Bestürzt

Stürme, Brände, Erdbeben, Hurrikane, Massaker und Explosionen, Unfälle, Massenkarambolagen, Schießereien, Hochwasser, Lawinen, Amokläufer, Taifune, Abstürze, Gewalteskalation, Überschwemmungen, Trockenheit, Grubenunglücke, Flüchtlingskatastrophen, Mord und Zerstörung, Hitzewellen, Öl- und Zugunglücke, Havarien, Brandstiftung und Massenmord, Attentate, Terror, Aufstände, Proteste, Vergiftung und Krawalle, Skandale, Manipulation und rechtsextreme Anschläge – das letzte Jahr hatte auch ohne die Pandemie seine Momente.
Und gestern kamen noch Hochverrat, Verhetzung und schlechte Manieren dazu.
Im Grunde überstürzen sich die Ereignisse täglich. Tatortfotos sind schneller in den sozialen Medien, als du Massaker buchstabierst. Und kaum sind die Opfer sortiert, kommt der Moment der Bestürzungstexte. Geht nicht ohne, quasi Reflex. Wie steht ein Politiker kommunikativ gesehen auch da, wenn er nicht entgeistert über ein Massaker ist und umgehend Bestürzung tweetet. Egal ob Aufstand, Waldbrand oder Amokläufer – Überraschung und Fassungslosigkeit wird beschieden, wahlweise Erschütterung, Betroffenheit, Aufgewühltsein und Schock. Jeder ist zur Bestürzung berufen, auch wenn strukturelle Diskriminierung, Klimawandel und Rassismus durchaus schon vor dem Ereignis Themen gewesen wären. Der Kreisvorsitzende ist entsetzt über Tsunamis, GEW-Funktionäre sind alarmiert über Proteste in der Ukraine, äußerst beunruhigt zeigt sich die Pfälzer Umweltbeauftragte über die Opfer rassistisch motivierter Ausschreitungen im Mittleren Westen. Jeder Hannes äußert ein Gefühl.
Eine Zumutung sind diese unzensierten Erschütterungstexte. An sich schon peinliche Stanzen, die aber obendrein inzwischen selbst zum Thema öffentlich-rechtlicher Berichterstattung geworden sind.
Führende Politikerinnen und Politiker zeigen sich #erschüttert über die #Ausschreitungen.
GEW-Funktionäre äußern sich #erschrocken über den Angriff auf unsere #Demokratie.

Schluss damit. Wir bieten jetzt Parteien und anderen potenziell bestürzten Akteuren kuratierte Bestürzungstexte. Gewissermaßen eine Marie Kondo gegen sentimentale Profilierung. Und in den Nachrichten wird wieder Platz für politische Analysen frei.
Wir gewährleisten medial optimale Veröffentlichungszeitpunkte sowie politisch-strategisch versierte Texte. Ausgezeichnet bei global bestürzenden Ereignissen: synchrone Bestürzungslisten auf allen großen Netzwerken und Sendeplattformen.
Bestürzt sind heute und dann kommt eine Liste.
Billig wird’s nicht, aber schön bestürzt.

Mein Fenster zur Welt. Tag 10

Zwischen mir und meinem Fenster zur Welt steht die kleine Messingfigur eines Torwartes. Kein moderner Profi-Sportler, sondern ein eher schmächtiger Kerl mit Ballonmütze, im ausgeleierten Strickpolo, mit knielangen Hosen und breiten Schnürschuhen. Seine Gestalt erinnert an Figuren von Erich Kästner oder Typen beim jungen Brecht. Späte zwanziger Jahre vermute ich. Etwas Lässiges, Städtisches trennt ihn vom gesunden Sportsmenschen, der in der Historie wenig später kommen wird. Sein drahtiger Körper ist gestreckt bis in die kleinste Faser. Von den Fußspitzen bis zu den hoch gereckten Armen bildet er eine gespannte Diagonale im Raum, die Hände fest um den Ball, den er nicht auf ewig aus dem Spiel wird halten können, für diesen einen Augenblick aber auf immer abwehrt. Der einsame Mann hat keine Angst, er springt dazwischen, er ist es, der die bedrohlichen Torschüsse hält, die Angriffe aus dem Lauf, die schellen Pässe, die unerwarteten Fallrückzieher, die die Welt in meine Richtung auflegt.

An einem Morgen im letzten Sommer saß ich unten auf meiner Bürgersteigseite vor der Eisdiele. Eine Nachbarin nahm neben mir auf der Bank Platz. Das darf sie, ist ja schließlich auch ihre Bürgersteigseite. Wir gucken also gemeinsam auf das Haus gegenüber, in dem justament eine Frau ein Fenster öffnet. Von meiner Nachbarin höre ich, weil Gelegenheit günstig, dass diese Frau von ihrem Esstisch aus einen Blog betreibt. Sie schreibt mit sehr großem finanziellen Erfolg über Kinder und Dinge, Gefühle und Mütter. Werbeeinnahmen, Influencerhonorare, eins kommt zum anderen, quasi Wochenendhaus nebenbei, weiß meine Nachbarin zu erzählen. Natürlich habe ich später gegoogelt und gelesen, was es dort zu lesen gibt. Nicht meine Tasse Tee, diese Geschichten. Nun ist die Welt aber voller Dinge, die mich nicht berühren, die in einer anderen Sphäre zirkulieren und meine Meinung nicht brauchen.
Doch fällt seit jenem Morgen vom Schreibtisch aus mein Blick oft auf das Fenster, hinter dem die erfolgreiche Bloggerin sitzt, und mein Herz findet keinen Frieden mehr. Ich schelte mich kleinmütig, während meine Arroganz noch groß genug ist, die Texte abzutun. Ich weiß, dass die Erfolglosigkeit mich schäbig macht. Oft vergesse ich die Influencerin ganz, dann schaue ich auf und der Neid sticht wie am ersten Tag. Sie holt das Schlechteste in mir hervor. Ihre Torschüsse sind auf Messi-Niveau.

Bis gestern fand mein Herz keinen Frieden mehr. Um für den Anruf aus Frankfurt gut vorbereitet zu sein, saß ich am Schreibtisch. In der Wartezeit eines stillen Pandemie-Morgens berührte ich den Sockel des kleinen Tormanns und drehte ihn das erste Mal zu mir um.

Von Albert Camus wird berichtet, er habe 1929 als junger Torwort Großes geleistet: Der Schiedsrichter dieser Partie war ungerecht und erkannte ein Tor nicht an. Albert Camus blieb, als der gegnerische Stürmer wieder angriff, einfach am Elfmeterpunkt stehen, zog mit einer Verbeugung seine Ballonmütze und lud den Gegner zum Torschuss ein. Mein Tormann spielte einfach einen Augenblick lang für die andere Mannschaft, sodass ich das Offensichtliche sehen konnte: Ich bin es, die die Schüsse tritt. Auf den Ball drischt ohne Sinn und Verstand. Ich kann einfach aufhören damit und das Spiel ist vorbei. Bei Camus ging es um Gerechtigkeit, vor meinem Fenster zur Welt immerhin um Freiheit.

Der FAZ-Redakteur wird Anmerkungen haben. »Etwas banal, nicht wahr?« zum Beispiel. Gut möglich. So ein kleiner Perspektivenwechsel macht nicht viel her in der großen Krise. Er muss es ja nicht drucken.

 

Mein Fenster zur Welt. Tag 5

In der Krise besinnt sich auch das Feuilleton auf Bewährtes. So lädt die FAZ unter dem Titel »Mein Fenster zur Welt« AutorInnen zur Weltbetrachtung ein – in Zeiten der beschränkten Bewegung eben aus dem Fenster. Mich hat die Einladung bislang nicht erreicht, aber ich möchte präpariert sein für den Anruf aus Frankfurt.

Viele Menschen sitzen jetzt in Videokonferenzen, treffen sich in Clouds, chatten und mailen. Ich nicht. Niemand vermisst mich da draußen, niemand ruft an. In diesen Tagen besinnen sich Teams auf ihre kreative Stärke und setzen neue Kommunikationsprozesse auf. Ich gehöre zu keinem Team. Vor der Pandemie hatte ich Jobs. Mit etwas Glück – oder was immer es dafür brauchen wird – werde ich nach der Pandemie auch wieder Jobs haben. Solange aber schaue ich über den Schreibtisch hinweg aus dem Fenster und sehe die Häuserfassaden auf der anderen Straßenseite. Eine typisch städtische Situation, nur auf welcher Seite in dem Theater die Bühne ist und wo die Zuschauer sitzen, das ist nicht entschieden.

