Hannah Ryggen. Ikonographie des Lebens

Nach den Touristenmengen, die in einer endlosen, schnatternden Polonaise durch die neue Frankfurter Altstadt ziehen, wirkt die Stimmung in den Ausstellungsräumen der Schirn noch einmal zurückgenommener und konzentrierter, als die monumentalen Tapisserien ohnehin anmuten.

Ehe ich auch nur einen Wandteppich aus der Nähe anschauen kann, läuft mein Gehirn auf Autopilot. Die Warnlampen Dekoration und Kunsthandwerk blinken. Ich spüre nahezu körperlich, dass meine Wahrnehmung, wenn man sie nur einen Moment unbeobachtet lässt, alle Register zieht und durchläuft. Man könnte auch sagen: Ich bin schrecklich konventionell. Abstrakt, seriell, konzeptuell, Pop-art, kubistisch, expressionistisch – das ist kanonische Moderne, und die Ausschlusskriterien sind klar. Gewebte Tiere und buntige Figürchen gehören dazu.
Sicher, Rosemarie Trockel, Louise Bourgeois oder Cosima von Bonin haben Terrain gewonnen, Stricken und Nähen eingesetzt sowie Wolle und Stoff dem Raum der Kunst hinzugefügt. Das Bauhaus-Jubiläum bringt Textilkünstlerinnen wie Gunta Stölzl und Lilly Reich endlich ins Bewusstsein. Und die Ausstellung Gegen die Unsichtbarkeit. Designerinnen der Deutschen Werkstätten Hellerau 1896 bis 1938 im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg hat dieses Jahr erst Arbeiten von Frauen gezeigt, die die Trennlinie zwischen Design, Kunst und Gestaltung zerlöcherten und den Begriff der Moderne erweiterten. Auch die Bilder der Ausstellung Feministische Avantgarde hallen im Bildgedächtnis nach.
Trotzdem gibt es in mir immer noch Reflexe, die wahrscheinlich in direkter Linie von Oskar Schlemmers »Wo Wolle ist, ist auch ein Weib, das webt, und sei es nur zum Zeitvertreib« abstammen. Meine Ignoranz ist sogar mir selbst unangenehm.

Nun stehe ich aber zwischen diesen Wandteppichen und da ich auf keinen Fall wieder zurück in den Tumult ums Authentische da draußen will, beginne ich zu schauen. Es ist ohnehin zu spät: Keine gedankliche Barriere schützt vor der Bildkraft dieser Werke. Eigenwillige Figuren, abgeschnittene Hände und plane Gesichter rücken mir unmittelbar nahe, die erzählerische Intensität der Szenerien gibt ihnen physische Präsenz.

Eine außergewöhnliche Frau war Hannah Ryggen. 1894 in einer Arbeiterfamilie geboren, wird sie Lehrerin und entdeckt mit Anfang Zwanzig die Kunst für sich, nimmt Malunterricht, reist 1922 nach Dresden, um dort die Alten Meister wie auch die zeitgenössische Kunst zu studieren. Sie nimmt begierig die Formen der Malerei in sich auf, lässt sich aber keineswegs einschüchtern – weder von Meisterwerken noch von jungen erfolgreichen Künstlern. Als sie einige Monate später nach Norwegen zurückkehrt, hat sie nicht nur den Mann kennengelernt, den sie heiraten wird, sondern sie weiß auch, dass sie etwas mit den Händen erschaffen will, dass ihre Leinwand der Webstuhl sein wird. Zweifeln, verzweifeln wird sie in den nächsten Jahrzehnten, lernen, schuften und scheitern, doch sie weiß offenbar unverrückbar, dass sie eine Künstlerin ist, eine Sozialistin zudem, die Lust an der Provokation verspürt, und eine selbstbewusste Frau, die Vertrauen in ihr Tun legt, gesellschaftliche Tabus nicht scheut und Widersprüche aushält. Zehn Jahre lang verbessert die Künstlerin ihre Technik, erlernt pflanzliche Färbemethoden und taucht durch die Kunstgeschichte der Tapisserie und Freskomalerei hindurch, bis sie ihre eigene Sprache findet.

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Hannah Ryggen am Webstuhl, um 1964, Adresseavisen, Trondheim

Mit ihrem Mann Hans und der gemeinsamen Tochter lebte sie isoliert und oft in finanzieller Not auf einem kleinen Selbstversorgerhof an der Westküste Norwegens und schuf dort ihre monumentalen Wandteppiche. Ihre biografischen Entscheidungen sind für das Verständnis ihrer Arbeit gleich mehrfach von Bedeutung:

Hannah Ryggen vergaß nie ihre Herkunft aus der Arbeiterschicht. Dekorative Kunst in der Malerei und rein oberflächliche Muster der volkstümlichen Webkunst interessieren sie nicht. In vielen Arbeiten der 30er und 40er Jahre befasst sie sich mit aktuellen poli­ti­schen Ereignissen und bekräftigt in der Wahl ihrer Themen und Motive ihre sozia­lis­ti­sche Über­zeu­gun­g. Mit dem traditionellen Medium des Wandteppichs richtete sie sich an die Öffentlichkeit: Sie wollte in Diskussionen eingreifen und möglichst viele Menschen sollten die Bilder sehen können. Mit ihren monumentalen Bildmanifesten, die an öffentlichen Orten hängen sollten, reklamierte Hannah Ryggen obendrein die große Bühne für sich, die weibliche Künstlerinnen bis dahin nicht in Anspruch genommen hatten. Sie hat Zeit ihres Leben nicht an private Sammler verkauft. Die Armut der Familie war bitter, meistens lebte sie von Selbstversorgung und vom Verkauf der Bilder Hans Ryggens, der seine Frau in ihrer kompromisslosen Haltung unterstützte.

