erlebt zu werden.
Mit drei Kindern allein zu reisen, kann aber auch eine einzigartige Strafexpedition sein. Der Bericht einer misslungenen Bahnreise.

Als allein reisender Mensch mit drei eher kleinen Kindern sollte man entspannt sein. Ist man aber nicht immer. Zuhause hege ich wie ein Anfänger noch Träume und packe zusätzlich zu allem anderen ein Buch für mich selbst zur Lektüre ein.
Ich lege das neue Hardcover einer Journalistin, deren Arbeiten ich sehr schätze, neben Conny am Strand und Finna, das Wikingermädchen in die Schultertasche. Insgesamt: eine Schultertasche, ein grünes Rucksackmonster, ein Rollkoffer, eine Reisetasche in Marienkäferdesign, ein Beutel mit Delfinen drauf und drei blaue Rucksäckchen.

Bereits auf dem Bahnsteig im Hauptbahnhof bin ich kaputt, verschwitzt, mit schmerzenden Schultern, genervt. Während ich Kinder und Gepäck bändige und es mir zum zehnten Mal misslingt, mir die reservierten Sitzplatznummern zu merken, und obendrein ein Kind damit droht, sich augenblicklich in die Hose zu pinkeln (was ich aus Erfahrung sofort glaube), ich die Not daraufhin mitten auf dem Bahnsteig gegen die gläserne Wand des Schaffner-Infohäuschens abhaltend verringere, fühle ich mich sehr dünnhäutig. Warum hilft mir eigentlich nie einer? Wie konnte es zu dieser Gesamtsituation kommen? Warum kann ich mir nicht selbstverständlich ein Taxi leisten?
Ich finde es im Prinzip richtig, dass alleinerziehende Mütter mit Kindern über drei Jahren berufstätig sind und sein können sollten. Aber was für ein mühseliges Leben das alles.
Um mich herum Elternpaare mit jeweils einem süßen Kind. Sehen unheimlich tolerant und distanziert herüber. Junge Männer, die gucken. Ein Schaffner, der mich tierisch laut anblafft.

Als ich das nächste Mal Zeit habe hochzuschauen, sehe ich die Journalistin, deren Buch ich dabei habe, mir gegenüber sitzen: kühl, elegant, intellektuell, mehrere Zeitungen vor sich, in kultiviertem, angeregtem Gespräch. Jetzt allerdings akut irritiert. Was man ihr nicht verdenken kann. Ich habe mich früher upgraden lassen, wenn ein Kleinkind in der Reihe vor oder hinter mir saß. Meine Dünnhäutigkeit verstärkt sich.
Inzwischen Schleichtiere überall, Käsebrote, zweimal Finna, das Wikingermädchen laut gelesen, ausgekippter Delfinbeutel.
Dann: Mama, die Frau da ist auf dem Foto in deinem Buch.
Ich atme weiter.
Mama, das ist die Frau! Gekruschel, während ich kniend Buntstifte aus Sitzritzen fische. Das Kind hält triumphierend das Buch hoch.
Ich will nicht, dass irgend jemand jetzt irgend etwas zu mir sagt.
Die Journalistin schaut mich an. Besitzt die Diskretion, kein Wort zu sagen.
Ich wusste, dass sie gut ist.

Gender, Emanzipation, Theorie, Entgeltgleichheit, strukturelle Ungleichheit, soziale Fragen – es ist mir alles egal.
Ich bin eine Frau ohne Hobbies und ohne Zeit zum Lesen. Ich gehe ganz allein auf die ICE-Toilette und wasche mir die Hände. Auch solche Tage gehen vorbei.