Ich sehe Altbauten der Jahrhundertwende, Balkone, dahinter großzügige Wohnungen, Schiebetüren zwischen Ess- und Wohnzimmer. Seit vielen Jahren schon ist dies mein Blick und abends, wenn die Zimmerbeleuchtungen eingeschaltet sind und ich hinüberschaue, was ich im Grunde nicht allzu oft tue, sehe ich manchmal Menschen an der gleichen Stelle in verschiedenen Stockwerken Schiebetüren schieben.
Auf drei Balkonen übereinander sitzen jetzt drei Kreative in der Sonne. Wie in einem Bühnenbild. Als hätten sie sich abgesprochen mit ihren Utensilien: biologische Limoflaschen und MacBooks, Bose-Kopfhörer, Wollkäppis. Ab & an taucht ein Kind auf und wird gedankenverloren über den Kopf gestreichelt. Diese Menschen signalisieren Wohlbefinden. Sie zeigen Zustimmung und behände Anpassung an die neue Situation. Ich höre sie förmlich über die ungewohnt stille Straße hinweg Remote sagen, auf Sicht fahren und skalierbar. Dabei haben sie keinen Spott verdient. Sie führen einfach nur das Leben, das sie gewohnt sind, unter leicht veränderten Vorzeichen fort, mit neu entdeckter staatsbürgerlicher Emphase bereit, ihren Teil zum Social Distancing beizutragen. Sie schalten neuerdings um acht Uhr die Tagesschau an und sitzen gemeinsam mit ihren Lebenspartnern vor dem Fernseher. Sich ihrer selbst in gewisser Weise gravitätisch bewusst wie sonst nur beim Mittagessen am ersten Weihnachtsfeiertag. Ich weiß das, weil an Weihnachten in meinem Blick aus dem Fenster neben- und übereinander vier große glückliche Familien versammelt sind, die mit großer Sorgfalt das Stück »Erster Feiertag« aufführen. Sie essen nicht nur, sie generieren Bedeutung, sie tragen nicht nur ihre Jacketts bei Tisch, sie erfüllen ein Ritual, von dem sie sich wünschen, es möge sie erfüllen.

Kurz vor neun Uhr abends erwacht neuerdings Unruhe in den Wohnungen: Menschen stehen auf, rufen in die hinteren Zimmer, es wird hin- und hergegangen, aufgeregtes Gelächter. Eine Minute vor der vollen Stunde treten sie in Familienstärke oder paarweise auf ihre Balkone, lachen die Nachbarn in gespannter Erwartung schon einmal an. Und beginnen genau um Neune – den Widerschein der Displays im Gesicht – zu klatschen. Sie sagen, so hörte ich, es ginge um Krankenschwestern und Kassiererinnen. Anerkennung wollten sie spenden. Das sei schon wirklich toll, was die leisteten. Ich betrachte ihre strahlenden Gesichter und Pein beschreibt das Gefühl, welches mich anfällt. Was sie da beklatschen, sind sie selbst, ihre irgendwie prickelnde Teilhabe an der Welt der sozialen Medien. Sie geben ihrer Sehnsucht nach Ritualen nach, wie geliehen, geklaut, kopiert oder leer sie auch sein mögen. Dagegen ist nichts einzuwenden, es mag ein wohltuender, tröstlicher Akt sein, sich seiner selbst und der vertrauten Gemeinschaft zu versichern. Doch niemand auf diesen Balkonen hat sich je einen Deut um eine Kassiererin bei Penny geschert und wird es auch in Zukunft nicht tun. Keiner hätte Lust, den Stundenlohn seiner Putzfrau zu erhöhen. Keiner wird den Geigenlehrer der Tochter ab Mai sozialversicherungspflichtig beschäftigen. Warum auch. Was hätte das mit Viren zu tun?
Vermutlich wird die Welt nach der Pandemie doch keine andere sein als zuvor.

Heute spiegeln die Fenster drüben im Märzlicht die Fenster meiner Häuserseite. Wenn ich genau hinschaue, erkenne ich in der Reflexion auf der anderen Straßenseite das Wohnzimmer der Nachbarn unter mir. Der ältere Herr tritt in die Pedale seines Trimmrads. Das hat er schon vor dem Virus gemacht. Seit seiner Verrentung sieht man ihn kaum noch auf der Straße. Ist seine Nutzlosigkeit die gleiche wie meine? Oder bewegt er sich in echter Freiheit, weil er die Welt entlohnter Nützlichkeit hinter sich gelassen hat? Weiß er auch nicht mehr, welcher Wochentag heute ist?

Hannah Ryggen. Ikonographie des Lebens

Nach den Touristenmengen, die in einer endlosen, schnatternden Polonaise durch die neue Frankfurter Altstadt ziehen, wirkt die Stimmung in den Ausstellungsräumen der Schirn noch einmal zurückgenommener und konzentrierter, als die monumentalen Tapisserien ohnehin anmuten.

Ehe ich auch nur einen Wandteppich aus der Nähe anschauen kann, läuft mein Gehirn auf Autopilot. Die Warnlampen Dekoration und Kunsthandwerk blinken. Ich spüre nahezu körperlich, dass meine Wahrnehmung, wenn man sie nur einen Moment unbeobachtet lässt, alle Register zieht und durchläuft. Man könnte auch sagen: Ich bin schrecklich konventionell. Abstrakt, seriell, konzeptuell, Pop-art, kubistisch, expressionistisch – das ist kanonische Moderne, und die Ausschlusskriterien sind klar. Gewebte Tiere und buntige Figürchen gehören dazu.
Sicher, Rosemarie Trockel, Louise Bourgeois oder Cosima von Bonin haben Terrain gewonnen, Stricken und Nähen eingesetzt sowie Wolle und Stoff dem Raum der Kunst hinzugefügt. Das Bauhaus-Jubiläum bringt Textilkünstlerinnen wie Gunta Stölzl und Lilly Reich endlich ins Bewusstsein. Und die Ausstellung Gegen die Unsichtbarkeit. Designerinnen der Deutschen Werkstätten Hellerau 1896 bis 1938 im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg hat dieses Jahr erst Arbeiten von Frauen gezeigt, die die Trennlinie zwischen Design, Kunst und Gestaltung zerlöcherten und den Begriff der Moderne erweiterten. Auch die Bilder der Ausstellung Feministische Avantgarde hallen im Bildgedächtnis nach.
Trotzdem gibt es in mir immer noch Reflexe, die wahrscheinlich in direkter Linie von Oskar Schlemmers »Wo Wolle ist, ist auch ein Weib, das webt, und sei es nur zum Zeitvertreib« abstammen. Meine Ignoranz ist sogar mir selbst unangenehm.

Nun stehe ich aber zwischen diesen Wandteppichen und da ich auf keinen Fall wieder zurück in den Tumult ums Authentische da draußen will, beginne ich zu schauen. Es ist ohnehin zu spät: Keine gedankliche Barriere schützt vor der Bildkraft dieser Werke. Eigenwillige Figuren, abgeschnittene Hände und plane Gesichter rücken mir unmittelbar nahe, die erzählerische Intensität der Szenerien gibt ihnen physische Präsenz.

Eine außergewöhnliche Frau war Hannah Ryggen. 1894 in einer Arbeiterfamilie geboren, wird sie Lehrerin und entdeckt mit Anfang Zwanzig die Kunst für sich, nimmt Malunterricht, reist 1922 nach Dresden, um dort die Alten Meister wie auch die zeitgenössische Kunst zu studieren. Sie nimmt begierig die Formen der Malerei in sich auf, lässt sich aber keineswegs einschüchtern – weder von Meisterwerken noch von jungen erfolgreichen Künstlern. Als sie einige Monate später nach Norwegen zurückkehrt, hat sie nicht nur den Mann kennengelernt, den sie heiraten wird, sondern sie weiß auch, dass sie etwas mit den Händen erschaffen will, dass ihre Leinwand der Webstuhl sein wird. Zweifeln, verzweifeln wird sie in den nächsten Jahrzehnten, lernen, schuften und scheitern, doch sie weiß offenbar unverrückbar, dass sie eine Künstlerin ist, eine Sozialistin zudem, die Lust an der Provokation verspürt, und eine selbstbewusste Frau, die Vertrauen in ihr Tun legt, gesellschaftliche Tabus nicht scheut und Widersprüche aushält. Zehn Jahre lang verbessert die Künstlerin ihre Technik, erlernt pflanzliche Färbemethoden und taucht durch die Kunstgeschichte der Tapisserie und Freskomalerei hindurch, bis sie ihre eigene Sprache findet.