Lebensumstände, politische Gegenwart und Selbstverständnis sind mit Hannah Ryggens künstlerischer Arbeit untrennbar verbunden. Das alltägliche Leben, das Verhältnis von Mensch zu Natur, Leben in der Gesell­schaft, Liebe und Schmerz, Menschsein, Sterben, Krie­g, Macht­miss­brauch, Fami­lie, Mitmen­schen, politische Anliegen und tagesaktuelle Fragen waren für sie gleichberechtigte Themen, die sie in ihren Collagen und Bühnenbildern erzählend verwob. Ebenso gleichberechtigt verwendet sie Repertoire und Formensprache der zeitgenössischen Kunst neben mythologischen Motiven, verknüpft religiöse Darstellungstraditionen und alltägliche Szenen, verbindet individuelle Symbole mit kollektiver Bildersprache und expressiven Formen.

Und es scheint, als wäre sich Hannah Ryggen ihrer gesellschaftlichen Stellung als Frau immer außerordentlich bewusst gewesen. Sie streitet für einen gleichberechtigten Zugang zum Kunstmarkt und reflektiert Frausein und Mutterschaft, Beziehung und Liebe wie selbstverständlich in ihren Bildern. Dabei war das Thema der Mutter-Kind-Bindung in der Kunstgeschichte 1947, als sie Mutterherz webte, keineswegs selbstverständlich, es war schlichtweg nicht vorhanden. Trauer, intensivste Liebesgefühle, ein zerbrochenes Herz, eine leere Gebärmutter, das Bild erzählt ein berührendes Drama in allen erdenklichen Rottönen. 1937 entstand das Triptychon Unverheiratete Mutter, nahezu mittelalterlich in der bildnerischen Anlage. Das Motiv der alleinstehenden Mutter ist in der Malerei in der Regel mit Armut, Erschöpfung und moralischer Verworfenheit verbunden. Ryggens farbsatte, strahlende Darstellung der intimen Zweisamkeit von Mutter und Kind erzählt von Fröhlichkeit und Selbstbewusstsein. Mehrere Motive überlagern sich in dem Wandteppich Liselotte Herrmann enthauptet von 1938. Die deutsche Kommunistin Liselotte Herrmann, Mutter eines kleines Jungen, wurde 1935 von der Gestapo verhaftet, gefoltert, wegen Spionage zum Tode verurteilt und trotz internationaler Proteste 1938 in Plötzensee hingerichtet. Ryggen verwendet ein Zeitungsfoto als Bildvorlage – ein Foto aus dem kollektiven Gedächtnis – und bearbeitet das Motiv in der Bildwelt einer klassischen Heiligenlegende. Mit ihrem Kind auf dem Schoß gehört Liselotte Herrmann mitten hinein ins Leben, ein roter abgehackter Fuß steht für den Leidensweg, in der Todeszelle liegt nur die Babydecke über ihrer Schulter. Marie Luise Knott schreibt in ihrem Essay »Im Flammenhemd des Lebens«, Hannah Ryggens Arbeiten durchdringen ihre Zeit und transzendieren diese anstatt sich (…) zu ihren Dienern zu machen (Ausstellungskatalog, S. 65). An kaum einem anderen Bild ist diese Bewegung so unmittelbar nachvollziehbar. Das Bild bewegt sich nicht an der Oberfläche der Aktualität, so zeitnah es auch das Ereignis aufnimmt. Es erinnert fürderhin an die mutige junge Frau, zeigt das grauenvolle Unrecht, empfindet die Tragödie eines unvollendeten Frauenlebens nach und macht sie mit den Mitteln der künstlerischen Bearbeitung erst sichtbar. Eine erschütternde Darstellung faschistischer Grausamkeit.

Das Motiv des abgeschlagenen Kopfes taucht in einem anderen Bild wieder auf: Ethiopia von 1935, entstanden kurz nach Mussolinis Invasion in Äthiopien. Haile Selassie hatte den Völkerbund vergebens um Beistand gebeten, das faschistische Italien annektierte das Kaiserreich. In einer Bildreihe sind eine afrikanische Frau, ein europäischer Minister, Hände in verschiedenen Hautfarben, der Kaiser Selassie und schließlich der abgeschlagene Kopf Mussolinis, aufgespießt auf den Speer eines äthiopischen Kämpfers, zu sehen. Die unteren zwei Drittel bestehen aus geometrischen Flächen und Mustern – ein montiertes, sandiges, erdfarbenes, klares Fresko. Ein fast vier Meter langes Protestmanifest ist dieser Teppich und nicht zimperlich in der Motivwahl. Auf der Weltausstellung in Paris 1937 hing der Teppich im norwegischen Pavillon, allerdings zensiert: Mussolinis abgeschlagener Kopf musste nach hinten gerollt werden. Nebenan, im französischen Pavillon, sorgte Picassos Guernica ebenfalls für Furore.