Wechselmodell: Sonntags An- und Abreise

Der Bundesgerichtshof hat am 1. Februar 2017 ein Urteil  gefällt, welches das paritätische Wechselmodell stärkt. In diesem Modell leben die Kinder getrennt lebender Eltern – so beide das Sorgerecht haben – wechselweise eine Woche hier und eine dort.
Liest man als Laie die Urteilsbegründung, scheint eine Überlegung von grundsätzlicher Bedeutung zu sein: Der BGH erkennt das Residenzmodell nicht als gesetzliches Leitbild an. In der Praxis mag die überwiegende Regelung so aussehen (Kind lebt bei der Mutter und verbringt jedes zweite Wochenende oder auch häufiger beim Vater), der Gedanke und die rechtliche Ausgestaltung des gemeinsamen Sorgerechts hat das Residenzmodell aber weder zur Grundlage noch zum Ziel.
Die Argumentation kann ich nachvollziehen und nehme sie als eine offene und auf Gleichberechtigung gerichtete Lesart wahr, die sich nicht an der konventionellen und bestimmt häufigsten Form der Lebenswirklichkeit orientiert, sondern an den rechtlichen Möglichkeiten, Forderungen und Aufgaben des gemeinsamen Sorgerechts. Auch wenn ein Elternteil das Wechselmodell ablehnt, soll diese Ablehnung eine paritätische Regelng nicht grundsätzlich verhindern. Einschränkungen und Vorbehalte formuliert der BGH ausgerichtet am Kindeswohl:
1. Das paritätische Wechselmodell setzt eine bestehende Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit der Eltern voraus.
2. Entscheidender Maßstab der Regelung ist das im konkreten Einzelfall festzustellende Kindeswohl.

Die Sache ist spannend und keineswegs einfach.
Grundsätzlich und rechtlich kann ich nicht anders als mich der Argumentation des BGH anzuschließen. Väter sollen Verantwortung übernehmen, Kinder haben ein Recht auf ihren Vater.
Nehme ich aber die konkreten Umstände der Klage in den Blick, die die Realität der allermeisten Trennungsfamilien widerspiegelt, kommen andere Aspekte dazu, die sehr viel weniger eindeutig sind.

In Schweden werde das paritätische Wechselmodell häufiger praktiziert als in Deutschland, heißt es. Es heißt aber auch, in Schweden gebe es ausgezeichnete staatliche Kinderbetreuung und vorbildliche Arbeitszeitmodelle, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen. Wie gestaltet sich ein Arbeitsalltag in Deutschland, in dem der/die Angestellte eine Woche regulär bis 18 Uhr arbeitet, in der nächsten Woche aber um 15.30 Uhr das Büro verlässt oder auch mal um 14 Uhr, weil am Rosenmontag die Kita zumacht? Ich kenne keine Arbeitssituation, die diese Freiräume ermöglicht. Ich kenne keine Alleinerziehenden, die mit jüngeren Kindern einen Vollzeitjob leisten. Staatliche Kinderbetreuung bis 18 Uhr ist häufig immer noch ein Verwahrmodell und endet obendrein, wenn das Kind in die 5. Klasse kommt.
Die Frage nach der Vereinbarkeit mag nicht unmittelbar am Kindeswohl ausgerichtet sein, betrifft aber im paritätischen Wechselmodell die ökonomische Grundlage des kostenintensiven Doppelmodells und unter Umständen beide Elternteile – oder eines, das aus eben diesen Gründen Einspruch erhebt. Wäre es vor einem richterlich verordneten Wechselmodell politisch nicht angemessen, eine rechtliche und soziale Umgebung zu schaffen, die solche Familienmodelle ermöglicht?

Der Vater eines 13-jährigen Kindes hat die Klage eingereicht. Der Junge hat seit einigen Jahren laut einer gemeinsam Vereinbarung der Eltern seinen Lebensmittelpunkt bei der Mutter. Der Vater war zu keinem Kompromiss bereit und bestand auf dem paritätischen Wechselmodell. Das Landgericht hatte den Jungen nicht gehört, ebenso wenig hatte der Vater seinen Sohn gefragt.
Wie nimmt (in diesem Fall) ein Vater seinen Dreizehnjährigen wahr, wenn er über dessen Kopf und Lebensgestaltung hinweg sein Recht durchsetzt? Liegt Eltern wirklich das Kindeswohl am Herzen, wenn der Streit vor Gericht führt und dort das Kind darüber befragt wird, wo es am liebsten wie lange wohnen will? Jeder, der einmal Kinder in einer Trennungssituation begleitet hat, kennt die Loyalitätskonflikte und Ängste eines Kindes, das weder Mutter noch Vater kränken will.
Es fällt mir tatsächlich schwer, die persönliche Anhörung des Kindes vor Gericht nicht als immanten Widerspruch zur Voraussetzung der »bestehenden Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit der Eltern« zu sehen. Der BGH verpflichtet die Familiengerichte zu einer umfassenden Aufklärung, „welche Form des Umgangs dem Kindeswohl am besten entspricht. Dies erfordert grundsätzlich auch die persönliche Anhörung des Kindes.“ Eltern, die gemeinsam und kooperativ im Wechsel mit ihren Kindern leben wollen, haben in dem Augenblick doch irgendwie ihr Anrecht auf ein solches Modell verwirkt, in dem sie vor Gericht stehen.
Schließlich verlangt das Wechselmodell auch den Kindern einiges ab: sich auf unterschiedliche Erziehungsstile einstellen, Klamotten, Sportsachen und Schulzeug packen, Verabredungen, Wege und Termine haargenau im Voraus planen, sich den Gepflogenheiten zweier Haushalte anpassen, Patchworkformationen ertragen.
Und auch wenn es jetzt Schelte von den Kinderpsychologen hagelt: Zuhause als unverrückbarer Bezugsort ist zumindest im Leben meiner Kinder, als sie klein waren, nicht unbedeutend gewesen. Mein Kiez, mein Bäcker, meine Buslinie, meine Straße, mein Heimweg, meine Kumpels, mein Zimmer, mein Bett. Jeden Tag die gleiche verlässliche Routine. Dienstags Turnen, das Nachbarsmädchen rausklingeln, los. Jeden Dienstag. Nicht nur an den ungeraden.