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Hannah Ryggen am Webstuhl, um 1964, Adresseavisen, Trondheim

Mit ihrem Mann Hans und der gemeinsamen Tochter lebte sie isoliert und oft in finanzieller Not auf einem kleinen Selbstversorgerhof an der Westküste Norwegens und schuf dort ihre monumentalen Wandteppiche. Ihre biografischen Entscheidungen sind für das Verständnis ihrer Arbeit gleich mehrfach von Bedeutung:

Hannah Ryggen vergaß nie ihre Herkunft aus der Arbeiterschicht. Dekorative Kunst in der Malerei und rein oberflächliche Muster der volkstümlichen Webkunst interessieren sie nicht. In vielen Arbeiten der 30er und 40er Jahre befasst sie sich mit aktuellen poli­ti­schen Ereignissen und bekräftigt in der Wahl ihrer Themen und Motive ihre sozia­lis­ti­sche Über­zeu­gun­g. Mit dem traditionellen Medium des Wandteppichs richtete sie sich an die Öffentlichkeit: Sie wollte in Diskussionen eingreifen und möglichst viele Menschen sollten die Bilder sehen können. Mit ihren monumentalen Bildmanifesten, die an öffentlichen Orten hängen sollten, reklamierte Hannah Ryggen obendrein die große Bühne für sich, die weibliche Künstlerinnen bis dahin nicht in Anspruch genommen hatten. Sie hat Zeit ihres Leben nicht an private Sammler verkauft. Die Armut der Familie war bitter, meistens lebte sie von Selbstversorgung und vom Verkauf der Bilder Hans Ryggens, der seine Frau in ihrer kompromisslosen Haltung unterstützte.

Lebensumstände, politische Gegenwart und Selbstverständnis sind mit Hannah Ryggens künstlerischer Arbeit untrennbar verbunden. Das alltägliche Leben, das Verhältnis von Mensch zu Natur, Leben in der Gesell­schaft, Liebe und Schmerz, Menschsein, Sterben, Krie­g, Macht­miss­brauch, Fami­lie, Mitmen­schen, politische Anliegen und tagesaktuelle Fragen waren für sie gleichberechtigte Themen, die sie in ihren Collagen und Bühnenbildern erzählend verwob. Ebenso gleichberechtigt verwendet sie Repertoire und Formensprache der zeitgenössischen Kunst neben mythologischen Motiven, verknüpft religiöse Darstellungstraditionen und alltägliche Szenen, verbindet individuelle Symbole mit kollektiver Bildersprache und expressiven Formen.

Und es scheint, als wäre sich Hannah Ryggen ihrer gesellschaftlichen Stellung als Frau immer außerordentlich bewusst gewesen. Sie streitet für einen gleichberechtigten Zugang zum Kunstmarkt und reflektiert Frausein und Mutterschaft, Beziehung und Liebe wie selbstverständlich in ihren Bildern. Dabei war das Thema der Mutter-Kind-Bindung in der Kunstgeschichte 1947, als sie Mutterherz webte, keineswegs selbstverständlich, es war schlichtweg nicht vorhanden. Trauer, intensivste Liebesgefühle, ein zerbrochenes Herz, eine leere Gebärmutter, das Bild erzählt ein berührendes Drama in allen erdenklichen Rottönen. 1937 entstand das Triptychon Unverheiratete Mutter, nahezu mittelalterlich in der bildnerischen Anlage. Das Motiv der alleinstehenden Mutter ist in der Malerei in der Regel mit Armut, Erschöpfung und moralischer Verworfenheit verbunden. Ryggens farbsatte, strahlende Darstellung der intimen Zweisamkeit von Mutter und Kind erzählt von Fröhlichkeit und Selbstbewusstsein. Mehrere Motive überlagern sich in dem Wandteppich Liselotte Herrmann enthauptet von 1938. Die deutsche Kommunistin Liselotte Herrmann, Mutter eines kleines Jungen, wurde 1935 von der Gestapo verhaftet, gefoltert, wegen Spionage zum Tode verurteilt und trotz internationaler Proteste 1938 in Plötzensee hingerichtet. Ryggen verwendet ein Zeitungsfoto als Bildvorlage – ein Foto aus dem kollektiven Gedächtnis – und bearbeitet das Motiv in der Bildwelt einer klassischen Heiligenlegende. Mit ihrem Kind auf dem Schoß gehört Liselotte Herrmann mitten hinein ins Leben, ein roter abgehackter Fuß steht für den Leidensweg, in der Todeszelle liegt nur die Babydecke über ihrer Schulter. Marie Luise Knott schreibt in ihrem Essay »Im Flammenhemd des Lebens«, Hannah Ryggens Arbeiten durchdringen ihre Zeit und transzendieren diese anstatt sich (…) zu ihren Dienern zu machen (Ausstellungskatalog, S. 65). An kaum einem anderen Bild ist diese Bewegung so unmittelbar nachvollziehbar. Das Bild bewegt sich nicht an der Oberfläche der Aktualität, so zeitnah es auch das Ereignis aufnimmt. Es erinnert fürderhin an die mutige junge Frau, zeigt das grauenvolle Unrecht, empfindet die Tragödie eines unvollendeten Frauenlebens nach und macht sie mit den Mitteln der künstlerischen Bearbeitung erst sichtbar. Eine erschütternde Darstellung faschistischer Grausamkeit.

Das Motiv des abgeschlagenen Kopfes taucht in einem anderen Bild wieder auf: Ethiopia von 1935, entstanden kurz nach Mussolinis Invasion in Äthiopien. Haile Selassie hatte den Völkerbund vergebens um Beistand gebeten, das faschistische Italien annektierte das Kaiserreich. In einer Bildreihe sind eine afrikanische Frau, ein europäischer Minister, Hände in verschiedenen Hautfarben, der Kaiser Selassie und schließlich der abgeschlagene Kopf Mussolinis, aufgespießt auf den Speer eines äthiopischen Kämpfers, zu sehen. Die unteren zwei Drittel bestehen aus geometrischen Flächen und Mustern – ein montiertes, sandiges, erdfarbenes, klares Fresko. Ein fast vier Meter langes Protestmanifest ist dieser Teppich und nicht zimperlich in der Motivwahl. Auf der Weltausstellung in Paris 1937 hing der Teppich im norwegischen Pavillon, allerdings zensiert: Mussolinis abgeschlagener Kopf musste nach hinten gerollt werden. Nebenan, im französischen Pavillon, sorgte Picassos Guernica ebenfalls für Furore.

Ein Jahr später, 1936, entstand Tod der Träume, ein Werk, das sowohl die symbolische Fragmentierung der Körper wie auch den bühnenhaften Bildaufbau wiederholt. Die Gestalt des inhaftierten Carl von Ossietzky in Handschellen ist dargestellt. Im Würgegriff des rotgesichtigen Goebbels leidet ein anderer Gefangener. Von größter Kraft ist in diesem Bild aber Ryggens Umgang mit dem Ornamentalen. Auf der braunen Grundfläche zeichnen sich grafische, scheinbar neutrale Muster ab, die erst auf den zweiten Blick ihre Wahrheit hinter dem seriellen Ornament zeigen: Hakenkreuze.

Hannah Ryggen, Drømmedød (Tod der Träume), 1936, Bildteppich aus Wolle und Leinen, 235 x 273 cm, Nordenfjeldske. Kunstindustrimuseum (Nationales Museum für Kunsthandwerk und Design), Trondheim© H. Ryggen, VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Anders Sundet Solberg

Leidenschaftliche und ausdrucksstarke Bilder ihrer Zeit sind in Frankfurt zu sehen, Kunst, die die Gegenwart bitter nötig hat.

Schirn Kunsthalle Frankfurt, 26.9.2019 bis 12.1.2020

Glückstadt, Stadtgedächtnis, Gedächtnislücke

In niederländischer Festungsmanier ließ der Dänenkönig Christian IV. Glückstadt an der Unterelbe errichten. Die Göttin Fortuna bekam die Stadt ins Wappen gesetzt und einen sechseckigen Grundriss, uneinnehmbar. Anfang des 17. Jahrhunderts war Hamburg durch den Handel mit den Kolonialmächten stark geworden, und Dänemark wollte neben Altona ein zweites politisches und wirtschaftliches Gegenwicht etablieren.
Die Dänengeschichte findet man heute auf jedem Schild. Brötchen, Heringe, Straßennamen – mit dem dänischen Pfund wird gewuchert. Warum auch nicht, ist kein Unheil übers Land gekommen aus Kopenhagen.

Einmal um die eigene Achse gedreht auf dem kopfsteingepflasterten Marktplatz und fertig ist das Panoramabild einer am Reißbrett entworfenen radialen Fürstenstadt. Sieben Straßen laufen sternförmig auf den Platz zu. Es ist friedlich in Glückstadt an diesem Samstagmittag. Adelshöfe, satte Palais und von Hamburgern sanierte Fischerhäuschen liegen mehr, als dass sie stehen, am Hafen. Die Elbe ist hier ein breiter Strom, der den Geruch nach Meer mitbringt, das Licht küstenhell.

