Promenade durch parzellierte Landschaften

In meinem Leben passiert gerade nicht viel. Was gut und schlecht ist. Ich nehme mir Zeit zu beobachten, lasse mich in meinen Meinungen verunsichern, wandere in Debatten umher und schaue darauf, wie sie geführt werden.

Wo wir gerade über Sprache reden: Die Böll-Stiftung hat eine Studie  in Auftrag gegeben. Die Nautilus Politikberatung legte dieser Tage das Ergebnis vor: eine sprachbasierte Lageanalyse „Diskurs mit den Piraten„, die den Wort- und Sprachgebrauch in der internen und programmatischen Kommunikation der Piratenpartei auswertet und Empfehlungen für eine grüne Diskursstrategie gibt. Ich erlaube mir, hier nur die bunte Tagcloud der meist verwendeten Begriffe auf Seite 10 der Zusammenfassung anzuschauen: Konzept, Idee, System, Pirat natürlich, Euro und Meinung sind prominent repräsentiert. Das Schlagwort Frau taucht einmal verschwindend klein auf, nirgendwo Emanzipation, Gleichstellung, Geschlechtergerechtigkeit oder Teilhabe. Auch Genderpolitik – nichts, gar nichts. Da staunst du nicht, um mit dem Brenner zu sprechen, sprich Neo-Liberalismus.
Dabei haben einige Piratinnen letzte Woche eine politisch wie medial außerordentlich gelungene Aktion initiiert und durchgezogen. tits4humanrights hat es nicht nur erreicht, mediale Aufmerksamkeit für den Protest der geflüchteten Menschen am Brandenburger Tor zu erzeugen, sondern zugleich die sexistische Haltung und Sensationsgier der Presse in einer lässigen Volte vorzuführen.
Promenade durch parzellierte Landschaften weiterlesen

Happy Ada Loveslace Day! Frauen in MINT-Berufen

Heute ist der 16. Oktober – Ada Lovelace Day!
Dieser Tag wurde von britischen Feministinnen begründet.  Die Intitiative stärkt aktiv weibliche Rollenvorbilder in Naturwissenschaft, Ingenieurswesen, Technologie, Forschung und Mathematik. Auf der Website gibt es eine Datenbank, die junge Wissenschaftlerinnen mit ihren Themen und Schwerpunkten vorstellt – Einladungen zu Vorträgen und Konferenzen willkommen.
Heute finden weltweit Veranstaltungen, Performances und Vorträge statt. Das Ziel besteht darin, auf diesen immer noch männlich dominierten Arbeitsfeldern neue Vorbilder für Mädchen und junge Frauen zugänglich zu machen und die Profile von MINT-Frauen zu stärken.

Und vor allem: Auf der Website kann Jede und Jeder eine eigene Geschichte – egal in welcher Sprache – hochladen, so dass eine erzählte Weltkarte der Biografien und Arbeitsfelder von Frauen in der Naturwissenschaft und Mathematik entsteht.
Schreibt über eine Frau, die Euch inspiriert oder gefördert hat, die tolle Sachen macht oder Euch beeindruckt.
Dann Eure Geschichte der Sammlung hinzufügen.

Wer war Ada Lovelace?
Augusta Ada Byron wurde 1815 geboren, Tochter des Dichters Lord Byron und von Annabella Milbanke, glühende Mathematikerin, die Geometrie und Astronomie studiert hatte. Sie war es, die Ada erzog und Logik, Wissenschaft und Mathematk in den Mittelpunkt ihrer Ausbildung stellte. Schon von Kind an war Ada fasziniert von Maschinen und Erfindungen und las Wissenschaftszeitschriften. Mit 19 Jahren wurde sie verheiratet und bekam zusammen mit dem Earl of Lovelace drei Kinder. In ihrer Korrespondenz klagte sie häufig darüber, dass ihre familiären Pflichten und die Kindererziehung ihr zu wenig Zeit für die Mathematik ließen.
1833 lernte sie den Mathematikprofessor Charles Babbage kennen, ein zu der Zeit berühmter Mathematiker, der sich vor allem mit dem visionären Konzept von Rechenmaschinen befasste. In den frühen vierziger Jahren publizierte Ada Lovelace einen bahnbrechenden Artikel über „Analytische Maschinen“, in dem sie die ersten veritablen Computerprogramme schrieb. Der Algorithmus diente zur Berechnung der Bernoulli-Zahlen.
Das Potenzial dieser Pionierarbeit erkannte erst 100 Jahre später Alan Turning bei seiner Forschung zu modernen Computern. Ada Lovelace starb 1852 im Alter von 36 Jahren an Krebs. Die Programmiersprache Ada wurde nach ihr benannt.