Zwischen dem Modell, nach dem Kinder den anderen Elternteil alle 14 Tage am Wochenende sehen, und dem richterlich verordneten paritätischen Wechselmodell liegt eine große Zahl von Möglichkeiten, Kompromissen und Verabredungen, die auch neu ausgehandelt werden können und müssen, wenn sich die Wünsche und Bewegungsradien der Kinder verändern.

Das Wechselmodell kann funktionieren: Wenn die Eltern nah beieinander wohnen, sich gut verstehen, ähnliche Erziehungsvorstellungen pflegen und sich in frei zu gestaltenden Arbeitswelten bewegen.

Wenn die beiden Eltern sich aber einig sind über ein hälftig geteiltes Sorgerecht, leuchtet mir das paritätische Modell der wechselnden Elternteile sehr viel mehr ein – in Schweden häufig praktiziert. Die Kinder wohnen fest in der Familienwohnung, die Eltern kommen wechselweise dazu. Sonntags An- und Abreise, alle Sachen im Rollköfferchen, die sie für die kommende Woche brauchen.

Und sag nicht, Du hast schon wieder das Aufladegerät vergessen.

Im Steinzeitalter der Kinderbetreuung

„Agarre de un bifaz“ von José-Manuel Benito Álvarez (España) —> Locutus Borg - Eigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Agarre_de_un_bifaz.png#/media/File:Agarre_de_un_bifaz.png

In den letzten Jahren hat sich einiges verändert bei der institutionellen Kinderbetreuung, auch zum Besseren: Es gibt mehr Ganztag in den Grundschulen, mehr Krippenplätze, das kostenfreie Vorschuljahr und Sprachförderung in den Kitas.

Quasi das Holozän der Betreuung herrscht im Leben einer alleinerziehenden Berufstätigen, solange sich beide Kinder in Kita und Grundschule bewegen: gesicherter Aufenthalt in der Erziehungs- und Bildungsanstalt von acht bis 16 Uhr. Natürlich gibt es auch mal eine Ausnahme: Elternsprechtag, pädagogischer Jahrestag, Läusealarm, eine Krankheitswelle im Lehrkörper, einen Streiktag oder zwei oder neun bei den Erziehern, ab und an einen Ausflug, hin und wieder eine Konferenz, ein Klassenfest, zuweilen ein Schulfest oder einen Betriebsausflug des Betreuerteams. Kleinigkeiten gewissermaßen, die mit dem Anspruch auf Jahresurlaub fair austariert sind.

An dem Tag aber, an dem Kind 1 auf die weiterführende Schule wechselt, katapultiert die Wirklichkeit einen ins Betreuungssteinzeitalter zurück. Meine Kinder sind klein geraten und beim Wechsel neun Jahre alt.
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Conni lernt Patchwork

Wir alle machen Fehler. Manche machen allerdings große Fehler.
Lehnen beispielsweise aus dem Stapel der eingesandten Manuskripte Glanzstücke der Conni-Literatur ab. Kurz nicht aufgepasst und schon ist die allerwitzigste, zeitdiagnostisch brillanteste, originellste Prosa abgelehnt.
Weil aber bald Weihnachten ist, und weil es zu Weihnachten Geschenke gibt, erscheinen sie hier: hervorragende, kommentarlos abgelehnte Texte.
Heut ist das Leben ein Ponyhof, Ihr habt die Wahl. Welches abgelehnte Conni-Abenteuer wollt Ihr vor dem Fest noch schnell lesen?