Ich müsste eigentlich keinen Ausflug nach Glückstadt machen. Ich kenne Glückstadt. Habe vor langer Zeit für zwei Jahre hier gewohnt, in der Buchhandlung am Fleth gekauft, am Sperrwerk übers Wasser geschaut, habe im Fortuna-Bad gelegen und bin mit dem dunkelblauen Fiat hinter der Bahnschranke auf den Edeka-Parkplatz an der Christian-IV-Straße gebrettert.
In Hamburg fahre ich dieses Jahr oft an den Jubiläumstransparenten vorbei: 100 Jahre Universität. Da stelle ich mir vor, wie ein paar Professoren an einem herrlichen Tag im Jahr 1919 frohgemut auf ein repräsentatives leerstehendes Gebäude deuten und mit dem Lehrbetrieb loslegen. Aber wie bei jeder Geschichte gibt es auch hier eine, die schon vorausgegangen ist, und die Vorgeschichte für die Universität beginnt mit dem Hamburgischen Kolonialinstitut.

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In Hamburg, Kapitale des deutschen Kolonialismus, gab es Anfang des 20. Jahrhunderts Geld, Interesse und eine einflussreiche Lobby für die Einrichtung eines akademischen Instituts, das zunächst nur angehende Kolonialbeamte auf ihre Auslandstätigkeit vorbereiten sollte. 1911 gegründet und aus Stiftungen von Reedern bezahlt, die ihren Reichtum dem Kolonialhandel verdankten, wuchsen die Institute rasch: Ethnologie, Sprachwissenschaften, Sprachen und Geschichte Ostasiens, des Orients, afrikanische Sprachen, Geschichte und Kultur Indiens kamen hinzu. 1918 hatte es ein Ende mit dem deutschen Kolonialwesen, vom Kolonialinstitut blieben die renommierten wissenschaftlichen Fakultäten übrig, aus denen 1919 die Universität Hamburg hervorgehen konnte. Während ich – beschäftigt mit dieser Vorgeschichte – auf der Internetseite des Sonderforschungsbereiches Manuskriptkulturen in Asien, Afrika und Europa lande und Abbildungen komplexer mehrsprachiger Manuskripte betrachte, fällt mir aus dem Gedächtnis ein Bild zu: eine Pappe mit chinesischen Schriftzeichen hinter einem staubigen Fenster am Fleth, kurz vor dem Fortuna-Schwimmbadeingang. Als ich in Glückstadt wohnte, blieb ich kein einziges Mal dort stehen, obwohl ich oft vorbeiging. Keine Augen damals, keinen Blick.

Um Bewohner für seine neue Stadt zu werben, erlässt König Christian ein Toleranzedikt, verspricht Steuerfreiheit und spendiert Baugrundstücke. Die ersten, die kommen, sind aus Portugal vertriebene sephardische Juden – Kaufleute, Münzmeister und Gelehrte, die das Wirtschaftsleben ankurbeln. Die Belagerung Wallensteins übersteht die junge Festungsstadt, nun braucht Christian, um seinen Einfluss an der Elbe zu festigen, Gedrucktes. Polizeiverordnungen, Gesetzesbücher, Patente und Plakate mussten her. 1632 verleiht der König dem Drucker Andreas Koch das Privileg, eine Druckerei in Glückstadt zu führen. Diesen Betrieb übernimmt 1775 die Familie Augustin, für weitere 200 Jahre bleibt er im Familienbesitz. 1905 geht die Leitung des Unternehmens an Heinrich Wilhelm Augustin über, einen ausgezeichneten Schriftsetzer. Er beginnt früh damit, fremdsprachige Schriftzeichen zu sammeln. Weniger aus kulturellem Interesse denn aus Geschäftssinn. Er akquiriert und bekommt Aufträge vom Hamburgischen Kolonialinstitut – wissenschaftliche Abhandlungen zur Linguistik afrikanischer Sprachen. Über hundert Schriften von Mandschu, Äthiopisch, ägyptische Hieroglyphen, Assyrisch, Koptisch, Keilschrift, Arabisch, Sanskrit bis Persisch oder Tatarisch kann die Druckerei Anfang der dreißiger Jahre setzen. Aufträge für komplizierte mehrsprachige Bücher und Texte in exotischen Sprachen kommen aus der ganzen Welt, denn keine andere Druckerei ist in der Lage, fehlerfrei und in dieser Qualität zu drucken. Später werden das mehrbändige assyrische Wörterbuch der Universität Chicago oder die Abhandlungen des Deutschen Archäologischen Instituts Kairo in Glückstadt gedruckt. Als Augustin 1912 die Anfrage bekommt, ein Werk über Ackerbau und Seidengewinnung in China zu setzen, besorgt er sich aus Shanghai 7.200 chinesische Schriftzeichen und erweitert den Bestand 1926 noch einmal um 12.000 Zeichen. Augustin erfindet den Chinesischen Zirkel, ein Möbel, das er wie alles Mobiliar der Druckerei im Hinterhof von seinen Tischlern bauen lässt und das es den Druckern ermöglicht, auf die über 20.000 Zeichen zuzugreifen, ohne ständig Schubladen aufzuziehen oder an Regalen entlang gehen zu müssen. Die bis auf etwa 1,50 Meter Höhe aufeinander gestapelten Setzkästen bilden die sieben Segmente eines Achtecks, durch das freie achte betritt der Setzer diesen magischen Raum und braucht sich nur noch um die eigene Achse zu drehen und zu bücken. Die Setzer prägen sich einzelne Zeichen im Manuskript als Bild ein, zerlegen es in grafische Elemente und finden das richtige anhand eines komplizierten Auffindesystem aus Zahlen und Zuordnungen. Etwa zwei Minuten braucht ein »Augustiner« für ein Zeichen.

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An diesem Samstagmittag kehrt ein Mann den Hof neben dem Haus Am Fleth 36. Ich spreche freundlich vor, und als hätte er nur auf diese Frage, als hätte er schon lange auf einen Besucher gewartet, steht der Besen innert Sekunden an der Wand und ich bekomme eine hervorragende Führung durch die stillgelegte Fremdsprachendruckerei Augustin. Zwei Stunden lang gehen wir von Maschine zu Setzkasten, von Tisch zu Schubladenschrank, von der Gießerei zu den Matritzen, von den Monotype-Maschinen in die Bibliothek mit verglasten Bücherschränken für tausende Bände. Hellgrün blättert die Farbe von den Wänden, Putz bröckelt, der Fußboden wellt sich. Und doch sieht es aus, als wären die Drucker nur eben zum Mittagessen gegangen. Ein Kasten mit hunderten von Gevierten steht da, eine Schublade halb geöffnet mit armenischen Schnörkeln. Akzente, Spatien aller Couleurs, hebräische Vokalzeichen. Sonnenlicht flutet den großen Raum, eine Zeitkapsel, das aus der Zeit gefallenes Gedächtnis der universalistischen Schriftkultur und eine wirklich einzigartige Erinnerung an die Kunst des Buchdrucks. Ein Schatz liegt in dem Backsteinhaus, das Material vielstimmigen Denkens und Sprechens.

Wie hypnotisiert trete ich auf die Straße. Ich war seit langer Zeit die erste Besucherin. Vor fast zehn Jahren holte eine Ausstellung des Detlefsen-Museums den Chinesischen Zirkel aus dem Vergessen, fotografierte Candida Höfer die Maschinen als Objekte einer abgeschlossenen Vergangenheit, ein Film widmete sich dem Gedächtnisort. Heute denken die Besitzer daran, aus der Druckerei ein Event-Hotel zu machen, denn das Erbe lastet schwer und teuer auf der Familie. Nach der kurzen Renaissance versank die Druckerei wieder im Dornröschenschlaf. Zum hundertjährigen Jubiläum der Universität wäre es doch ein Projekt, wenn Studierende die Bibliothek anständig archivierten oder angehende Kulturmanager eine Fundraising-Kampagne erarbeiteten, um das Material zu erschließen und konservatorisch aufzubereiten.

Das hübsche Glückstadt hat viele und noch mehr Gründe, des Heinrich Augustin zu gedenken. Um den Betrieb in Kriegszeiten über Wasser zu halten, sicherte er sich exklusiv alle Druckaufträge der Kriegsmarine – genug, um seine Angestellten weiter zu beschäftigen. Er zweigte heimlich Papier ab und druckte 1945 auf diesen gehorteten Papierbeständen der Marine als Erstes eine Goethe-Ausgabe. Im Nationalsozialismus war der Drucker deutschnational gesinnt, doch viel zu sehr in der Vielzahl der Kulturen beheimatet, um Antisemit zu sein. Jimmy Ernst, Sohn des Malers Max Ernst und der Publizistin Lou Straus, konnte bei Augustin ab 1935 eine Lehre als Schriftsetzer machen und unter dem Schutz des Hauses im zunehmend antisemitischen Glückstadt leben. Augustins Sohn, Johannes Jakob war homosexuell. Sein Vater half ihm 1936 nach New York zu emigrieren, wo er eine Verlagsabteilung aufbaute und universitäre Kontakte knüpfte. In Glückstadt wurden in den vierziger Jahren mithin gleichzeitig Aufträge der Kriegsmarine und die neuesten Arbeiten US-amerikanischer Ethnologen und Anthropologen gedruckt.