Ein Jahr später, 1936, entstand Tod der Träume, ein Werk, das sowohl die symbolische Fragmentierung der Körper wie auch den bühnenhaften Bildaufbau wiederholt. Die Gestalt des inhaftierten Carl von Ossietzky in Handschellen ist dargestellt. Im Würgegriff des rotgesichtigen Goebbels leidet ein anderer Gefangener. Von größter Kraft ist in diesem Bild aber Ryggens Umgang mit dem Ornamentalen. Auf der braunen Grundfläche zeichnen sich grafische, scheinbar neutrale Muster ab, die erst auf den zweiten Blick ihre Wahrheit hinter dem seriellen Ornament zeigen: Hakenkreuze.

Hannah Ryggen, Drømmedød (Tod der Träume), 1936, Bildteppich aus Wolle und Leinen, 235 x 273 cm, Nordenfjeldske. Kunstindustrimuseum (Nationales Museum für Kunsthandwerk und Design), Trondheim© H. Ryggen, VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Anders Sundet Solberg

Leidenschaftliche und ausdrucksstarke Bilder ihrer Zeit sind in Frankfurt zu sehen, Kunst, die die Gegenwart bitter nötig hat.

Schirn Kunsthalle Frankfurt, 26.9.2019 bis 12.1.2020

FRAUENBIOGRAFIEN – Hamburg-App

Wo man eben so hinschaut beim Flanieren in der Stadt: in Schaufenster, auf Fassaden und Zebrastreifen, in Toreinfahrten und auf Straßenschilder. Manches Schöne und wohl auch einiges Interessantes sieht man auf diese Weise, aber vieles bleibt unsichtbar. Ein ganz besonderes Guckloch und eine mitreißende Tiefenbohrung in die Hamburger Geschichte bietet eine App, erschienen dieses Jahr zum 100jährigen Jubiläum des Frauenwahlrechts: Frauenbiografien.
Frauen sind im kollektiven Gedächtnis unterrepräsentiert, Straßennamen und Denkmäler gelten zum allergrößten Teil Männern. Die Arbeit von Frauen fand lange und findet immer noch wenig Anerkennung, weibliche Lebensleistungen haben keinen Ort im kollektiven Gedächtnis.
In der Datenbank, die hinter der App liegt, sind Lebensläufe, die Arbeit und Bedeutung von verstorbenen Hamburgerinnen gesammelt & aufgearbeitet. Keineswegs nur prominente Autorinnen, Unternehmerinnen oder Journalistinnen, auch unbekannte Frauen sind da zu finden, die in ihrem Lebensumfeld Spuren hinterlassen haben, die Kunst gemacht oder im Stillen gearbeitet haben. Daneben stehen ausführliche Texte zu Einrichtungen oder Orten, die für Frauen von Bedeutung waren oder sind. Man kann direkt nach Namen suchen, nach Straßen oder einfach in einem geografischen Radius.

Grafisch ist die App so schlicht, dass es beinahe weh tut – wahrscheinlich gab es nicht genug Geld. Nicht egal, aber trotzdem: Die Ergebnisse sind großartig: ausführlich, genau recherchiert, mit Querverweisen, und wer mag, lässt sich auf wissenschaftlich fundierte Hintergründe ein. Für Nutzer*innen, die gerade nur Lust auf ein Appetithäppchen haben, gibt einen kurzen Einführungstext zum Eintrag und die Option, in einer bestimmten Straße weiterzusuchen oder sich die Route anzeigen zu lassen.

Ich tippe auf Umkreissuche. Im Kattrepel bekomme ich 400 Einträge in einem Radius von zweieinhalb Kilometern und erfahre, dass genau hier im Kattrepel um das Jahr 1428 in kleinen Butzelbuden Prostituierte arbeiteten und die Stadt daran tüchtig verdiente. 60 Jahre später wurde das Gewerbe verboten und doch geduldet, allerdings zwang man die Frauen eine Haube mit einem aufgenähten gelben Band zu tragen. Doppelmoral und Stigmatisierung sind mitten in der Hamburger Innenstadt offenbar zuhause: Der Gerhart-Hauptmann-Platz hieß früher Pferdemarkt, Giebelhäuser umstanden den gepflasterten Platz, wo 1732 ein Pranger aufgestellt wurde, an dem »treulose Ehefrauen und liederliche Weiber« mit einem Namensschild ins Halseisen eingeschlossen und öffentlich zur Schau gestellt wurden. Männer mussten für Ehebruch lediglich diskret eine Geldstrafe zahlen. Am Gerhart-Hauptmann-Platz lebte auch Ernestine Hoffmann, die als junge Frau ab 1779 eine der ersten deutschsprachigen Frauenzeitschriften Für Hamburgs Töchter herausgab. Auf ihren gesellschaftlichen Ruf bedacht, veröffentlichte sie unter einem männlichen Pseudonym. Ich sitze auf der umtosten Bushalte, lese über den Postvertrieb der Oktavhefte, über Herausgeberfiktion, Tugenddiskurs, Weiblichkeitsideale und die Konstruktion von Geschlechtersphären. Wenn ich aufschaue und die Schaufensterpuppen der Bekleidungsgeschäfte betrachte, die mir zeigen, wie ich mein Selbstbild mir vorstellen soll, ist diese Vergangenheit nicht vergangen. Ein paar Schritte weiter, im Jacobikirchhof eröffnete 1798 Dorothea Encke die Enckesche Winkelschule – bekannt sind diese Einrichtungen auch unter dem Namen Klippschulen, was nichts anderes als privat organisierte, behördlich nicht anerkannte Schulen waren. Die siebzehnjährige Dorothea und ihre Geschwister waren Waisen, sie musste mit dem Unterricht für die jüngeren Kinder sorgen. Die Enckesche Winkelschule genoss wohl über Jahrzehnte einen ausgezeichneten Ruf, und die Schulleiterin war, als sie mit 68 Jahren in Rente ging, ohne finanzielle Sorgen.