Sommer am Ende

Schwächelnd, ja ermüdet von den immergleichen strukturellen Schieflagen, alten Fragen und miserablen Zuständen habe ich ein wenig so getan, als ließe sich die Sommerpause ins Private strecken: Olympia gucken, Romane und das Feuilleton lesen, den Job machen, mit den Kindern im Schwimmbad MauMau spielen.

Am Ende ist es aber so einfach: Es kommt darauf an, in welchen Verhältnissen wir leben wollen. Antje Schrupps Artikel „Kein Bock mehr mehr“ bringt es auf den Punkt und kam gerade zum richtigen Augenblick.
Den ein Satz am Morgen von Felicitas Hoppe, der Verführerin, zum Moment abrundete:

„Urlaub, im ritterlichen Sinn, heißt nicht mehr und nicht weniger, als sich nicht zu verliegen, sondern immer wieder aufzustehen und weiterzugehen auf der Suche nach neuen Abenteuern. Nur dass es am Strand keine Abenteuer gibt, sondern bloß Gestrandete.“ (Hoppe, S. 78, 2012)

Also starte ich also die Blog-Saison mit Nachrichten von Abenteurerinnen:
Die Gewerkschaftssekretärin Christina Frank arbeitet mit einer Gruppe von ehemaligen Schlecker-Mitarbeiterinnen an der Gründung einer Frauen-Genossenschaft. Die Gruppe hat das Ziel, in fünf geschlossenen Filialen neue Supermärkte zu eröffnen – im Sortiment angepasst an örtliche Bedürfnisse. Die Genossenschaft will nicht nur die Jobperpektive der Frauen verbessern und eigenintitiativ in die Hand nehmen, sondern auch die Lebensmittelnahversorgung in ländlichen Regionen stärken. Nach Bericht der taz finanzieren Ver.di in Baden-Württemberg, die Evangelische Betriebsseelsorge und die Partei Die Linke die Gründungsbestrebungen.

In Tunis will die Regierung die seit den fünfziger Jahren verfassungsrechtlich abgesicherte Gleichstellung von Frau und Mann ändern und den Frauen eine Rolle zuschreiben, die dem Manne „komplementär“ sein soll. Im Entwurf heißt es: „Der Staat sichert den Schutz der Rechte der Frau nach dem Grundsatz der Komplementrität in der Familie als Partnerin des Mannes.“
Tunesische Frauenorganisationen riefen am Montag zu einem Protestmarsch in Tunis auf. 6.000 Demonstrantinnen schlossen sich unter dem Motto „Touche pas à mes aquis!“ gegen diese Politik dem Aufruf an.
Vielleicht weiß jemand von Euch, wie man eine Online-Unterschriftenliste organisiert, die dazu beitragen könnte, die Frauenorganisationen in Tunesien zu unterstützen? Haben die Grünen ein Tool, die Piraten am Ende oder die feministischen Bloggerinnen?
Denn wehe, Westerwelle setzt seinen schmutzigen Gesinnungsfuß noch einmal nach Nordafrika, um der regierenden Ennahda-Partei mit Millionen zu bescheinigen, Tunesien sei „das Musterland des Wandels in der Region“, dann breche ich in den Sitz – ganz in Urlaubsmanier.

Festival von Cannes: Ein Mann ist ein Mann!

Frauen zeigen in Cannes ihr Gesicht, Männer ihre Filme.