Wie abenteuerlich das Leben der Glückstäder Portugiesin Sara da Silva auch gewesen sein mag, am 8. April 1651 hat sie diese Erde in der Hoffnung auf ein besseres Leben verlassen. Ihr Grabstein liegt auf dem jüdischen Friedhof, der an der Pentzstraße nur schwer zu finden ist. 1941 ließ der Bürgermeister Wilhelm Vogt alle 164 Grabsteine wegtragen und auf der Kegelbahn der Gaststätte Hoffnung stapeln. Steinmetze durften sich am Material bedienen. Über den Gräbern, auf dem Friedhofgelände, richtete man eine Bezirksabgabestelle für Obst und Gemüse ein. 1945 befahl der britische Colonel Goldberg, die übrig gebliebenen einhundert Grabsteine wieder auf dem Friedhof abzulegen. Die Schändung des Friedhofes bekam Jimmy Ernst nicht mehr mit. Drei Jahre zuvor hatte Heinrich Augustin ihm ein Visum für die USA besorgt und er war wie Johannes Augustin nach New York emigriert, wo er später Maler wurde.

Vom Friedhof schlendere ich noch zum Binnenhafen und esse mit Blick aufs Wasser ein ausgezeichnetes Matjesbrötchen. Ein Gimel aus dem phönizischen Alphabet liegt schwarz und miniklein in meiner Hand.

 

lückstadt.

Spinnen, Seide, Stahl. Arbeit und Kunst in Brandenburg an der Havel

Vom Berliner Hauptbahnhof fährt die Bahn in einer Stunde nach Brandenburg. Jollen und Bootsstege vor dem Zugfenster. Wir reisen ins Havelland. Für ein Wochenende wollen wir eine Stadt erkunden, von der wir so gut wie nichts wissen. Ribbeck und seinen Birnbaum können wir noch, dann sind wir da.

Von der Straßenbahnhaltestelle an der Luckenberger Brücke aus sind es ungefähr zweihundert Meter. Ein Parkplatz linkerhand mit Supermarkt, Discounter und Drogerie. Alte hocken auf ihren Rollatoren vor einem Imbisswagen. Wenige Schritte weiter wissen wir, wo diese zerrupften Raben sich zum Schlafen hinschieben. Im langgestreckten Ziegelbau an der Neuendorfer Straße ist ein Seniorenheim der AWO untergebracht. Mitten in einem Gewerbepark liegt unsere Ferienwohnung also, doch bevor sich eine komische Vorahnung ausbreitet, stehen wir vor dem denkmalgeschützten Gebäude mit Tonnengewölbe. Hier haben Kennerschaft und Handwerk aus einer Industrieruine, der einstigen Färberhalle einer Kammgarnspinnerei, eine Architektur-Preziose gemacht. Über zehn Jahre lang war das Gebäude ein lost place, nun glänzt es umsichtig saniert und ausgebaut. Wir finden uns wieder in einer Wohnung mit Natursteinböden und bodentiefen Fenstern, einem Mezzanin aus Sichtbeton und modernen Möbeln. Jedes Detail stimmt.
Irgendwie noch schöner wird es, als wir durch den Garten gehen und die Liegestühle auf dem hölzernen Bootssteg aufklappen. Havelwellen glitzern. Ruderinnen ziehen in langen Schlägen durch. Es ist mild und leise am Wasser in Brandenburg.

Leise war es in dem Quartier bestimmt nicht mehr, nachdem Alfred und Emil Kummerlé 1879 ihre Kammgarnspinnerei errichtet hatten. Kummerlé-Garne waren von ausgezeichneter Qualität und schon bald exportierte die Fabrik in die ganze Welt. Man brauchte Ende des 19. Jahrhunderts zum Spinnen von Wollgarnen enorm große Ringspinnmaschinen und Selfaktoren, die Maschinen liefen rund um die Uhr. Die Shedhallen der Wollwäscherei, Kämmerei, Färberei, Haspelei, Packerei und Wollspinnerei, die Gebäude für Produktion und Lager nahmen das beträchtliche Areal zwischen Neuendorfer Straße und der Havel ein. Wo jetzt die armen Alten wohnen, wurde Rohwolle gewaschen. Die Arbeit an den Ringspinnmaschinen war anstrengend. In den Hallen war es laut und heiß. Nach dem Gesetz hatten die Frauen, die bei Kummerlé und anderswo arbeiteten, unverheiratet zu sein – ungelernt waren sie sowieso und blieben es auch. Es hieß damals, in die Spinne geht man zuletzt, so übel waren die Bedingungen und so schlecht wahrscheinlich die Bezahlung.

Während ich kühlen Weißwein aus dem Supermarkt nebenan schlürfe, betrachte ich das aufragende quadratische Gerüst aus Stangen vor unserem Loftfenster, welches, das vermute ich jedenfalls, einmal den Färberturm gebildet hat, und versuche mir vorzustellen, wie ein Arbeitstag hier in den frühen zwanziger Jahren ausgesehen haben mag. Ein Schwarzweißfoto in einem Buch zur Industriegeschichte zeigt Arbeiterinnen aus dieser Zeit beim Rupfen gewaschener Wolle. Zwischen riesigen Bergen sitzen sie. Monoton arbeitend. Ob es ihnen erlaubt war zu reden?
Gertrud Piter war eine von ihnen. Ihre Eltern konnten für ihre sieben Kinder keine Ausbildung bezahlen, schon früh mussten die zum Lebensunterhalt beitragen. In Brandenburg arbeitete Gertrud zuerst in einer Zigarrenfabrik, dann bei den Corona-Fahrradwerken und später bei Kummerlé. Eine junge Frau mit Courage, sie trat in die Gewerkschaft ein und schloss sich der KPD an. Wahrscheinlich wurde sie bei Kummerlé gefeuert, nachdem sie 1924 bei der Stadtverordnetenwahl kandidierte und als einzige Frau der kommunistischen Fraktion ins Stadtparlament einzog. Danach fand sie wieder eine Anstellung in der Lineol-Figurenfabrik von Oskar Wiederholz, der sie gleich am 31. Januar 1933 rauswarf. Am 22. September 1933 starb sie nach Verhören, Folterungen und Vergewaltigung im KZ Brandenburg, im ehemaligen Zuchthaus Görden. Zur Gedenkstätte am Nicolaiplatz ist es nur ein kurzer Spaziergang durch die gepflegten Uferanlagen. Deckchairs, bunte Blumenrabatten, Bootsanlegestellen. Es ist wirklich so hübsch wie in einer Bundesgartenschau.

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Ein Slawendorf-Freilichtmuseum könnten wir im Park besichtigen. Eigentlich sollten wir das tun, ist das doch das Christentum im nachgiebigen Sand der Mark eine relativ junge und zudem sehr flüchtige Erscheinung. Erst 948 n. Chr. wurden im Heidenland zwei Bistümer gegründet. Doch die Slawen vertrieben die Christen wieder. Der Germane Albrecht der Bär – was ein hervorragender Germanenname ist – gliederte Brandenburg 1157 endlich dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation an und christianisierte die Leute, tausend Jahre später als am Rhein. Nachhaltig gelungen ist das Projekt nicht: Weniger Kirchenmitglieder als in Brandenburg gibt es heute nirgendwo in Deutschland.

Über die Jahrtausendbrücke und am Historischen Hafen vorbei, gelangen wir auf die Dominsel und spazieren durch Schrebergärten zum Dom St. Peter und Paul. Wie aus der Zeit gefallen liegt das strenge Ensemble aus Dom, Klausur und Kurien zwischen dem Beetzsee und der Havel. Die Ruhe im Domhof ist von der Art, die man Stille nennen möchte. In sich gekehrt, abgewendet vom städtischen Geschehen.

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Durch das hohe dreischiffige Langhaus, weiß und ochsenblutrot gestrichen, gehen wir auf den Lehniner Altar auf dem Hohen Chor zu. Seit 1518 steht die hölzerne Strahlenkranzmadonna mit dem Kind auf der Mondsichel im Zentrum des Altars, von zartem Teint, überiridischer Gelassenheit und katholisch bis in die kleinste Falte ihres blauen Mantels. Offenbar aber auch schon Mitte des 16. Jahrhunderts so wertvoll, dass es klüger war, die Figur irgendwie protestantisch zu deuten und weiterhin zu nutzen, als sie zu zerschlagen.

Die Heilige Ursula auf dem rechten Altarflügel erkenne ich natürlich an ihren Pfeilen. Neun Jahre Ursulinengymnasium haben Heiligenlebensläufe, Kurztitel päpstlicher Enzyklika und ikonographische Bedeutungsfitzel in meinem Gedächtnis verknäult. Bildung für Mädchen war das Ziel der Ursula von Medici und dass wir neben den wichtigen Dingen auch Handarbeit lernen mussten, hatte mit Demut als Tugend zu tun und mit dem unwahrscheinlichen Fall, man bekäme irgendwann im Leben kein gutes Personal. Ich habe Handarbeiten gehasst. Aus Ungeduld, aus jugendlicher Arroganz, aber auch ganz befangen in einer wirkungsmächtigen Tradition der Ignoranz, die ich an diesem Tag im Brandenburger Dommuseum allmählich zu begreifen beginne. Im Mittelalter zählten die textilen Künste noch zu den artes mechanicae so wie Bildhauerei, Architektur und Bekleidungshandwerk. Wann die Wertschätzung für eine Kunstform der Abwertung als weiblich-überflüssige Beschäftigung wich, weiß ich nicht genau. Frühes 19. Jahrhunderts schätze ich.