In Metern bin ich nicht weit gekommen an diesem Nachmittag. An historischem Wissen, an Geschichten, die hier auf den Straßen rumlungern und in unsere Gegenwart hineinreichen, an Frauenbiografien und Erinnerungsorten bin ich reich. Ein paar kleine Löcher weniger im Erinnerungsnetz.

Die Idee für die Frauenbiografien stammt von Dr. Rita Bake. Die Sozialhistorikerin lehrte in der Frauenforschung der Uni Hamburg, war bis 2017 stellvertretende Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und gründete den Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Sie ist auch verantwortlich für die Datenbank Hamburger Frauenbiografien.

Das Foto oben übrigens zeigt Elvira Unglaube, die erste Elvira Unglaube.
Sie trat zusammen mit ihrem Ehemann auf Volksfesten in einer spektakulären Show auf: kopfüber an einer Strickleiter unter einem Gasballon durch die Luft schwebend. Das ging lange gut, bis sie bei einem Gewittersturm tödlich verunglückte. Die zweite Ehefrau von Paul Unglaube hieß ebenfalls Elvira – es ist nicht zu glauben! – und trat die Nachfolge am Ballon an. Mit riesigen Erfolgen. Der Ballon wurde bei den Bombenangriffen 1943 vernichtet. Elvira die Zweite überlebte den Krieg und zog irgendwo nach Schleswig-Holstein.

Für iOS und Android. Kostenfrei.

So war mein Frauentag

Der Baumarkt an sich ist ja eine großartige Sache.
Füllhorn der Einsichten für Stadtethnografinnen, Gendertheoretiker, Kapitalismuskritikerinnen, Linguisten (Hochdruckeinspritzdüsenautomatikeinrichter), Paartherapeuten und Semiotikerinnen, die dort an jedem beliebigen Samstag aasen können wie der Leopard in der Lämmerherde.

Für mich persönlich ist der Baumarkt kein natürliches Habitat.
Ich bin handwerklich nicht geschickt. Ich kann nicht schwer tragen, und meine Arme tun schnell weh. Ich bin mir völlig im Klaren darüber, dass meine Fähigkeiten auf dem Gebiet des handwerklichen Tuns sehr beschränkt sind, was mich im Grunde nicht beunruhigt, aber nervös macht, wenn ich mich auf dem Hoheitsgebiet der Zupackenden und Hobbybegeisterten bewege.
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Noch nicht lang her: Mai 1997

Zur Erinnerung: Im Mai 1997 gab es Deutschland Farbkopierer, die Klimakonferenz beschloss das Kyoto-Protokoll, die Telekom war an der Börse, Cathérie David Chefin der Dokumenta und die EU-Konvention zur Biomedizin wurde verabschiedet.

Der Körper der deutschen Ehefrau jedoch hatte ihrem Mann uneingeschränkt zur Verfügung zu stehen.  In Deutschland galten bis vor 15 Jahren Ehefrauen als „nicht vergewaltigbar“. Eheliche Vergewaltigung und eheliche sexuelle Nötigung waren nicht nach den Strafgesetzbuch-Paragraphen 177 und 178 strafbar, sondern Privatsache. Die sexuelle Selbstbestimmung der Frau galt dem Gesetzgeber weniger als die Unantastbarkeit der Familie.

Bundestag und der Bundesrat brauchten 25 Jahre, die Vergewaltigung innerhalb und außerhalb der Ehe strafrechtlich gleichzustellen.
Im Jahr 1972 brachten die Sozialdemokraten erstmals einen Reformvorschlag ein und scheiterten an den Eheschützern. Ende der achtziger Jahre versuchten es die Grünen-Frauen erneut und kapitulierten vor der Lebensschützerlobby, die befürchtete, daß Frauen ihre Ehemänner einer Vergewaltigung bezichtigen könnten, um mit Hilfe der kriminologischen Indikation ganz legal abtreiben zu können.
Im Sommer 1994 begann eine neue Initiative, getragen von verschiedenen Parlamentarierinnen und Frauenorganisationen. Eine dreijährige Vernetzungs- und Lobbyarbeit führte schließlich zum Erfolg.
Ein Gruppenantrag der Frauen von SPD, FDP und Bündnisgrünen entsprach genau dem Wortlaut des Regierungsentwurfs. Als sich dann auch noch Frauen aus der CDU für diesen Antrag aussprachen, gab die Koalition ihren Widerstand auf und hob den Fraktionszwang auf.
Am 15. Mai 1997 stimmten von den anwesenden 644 Abgeordneten 471 für den Gruppenantrag und 138 dagegen, 35 enthielten sich der Stimme.

Keine Raketenphysik. Zum Equal Pay Day

(c) Lisa Blum-MInkel
RED HANDBAG (c) Lisa Blum-Minkel, Hamburg

Er kommt in die Jahre, der Equal Pay Day.
1988 riefen die amerikanischen Business and Professional Women zum ersten Mal den Aktionstag aus und initiierten die Red Purse Campaign, um auf die Unterbezahlung von Frauen hinzuweisen.
Bei der siebenundzwanzigsten Party sind nun alle dabei: Familienministerinnen, SPD-Vorsitzende, Wirtschaftsredakteure – tout Paris lässt sich blicken und spricht Grußworte, denn das Geburtstagskind ist erwachsen und salonfähig geworden. Es schickt sich, bei dem Event gesehen zu werden.
Unterdessen bewegt sich die Lohndifferenz in Deutschland mit leichten Schwankungen seit Jahren zwischen 22 und 23 Prozent.