In der Le Monde vom 11. Mai 2012 erschien ein Aufruf, den die Filmemacherin Coline Serreau, die Schriftstellerin Virginie Despentes und die Schauspielerin Fanny Cottençon verfasst haben.
Initiiert von der Gruppe La Barbe – feministische Aktionsgruppe.
Gegen Sexismus in Cannes, gegen fortwährende positive Diskriminierung.

Der Aufruf in deutscher Übersetzung:

Was hat sich am Kino verändert? Alles!“, rief Gilles Jacob, Präsident des Festivals von Cannes, bei der Vorstellung der ausgewählten Filme für die 65. Festspiele. Alles?!
Für einen Augenblick spürten wir ein Erzittern. Zu Unrecht, denn die zweiundzwanzig Filme im Wettbewerb sind – durch einen glücklichen Zufall – von zweiundzwanzig Männern gedreht worden. Auch dieses Jahr wird also, wie 63 Mal zuvor, einer von ihnen mit der Goldenen Palme ausgezeichnet werden. Auch dieses Jahr werden wieder ausnahmslos die männlichen Werte, die die Größe der Siebten Kunst ausmachen, verteidigt.

Nur ein einziges Mal, 1993, erhielt eine Regisseurin die Auszeichnung: Jane Champion. 2011 hatten sich vier Frauen unter die zwanzig Nominierten des Wettbewerbs geschlichen. Zweifellos hatte da jemand nicht aufgepasst. Thierry Frémeaux, der Festivalleiter, beeilte sich damals auch zu bemerken: „Das ist das erste Mal, dass so viele Frauen dabei sind.“ Schuld beladene Schwäche! Umso unentschuldbarer, als bei der Verleihung der Césars im gleichen Jahr weder in der Kategorie „Bester Film“ noch in der Kategorie „ Beste Regie“ auch nur eine einzige Frau nominiert worden war. Festival von Cannes: Ein Mann ist ein Mann! weiterlesen

Hausfrauenleitbild: große Gefühle

Es ist schon 10 Tage her, dass Martin Halter das neue Buch von Andrea Maria Schenkel besprochen hat. Aber erst heute dachte ich wieder an den Artikel und an die hässliche Verachtung, die den Text beflaggte.

Am frühen Morgen radeln meine Kinder vor mir her auf dem Bürgersteig. Aus einer tiefer gelegenen Garageneinfahrt schießt ein schwarzer SUV über den Gehsteig hinweg auf die Fahrbahn. Übertourig angefahren, mühsam kontrolliert. Das eine Kind auf seinem Rädchen nur um Weniges verfehlend.
Die Sorge um die Brut lässt auch besonnene Menschen ventilieren, also gehe ich rasch an die Fahrerseite, trete so fest es eben geht gegen das Auto und schreie ohne eine einzige Reflexionsschleife: „verdammte unfähige Hausfrau“.

Martin Halter hat am 10.4.2012 eine Rezension geschrieben, in der es nur am Rande um einen mittelmäßigen Krimi geht, im Kern aber um die obszöne Anmaßung einer Hausfrau, die mit ihrem Erstling enorm erfolgreich in die Manege des Literaturzirkus‘ eingestiegen ist. Immerhin wiesen die folgenden Bücher dann in eine absteigende Richtung, die der neue Krimi nun zementiert. Über den Erfolg sei ihre Ehe zu Bruch gegangen. Auch die „Unschuld des Anfangs“ sei zerrissen, leider.
Und am Ende der Besprechung dann vollends die Demaskierung: „Finstere bayrische Hinterwäldler (…): Das kann Josef Bierbichler in seinem Mittelreich dann doch besser als die Hausfrau in ihrem Zwischenreich zwischen Regensburg und New York.“
Der Autor Bierbichler erhält einen Vor- und Nachnamen, einen Hinweis auf seine Profession braucht der Leser auf Augenhöhe nicht. Die schreibende Hausfrau bleibt Hausfrau, ohne Zuschreibung, der Mühe nicht wert. Mag sie mit einem Bein noch so vorwitzig im Mekka der Literaturszene stehen, der andere Fuß klebt im provinziellen, ungebildeten, klar begrenzten und letztlich nicht Ernst zu nehmenden Hausfrauendasein.
Warum ist die Autorin Schenkel so schwer erträglich für den etablierten Kulturmenschen? Es wäre doch ein Leichtes, ihre Bücher einfach zu ignorieren. Doch die erfolgreiche Grenzüberschreitung einer Hausfrau kränkt den berufstätigen Kulturteilnehmer. Also wartet der Rezensent geduldig, bis das Leben sie straft, und zeigt dann auf das Weibsbild, auf die dumme Hausfrau, die den ihr angemessenen Platz verlassen hat.