Gewiss hätte ich mich nie aus freien Stücken mit einem alten weißen Stickbild befasst, wäre ich nicht im Halbdunkel des Dommuseums quasi vor dieses Kunstwerk gestolpert, dessen seidiger Glanz und innige Schönheit mich augenblicklich gefangen nehmen. Das Wort vestis, Gewand, trägt das Wertvolle mittelalterlicher liturgischer Gewänder, die zum Gesamtkunstwerk Gottesdienst gehörten, in sich: Die Investition und gut betucht erinnern daran.
Das Brandenburger Hungertuch von 1290, neun Quadratmeter groß, ist das Prachtstück im Dommuseum. Die Prämonstratenser-Domherren verdeckten in der Fastenzeit damit den Hauptaltar. Die Gläubigen verzichten als Akt der Demut in der Fastenzeit darauf, Gott im Sakrament zu schauen. Sie nagen am Hungertuch.



Die weiße, in großen Rundbildern gefertigte Leinenstickerei zeigt die Lebensgeschichte Christi von der Verkündigung bis zum Weltgericht. Wie bei Glasmalereien auch verläuft die Bildreihenfolge von unten links nach oben rechts. Das zentrale Motiv ist die Kreuzigung, umrahmt von Propheten. Über die Jahrhunderte sind die Konturen der Motive verblasst, weiße Seidenstickerei liegt auf weißem Leinen – eine schlichte Arbeit mag man meinen. Die Strenge aber der Weißstickerei wird aufgelöst durch lebhafte Musterungen, durch die Verwendung von Seide und geometrische Flächengestaltung. Einzelne Motive sind auf Durchsicht gearbeitet, so dass der natürliche Lichteinfall im Dom durchbrochen gearbeitete Bildteile zum Leuchten bringt oder flache Reliefs reflektierend strahlen lässt. Ikonografisch bedeutende Motive werden so zeichenhaft hervorgehoben – auf einmal wird Licht sichtbar und erzeugt zugleich Bedeutung. Sei es metaphorisch auf einem Strahlenkranz, sei es als tatsächliches Leuchten von Oberflächen wie von einem Dolch oder einer polierten Säule.

Die Schwestern haben Ende des 13. Jahrhunderts einen langen Arbeitstag. Sticken und Weben bestimmen den Klosteralltag. Der Bildervorrat, nach dem sie arbeiten, ist knapp bemessen. Im Kloster gibt es eben nur eine bestimmte Anzahl von Wandbildern, illustrierten Büchern, Psalterien und Evangeliaren. Also liegt das Augenmerk auf der möglichst kunstvollen Ausführung der Stickerei. Ein Meister trägt die Vorzeichnung auf, für die Feinheiten sind die künstlerischen Leiterinnen der Werkstatt verantwortlich. Sie konzipieren auch das gemeinschaftliche Vorgehen. Die Ordensschwestern arbeiten gemeinsam, besprechen sich und stimmen die Verfahren ab, doch stickt je eine Nonne eigenständig ein einzelnes Rundbild. Zuerst füllen sie die Konturen aus, dann die Flächen mit Plattstichstrukturen. Das Fastentuch ist eines der frühesten Beispiele für Hexenstich und versetzten Flachstich, für Stiel-, Schling- und Knopflochstich und den Kettenstich. Die Frauen sind erfahren und hervorragend ausgebildet. Nirgendwo findet sich eine Verbesserung oder gar der Abbruch einer Sticklinie. Unverwechselbar die Handschrift jeder Einzelnen, die ihr Können alle aus verschiedenen Klosterwerkstätten an diesen Ort mitgebracht haben.

Christentum wie Infrastruktur waren so kurz nach dem Sieg von Albrecht dem Bären noch etwas schwachbrüstig. Er musste zeigen, dass es sich lohnte unter seiner Flagge zu segeln. Also startete er ein Ansiedlungsprogramm, ließ Wälder roden und Sümpfe trocken legen. Einwanderer kamen in die Mark und brachten neue Handwerkstechniken mit. Aus den westlich gelegenen Klöstern wurden Nonnen in die mittelmärkischen Neugründungen beordert. Details des Fastentuchs verweisen auf Herstellungstraditionen aus Hildesheim, Magdeburg, Donaueschingen und München hin. Erst das Zusammentreffen von Meisterinnen aus verschiedenen Regionen führte zu dieser unvergleichlich reichen Arbeit. Sie entwickelten grafische Feinzeichnungen weiter, versuchten individuelle Ausdrucksformen und vollführten eine Bildsprache, die von mystischer Religiosität getragen ist. Offenkundig hatten sie auch Witz und eine bildliche Imagination, die uns 730 Jahre später noch erreicht. In dem Bild, das die Himmelfahrt Jesu darstellt, baumeln – abgeschnitten vom oberen Bildrand – Rocksaum und darunter nackte Füße am Himmel. Die Figur schießt augenscheinlich noch raketenartig nach oben. Den letzten Zipfel hat die Stickerin gerade noch erwischt bei der schnittigen Himmelfahrt. Unten im Sand aber sind die Fußabdrücke des Herrn zu sehen, als er ganz menschlich rumstand.
Kein Wort im Museum über die Frauen, ihre Arbeitsweise, ihre kreative Handschrift.

In Bibliotheken finde ich später Beschreibungen und historische Aufrisse. Vor allem die Bibliothek des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg ist eine Fundgrube. Ein Titel, den ich anfordere, liegt gerade bei einer Kuratorin auf dem Schreibtisch, die freundlicherweise eigens aus ihrem Büro kommt, um mir das Buch über Textilgestalterinnen im frühen 20. Jahrhundert zu leihen. Sie arbeitet an der Ausstellung Gegen die Unsichtbarkeit. Designerinnen der deutschen Werkstätten Hellerau 1898 – 1938. Wenn ich meine Brandenburger Fragen auf der Zeitachse Richtung Gegenwart verlängere, schneiden Werkbund und Lette-Verein den Gedankenstrom.
Auch unverheiratete bürgerliche Frauen hatten um die letzte Jahrhundertwende kaum Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Der akute Arbeitskräftemangel lockerte die Steine, in die das Familienbild gemeißelt war. 1910 waren über eine Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen in der Textilindustrie beschäftigt. Mehr sogar noch in der Metallindustrie: 1,25

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Millionen Menschen schufteten in Stahlwerken und Eisenhütten. Human Ressources bildeten den Schlüssel für steigende Produktivität. Selbst im autoritären Klima der Kaiserzeit war es da auf einmal denkbar, dass Frauen arbeiteten. Der Lette-Verein entwickelte sich unter der Leitung der frauenemanzipatorischen Reformerin Anna Lette zu einer Bildungseinrichtung für Frauen, die dort in Fotografie, Zeichnen und Kunststickerei ausgebildet wurden. Der Lette-Verein erfand den Beruf der Medizinisch-Technischen Assistenz und die Ausbildung zum Metallurgen.

Klare, helle Luft, als wir aus dem Dommuseum ins Freie treten. In der Wilhelmsdorfer Straße leihen wir uns Räder und radeln, versehen mit detaillierten Routenempfehlungen, los. Die Überfahrt mit der Havelfähre Neuendorf ist so rundum idyllisch und perfekt, dass ich schon beinahe beschlossen hatte, sie nicht zu erwähnen. Am Seil läuft das kleine Fährschiff über einen stillen Seitenarm der Havel. Erinnerung an Kindheitsglück, intakte Natur. Erkennbarer Pendelverkehr durch Kinder, die das Maß einer einmaligen Fährdienstleistung übersteigen (als Spaßfaktor), ist durch das Fährpersonal auszuschließen, warnt die Betreibergesellschaft. Die Fährfrau in ihrem blauen Blaumann ist so breitschultrig, so gelassen und selbstbewusst, dass kein Kind ever auf den Gedanken kommen wird, mit ihr irgendeinen Spaßfaktor zu vervielfachen.
Durch Wiesen wie früher, durch sonnigen Auenwald und erfreut von Seeblicken radeln wir am Westufer des Plauer Sees entlang: Schloss, Fontaneweg, englischer Landschaftspark, Kiefern im märkischen Sand, Hausboote, Seerestaurant, Industriegeschichte in Kirchmöser. Es ist alles so wie gedacht, wenn nicht sogar eine Spur leerer und verwunschener. So viel Hübschheit erschöpft. Als wir den Silokanal erreichen, sind wir eigentlich bereit für ein Nachmittagsschläfchen. Aber an der Halle des Stahl- und Walzwerks Brandenburg dort drüben kommen wir nicht vorbei.