Dass der Equal Pay Day zu kurz greift und tiefer liegende Gründe der Ungleichheit vernachlässigt, hat zum Beispiel Antje Schrupp schon 2011 in zehn Thesen klar vorgetragen. Auch die statistische Aussagekraft wurde schon an vielen Stellen zurecht kritisiert. Seit einigen Jahren unterscheidet man deshalb zwischen unbereinigter und bereinigter Lohndifferenz.
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Feministische Avantgarde in Hamburg: radikal, international und aktuell

Annegret Soltau Selbst, 1975 S/W-Photographie auf Barytpapier © Annegret Soltau / VG Bild-Kunst, Bonn 2015 / SAMMLUNG VERBUND, Wien Photo: Heide Kratz
Annegret Soltau
Selbst, 1975
S/W-Photographie auf Barytpapier
© Annegret Soltau / VG Bild-Kunst,
Bonn 2015 / SAMMLUNG VERBUND, Wien
Photo: Heide Kratz

Eine umwerfend gute, intelligente und berührende Ausstellung ist seit gestern in Hamburg zu sehen: Feministische Avantgarde. Kunst der 1970er Jahre aus der Sammlung Verbund, Wien, kuratiert von Dr. Gabriele Schor.

Die Ausstellung zeigt Arbeiten von mehr als 30 Künstlerinnen, eine Retrospektive über die Anfänge der internationalen feministischen Kunstbewegung.
Was präsentiert wird, ist in vielen Hinsichten bemerkenswert:
Wenn man diese Arbeiten beieinander sieht, ist das Spektrum dessen, was die europäischen (und einige amerikanische) Künstlerinnen schon in den 1970er Jahren gezeigt und erarbeitet haben, nahezu unglaublich und von einer ästhetischen Bildkraft, die wenig eingebüßt hat über 40 Jahre. Die Verschnürung des eigenen Gesichts von Annegret Soltau als Akt, als Zeichen, als Widerstand und als Bild zitiert Madonna auf ihrem neuen Plattencover.

Ich bin Laie, aber mir scheint doch, dass die kuratorische Leistung stupend ist. Über zehn Jahre hat das Team aus Wien in Archiven und Nachlässen gesucht, Material auf Dachböden gefunden und recherchiert, bis sie auch Flugblätter und Ankündigungszettel für Performances und die lustigen Frauenspaziergänge in die Pornoläden einer Stadt zusammen getragen haben. Der reguläre Kunstbetrieb und -markt hat kein Archiv aufgebaut und keinen Wert für diese Kunst erzeugt.

Die Hängung hätte in die Hose gehen können, ist aber stattdessen einnehmend und überzeugend gelungen, bildet formale, manchmal thematische Klammern und gibt der einzelnen Künstlerin Raum.

Die Künstlerinnen haben kein Kollektiv gebildet, keine Gruppe gegründet, und doch in diesem Jahrzehnt zeitgleich und zum ersten Mal in der Kunstgeschichte ein neues Bild der Frau(en) geschaffen. Sie haben nicht nur ähnliche Themen aufgegriffen, sondern auch ähnliche Strategien benutzt. Bestimmt nicht verwunderlich, dass viele der Künstlerinnen Performance, Film, Fotografie und Video einsetzten: Neue Medien und Techniken, die unbelastet von Traditionen in der Kunstgeschichte zur Verfügung standen.
Sie wurden laut und sichtbar, haben die herrschende Ikonographie des Weiblichen zerlegt, den Kunstbetreib frontal angegriffen, eine männliche Wirklichkeit aufgebrochen, Identität und Rollenzuweisung neu geschrieben, weibliche Sexualität thematisiert und den eigenen Körper zum Material der Kunst gemacht.

Ana Mendieta, Untitled (Glass on Body Imprints), 1972/1997 C-Print © The Estate Ana Mendieta / Courtesy of Galerie Lelong, New York / SAMMLUNG VERBUND, Wien
Ana Mendieta, Untitled (Glass on Body Imprints), 1972/1997
C-Print © The Estate Ana Mendieta / Courtesy of
Galerie Lelong, New York / SAMMLUNG
VERBUND, Wien