EXKLUSIV!! Verkannt und abgelehnt:

Conni lernt Patchwork

Seit Stunden regnet es. Bei diesem Wetter kann Conni nicht zu ihrem Pony Mausi. Conni möchte mit Mama backen, doch ausgerechnet heute ist der Patchwork-Kurs, auf den Mama sich immer so freut. Die bunten Stoffquadrate liegen schon auf dem Tisch bereit. Mama will eine hübsche Decke für Conni daraus machen.
»Ich will auch Patchwork lernen«, sagt Conni.
Mama nickt eifrig und geht zum Telefon. Sie führt ein paar Gespräche, das kann Conni hören, dann kommt sie in die Küche zurück. »Ich habe einen Patchwork-Kurs für Kinder gefunden.«
Als sie im Auto sitzen und Richtung Innenstadt fahren, wird Conni aufgeregt. In diesem Viertel war sie noch nie. Überall Häuser. Conni mag die schönen Gärten in ihrer Straße viel lieber. Endlich stehen sie vor dem Haus mit der Nummer 69. Conni schaut sich die Klingelschilder an: Auf fast allen stehen mehrere Namen, manche sind mit Kuli reingekritzelt. Unordnung macht Conni nervös. Aber Mamas Griff um ihre kleine Hand ist eisenhart. Sie will wirklich zu ihrem Kurs.

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Frau Ministerin Nahles redet über Luxus und Armut. Da machen wir mit.

(cc)_RossPollack_flickrEnde Februar legte der Paritätische Wohlfahrtsverband seinen neuen Armutsbericht vor. Letzte Woche hat dann Arbeitsministerin Nahles einen eigenen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung angekündigt und im Interview mit der Süddeutschen Zeitung ihr gesellschaftspolitisches Interesse akzentuiert:

Man hört oft Zahlen, wer wie viel besitzt und dass die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird. Mir geht es aber um die Frage: Wie wirkt sich Reichtum in unserem Land im Alltag aus? Nehmen Vermögende und die Eliten Einfluss auf politische Entscheidungen und gesellschaftliche Diskurse – welchen und in welcher Form?

Das halte ich ebenfalls für einen hochinteressanten Aspekt. Ich freue mich schon auf den Bericht der Bundesregierung, der die Fragen nach Elitenbildung, Lobbyismus, Stifterfamilien, Vermögensverhältnissen, Einflusssphären und generationellem Vermögenstransfer in Deutschland offenlegen und zur Diskussion bereitstellen wird. Bis das Papier aber vorliegt, können wir uns noch einmal dieser „Kluft“ zuwenden.

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Schule, the Monster under your Bed

(cc) Marc Palm
Monster (cc) Marc Palm

Neulich las ich auf faz.net einen Artikel zum Thema Schulwahl. Die Autorin Julia Bähr berichtet von den Schauläufen, die weiterführende Schulen neuerdings veranstalten müssen, damit sie angewählt werden, und die man als Eltern besuchen muss, um nur ja den optimalen Bildungsort für den Nachwuchs zu ergattern.
Bähr schlingt noch einen Faden in den Text hinein: Ekliger Turnhallengeruch löst Erinnerungen an ihre eigene Schulzeit aus.
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Die anderen: Kinder in gleichgeschlechtlichen Beziehungen

Ich bin berechtigt.Man weiß also wenig darüber, wie es den Kindern geht, die in gleichgeschlechtlichen Beziehungen aufwachsen und in der Schule gehänselt werden. Susanne Kusicke befasst sich heute in der FAZ mit dieser ungeklärten Frage. Der Artikel ist gründlich recherchiert, sie hat mit Psychotherapeuten gesprochen, deren Beratungsschwerpunkt auf Regenbogenfamilien liegt, und beleuchtet verschiedene Aspekte: anonyme Samenspender, Trennungen, sexuelle Entwicklung im jugendlichen Alter.
16.000 bis 19.000 Kinder lebten aktuell in Deutschland in dieser gesellschaftlich neuen Konstellation.