Bild 1 (c) siehe unten

Wie ein hart gelandetes UFO steht die Maschinenhalle am Kanalufer. Rostige Kaikräne, verzogene Schienen und rissiger Asphalt berichten von jahrzehntelangem Verfall. Alles in dieser Halle ist so unerhört überdimensioniert, dass ich mich auf der Stelle wie ein Kind fühle, das staunend vor so viel Können und Größe steht. Die Frauen, die uns in die kleine Ausstellung zur Werksgeschichte einweisen, erzählen, dass sie bis zur Schließung 1993 hier gearbeitet haben. Sie strahlen eine Ernsthaftigkeit aus, die ansteckend ist. Das hier mag nun ein technisches Denkmal sein, aber es ist immer noch ihr Betrieb.
Es riecht intensiv nach Eisen, Rost, metallischen Gegenständen, Maschinenöl und Feueröfen. Nicht unangenehm. Eher trocken, funktional. Nach Dingen, Bewegung, Funken, Mechanik. Braun glänzt in allen Mattierungen, rostiges Rot, gedecktes Grau, staubiges Mauve, verwischte Schwarzschattierungen, müdes Beige, leuchtendes Blau dazwischen. Als beträte man ein Bild, losgelöst von den ursprünglichen Funktionen, vom Schmutz und Lärm und Tun.

Im Stahl- und Walzwerk Brandenburg wurde in zwölf Siemens-Martin-Öfen Stahl geschmolzen, der größte Rohstahlproduzent der DDR mit mehr als 10.000 Beschäftigten. Knapp ein Drittel davon Frauen. Wenn ich in der schwarzweiß gedruckten Dokumentation zur Dauerausstellung lese, dass die Metallurgie in der DDR von allen Industriezweigen den höchsten Anteil an Schichtarbeitern hatte, 64% der Beschäftigten dreischichtig arbeiteten und 38% zweischichtig, dann scheue ich ehrlich davor zurück, mir den Alltag der Frauen vorzustellen – eingereiht in den Arbeitsprozess und weiterhin zuständig für die Familie. Dreischichtbetrieb multipliziert mit Doppelbelastung. Selbst 900 Krippen-, Kindergarten- und Hortplätze, eigene Ferienheime, der Sportverein BSG Stahl Brandenburg, ein Kulturhaus und die Betriebszeitung Roter Stahl erleichtern diese gewaltige Arbeitslast nicht. Sie verengen eher die Lebenswelt, denn Arbeit wie Freizeit wie Kinderbetreuung finden innerhalb des Werks statt. Das Werk ist das Leben, die Kolleginnen eine zweite Familie.

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Das Werk, das der saarländische Stahlbaron Rudolf Weber mit erfahrenen Stahlarbeitern aus seiner Heimat 1914 ans Laufen brachte, übernahm Friedrich Flick 1929, wandelte es in einen Rüstungsbetrieb um und beutete für die Panzerproduktion tausende Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter aus. 1917 inserierte Weber im Brandenburger Anzeiger. Er suchte kräftige Frauen für Kriegsarbeit. Wieder aus Mangel an Arbeitskräften mussten Frauen dann von 1945 bis 1947 schwerste körperliche Arbeit bei der Totaldemontage und Verschickung des gesamten Werks übernehmen – eine Reparationszahlung an die Sowjetunion. 
1950 kam der Neustart der VEB Stahl- und Walzwerks Brandenburg mit tüchtigen Hausfrauenbrigaden für ungelernte Tätigkeiten und dem Wanderwimpel für die Siegerin im Quartalswettbewerb. Auf einem Foto aus dem Bundesarchiv ist Frau Elisabeth Däubert zu sehen. Vor ihr auf dem Tisch ein beknackter, billiger Wimpel mit der Aufschrift Beste Locherin. Beste Locherin. Lochkartenlocherinnen lochen nach Vorgaben Lochkarten. Den ganzen Tag. Das Foto zeigt sie im Kreis ihrer Locherinnen-Kolleginnen, alle lächelnd wie brave Roboterchen.

Auf unserem eleganten Bootssteg an der Havel, mit Oliven und Weißwein und Abendsonne, beschleicht mich ein Anflug von Schwermut. Am anderen Ufer blaut die Fahne des F.C. Stahl Brandenburg am Mast der Laubenpieper. So viel Kunst, so viel Arbeit. So wenig Veränderung in manchen Dingen.

Ein Foto rettet mich. Qualifizierung bei Freunden heißt es. Den  jungen kubanischen Arbeitern fällt es noch nicht leicht, sich den Arbeits- und Lebensgewohnheiten anzupassen, die unter anderem auch klimabedingt zuhause anders sind.
Was für ein Spaß wäre das rauszufinden, was siebzig langhaarige Kubaner in Brandenburg so angestellt haben.

Bild 2 (c) siehe unten

Ferienlofts havelblau, Übernachtung ab 105 € | http://www.havelblau.de
Dommuseum Brandenburg, Burghof 10, Mo – Sa 10  – 17 Uhr | So 12  – 17 Uhr
Fahrradvermietung Fillipi, Wilhelmsdorfer Straße
Industriemuseum Brandenburg, August-Sonntag-Straße 5, Di – So, 10-17 Uhr

Bild 1: (c) Stiftung Haus der Geschichte; EB-Nr. 1995/11/1596. Urheber R. Barnick GmbH, Berlin, Zentralkomitee der SED
Bild 2: (c) Kubaner im Stahlwerk 1980 Bundesarchiv , Bild 183-69945-0002 / Martin / CC-BY-SA-3.0, via Wikimedia Commons

So war mein Frauentag

Der Baumarkt an sich ist ja eine großartige Sache.
Füllhorn der Einsichten für Stadtethnografinnen, Gendertheoretiker, Kapitalismuskritikerinnen, Linguisten (Hochdruckeinspritzdüsenautomatikeinrichter), Paartherapeuten und Semiotikerinnen, die dort an jedem beliebigen Samstag aasen können wie der Leopard in der Lämmerherde.

Für mich persönlich ist der Baumarkt kein natürliches Habitat.
Ich bin handwerklich nicht geschickt. Ich kann nicht schwer tragen, und meine Arme tun schnell weh. Ich bin mir völlig im Klaren darüber, dass meine Fähigkeiten auf dem Gebiet des handwerklichen Tuns sehr beschränkt sind, was mich im Grunde nicht beunruhigt, aber nervös macht, wenn ich mich auf dem Hoheitsgebiet der Zupackenden und Hobbybegeisterten bewege.
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Im Steinzeitalter der Kinderbetreuung

„Agarre de un bifaz“ von José-Manuel Benito Álvarez (España) —> Locutus Borg - Eigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Agarre_de_un_bifaz.png#/media/File:Agarre_de_un_bifaz.png

In den letzten Jahren hat sich einiges verändert bei der institutionellen Kinderbetreuung, auch zum Besseren: Es gibt mehr Ganztag in den Grundschulen, mehr Krippenplätze, das kostenfreie Vorschuljahr und Sprachförderung in den Kitas.

Quasi das Holozän der Betreuung herrscht im Leben einer alleinerziehenden Berufstätigen, solange sich beide Kinder in Kita und Grundschule bewegen: gesicherter Aufenthalt in der Erziehungs- und Bildungsanstalt von acht bis 16 Uhr. Natürlich gibt es auch mal eine Ausnahme: Elternsprechtag, pädagogischer Jahrestag, Läusealarm, eine Krankheitswelle im Lehrkörper, einen Streiktag oder zwei oder neun bei den Erziehern, ab und an einen Ausflug, hin und wieder eine Konferenz, ein Klassenfest, zuweilen ein Schulfest oder einen Betriebsausflug des Betreuerteams. Kleinigkeiten gewissermaßen, die mit dem Anspruch auf Jahresurlaub fair austariert sind.

An dem Tag aber, an dem Kind 1 auf die weiterführende Schule wechselt, katapultiert die Wirklichkeit einen ins Betreuungssteinzeitalter zurück. Meine Kinder sind klein geraten und beim Wechsel neun Jahre alt.
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Frau Ministerin Nahles redet über Luxus und Armut. Da machen wir mit.

(cc)_RossPollack_flickrEnde Februar legte der Paritätische Wohlfahrtsverband seinen neuen Armutsbericht vor. Letzte Woche hat dann Arbeitsministerin Nahles einen eigenen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung angekündigt und im Interview mit der Süddeutschen Zeitung ihr gesellschaftspolitisches Interesse akzentuiert:

Man hört oft Zahlen, wer wie viel besitzt und dass die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird. Mir geht es aber um die Frage: Wie wirkt sich Reichtum in unserem Land im Alltag aus? Nehmen Vermögende und die Eliten Einfluss auf politische Entscheidungen und gesellschaftliche Diskurse – welchen und in welcher Form?