Den schweren Katalog habe ich aufs Sofa fallen lassen neben eine aufgeschlagene Frauenzeitschrift (warum die da lag, ist eine andere Geschichte). Die erfolgreiche Schauspielerin Jasmin Gerat wird darin als selbstbewusste, moderne Frau portraitiert. Sie berichtet, der Kurzhaarschnitt, den sie neuerdings trägt, zöge zwar die Aufmerksamkeit von weniger Männern an als vor dem Friseurbesuch, dafür aber ernte sie die Blicke intelligenterer Männer. Ein Foto zeigt sie mit nach innen gedrehten Fußspitzen, wackelig und schier unfähig, sich auf eigenen Füßen zu halten, in der  Pose einer kokettierenden Vierzehnjährigen. Auf dem zweiten Bild beißt sie sich in klischierter Anzüglichkeit auf die Unterlippe, als hätte sie komplett den Verstand verloren und warte nur darauf, vom Ersten, der vorbeikommt, abgeschleppt und ins nächste Reihenhaus gestellt zu werden.
In dieser Welt der Frauenbilder leben wir, einer lückenlos wirksamen Bilderwelt der Imagekampagnen, Rollenzuschreibungen und Körpernormierung. Die Maschinerie reicht in jeden Winkel. Das Persönliche ist dabei zum vermeintlichen Schonraum geworden. Im privaten Raum soll die Konstruktion der Weiblichkeit nicht gelten, hier ist das Hola der Marktsemiotik: hübsch gestaltet, mit kuscheliger Partnerschaft und veganen Kochbüchern. Die Klamotten, die App zum Appnehmen, Teilzeitjob, Fitnessstudio, Steuerklasse, Spaß am Einkochen und Fastenurlaub – alles hochindividuelle, private Lebens- und Kaufentscheidungen.
Die Arbeiten der Künsterinnen aus den 1970er Jahren wirken in unsere Gegenwart hinein wie ein elektrisierender Schlag: Es geht auch anders. Es ging schon mal anders. Das Persönliche ist politisch.
Ich setze nicht die avantgardistische Kunstpraxis mit dem Bilderwahnsinn des Marktes gleich, aber ich habe das Gefühl, dass ich die Energie und befreiende Kraft, die von diesen Künstlerinnen und ihren Arbeiten ausgehen, in meiner Gegenwart nicht mehr leicht wiederfinde.
Selbstbewusstsein, Ironie, Aggression, politische und künstlerische Handlungsfähigkeit, Zartheit, Hartnäckigkeit und Witz, Freiheit und Autonomie begegnen mir in diesen Arbeiten. Einige wenige wie Cindy Sherman, Valie Export oder Orlan sind erfolgreich geworden, die große Zahl aber der Künstlerinnen ist in Hamburg zum ersten Mal zu entdecken. Die Radikalität, die sie eint, und die je eigene Qualität der Kunstwerke sind wunderbar.

Dass die Kunst von Pionierinnen der Frauenbewegung so aufrüttelnd und impulsgebend in die Gegenwart einschlägt und wie ein Gruß in die Zukunft uns erreicht, ist schon ein großer Moment.
Hauptbahnhof aussteigen, rüber schlappen – ganz leicht.

Endlich dreißig: Qualitätsjournalismus auf Cicero

Ver|blẹn|dungs|zu|sam|men|hang, der (Sozialphilos.): Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Sein u. daraus sich bildenden falschen Vorstellungen vom Wesen der bürgerlichen Gesellschaft.

Privilegierte Frauen – Schluss mit dem Quotengejammer!, das ist die Überschrift eines Artikels, der heute auf Cicero online veröffentlicht wurde. Der Autor hält sich nicht mit Überlegungen auf, sondern schreibt sich in lässigem Jargon von der Seele, was er so über Männer und Frauen und deren konkurrente Situation auf dem gesellschaftlichen Markt zu berichten weiß.
Frauen liefen bis zum 30. Lebensjahr außer Konkurrenz, da ihre natürlichen körperlichen Vorzüge sie gegenüber den Männern privilegierten: in der Schule und beim Abitur, im Studium, auf dem sozialen Parkett, beim beruflichen Einstieg. Im Alter von etwa dreißig Jahren hingegen habe der Mann seine gesellschaftliche Identität und Stärke erlangt und käme – souverän im Kampf gestärkt, seiner selbst gewiss und wohlverdient – endlich an die Macht, wo er sich für den Rest seines Lebens hielte.
Den vielen, insbesondere gutbürgerlichen Frauen aber, die nun verständlicherweise um ihr verlorenes natürliches Privileg weinen und es durch ein normatives, politisches ersetzen wollen, kann man nur ehrlich und verständnisvoll zurufen: Ihr habt es lange genug leicht gehabt – jetzt sind wir an der Reihe!

Einen kurzen Moment lang mag der Leser oder die Leserin glauben, es handele sich um Satire. Der alltagssprachliche Gestus und die jugendlich-streitlustige Manier verleiten zu dieser Annahme. Doch kein Hinweis im Textverlauf, keine Genauigkeit stützen die vage Hoffnung.

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Wer sonst würde das freiwillig und unentgeltlich tun?

Rebellin gegen die Zwänge des Marktes, Entschleunigungsfigur von einer fast philosophischen DimensionSabine Rückert spart nicht am großen Wurf, wenn sie sich für die Hausfrau als Gegenentwurf zu einer wachtumsorientierten, auf Effizienz bedachten Arbeitsgesellschaft stark macht.
Bravo.
Und genau die Frage, die sie rhetorisch an einen Absatz hängt: Wer sonst würde das freiwillig und unentgeltlich tun?, entlarvt das Hohelied. Denn die Antwort darf nicht nur lauten: Kein Mann würde das freiwillig und enentgeltlich tun.
Wenn eine Gesellschaft die Fürsorgearbeit tatsächlich wertschätzt und die Atmosphäre so liebt,  in die man heimkehren kann, dann bitte mit angemessener Altervorsorge und einer Entlohnung, die die altruistische Gesprächspartnerin der guten Jahre hinterher nicht mit einem Teilzeitjob an der Armutsgrenze abspeist. Egal ob Mann oder Frau.
Wenn die Hausfrauen in aller Stille an der Zukunft der Gesellschaft arbeiten, dann ist es doch das Mindeste, dass die Gesellschaft diese Arbeit anerkennt und die meinungsbildenden Multiplikatorinnen mit klaren journalistischen Interventionen und politischer Kraft die Gegenwart und Zukunft der Fürsorgearbeit verändern.
Eine apolitische, von Pathos getragene Rückbesinnung auf ein herzergreifendes Mittelschicht-Mutter-Imago ist auf diesem Weg kein Schritt vorwärts.