Und es schüttelt einen trotzdem beim Lesen. Nicht nur die soziale Realität der vielfältigen Familienmodelle lässt die Fragestellung altbacken aussehen.
Der Betrachtung liegt ein Begriff von Normativität und positiver Normalität zugrunde, der von ganz anderen Seiten, Kräften und ökonomischem Druck als ausgerechnet von gleichgeschlechtlichen Paaren mit Kinderwunsch zersplittert wurde.
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Reality Check

News from a goofed life: Private Nachrichten aus einem vermasselten Leben

Freitag, später Nachmittag. Heute geht es auf diesem Blog sehr konkret und hässlich alltäglich zu, weil aus genau diesem Alltag ziemlich viel Leben und soziale Realität besteht – auch wenn diese an keiner Stelle den Vorstellungsraum der politischen Klasse berührt oder gesellschaftliche Relevanz erreicht.
Keine Jammer-Arie, sondern die schnöde Beschreibung einer Wirklichkeit, die ich mit vielen anderen Alleinerziehenden teile, die aber deshalb weder gesellschaftlich noch individuell akzeptabel ist.
In den 10 Werktagen dieser und letzter Woche waren tagsüber folgende familiären Termine zu absolvieren und Dinge zu erledigen:

Klassenfest Kind 1: 17-20 Uhr (Kuchen mitbringen)
Klassenfest Kind 2 (an einem anderen Tag): 16-19 Uhr (Frikadellen mitbringen)
Schulfest: 16-19 Uhr (Salat mitbringen)
Chorauftritt: 17-18.30 Uhr
(Transfer vom Hort zur Kirche für Kind 2 organisieren)
Orthopäde Kind 1: 8.30-9.40 Uhr
2x Musikkurs Kind 2: 15-16 Uhr
(hinbringen, abholen)
Einladung Kindergeburtstag Kind 1: 16-19 Uhr
(bringen, abholen, vorher Geschenk kaufen)
Einladung Kindergeburtstag Kind 2: 14-19 Uhr
(bringen, abholen, vorher Geschenk kaufen)
Lernentwicklungsgespräch Kind 1: 8.30-9.00 Uhr
Lernentwicklungsgespräch Kind 2: 9.00-9.30 Uhr.
(Aber an einem anderen Tag.)
1x Hort geschlossen wegen Betriebsausflug

Dazu kommen die Standards:
10x Kinder zur Schule bringen / 10x abholen
Bücher in die Stadtbücherei zurückbringen
Hausaufgaben initiieren und supervidieren
10x Frühstück, 10x Schulbrote und 7x Abendessen: zubereiten, Tisch decken/abdecken
9  Maschinen Wäsche aufhängen, abhängen, falten
Altpapier, Altglas wegschaffen
10 Spülmaschinen-Ladungen einräumen/ausräumen
Wohnung aufräumen, Betten machen
mal was putzen und staubsaugen
vorlesen, spielen, sprechen
1 x Kind wegen Läusebefall aus der Schule holen
(Stoffsachen waschen, desinfizieren, tieffrieren)
Turnbeutel, Schwimmtaschen und Fußballsachen packen
einkaufen (ca. 50 kg Lebensmittel und Getränke in den 3. Stock)

Ich werde die Stunden jetzt nicht addieren. Aber erst nach all dem, oft dazwischen und davor beginnt die reguläre Arbeitszeit. Der Vater der Kinder trägt einen Unterhalt bei, der deutlich unter der Mindestgrenze liegt, also komme ich für unser Einkommen auf.
Im Familienreport 2010 wächst jedes 5. Kind in Deutschland bei nur einem Elternteil auf, davon 90% bei ihren Müttern, das sind etwa 1,5 Millionen Frauen. Zweidrittel aller alleinerziehenden Frauen sind berufstätig, 42% davon in Vollzeit. Alleinerziehende haben in Deutschland das höchste Armutsrisiko, was mich tatsächlich nicht ernsthaft überrascht.
Legen Sie den Wochenplan doch einmal einem Arbeitgeber vor. Oder man halte sich (ganz kurz) vor Augen, welches Maß an kontinuierlicher Disziplin, Energie und Selbstmotivation für diesen Workload nötig sind.

Beinahe geweint vor Rührung habe ich, als ich heute Morgen den Artikel von Dorothee Bär in der FAZ las: Das Betreuungsgeld gibt den Eltern Freiheit. Von echter Liebe ist da die Rede, von Bindung und Vertrauen. Dass Arbeitgeber nicht zu schaffen haben mit der Frage der Betreuung. Dass unsere Gesellschaft mit dem Betreuungsgeld die Glückserfahrung des Kinder-Habens ermöglichen will.
Zum Glück ist morgen Wochenende. Ich muss dringend eine Maschine Wäsche machen.