Das halte ich ebenfalls für einen hochinteressanten Aspekt. Ich freue mich schon auf den Bericht der Bundesregierung, der die Fragen nach Elitenbildung, Lobbyismus, Stifterfamilien, Vermögensverhältnissen, Einflusssphären und generationellem Vermögenstransfer in Deutschland offenlegen und zur Diskussion bereitstellen wird. Bis das Papier aber vorliegt, können wir uns noch einmal dieser „Kluft“ zuwenden.

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Keine Raketenphysik. Zum Equal Pay Day

(c) Lisa Blum-MInkel
RED HANDBAG (c) Lisa Blum-Minkel, Hamburg

Er kommt in die Jahre, der Equal Pay Day.
1988 riefen die amerikanischen Business and Professional Women zum ersten Mal den Aktionstag aus und initiierten die Red Purse Campaign, um auf die Unterbezahlung von Frauen hinzuweisen.
Bei der siebenundzwanzigsten Party sind nun alle dabei: Familienministerinnen, SPD-Vorsitzende, Wirtschaftsredakteure – tout Paris lässt sich blicken und spricht Grußworte, denn das Geburtstagskind ist erwachsen und salonfähig geworden. Es schickt sich, bei dem Event gesehen zu werden.
Unterdessen bewegt sich die Lohndifferenz in Deutschland mit leichten Schwankungen seit Jahren zwischen 22 und 23 Prozent.

Dass der Equal Pay Day zu kurz greift und tiefer liegende Gründe der Ungleichheit vernachlässigt, hat zum Beispiel Antje Schrupp schon 2011 in zehn Thesen klar vorgetragen. Auch die statistische Aussagekraft wurde schon an vielen Stellen zurecht kritisiert. Seit einigen Jahren unterscheidet man deshalb zwischen unbereinigter und bereinigter Lohndifferenz.
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Schauen statt funktionieren

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Grafik: Funktion (cc) publicdomainvector.org

Das neue Jahr beginnt mit kranken Kindern. Eine Woche Kind 1, die nächste Kind 2. Kochen, vorlesen, Kinderärzte, Wäsche waschen, entschuldigend Abgabetermine verschieben, nachts aufstehen, Wadenwickel – das ganze Programm. Zwei Wochen, in denen ich fast nicht gearbeitet (und kaum Geld verdient) und so gut wie niemanden gesehen habe. Kommt vor.
Zufällig kam mir in der Zeit wieder ein Text in die Hände, den ich vor einigen Jahren geschrieben habe: Es sterben gar keine Frauen.
Eine Überlegung darin dreht sich um Todesanzeigen in überregionalen Tageszeitungen. Schaut man auf einen normalen Wochentag, sterben so gut wie keine Frauen. Höchstens mal eine hoch betagte preussische Gräfin im Kreise der Familie. An diesem Phänomen hat sich wenig geändert. Das Thema der ungleichen Repräsentation schließt aber an ein anderes an, das mich gegenwärtig umtreibt: Unsichtbarkeit.

Ich bemühe einen Klassiker des Selbstmitleids, der hier als experimentelle Anordnung dienen soll: Wenn ich tot umfalle, wie viel Zeit verginge, bis jemand bemerkt, dass ich fehle?
Jeden Sommer fahren meine Kinder für zehn Tage in die Ferien. Für diesen Zeitraum kann ich die Frage ganz präsize beantworten. Elf Tage würde es dauern. Öffnete ich die Tür nicht, wenn der Vater sie zurückbringt, finge er abends an die Mailbox vollzutexten.
In diesen zehn Tagen klingelte bestimmt hin und wieder das Telefon: Freunde, Familie, Zahnarzt. Ein Auftraggeber wäre sauer und schriebe böse Mails. Mehr würde aber nicht passieren. Niemand wäre ernsthaft irritiert, wenn ich mich innerhalb von zehn Tagen nicht meldete. Für alle 355 übrigen Tagen kann ich die Frage ebenso präzise beantworten. 16.15 Uhr wäre der späteste Zeitpunkt für ein Auffinden. Wenn die Kinder aus der Schule kommen. Außerhalb dieser Routine fehle ich nicht.
Was ist in einem Leben passiert, in dem dieses Szenario völlig realistisch ist?
Da ich mich weder für außergewöhnlich griesgrämig noch soziophob halte, komme ich dahin anzunehmen, dass diese Erfahrung mit Strukturen einhergeht. Unsichtbarkeit passiert nicht nur in einem, nämlich in meinem Leben.

Freiberuflichkeit ist als Alleinerziehende – anfangs mit zwei Kleinkindern – die einzige Chance, den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen. Man arbeitet allein, liefert elektronisch ab, mal telefoniert man, meistens nicht. Anerkennung drückt sich im besten Fall in erneuter Auftragsvergabe aus. Es gibt keine Kollegen, wenig Austausch, keine gemeinsamen Projekte, an denen man kontinuierlich arbeitet.

Unsichtbarkeit vollzieht sich nicht von einem Tag auf den anderen, sie wächst in vielen kleinen Schritten: mit jeder Absage auf eine Einladung, weil man den Babysitter nicht bezahlen kann, mit jedem erschöpften Moment und mit jedem leeren Abend vor vollen Wäschewannen, wo allein der Gedanke an einen tollen Tangokursus so fern liegt wie Argentinien. Sie ernährt sich von Geldsorgen und mangelnder Teilhabe, sie wird dichter mit jedem Jahr, das vorübergeht.
Über einem auf Dauer gestellten, den einzelnen Menschen strukturell überfordernden Funktionieren, das keinen Raum übrig lässt, wird die Welt immer enger und man verschwindet – aus den Augen der Anderen wie auch aus dem eigenen Blick. Armut macht unsichtbar, das Alter auf ähnliche Weise. Die Gründe dafür sind so zahlreich wie offenkundig. Die Gutscheine für soziale Anerkennung, emotionale Bedeutung, eine Rolle, gar ökonomischen Erfolg werden in öffentlichen, in beruflichen und privat-intakten erwachsenen Kontexten ausgestellt.
Ich bin nicht allein in der Unsichtbarkeit. Dieses Wissen macht sie nicht erträglicher, lässt sie aber doch vom Schicksal zum Phänomen schrumpfen.

„Alleinerziehende verschwinden über Jahre, teilweise Jahrzehnte, aus Lebensanteilen, die jedem normalen Mensch selbstverständlich erscheinen“, schreibt Candy Bukowsky in ihrer Rezension zu Christine Finkes Buch ‚Allein, alleiner, alleinerziehend‘.

Den Großteil der Bedingungen kann ich akut nicht verändern, einiges Weniges vielleicht auf mittlere Sicht. Was ich aber kann und will, ist Sachen sehen. Es wird auf diesem Kanal also eine neue Serie geben:
Everything you see I owe to my eyes
Eine winzige Abwandlung des Sophia Loren-Zitates: „Everything you see I owe to spaghetti.“ Dort ging es um Kalorien und blendende Schönheit, hier geht es um Blicke: auf Frauen, Geschichten und Bilder, ums Hinschauen.
Gleich heute kommt Folge 1: „Jolie sous les bombes. Spaziergänge in Beirut“

 

 

 

 

Wer sonst würde das freiwillig und unentgeltlich tun?

Rebellin gegen die Zwänge des Marktes, Entschleunigungsfigur von einer fast philosophischen DimensionSabine Rückert spart nicht am großen Wurf, wenn sie sich für die Hausfrau als Gegenentwurf zu einer wachtumsorientierten, auf Effizienz bedachten Arbeitsgesellschaft stark macht.
Bravo.
Und genau die Frage, die sie rhetorisch an einen Absatz hängt: Wer sonst würde das freiwillig und unentgeltlich tun?, entlarvt das Hohelied. Denn die Antwort darf nicht nur lauten: Kein Mann würde das freiwillig und enentgeltlich tun.
Wenn eine Gesellschaft die Fürsorgearbeit tatsächlich wertschätzt und die Atmosphäre so liebt,  in die man heimkehren kann, dann bitte mit angemessener Altervorsorge und einer Entlohnung, die die altruistische Gesprächspartnerin der guten Jahre hinterher nicht mit einem Teilzeitjob an der Armutsgrenze abspeist. Egal ob Mann oder Frau.
Wenn die Hausfrauen in aller Stille an der Zukunft der Gesellschaft arbeiten, dann ist es doch das Mindeste, dass die Gesellschaft diese Arbeit anerkennt und die meinungsbildenden Multiplikatorinnen mit klaren journalistischen Interventionen und politischer Kraft die Gegenwart und Zukunft der Fürsorgearbeit verändern.
Eine apolitische, von Pathos getragene Rückbesinnung auf ein herzergreifendes Mittelschicht-Mutter-Imago ist auf diesem Weg kein Schritt vorwärts.