Happy Ada Loveslace Day! Frauen in MINT-Berufen

Heute ist der 16. Oktober – Ada Lovelace Day!
Dieser Tag wurde von britischen Feministinnen begründet.  Die Intitiative stärkt aktiv weibliche Rollenvorbilder in Naturwissenschaft, Ingenieurswesen, Technologie, Forschung und Mathematik. Auf der Website gibt es eine Datenbank, die junge Wissenschaftlerinnen mit ihren Themen und Schwerpunkten vorstellt – Einladungen zu Vorträgen und Konferenzen willkommen.
Heute finden weltweit Veranstaltungen, Performances und Vorträge statt. Das Ziel besteht darin, auf diesen immer noch männlich dominierten Arbeitsfeldern neue Vorbilder für Mädchen und junge Frauen zugänglich zu machen und die Profile von MINT-Frauen zu stärken.

Und vor allem: Auf der Website kann Jede und Jeder eine eigene Geschichte – egal in welcher Sprache – hochladen, so dass eine erzählte Weltkarte der Biografien und Arbeitsfelder von Frauen in der Naturwissenschaft und Mathematik entsteht.
Schreibt über eine Frau, die Euch inspiriert oder gefördert hat, die tolle Sachen macht oder Euch beeindruckt.
Dann Eure Geschichte der Sammlung hinzufügen.

Wer war Ada Lovelace?
Augusta Ada Byron wurde 1815 geboren, Tochter des Dichters Lord Byron und von Annabella Milbanke, glühende Mathematikerin, die Geometrie und Astronomie studiert hatte. Sie war es, die Ada erzog und Logik, Wissenschaft und Mathematk in den Mittelpunkt ihrer Ausbildung stellte. Schon von Kind an war Ada fasziniert von Maschinen und Erfindungen und las Wissenschaftszeitschriften. Mit 19 Jahren wurde sie verheiratet und bekam zusammen mit dem Earl of Lovelace drei Kinder. In ihrer Korrespondenz klagte sie häufig darüber, dass ihre familiären Pflichten und die Kindererziehung ihr zu wenig Zeit für die Mathematik ließen.
1833 lernte sie den Mathematikprofessor Charles Babbage kennen, ein zu der Zeit berühmter Mathematiker, der sich vor allem mit dem visionären Konzept von Rechenmaschinen befasste. In den frühen vierziger Jahren publizierte Ada Lovelace einen bahnbrechenden Artikel über „Analytische Maschinen“, in dem sie die ersten veritablen Computerprogramme schrieb. Der Algorithmus diente zur Berechnung der Bernoulli-Zahlen.
Das Potenzial dieser Pionierarbeit erkannte erst 100 Jahre später Alan Turning bei seiner Forschung zu modernen Computern. Ada Lovelace starb 1852 im Alter von 36 Jahren an Krebs. Die Programmiersprache Ada wurde nach ihr benannt.

Oder denkt ihr schon?

Die Möbelkette Ikea hat also für ihren saudi-arabischen Katalog eine Frau im Schlafanzug aus dem Foto wegretuschieren lassen.
Dafür gab es feminstische Empörung  (das unterstreiche nur die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern in Saudi-Arabien) und eilige Entschuldigungen aus Schweden (o ja, wenn man es bedenke und recht bedenke, stünde diese werbliche Anpassung an die arabischen Gepflogenheiten irgendwie im Widerspruch zu den Firmenwerten).

Entdecken die Feministinnen, die sich darüber empören, gerade, dass die Welt rund ist? Echte Entdeckerinneneuphorie wäre immerhin eine plausible Erklärung für diese Intervention. Alle international ausgelegten Werbekampagnen werden auf die jeweiligen Kulturkreise zugeschnitten. Und man glaubt es kaum, in Indien tragen Barbie-Puppen Saris und haben einen Punkt auf der Stirn gemalt.

Ikea kolonialisiert mit seiner erstickenden Ästhetik, den billig produzierten Wegwerf-Waren, seiner beschissenen Duzerei und der Plastikideologie des privaten Glücks erfolgreich 43 Länder dieser Welt. Indien und Südkorea sind die nächsten auf der Liste.
Der Katalog hat weltweit eine Auflage von 208 Millionen Exemplaren. Der Konzern fuhr im Jahr 2012 satte 2,97 Milliarden Euro Gewinn ein, verzeichnete 2012 eine zehnprozentige Gewinnsteigerung in den kriselnden Euro-Ländern, vor allem in Griechenland. Sowas hätte man früher Profiteure genannt.

Welcher Begriff von Gleichberechtigung innerhalb einer Logik von Gewinnmaximierung und Globalisierung steht hinter der Empörung?
Wenn die Photoshop-Aktion dazu führen sollte, dass in Europa auch nur ein Smörebröt-Regal weniger verkauft würde, wäre immerhin etwas gewonnen.

Sommer am Ende

Schwächelnd, ja ermüdet von den immergleichen strukturellen Schieflagen, alten Fragen und miserablen Zuständen habe ich ein wenig so getan, als ließe sich die Sommerpause ins Private strecken: Olympia gucken, Romane und das Feuilleton lesen, den Job machen, mit den Kindern im Schwimmbad MauMau spielen.