Meine Tirade vor der abgedunkelten Scheibe speist sich zum größten Teil aus genau diesem Sumpf der Voreinstellungen. Auch in mir sitzt ganz tief  versteckt die Verachtung für die Wert erhaltende, unbezahlte Familienarbeit. Ich spüre noch den Nachklang des Hasses der Töchter auf die Mütter allein für all das, was diese Generation nicht gewagt hat.
Hausfrauenleitbild: große Gefühle weiterlesen

Der Deutschen Krippenoffensive endlich zeigen, wo der harte, große Hammer hängt

Interessant, wenn jemand eine Meinung vertritt, und trefflich, wenn die FAZ eine ganze Seite dafür freischlägt. Die Zeitung veröffentlicht heute (FAZ vom 4. April 2012 auf Seite 7) einen Artikel des Kinder- und Jugendarztes Dr. Rainer Böhm aus Bielefeld mit der Überschrift „Die dunkle Seite der Kindheit“.
Böhm befindet, die chronische Stressbelastung, die bei Kleinkindern durch die Ganztagesbetreuung in einer Krippe entsteht, sei „die biologische Signatur der Misshandlung“.

Kleinkinder dauerhaftem Stress auszusetzen, ist unethisch, verstößt gegen Menschenrecht, macht akut und chronisch krank.

Ohne lange Umschweife  (und Platz hätte er gehabt) bringt der Kinderarzt die Befunde auf den Tisch: Außerfamiliäre Betreuung für Kinder unter drei Jahren ist selbst bei qualitativ sehr guter Betreuung Menschenrechtsverletzung. Die Folgen für die Kinder seien in unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten: deutlicher Rückgang an sozioemotionaler Kompetenz, verschlossenere, mürrischere, unglücklichere, ängstlichere, depressivere undsoweitere Kinder, erhebliche Risiken für das Bindungsmuster zwischen Mutter und Kind, dissoziales Verhalten im späteren Lebensalter, Ungehorsam (sic! Einfügung von mir), häufiges Schreien, Problemverhalten, das dem klinischen Risikobereich zuzuordnen ist, erhöhter Tabak- und Alkoholkonsum, Rauschgiftgebrauch, Vandalismus und Diebstahl.
Der Deutschen Krippenoffensive endlich zeigen, wo der harte, große Hammer hängt weiterlesen

Pro Quote – jetzt.

In einem offenen Brief an Verleger, Chefredakteure und Intendanten fordern mehr als 350 Journalistinnen aus allen Medienbereichen die Einführung einer Frauenquote von 30 Prozent auf allen Führungsetagen.

Tatsächlich sind nur zwei Prozent aller Chefredakteure der rund 360 deutschen Tages- und Wochenzeitungen Frauen, von den 12 Intendanten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind lediglich drei weiblich. Und auch in den Redaktionen der Nachrichtenmagazine stehen fast ausschließlich Männer an der Spitze.
Es ist Zeit, etwas zu ändern.
Wir fordern, dass mindestens 30 Prozent der Führungspositionen in den Redaktionen im Laufe der nächsten fünf Jahre mit Frauen besetzt werden – und zwar auf allen Hierarchiestufen.

Diese Forderung unterstützt CLEAN RECORD sehr gern. Mit Ihrer Unterschrift auf Pro Quote können Sie dem Aufruf noch mehr Gewicht verleihen!