Am Ende ist es aber so einfach: Es kommt darauf an, in welchen Verhältnissen wir leben wollen. Antje Schrupps Artikel „Kein Bock mehr mehr“ bringt es auf den Punkt und kam gerade zum richtigen Augenblick.
Den ein Satz am Morgen von Felicitas Hoppe, der Verführerin, zum Moment abrundete:

„Urlaub, im ritterlichen Sinn, heißt nicht mehr und nicht weniger, als sich nicht zu verliegen, sondern immer wieder aufzustehen und weiterzugehen auf der Suche nach neuen Abenteuern. Nur dass es am Strand keine Abenteuer gibt, sondern bloß Gestrandete.“ (Hoppe, S. 78, 2012)

Also starte ich also die Blog-Saison mit Nachrichten von Abenteurerinnen:
Die Gewerkschaftssekretärin Christina Frank arbeitet mit einer Gruppe von ehemaligen Schlecker-Mitarbeiterinnen an der Gründung einer Frauen-Genossenschaft. Die Gruppe hat das Ziel, in fünf geschlossenen Filialen neue Supermärkte zu eröffnen – im Sortiment angepasst an örtliche Bedürfnisse. Die Genossenschaft will nicht nur die Jobperpektive der Frauen verbessern und eigenintitiativ in die Hand nehmen, sondern auch die Lebensmittelnahversorgung in ländlichen Regionen stärken. Nach Bericht der taz finanzieren Ver.di in Baden-Württemberg, die Evangelische Betriebsseelsorge und die Partei Die Linke die Gründungsbestrebungen.

In Tunis will die Regierung die seit den fünfziger Jahren verfassungsrechtlich abgesicherte Gleichstellung von Frau und Mann ändern und den Frauen eine Rolle zuschreiben, die dem Manne „komplementär“ sein soll. Im Entwurf heißt es: „Der Staat sichert den Schutz der Rechte der Frau nach dem Grundsatz der Komplementrität in der Familie als Partnerin des Mannes.“
Tunesische Frauenorganisationen riefen am Montag zu einem Protestmarsch in Tunis auf. 6.000 Demonstrantinnen schlossen sich unter dem Motto „Touche pas à mes aquis!“ gegen diese Politik dem Aufruf an.
Vielleicht weiß jemand von Euch, wie man eine Online-Unterschriftenliste organisiert, die dazu beitragen könnte, die Frauenorganisationen in Tunesien zu unterstützen? Haben die Grünen ein Tool, die Piraten am Ende oder die feministischen Bloggerinnen?
Denn wehe, Westerwelle setzt seinen schmutzigen Gesinnungsfuß noch einmal nach Nordafrika, um der regierenden Ennahda-Partei mit Millionen zu bescheinigen, Tunesien sei „das Musterland des Wandels in der Region“, dann breche ich in den Sitz – ganz in Urlaubsmanier.

Wish you were here: Sommerloch Eins, Zwei und Drei

Sommerloch 1: Kinder
Conni ist eine ganz schlimme Kinderbuch-Serie, die der Carlsen Verlag verantwortet und die kleine Kinder mögen. Dauernd entdeckt Conni die Welt.
Ganz bezaubernd die Aktion auf Twitter, die Conni-geschädigte Eltern zu kreativer Aggressionsabfuhr einlädt.  Die Frage war: Welche Conni-Titel fehlen? Meine Lieblinge: ‚Conni geht in den offenen Strafvollzg‘ und ‚Conni lernt rauchen‘. Ich schlage vor: ‚Conni kommt ins Heim‘ und ‚Conni kriegt ihre Tage‘.
Der Mann ruft gerade: ‚Conni bei den Grünen‘.

Sommerloch 2: Politik
Das Meldegesetz, natürlich sehr hübsch. Aber ungleich interessanter als diese Bankrotterklärung auf offener Straße ist eine Personalie im Familienminsterium: Eva Maria Welskop-Deffaa, Leiterin der Abteilung Gleichstellung und Chancengleichheit im Familienministerium und engagiert aktiv für Gleichstellung und für die Quote, wird von Ministerin Schröder in den einstweiligen Ruhestand verabschiedet – mit 53 Jahren. Der Rauswurf, der wie eine normale Personallappalie verkauft wird, zeigt, dass da jemand sich im Juli still & leise die Welt nach seinem Bild und Maße formt. Und nun gibt Schröder auch noch eine Presseerklärung raus, dass sie die Stelle mit einer Frau besetzen will – wegen der Gleichstellung.
Noch 14 Monate bis zur Bundestagswahl.

Sommerloch 3: Feminismus
Die Affäre Slaughter.
Für alle, die es nicht verfolgt haben: Anne-Marie Slaughter, Chefin des Planungsstabs von Außenministerin Hillary Clinton, ist von ihrem Amt zurückgetreten, um mehr Zeit für ihre Familie zu haben. In ihrem Artikel „Why women still can’t have it all“ forderte sie dann, mit falschen feministischen Forderungen und den theoretischen Idealen der Vereinbarkeit endlich Schluss zu machen.
Anzufügen bleibt, dass Slaughter Professorin für Politik in Princeton bleibt und nicht Hausfrau wird.
Selbst wenn, der spitze Aufschrei der amerikanischen und anschließend die Empörung der deutschen Feministinnen ist Energieverschwendung, denn die Bruchkanten verlaufen nicht entlang individueller Lebensentscheidungen – schon gar nicht auf diesem allerhöchsten sozialen Level. Die Frage von Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist eine politische und gesellschaftliche Verantwortung, eine Frage der Bewertung von Arbeit.